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dieselbe. Etwa eine Stunde vor Sonnenaufgang nahm die Lichtintensität der Zunge ziemlich schnell zu, bis ans das Dreifache der Milchstraße. Sonst änderte sich an dem Bilde nichts. Das Ganze verschwand für das Auge, als der flache Boden der ersten Dämmerung am Horizont aufstieg und das kommende Tageslicht die schwache Helle des Zodiakallichtes verschluckte. Durch Peilkompaß wurde festgestellt, daß das Zodiakallicht jeweils genau über dem Orte der unter dem Horizont befindlichen Sonne stand, wie auch der erste Dämmerungsbogen bei seinem Auftreten durch die Zunge des Zodiakallichtes halbiert wurde.
Bemerkenswert an diesen Vobachtimgen ist zunächst, dag bie Lage der Achse — beim Auftreten des Zodiakallichtes der Ekliptik stark angenähert — sich nicht änderte, obwohl der Winkel zwischen Ekliptik und Horizont infolge der scheinbaren Drehung des Himmelsgewölbes in den zivei Stunden der Sichtbarkeit erheblich abnahm. Die Aü'se des Zodiakallichtes lag also nur zeitweilig im Tierkrelfe. Ebenso ist wichtig die Feststellung, daß von einem Aufgeyen des Zodiakallichtes keine Rede sein konnte, d. h. es kam nicht erst seine Spitze über den Horizont herauf und nach und nach die ganze Erscheinung — daß vielmehr gleich die ersten Lichtspuren bis zu 40 Grad über dem Horizonte sichtbar waren. Diese Tatsache widerlegt ebenfalls die (schon oben abgetane) Meinung, das Zodiakallicht sei ein Staubring um die Sonne. Andererseits ergibt der beobachtete Zusammenhang zwischen Stellung der Sonne und Ort des Zodiakallichtes, daß letzteres von ersterem abhängig ist. Solchen Zusammenhang, solche Abhängigkeit kennen wir aber nur bei Dam- merungserscheinungen. Kann das Zodiallicht eine solche fein? — Seine Form (Zunge, Parabel) scheint diese Möglichkeit zunächst auszuschließen, beim Dämmerungsbögen können wegen der Kugelgestalt der irdischen Lufthülle nur Teile von Kreisbögen fern. Aber die Kugelgestalt der irdischen Lufthülle ist durchaus nur eine Annahme Sie trifft bestenfalls für die unteren, dichteren Luftschichten zu, während die oberen leichten Gase (schon an sich bestrebt, in den leeren Raum zu entweichen) unzweifelhaft der Anziehungskraft von Sonne und Mond nachgeben und vier riesige Flutberge bilden, entsprechend den Gezeiten des Meeres. Zu Neumond und Vollmond fallen je zwei bie[er. Flutberge zusammen; die irdische Lufthülle stellt dann (im großen und ganzen) ein Ellipsoid dar. Dämmerungsbögen in einer so gestalteten Atmosphäre sind aber keine Kreisbögen,, sondern langgestreckte Ellipsen oder auch Parabeln. Und das Zodiakallicht ist nach dieser Erklärung ein Teil des Nadir-Flutberges H der Atmosphäre, also eine Dämmerungserscheinung.
Seine Sichtbarkeit hängt für den Erdenbewohner von der Lage ab die die schiefe Erdachse jeweils innerhalb des Ellipsoides ein- uimmt, und diese Lage ist so, daß der erleuchtete Teil des Nabir- ilutberges im Herbst vor Sonnenaufgang, im Frühjahr nach Son» nenunteraang sichtbar ist. — Zu dieser Erklärung paßt auch das ganze übrige Beobachtungsmaterial. Die das Zodiakallicht für einen Staubring um die Erde halten, kommen der Wahrheit also ziemlich nahe: doch leuchtet hier nicht Staub und nicht ein Ring, sondern Luft allo Gas, das als dicke Wulst in der Ebene der Sonnenbahn um die Erde liegt, mit Zenit- und Nadirflutbergen.
