Ausgabe 
20.3.1926
 
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Gießener Kunilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1926 Samstag, den 20. März Nummer 25

Für meine Söhne.

Bon Theodor Storm.

Hehle nimmer mit der Wahrheit I Bringt sie Leid, nicht bringt sie Beue; Doch weil Wahrheit eine Peri«, Wirf sie auch nicht vor die Däne.

Blüte edelste» Gemütes

Ist die Rücksicht: doch zuzeiten Sind erfrischend wie Gewitter Goldne Bücksichtslosigketten.

Wackrer, heimatlicher Grobheit Sehe deine Stirn entgegen;

Artigen Leutseligleiten

Gehe schweigend aus den Wegen.

Wo zmn Weib du nicht die Tochter Wagen würdest zu begehren, Halte dich zu wert, um gastlich 'In dem Hause zu veÄehren.

Was du immer kannst, zu werden, Arbeit scheue nicht und Wachen;

Aber hüte deine Seele Bor dem Karriere-Wachen.

Wemi der Pöbel aller Sorte Tanzet um die goldnen Kälber, Halte fest: du hast vom Lebert Doch, am Ende nur dich selber.

Der Himmelhund.

Eine Dorfgeschichte aus dem Weserberglande.

Bon Heinrich Sohnreh*).

Aus dem Jlseschen Hofe an der Bele gabs schon in aller Morgenfrühe ein grobes Hallo. Die Jlsesche war ins Backhaus gegangen, um nach den Swetschen und Äpfelschnitten zu sehen, die nach dem jüngsten Brotbacken auf denBriden in den Ofen geschoben waren. Hastend und keuchend, denn es warHille" Zeit. Äls sie nun in der Hast des Morgens die Ofentür auf­machte und mit der angekohlten Ofenkrücke die hinterste Bride zu fassen suchte, prallte sie plötzlich zurück und stand einen Augenblick da in bebendem Schrecken.

Lang ausgestreckt lag zwischen den Briden etwas wie ein Mensch, an dem sich erst gar nichts rührte, das auch in der Ofendämmerung nicht gleich vollkommen zu erkennen war.

Aber die Jlsesche hatte für den Schrecken nicht lange Seit; mit der ganzen Entschlossenheit und Behendigkeit, die ihr eigen war, bückte ft esich wieder nach deut Ofenloche, spähte scharf in das dämmernde Geheimnis hinein und liest die Krücke abermals hineinspazieren, aber, wie man an den wiederholt energisch aus- holenden Ellenbogen merken konnte, nach einem anderen Siel als den Briden. Wie prompt es erreicht wurde, zeigte sich so­gleich, denn im Ofen begann es zu zappeln, zu rutschen und zu winseln. Auf einmal tauchte ein Knabenkopf mit verwildertem Haar und geschwärztem Gesichte vorn im Ofenloche auf.

Die Jlsesche liest die Krücke los und zog mit beiden Händen an dem Kopie, bis Ser ganze Kerl von elf Jahren heraus war.

*) Lieber Heinrich Sohnreh, dessen SchauspielDüwels" am 23. März am Stadttheater über die Bühne geht, schreibt Hans v. Lüpke:Sohnreys Kunst ist am vollkommensten, wo sie reiner Spiegel der Wundersamen Poesie des Bolkstums ist. Was ist das Eigentümliche dieser Poesie? Sie löst sich nicht als ein geschlossenes Leben für sich vor: dem wirklichen Leben, wie das Kunstwerk tn seiner reinsten Form, sie begleitet es vielmehr in engster Berbundenheit in seiner Arbeit und in seinem persönlichen Ber- kehr wie die Feder auf dem Hut. Sie seht ihm überall gleich an Ort und Stelle die seelischen Akzente aus. Sohnreys Dichtungen sind voll zu würdigen als Organe des Bolkslebens, für das Jie geschrieben sind. Er dichtet in den Formen des Bolkstums, weil er selbst in diesen Formen lebt. Wir schätzen Sohnreh selber als einen Geist des Bolkes und als ein schöpferisches Organ, in dem sich seine ganze Seele gesammelt hat." Man weist, dast Sohnrehs Bücher irr ungezählterr Auflagen verbreitet sind. Der Darstellung fernes Dramas, das bei feiner ersten Aufführung in Hamburg einen durchschlagenden Erfolg hatte, darf man mit berechtigter Erwartung entgegensetzen.

I, fo ein Himmelhund!"

Hatte der wahrhaftig die ganze Aacht in dem Ofen kampiert und ein grostes Loch in die Briden gegessen. Schwipp-schwapp, fasten zwei Backenstreiche, dast es unter den dunklen Strichen ganz rot flammte.

