-SO-

ner wetttoeiTc einmal aus Mc Schiingelbank gerieten, faß Fraatz Ludewig" immer da, so diel Jahre et auch schon zur Schubs ging oder die Schule schtvänzte. Das Fatalste war für ihn auch daS Selbstverständlichste, regte ihn darum nicht weiter auf.

Also sah unserHimmelhund" nun wieder mal auf seinem Platze und wartete der Schläge, die da kommen sollten.

Lind sie kamen. O je! Dreifach kamen sie, wuchtig wie kaum zuvor. Die erste Tracht erhielt er für die geschwänzten acht Tage, die andere für sein ungewaschenes Gesicht und seinen ungekämmten Kopl, die dritte für die vergessenen Lektionen.

Bei denLektionen" braucht man sich indes keine zu grotze Vorstellungen zu machen, beim erwar" immer noch in der Fibel, mußte immer noch mit den Allerkleinsten zum Buch­stabieren an treten.Pe a> pa; pe e Pe; pe i Pi

Das warFrantz' Ludewig", auchHesse" genannt.

Seine Mutter, Scheidemanns Stinechen, hatte ihn aus dem Hessischen" mitgebracht, denn sie war mehrere Jahre irgendwo imObergerichte" Wagd gewesen und dort einmal zu dicht an dem Kinderbrunnen vorteigekommen. Die Leute spotteten: die Krähe hätte ihn im Fliegen verloren; ober auch: der Esel hätte ihn geprustet. Aach Hilgental zuruckgekehrt, verheiratete sie sich bald mit dem Tagelöhner Fraatz und bekam mm noch mehr Kinder, die Ludewig, während die Eltern ihrem Tagelohn nach­gingen, warten mußte. Darum gab er auf die Frage des Lehrers, warum er wieder so lange nicht zur Schule gekommen sei, ge­wöhnlich den Bescheid:Weil eck use Kleine wahren motzte."

Wunder, wie gewissenhaft er dabei zu Werke gegangen wäre! Als ob er nicht diese Zeit vornehmlich dazu gebraucht hätte, sich in den Hecken und Höfen herumzutreibem Rieftet auszunehmen ober Pflaumen zu pflücken, wo es am gefährlichsten war.

Amt, was er so in der Schule zu wenig erhielt, bas holte er auf diesen Streifzügen um fo reichlicher wieder ein; denn er­wischte ihn einer auf dem Pflaumenbaume oder bei den Stachel­beeren, so war ihm kein Gott gnädig. Die Hose wurde ihm nicht nur mit dem Stocke, sondern auch mit dem Riemen ansgeklopst. Das schreckte ihn jedoch nicht, reizte eher noch feinen unbändigen Wagentut und Hang zum Bagabondieren. Dabei vergast er seiner Pflicht gegen die ihm anvertrauten Kleinen nicht ganz und gar. Waren seine Taschen voll, so nahm er den geradesten Weg durch die dicksten und höchsten Hecken, um schnell und ungesehen zu den verlassenen Kleinen zu kommen und die Deltte mit ihnen zu teilen, um freilich auch eben fo schnell wieder davon zu sausen.

Kamen die Eltern am Abend nach Hause, so steckten die Leute von allen Seiten die Köpfe über die Zäune, um Ben Taugenichts anzullagem Hier hatte er einer Gans ans Bein geworfen, datz sie hinkte, dort ein Hühner-, dort ein Hänflingsnest ausgenommen, ein Fenster eingeworfen, einen Bullen losgebunden, datz der ganze Kuhstall rebellisch wurde und was der sauberen Sachen fo mehr waren. Wo irgend etwas Böses und Ungeheuerliches, irgend ein Streich und Schabernack geschehen war, hietz es sofort: Dat hät toeer bei Himmelhund, Bei Hesse edon, bat Eichel!"

Natürlich wurde ihm alles, was ihm nicht sofort bar gegeben werden konnte, gut geschrieben und bei passender Gelegenheit ausgezahlt.

Mochte Ludewig noch so inständig beteuern, er fers in diesem und jenem Falle ganz gewiß nicht gewesen, es half ihm nichts. Das eine hatte er getan, fürs andere mutzte er büßen. Er war der richtige Sündebock der Gemeinte, auf dessen Kosten manch einer gesündigt hat, der vielleicht erst jetzt, wenn er dies liest, an seine Brust schlägt.

