Ausgabe 
20.2.1926
 
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grünet toehmMg spielen. Amr steigt der Mond hinter dem Kreml 4, btefer DerÄaperung einer grausamen, prunkvollen Macht, Und bte dunklen zackigen Silhouetten seiner unzähligen Türme Me« tote bte drohenden Symbole dieses zermalmendenThvannew- attftes aufrecht in der Macht. Dicht ein Ballsaal: jtoomig Dall- fofe folgen einander in den Palästen des Zaren, tvo die großen «ünen Mal-achittifche stehen und die kostbaren Schachspiele aus Mfenbein und Edelsteinen.

Aut per Wolga fährt unser Schiff; an den llfern ertönt trau- tiger, langgezogener Gesang, man hört auch hier das Läuten der Troikas, die in die Ferne ziehen. äteberall find Tatavenviertel. Wie bunte Blumenbeete liegen die Städte da mit ihren rosa und grünen Häusern, darüber die goldfchinrmernden Kuppelm Das geheimnisvolle Asien kommt immer näher mit seinen schwülen Märchen. Man trifft Schiffe, die Dosen aus Astrachan bringen. Unter den kleinen Häusern am Äser stehen rote Bauern mit langen Bärten, still und betrachtend. Hier gibt eS Millionen, die nur fühlen tote die Pftanze oder der Baum, und das strahlt aus und beglückt und gibt einen Wohlklang, der sich nur mit Musik vergleichen läßt, die Musik der Steppe. Wie spürte ich Re stark, wenn ich manchmal, von Ochsen gezogen, im langsamen Trab über die unendlichen stillem Flächen fuhr, Stunden und Stunden über mir nur die Wolken, und irgendein klagendes Lied in derFerne ab imb zu erklang. Gegen Abend tourde dsrHimmel hell­grün und tieftot wie im Orient. Das war der Augenblick des Tanzes in dem Mrfern. Die Frauen drehten stch ein Tuch schwingend, in der Mitte des rasch gebildeten Kreiste, und die Männer toarben, Hacken schlagend, um ihre Gunst; dazu spielte einer der Bauern einen eintönigen Rhythmus.

Wenn man nach langen Steppenfahrten die Orte unseres Besitzes durchfuhr, lagen die Detoohner vor uns im Staub und küßten unsere Füße; es toar ein eigener, für den Europäer schwer zu ertragender Augenblick, wenn all diese rotgekleideten Gestalten sich erniedrigten, während die sprengenden Pferde fast über sie hintoegfuhren. Dann gab eS auch die großen Gutsftste mit der Sotrnenblumölsuppe und dem Wodka und einer etwas eigen­tümlichen Ehrung des Gutsherrn. Starke Arme schleuderten ihn in die Luft und Ragen ihn wieder auf. lind schön war es nur, fanden ste, wenn alle trokelnd nach Haus wankten. Gin seltsamer Zug begab sich am Samstag nach dem Markt. Lange Karren, auf beiten die Dauern reihenweise sahen, um sich neu für die Arbeit werben zu lassen. An diesem Recht, daS sie seit Aufhebung der Leibeigenschaft erworben, hielten ste fest, und kehrten barm meist abends zu demselben Gutsbesitzer zurück Da sah man ihre müden schwarzen Silhouetten gegen den glühendroten Himmel, der so anders ist als ein deutscher ober italienischer Abendhimmel. Viel­leicht ist es dieser Himmel, der einem am meisten dies Gefühl gibt, in weiter Ferne, fast nicht mehr in Europa zu sein. Da steigt die tiefe östliche Melancholie der Abendstunden auf, und um ste zu verscheucheir, tanzt man wohl bei ausgehendem Mond vor der Steppe die russische Mazurka, während wieder ein eintöniger Rhythmus erklingt.

Wie te gackert imb schnattert! Es ist ein sonniger Morgen. Die "Bauernfrauen kommen, jede, mit einem Huhn im Arm, ein Stück Brot mit Salz in der Hand und wollm fo ihren Tribut bringen. Wieder werden Hände und Fähe geküßt, und dann erscheint eine fast unkenntliche Gestalt, ein alter Bauer, der auch den Staub innerer Füße küßt und geschenkte Seife zurückbringt mit der flehentlichen Ditte, ihm die Reinigung zu «sparen; er will lieber sterben, als sich den Gefahren der Waschung unter­ziehen.