Es entsteht noch die Frage, weshalb die vorn Mond hervorgerufenen Flntberge der Atmosphäre nicht auch als Zodiakallicht sichtbar werden, wie sie es doch eigentlich besonders gut werben mußten. Ihrer Sichtbarkeit stehen zwei Umstände entgegen. Erstens befinden wir uns, wenn die Mondflutberge nicht mit den Sonnenflutbergen züfmnmenfallen (wenn also erstes ober letztes Monbviertel ist) unter bissen Flutbergen, sehen sie nicht von der Seite, sondern von unten, und in dieser Stellung ist ihre Helligkeit für den irdischen Beobachter schon an sich sehr gering. Und zweitens überstrahlt die helle Halbmondscheibe den schwachen Schimmer so vollständig, daß für unser Auge nichts von ihm übrig bleibt.
Dis PrsdsschWefter.
Novelle von Alfred Bock.
(Schluß.)
„Du magst ja bei deinen sogenannten Damen derlei Erfahrungen gemacht haben. Das gibt dir kein Recht, alle über einen Kamm zu scheren. Die Schwester Luise schließe jedenfalls aus!
Dietrich lachte kurz auf. .
„Und wenn ich Grund hätte, sie nicht auszuschließen?
Der Gutsherr verfärbte sich.
„Wie soll ich das verstehen?"
Dietrich zog das Kinn an.
„Mir liegt, weiß Gott, nichts ferner, als hier vor dir den Prahlhans zu spielen. Wärst du's nicht, mär’ mein Mund versiegelt. Ich will einmal aus der Schule schwatzen!"
Da sprudelte er weinselig heraus, was zwischen ihm und der Schwester Luise in der Neujahrsnacht vorgefallen war.
Der Gutsherr hatte sich erhoben. Leichenbläffe bedeckte sein Gesicht.
„Deine Lüsternheit ist mir immer zuwider gewesen", sagte er schneidend scharf. „Ich hab' daraus nie ein Hehl gemacht. Aber daß du mein Haus damit beschmutzst, das hält' ich dir doch nicht zugetraut. Das nenn’ ich niederträchtig, nenn’ ich gemein!"
*) Nadir (arabisch) — Fußpunkt, d. h. der dem Zenith genau gegenüberstehende Punkt.
Dietrich schwollen die Adern an der Stirn.
„Hans!" braufte er auf.
„Hör' zu, was du angerichtet haft!" herrschte ihn der Guts» Herr an.
Er war außer sich, erglühte in Zorn.
„Jeder Schürze nachzulaufen, schien mir mein Leben lang ekelhaft. Den Umgang mit reinen Frauen hab’ ich immer als Labsal empfunden. Mein Herz aber hatte nie gesprochen. Im vorigen Jahr mußt’ ich's zum erstenmal, was es bedeutet, ein Mädchen lieben! Monatelang mit der Schwester zusammen, hatte ich untrügliche Zeichen, daß ich ihr nicht gleichgültig war. Ein blöder Gesell, der so was nicht merkt! Am Morgen, da du abgereift warst, hab’ ich mich ihr erklärt. Sie wollte ihrem Beruf treu bleiben, sagte sie mir. Und ich hab's ihr geglaubt. Jetzt fällt mir's rote Schuppen von den Aiigen. Sie Hütte die Heirat nicht ansgeschla- gen, hättest du sie nicht mit deinen Künsten verführt. Wie ich sie kenne, hat sie sich nicht mehr würdig gefühlt, deinem Bruder als Frau zu gehören. So hast du ihr Lebensglück und meins zerstört!"
Auch Dietrich hatte sich erhoben. Bestürzung malte sich in feinen Zügen.
„Ich geb’ dir mein Ehrenwort," preßte er hervor, „ich hab' von all dem keine Ahnung gehabt, sonst hält' ich mich in Schranken gehalten. Jst's aber wirklich so, wie du denkst, muß ich mich schuldig bekennen. Ich hab' dir, bei Gott, nicht weh tun wollen, 's ist mir furchtbar, Hans. Wenn du kannst, verzeih!"