Ach Gott, wie selten ein Tag, der nicht mit einer Tracht Prügel endete, zu der sich Stiefvater Fraatz schon untertösgs den Stork geschnitten hatte, und zwar einen, dessen Aeste nicht gehobelt wurden.

Ach Gott, wie selten ein Tag, ter nicht mit einer Tracht Prügel endete, zu ter sich Stiefvater Fraatz schon unterwegs ten Stock geschnitten hatte, und zwar einen, dessen Aeste nicht gehobelt wurden.

Was Wunder, daß. Ludewig manchen Abend, toertn das Sün­denregister besonders stark war, lieber gar nicht nach Hause kam, sondern wie ein Hund, ter seinen Herrn verloren hat, in fremde Ställe und Schuppen kroch, in Backöfen schlief oder auch in Korn- und Heuhaufen übernachtete! Ganz witzig hatte einmal einer ge­sagt, der ihn des Aachts beim Mvntenschrin im Heuhaufen lie- geu sah: Er müsse wohl ten Himmel bewachen, datz die Widder, Stiere und Steinböcke nicht wegliefen. Seitdem war er dann in der Leute Mund erst recht derHimmelhund" geworden.

Natürlich ging'8 nicht immer so, daß er, wenn die Bauers­leute ihn im Schuppen oder Dackhause überraschten, Dackenstreiche mit Dutterbröten erhielt; meistens gab's die erste Sorte allein, wenn auch manchmal durch ein menschliches Rühren gemildert. Wo es aber ein Butterbrot dazu gab, wie bei Mutter Ilsen, da war er immer dankbar und dienstwillig wie ein Pudel, da drängte er sich ordentlich dazu, durch allerlei Dienste, wie Holz klein machen, Wasser tragen, Schweinefutter stumpeln usw. sich erkennt­lich zu zeigen. Wan konnte dann auch sicher sein, datz er dort fortan keine Bäume mehr plünderte und keine Gänse mehr be­leidigte.

Um fo bedauerlicher, datz die Hilgenthaler hierauf nicht besser merkten und sich nicht die Lehre zu Herzen nahmen, die darin lag.

Deine im Grunde gutmütige Natur wär überhaupt unschwer zu erkennen; nur verstand sie leider niemand richttg zu nehmen.

Sv entsinne ich mich noch, tote er manchmal mit vollen Taschen in die Schule kam und um Freundschaft zu werben suchte, indem er seinenHintersassen" ober denen, bie sich ihm ein wenig freundlich nahten, Pflaumen, Aepfel, Birnen ober Nüsse, oder was er gerate hatte, heimlicherweise anbot, ohne eine Gegen» leistung dafür zu verlangen. Ich entsinne mich noch recht lebhaft und nicht ohne ein schmerzliches Gefühl, wie wenig Entgegen» kommen er dabei fand. Es wollte niemand etwas von ihm nehmen, wir hielten uns viel zu gut für ihn, trotzdem wir's in manchen Sünden ganz gut mit ihm aufnehmen konnten; dagegen waren! viele allezeit bereit, ihm etwas zu geben, nämlich etwas Gehöriges in die Seite ober auf ten Buckel oder sonst wohin, ober ihn auch alsHimmelhund" mit billigem Witz zu verspotten.

Ernes Tages ich erzähle nach meiner Erinnerung war ein fremder Mann im Dorfe, ein Mann fast wie ein Pastor, ter auch lange im Pfarrhaufe verweilte. Zu unserem nicht ge» ringen Erstaunen sahen wir, tote ter Mann mit Fraatz Ludewig an ter Hand durchs Dorf ging und so freundlich mit ihm sprach als wäre er fein richtiger Vater ober sonst ein reicher Ver­wandter. Und wie Ludewig ordentlich stolz war und mit strahlen­dem Gesichte alle ansah, die ihm begegneten. Und dann ging ter fremde Mann mit dem Jungen zum Oberborfe hinaus! den weißen Weg hin über den Galgenberg. Wir ober ftantem bei den letzten Häusern und sahen ten beiten nach, bis sie auf den Berg tarnen und nun immer kleiner wurden, so bah es zuletzt aussah, als ob nur noch zwei Köpfe auf ter Erde hüpfte«.