Schon fahren wir wieder durch die Mondnacht quer durch breite Flüsse ohne Brücken. Schwarze, herrllche, rassige Pfeiche sind vorgespannt. Wir sind bei der Fürsten D. eingeladen, die uns auf der Reife, wo mir sie trafen, mit der weiten russischen Gastfreundschaft alle auf ihr Schloß eingeladen hat. Dort umgibt uns englischer Komfort mitten in der Steppe. Zehn verschiedene Kartoffelgerichte werden serviert, da wir Über den Mangel an Kartoffeln aus dem Wolgadampftr geklagt hatten. Et Fon discute comme toujours;mais pourquor, wird so oft tokederholt. Immer wieder wird das Bestehende tm Gespräch tmtgetoorfen. Eine Furchtlosigkeit, ein weites AuSholem durchdrbnA jedes Wort. Der Wind der Stch>pe weht um diese Menschen. Der Maßstab dieser Flächen macht ihr Wesen aus, und man steht fragend vor weiten Horizonten.

Wir sind die Gäste des deutschen Prinzen A, der die Tochter einer Großfürstin zur Frau hat. Dn einem großen Park stechen Kavallerhäuser. Wir sind wieder in Europa.Cest cosmopolite", aber es ist Europa, es weht nicht bte Brette Sorglosigkeit durch die Räume, diefesnicevö, das bte echt russische Atmosphäre, auch die kultivierte, ausmacht. Denn bte besorgte Geste des Kon- tinents ist dem Russen fremd. Ein Geschick waltet über ihm, dem er sich unterwirft und dem er selten zürnt.> sah einmal zehn russische Kutscher in einer Reihe stehen, stumm in die Ferne schauend und wartend, fast ohne Bewegung. Zufällig fielen einige Blumen auf den Weg vor ihnen. Sie lachten etwas, keiner rührte sich; so würde es mit allem sein. Sie roarton ab und greifen nicht ein. Der große Himmel wird über ste bestimmen. Das ruht den hastigen Europäer aus, der über die Grenze kommt. Eine warme Woge umflutet ihn mit ihrer großen Stille und Weite, in der die Seele sich ausbreiten kann, die bei uns so oft verängstigt wird. Ms ich die Gefangenlager im Kriege besuchte, kam mir

hinter den Drcchtzäunan dieselbe Stift gleich wieder entgegen. Dort faßen bte Russen in der Sonne ta ihrer Verträumtheit, bte Me Weite ber Steppe kannte. Der Himmel Über ihnen schien «n «titerer und mehr Umfang und Breite zu haben. Kriege und Revolutionen werden diesen Traum nie stören können, der aus bon tiefen Atem der Weltseele feine llnvergänglichkeit schöpft. W«m ober die Tat heranwächst, hat ihr Schlag die Kraft der ÄrwÄt, aus der ste stammt.

Die Quantentheorie.

(-8» ihrem 25jährigen Bestehen.) Don Dr. Martin Wagenschein.

Die außerordentlichen Fortschritte 6er theoretischen Physik *>* letzten Jahrzehnten lassen sich nicht so sehr mit den ge­ordneten Eroberungen eines erprobten Heeres vergleichen, tote mit der fruchtbaren und umwälzenden Neugestaltung eines Staatswesens. Diese Umbildung der Physik ist noch nicht ab- aeschloft«!, und es ist schwer «Zusehen, wann ste vollendet sein totrb.

ns r ®je. beherrscht von zwei Theorien: ber Einsteinschen Relativitätstheorie unb ber Planckfchen Quantenhpyothese. Die Relativitätstheorie, gedanklich schwierig unb im Grunde nur dem Mathematiker von Fach verständlich, gelangte nichtsbestv- wemger zu einer Popularität von zweifelhaftem Wert. Daß bte Quantentheorie viel weniger inS Bewußtsein bes Laien ge­drungen ist alS die Relativitätstheorie, mag daran liegen, baß sie nicht so sehr tote diese die Versuchung mit sich bringt, sie Voremg metaphysisch ober mystisch zu mißdeuten.

