Samstag, Her; 20. Hebmar
Nummer 15
Jahrgang 1926
Gießener jamilienblittter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
, Fsbruarfchnee.
Bon Caesar Flaischlen.
Februarschnee tut nicht mehr Weh, denn der März ist in der Näh!
aber im März hüte das Herz, daß es zu früh nicht knospen Willi warte, warte und sei still! und toär’ der sonnigste Sonnenschein, und wär' es noch so grün auf Erden, warte, warte und sei still: es mich erst April gewesesr sein, bevor es Mai kann werden!
Die ersten Leser von Goethes „Faust".
Von Dr. Fritz Adolf Hünich.
So unangebracht es wäre, über die nach Breite und Liefe beispiellose Wirkung von Goethes „Faust" auf die Nachwelt auch nur ein Wort zu verlieren, so lehrreich ist es, den Eindruck zu untersuchen, den diese Dichtung bei ihrem ersten Erscheine« hervorgerufen hat. Nachdem sie feit ihrer frühesten Niederschrift in langsamer Geistesarbeit zu immer vollendeterer Gestalt heran» gereist, in Bruchstücken einem erwählten Kreise von Fremden und Bekminten bei guter Gelegenheit mündlich mitgeteilt und in ihrer .Urform durch des Fräuleins Luis« v. Göchhausen treue Kopie der nachmals vom Dichter selbst verinchteten Handschrift dem Untergang entzogen war, erschien sie 1790 im siebenten Band der „Schriften" als das von ims heute wie em Heiligtum verehrte „Fragment", dessen Kostbarkeft sich schon äußerlich durch die Höhe des dafür gezahlten Preises ausdrückt, der tausend Mark und darüber beträgt. Je mehr wir di« aufwühlende Gewalt dieses Entwurfes, der alle Faustdichtungen vorher wett übertrifft, das glühend bewegte Wechselspiel Urs Lebens darin und den hinreißenden Zug seiner Sprache bewundern, um so unfaßbarer muß es uns sein, zu erfahren, wie schwer auch diesem Werk der Weg geworden ist, ehe es Verständnis bei den Zeitgenossen fand. Erste Geister der Nation, wie Schiller und Wieland, zeigten sich unbefriedigt: Christian Gottfried Körner tadelte den Bämkelsängerton, den Goethe gewählt habe, denn er verkette ihn nicht selten zu Plattheiten, die das Werk verunstalteten. Der Dichter und Publizist L. F. Huber nannte „Faust" ein „tolles unbefriedigendes Gemengsel", das fvellich voll von ganz einzigen Schönheiten sei. Ueberhaupt sind verhältnismäßig nur wenige öffentliche und private Beurteilungen bekannt, die zudem einander in den Kernpunkten widersprechen. Wird in der einen von der Gvetchentragödie gesagt: „Die Naivität der Unschuld, die Natur in den Empfindungen der Liebe, die Künste der Verführung, die Gewissensangst der Gefallenen formen nicht wahrer geschildert werden, als hier geschehen ist", so bezeichnet eine andere, deren Verfasser in dem Kreise um Schiller zu suche«! ist, die holdeste Gestalt unserer Literatur schimpflich-glimpflich als ein „albernes alltägliches Gänschen", das nur durch einfache Natur, durch Unschuld und Weiblichkeit die Züge bald einer Madonna, bald einer Magdalena erhalte. Merkwürdigerweise ist es gerade ein abseits liegendes Blatt, die „Neue Nürnbergische gelehrte Zeitung", die der Dichtung am nächsten kommt, indem sie schreibt: „Wer nur etwas in das Innere hmeinzublicken vermag, der wird die Schätze der tief geschöpften Lebensweisheit, die zauberische Darstellungskraft, die Lebhaftigkeit der Phantasie und besonders die große Kunst, Gedanken und Empfindungen zu versinnlichen ..., bewundern und gestehen müssen: Hier ist der deutsche Shakespeare". Demgegenüber spricht die „Allgemein« deutsche Bibliothek", eines der tonangebenden kritischen Organe, alles sei roh und wild hingeworfen, und die Unvollständigkett des gegentoärtigen Fragments schmerze weniger als di« leider nicht mehr mögliche Vollendung des Lessingischen Bruchstückes eines ähnlichem Schauspiels. Selbst August Wilhelm Schlegels Rezension. die die Eigenart der Anlage und Behandlung des Werkes wohl erfennt, läßt die Ergriffenheit vermissen, die wir bei einem Geiste mit so feiner Witterung für das Außer»deutliche am ersten erwartet hätten. Ueberwältigt_ und bedingungslos an die Dichtung hingegeben war der Nordländer Henrich Steffens, der von dieser innersten, ersten tiefsten Erschütterung seines jugendlichen Gemüts gesteht, ein neuer Grundton seines ganzen Daseins sei angeschlagen gewesen und bebe leis«, in gewaltige« Schwingungen, in seinen Innern nach. Mit den Zähren wuchs
die Erkenntnis des ungewöhnlichen Wertes von Goethes Werk: seine Eroberung für daÄ Gesamtbewußtsein der Nation ging, nach einer treffenden Bemerkung Hehns, von der Philosophie aus. Schon hatte Schiller umgelernt, als er am 29. November 1794 an Goethe schrieb, daß das, was er vom „Faust" gelesen, der Torso des Herkules sei. Es herrsche in diesen Szenen eine Kraft und eine Fülle des Genies, die den besten Weister unverkennbar zeige. Friedrich Schlegel stellte ihn 1800 zu dem Größten, was die Kraft des Menschen je gÄüchtet habe, Sche^ng und Hegel bezogen sich auf ihn. Ms im Jahre 1808 der erste Teil der „Tragödie" erschien, waren die Widerstände beseitigt, die einst das „Fragment" vom Herzen des Volkes ausgeschlossen hatten.