Mit ruhiger Armsündermiene stand er da und liest Schelte und Schläge als etwas Selbstverständliches und Llnvermeidliches über sich ergehen. Äls sie in ihrem Aerger wieder in den Ofen guckte, huschte er flink zur Backhaustür hinaus.

grau Ilse zog eine der Briden heraus, keuchte und besah die leere Stelle, an der sich der Schlingel gütlich getan hatte. Sollte sie noch schimpfen und schelten? Mit viel milderer Miene als vorhin schüttelte sie den Kopf.Dei Himmelhund hat gewiß toeer kein Omenbrat etregen, sagte sie sich, schüttelte wieder den Kopf und machte'tz, 'tz, 'tz".

Etwas wie Sonnenwärme stieg in ihrem Busen aus, drängte den Aerger und Som übers Tuch. Sie schien einen Augenblick zu überlegen, stob plötzlich zur Backhaustür hinaus und spähte über den Hof. Da sah sie den Sungen gerade aus dem Tore schlüpfen.

Ludewig!" rief sie. In einem Sone, daß er wie gepackt stehen blieb, sich umsah und auf ihren Wink ohne langes Be­sinnen umkehrte.

Junge, Junge, wat bist döu doch vor'» Minschenkindl" sagte sie mm ganz freundlich, zuckelte mit der Sunge und nahm ihn mit in die Küche. Sie schnitt ein daumendickes Stück über das ganze breite Brot, bestrich es tüchtig mit Butter, gab es ihm und seufzte:Junge, Junge, wo toutt döu doch emol inn Himmel fernen? Dat segg »neck bläht! Dat geiht deck denn mol fau as 'n Hunne' döu maust buten (draußen) blieben, wenn de leitoe Gott dei orndlichen Leus rin Kitt. 'n Leuen in 'n Badomen te krupen, is dat in der Omutige?" Sie zuckelte wieder mit der Sunge, hieß ihn tüchtig zubeisten und geriet in neue Aufwallung, als sie jetzt an die Mutter des Kindes dachte.Diene Mutter möstte eben sau vele Siege hebben as döu un noch mähr, dat se seck nech better ümme deck bekümmert. Dat is wahr, ist.

Ludewig verkniff ein Grienen, das die Leiter zu seinem Gesicht hinaus wollte, biß tn das Brot, dast es ordentlich staubte, und trank die Milch, die sie ihm dazu gab, ohne abzusetzen, schlür­fend und schmatzend wie ein junges Ferkelchen.

Darauf wischte er sich mit der umgekehrten Hand kräftig über die Äugen, dann, wie einer plötzlichen Hingebung folgend, faßte er in beide Taschen seines schmutzigen blauen, löcherigen Leinenkittels, wie sie damals noch in Hilgental von jung und alt getragen wurden und holte zwei Hände voll Swetschen und Äpfelschnitte heraus.

Dei will 'k nöu nech behalen, dei söl Je nöu toeer hebben, Lottcheweesche, sagte er mit ausleuchtenden Augen.

Bun gewahrte sie erst, dast er sich beide Taschen voll ge­pfropft hatte. Ihr Gesicht versinsterte sich wieder.Äöu kucke hlat einer an! Seck äk noch alle Taschen bull te steken. ak, sau'n Himmelhund, fau'n. Bo ja, je swarer de Taschen, deste lichter geihtt ann Galgen rup, Junge." Boch eine ordentliche Predigt hielt sie ihm. r

Die Swetschen und Apfelstüde wollte sie aber nicht wieder, und so ging er denn mit vollen Baden und vollen Taschen davon, auf der Straße ein lustiges Liedlein pfeifend, als hätte er wunder was für eine Freude gehabt.

Da läutete die Morgenglocke und weckte einen guten Borlatz in ihm. Acht Tage schon hatte er die Schule, die mit dem Morgen-- läuten begann, gemieden. Die Bankobersten, die Herr Habegotz, der Lehrer, nach ihm ausschickte, waren seiner wieder einmal nicht habhaft geworden. Denn Ludewig kannte die vortrefflichsten Berftede und wollte er einmal nicht, daß man ihn finden sollte, so sanden ihn auch hundert Augen nicht. Daß er sich in ganz schlimmen Fällen mit Borliebe im Kirchhofsgeoüsch verkroch kam erst später zufällig an den Tag. Jetzt also wollte er sich gutwillig stellen.

Eine zweite Stimme in ihm suchte der ersteren f rett ich noch zu wehren:Ludewig, goh'r nech hen," warnte sie,denn t gift ne grate, grate Dracht Siege!

Aber da fein besseres Selbst heute morgen die Oberhand ge­wonnen hatte, so bezwang er die andere Stimme, die, wie ec toohl fühlte, nicht von seinem guten Geiste kam, und ging stracks xitt ©dbufe.

Bon dem Halloh der vollbesetzten Bänke begrüßt, fetzt« er sich mit gelassenem Lächeln an seinen Platz, nämlich aus das unterste Ende der allerletzten Bank, die fein Pult wehr hatte und den BarnenSchlingelbank führte. Während andere Knaben