_r 3p diesem Winter find 25 Jahre vergangen, seitdem Max Planck diese Quanteichypothese zum ersten Male aussprach. Heilte kann sie kaum noch eine Hypothese genannt werden. 3m folgenden soll versucht werden, ihren Grundgedanken ge­meinverständlich anzudeuten.

Die Quantentheorie macht eine Aussage über solche phhsi- koltfche Vorgänge,- die mit einem Austausch von Energie verbunden find. Was versteht ber Physiker unter Energie? Wte wir als die Energie eines Menschen seine Fähigkeit be­zeichnen, Widerstände zu überwinden, seelische und körperliche Arbeit zu leisten, so redet der Physiker auch bei unbelebten Körpern ober bei Gruppen von solchen Körpern von Energie re« darunter die in ihnen enthaltene Arbeitsmenge.

Ein Dogen enthält, toeitn er gespannt ist, mehr Energie, als im entspannten Zustand, der fliegende Pfeil mehr als der ruhende, der Ziegel auf dem Dache mehr als der Ziegel auf der Straße, die Granate mehr vor ber Explosion als ihre Reste nachher. Die Sonne gibt ein Beispiel eines ganz stark mit Energie geladenen Körpers. So enthält jeder Körper eine gewisse Energiemenge, und diese Menge wird gemessen durch die Arbeit, die ber Körper vermöge feines Zustandes (ber Spannung ober Bewegung) zu leisten vermag. Sinter Arbeit NUN freilich eine klar definierte, meßbare Größe ver­standen, wie denn die Physik Überhaupt nur mit meßbaren Größen etwas ansangen kann. Die Mitteilung, in welcher Weise die Physik diesen BegriffArbeit" definiert, würde vielleicht mehr verwirren als klären. Es genügt zum Ver­ständnis des Folgenden, wenn man ein Gefühl dafür hat, was unter dem Energieinhalt eines Körpers zu verstehen ist, und weiß, daß er gemessen und zahlenmäßig angegeben werden kann.

Man wurde auf bas, was man spater Energie nannte, auf­merksam gemacht durch die Vorgänge, bei denen die Energie eines Körpers zu verschwinden schien. Es zeigte sich nämlich daß sie gar nicht verschwand, fonbern an anderen Körpern oder in an­derer Form unvermindert wieder erschien. Betrachten wir den «spannten Dogen: Im Augenbllck des Abschusses scheint seine Energie verloren zu gehen. Aber er hat sie nur an den Pfeil verloren, her sie mit seiner Geschwindigkeit gewonnen hat. Mit dem Einschlagen des Pfeiles in die Zielscheibe und dem Aus- splitterm des Holzes scheint ste mut allerdings endgültig ver­schwunden zu fein. Genauere Untersuchung zeigt aber, daß das Hotz sich erwärmt. Man fand nun, daß immer, wenn eine be­stimmte Menge mechanische Energie als solche verloren geht, eine ganz bestimmte und immer dieselbe (ebenfalls meßbare) Wärmemenge auf tritt: Wärme wurde als Energieform erkannt. Bei der Dampfmaschine geschieht das Umgekehrte: Wärme wird verbraucht, Bewegungsenergie erscheint; bei Betrachtung einer Dynamomaschine oder eines elektrischen Motors erfermt man, daß auch von elektrischer Energte gesprochen werden kann. Kurz, es zeigt sich: Energie entsteht nicht aus Richte und vergeht nicht zu Richte, ste ändert nur die Form, nicht bte Größe, und wenn sie in die alte Form zuriiclkehrt. so ist sie auch in alter Gröhe da. Das ist das Gesetz von der Erhaltung der Energie.

Die Physik kennt ein Zweites, das unvergänglich ist, -das ist der Stoff, die Materie, deren Menge wir mit der Wage messen. Auch Materie können wir nicht vernichten oder schöpfen. Sie kann schmelzen, verdampfen, Form unb Farbe ändern: ihre Maffe ist unangreifbar.

Sie rückte die Energie neben die Materie und wurde als Substanz erkannt im Sinne des Beharrlichen, quantitativ Anveränderlichen. Diese Erkenntnis gewann man um die Mitte des vorigen Jahrhunderte.