Als wir noch da standen mit eigentümlich beklemmenden Ge­fühlen. und darüber rieten, was der fremde Mann wohl zu den Jungen gesagt hätte, kamen zwei Raben vom Galgenberge her und schrien:Te gaut vorn Galgen! Te gaut, te gaut!"----

Gott Lob und Dank, teir Himmelhunb sin we las!" freuten sich die Leute.Wo härr'k ak noch alle Stöckere herekriegen sollt!" sagte ter Stiefvater. Die Mutter sagte nichts, aber auch sie schien froh zu sein, daß sie den Tunichtgut auf so billige Weise los geworden war.

Aber wo mochte er nur hinge kommen fein, ter Himmelhunb?

Ich hörte Schladen nennen, ein Städtchen am Harz, das weithin bekannt geworden ist durch ein vorzügliches Rettungs­haus für verwahrloste Knaben, Und wie man hernach in der Pfarre hörte, war der fremde Mann der Hausväter dieses Kna- benrettungshauses gewesen.

Es dauerte nicht lange, 6a war der Himmelhund völlig ver­gessen. Gr kam nie wieder zurück, «8 toar .'auch niemand, B® nach ihm fragte. Doch soll ckiis Pfarchaus alljährlich eine Rach>- richt gekommen sein, aus der geschlossen werden konnte, daß Ludewig Fraatz in ter Anstalt eine gute Nummer hatte, sich unentwegt gut hielt und zu den testen Hoffnungen berechtigte.

Außer Bent Geistlichen hat sich aber, tote ich glaube, niemand im Dorf um diese Nachrichten sonderlich gekümmert, selbst die Mutter nicht, sie wollte am liebsten gar nicht an teil Jungen, erinnert sein. Es ist schlecht zu sagen, aber weil's wahr ist, muh es doch gesagt werden. Ein Mutterherz, von Dornen und Disteln überwuchert!

Nahezu ein Jahrzehnt mochte verflossen sein, als ich eines schonen Tages durch die Straßen der alten Residenzstadt Han­nover wandelte. Stramme, frische Soldaten begegneten einem da sehr viel, datz man nicht weiter auf sie achtete. Und doch siel mir eines Tages ein frischer, hübscher Füsilier so sehr in die Augen, datz ich ihn imtoillkürlich scharf musterte, worauf auch- er mich überrascht ansah. Wir gingen aneinander vorüber, aber so, daß jeder imwillkürlich sachte ausschritt. Seit Jahren hätte ich nicht mehr an ten Himmelhund gedacht und jetzt aus einmal fühlte ich mich, mit einer Plötzlichkeit, ja mit einer Heftigkeit an ihn erinnert, daß mir ordentlich das Herz stärker zu klopfen, begann. Ich sehe mich wieder um, als der Füsilier sich ebenfalls noch mir umwendete. Einen Augenblick bleiben wir beite un­schlüssig stehen, dann plötzlich gehen wir auseinander zu, mit hell aufleuchtenden Augen und schließlich hell lachenden Gesichtern.

Bist du nicht Sohnveys Heinrich?"

Und du nicht Fraatz' Lutewig?"

Nein, ich bin der Himmechund," sagt er nun, fast wie in trotzigem Aufbäumem, und da schütteln wir uns auch schon die Hände, kräftig und herzlich.

Alle tausend, nein! Der Hrmmelhund! Wirklich und wahr- hafttg! Otter was für ein schmucker, rotbäckiger Kerl das war! Und tote gutherzig er aus den blauen Otogen lachte! Und wie er hochdeutsch sprechen konnte!

Ich fing wiederholt in unserer platten 'Muttersprache an, um ihm dadurch rasch näher zu kommen; er jedoch blieb bei seiner hochdeutschen Rede, -rmd ich fühlte, daß wir uns eher voneinander entfernten, wenn ich plattdeutsch sprach. Er wurde wortkarg, und seine Stirn Eggte sich leise in Falten. Es toar, als weckte der alte, harte Klang unserer Muttersprache keine wohltuenden ©tinnerungeit und Empfindungen in ihm.,

' Nattirlich gingen wir nun eine ganze Meile miteinander, und er erzählte, tote gut erS in Schladen gehabt hatte und tote liebreich dort die Leute gegen ihn gewesen seien und. datz er nach seiner Konfirmation das TischlerhaÄwerk erlernt hätte. Bon dem Rettuitgshanse sprach er tote von feinem Elternhatrse, ja fn dankbar hing er ihm an, datz er keine zwei Wochen voto üH.gehen lieh., ohne einen möglichst langen Briefnach Hause zu schreiben.