Fahrten in Rußland vor der Revolution.
Von Helene Nostitz.
Wir entnehmen die nachstehende Schilderung dem geistreichen, feinsinnigen Buche „Aus dem alten Europa" von Helene Nostitz, einem Buche, auf dessen Schauplätzen sich die Repräsentanten des europäischen Geistes begegnen. 5En mustergültiger Ausstattung im Insel-Verlag zu Leipzig erschienen.)
Eine weiße Troika fährt stürmisch durch die weiten Prospekte von Petersburg, die die Gröhe und die Breite dieses Landes symbolisieren. Die rasenden Pferde überschlagen sich fast in ihrem Tempo, und ihre maßlose Aufregung teilt sich wie ein Orfan ihrer Umgebung mit. Die Kutscher sitzen gespannt in ihren vielfachen Umwicklungen. Rechts und links werden Menschen und kleine Karren erbarmungslos beiseite geschleudert und in den Schmutz geworfen. Drohende Fäuste erheben sich wohl, aber meiftenS sind eS alte Frauen und Männer, die sich bekreuzigen. Gott und der Zar werden helfen, und sie flüchten in di« Kasan- Kathedrale vor die wundertätige Madonna. Doch dem dämonisch dahinbrausenden Gespann sind ein zweites und ein drittes gefolgt, die ebenso vernichtend vorüberfliegen. Das Ziel muh möglichst rasch erreicht werden, alles andere ist gleichgültig. Es sind die Wagen der Prinzessin A., di« zu einem Tschaikowski-Konzsrt von Arthur Nikisch fahren. Die Drohung einer Bombe, die einen der anwesenden Großfürsten treffen soll, zittert durch die Luft. 3n der „Gallerte des nobles" warten schon tiefe, rote Samtstühle und Sofas auf die wenigen Auserlesen«;. Unö nun rauschen Tschaikowskis Rhythmen durch den Saal, gesteigert, gewaltig, tvild und entfeffelt. Nikisch ist hier ein anderer als in der wohl- geordn>eten Atmosphäre der Berliner Philharmonie.
Schon stürmen wir, weiter durch die Nacht an der riesenhaften Newa entlang unö halten bald vor einem Palais. Sn dem Salon sitzen alle um den Samowar, die Hausfrau mit einem goldenen Reif im Haar. Man diskutiert sofort in der aufgeregtesten Art, ohne sich zu entzweien. Gleich wird ein Weltgefühl hergestellt, unö dazwischen kommt irgendein ekstatischer Ausruf: „Comme j’adore Rome“ oder „Mais pourquoi toujours penser mal des Chinois?“ oder so. Es wird drei, vier Uhr nachts, ehe man sich trennt, ohne die Probleme gelöst zu haben.
Das Leben in Rußland steht unter dem Zeichen der Fahrt; man fliegt durch die riesenhaften Städte, durch die Steppe« zehn, zwölf Stunden hintereinander, bis die Khyifenpferbe Blut schwitzen. Sv rasen wir durch Moskau. Da ist alles wild und bunt. Stürmisch fahren Priester mtt einem wundertätigen Mutter- gottesbild an uns vorüber und eilen zu einem Kranken oder Sterbenden, der von dem Anbllck genesen soll. Die letzte Ev> ttmerung an Europa hat uns verlassen. Tataren in ihren bunten Uniformen durchziehen die Straßen, über denen die bunt«, Kirchen wie Aiesentulpen oder Sseungeheuer stehen. Die Phantasien eines Ewan des Schrecklichen durchzittern noch die Luft, der seine Architeften Menöen ließ, wenn sie ihr Werk vollendet hatten. En der großen Kathedrale aber ist ein goldener Pomp entfaltet, der nur eine Vorahnung der Pracht im verborgene« Allerheiligsten ist, aus dem die Weihrauchwollen strömen. Di« Popen mit ihre« langen Bärten stehen überirdisch wie große Zauberer davor, und die Stimme Gottes scheint aus den gewaltigen Bässen zu tönen, die sich allein erheben und wie ein hundert- kövsiger Männerchor erklingen. Die schaudernd andächtige Gemeinde kniet im Halbdunkel. Die schwarze wundertätige Ma- douna funkelt in der Pracht ihrer unzähligen, riesenhaften Edel»
Es ist Abend geworden, und man fährt in der Glut des Sonnemmterganges zu den Vergnügungsparken, wo die Zi°