Eine Weile verging in dumpfem Schweigen. Der Gutsherr schritt mit sich kämpfend auf und ab. Endlich blieb er vor Dietrich stehen und sprach:
„Deine Reue kommt leider zu spät. Vielleicht schwingst du dich jetzt zur Erkenntnis auf, daß über deiner Laxheit etwas steht, das man im Leben sittliches Empfinden zu nennen pflegt. Damit mag die Sache begraben fein!"
Er sah nach der Uhr.
„Es ist spät geworden. Ich habe morgen viel zu tun."
Er bot dem Bruder die Zeit und ging.
Völlig niedergeschmettert blieb Dietrich zurück. Wenn er fein Innerstes vor sich enthüllte; er hatte bas heiße Blut, gab (einer Sinnlichkeit manchmal npdj. Das zu leugnen, wär' er der letzte gewesen. Liber alles Unehrenhafte lag ihm fern. Daß dem Zwischenfall mit der Schwester ein sUch trauriges Nachspiel folgte, hätte er sich nicht träumen lassen. So lang er denken konnte, hatte er mit seinem Bruder in bestem Einvernehmen gelebt. Nun war der Frieden gestört. Ihr Verkehr würde sich in den Grenzen der Höflichkeit halten, der herzliche Ton war daraus verbannt, das alte Verhältnis stellte sich nicht mehr her. Und er trug die Schuld. Er ganz allein.
Aber kam feine Reue denn wirklich zu spät? Hans hatte das Mädchen lieb gewonnen, glaubte ihrer Neigung gewiß zu fein. War denn keine Möglichkeit, die beiden doch noch zusammenzubrm- gen? Berg und Tal kamen nicht zusammen, wohl aber die Menschen!
Kaum, daß der Gedanke in ihm ausgeblitzt, begann sich seine Selbstsicherheit wieder zu regen. Seine Gedrücktheit wich, feine Zuversicht hatte die Oberhand.
Was für ein Glück, daß er gerade jetzt gekommen war! Er hatte die Fäden verwirrt, er war auch der Mann, sie zu lösen. Wahrhaftig, er war kein schlechter Mensch. Dem Paar eine üppige Hochzeit zu richten, das sollte seine Sühne fein.
Freilich, es war keine leichte Ausgahe, die er da übernahm. Daß sie ihm gelang, bezweifelte er keinen Augenblick. Er hatte in seinem Leben so viel erreicht, warum sollte er hier scheitern? Freilich, ein Bitt- und Bußgang roar’s! Je nun, das verschlug ihm nichts. Für feinen Bruder war ihm nichts zu viel.
Bei Sonnenaufgang zogen die Knechte und Mägde zum Heu- machen aus. Dietrich befand sich unter ihnen. Auf den Eulenwiesen schwenkte er ab und schlug den Weg nach der Kreisstadt ein.
Zu beiden Seiten der schön gehaltenen Straße standen die alten Linden in Blüte und verbreiteten ihren Duft. Aus den Kronen hallte Vogelsang. Auf dem farbenbunten, weiten Gelände wirkte lebendig Frühsommerpracht.
In der Stabt suchte Dietrich das Schwesternhaus auf. Er ward in bas Sprechzimmer geführt. Die Oberin kam, eine roürbige alte Dame, unb fragte nach feinem Begehr.
Er stellte sich vor. Er wünschte, bie Schwester Luise zu sprechen. In bas Gesicht ber Oberin trat ein Ausbruck der Trauer.
„Die Schwester Luise können Sie nicht mehr sprechen. Die hat unser Herrgott zu sich genommen!"
„Tot!" schrie Dietrich auf.
„Ja, tot! In ber Stabt trat die Diphtheritis epidemisch auf. Schwester Luise hatte sich bei der Krankenpflege überanstrengt.. Gegen meinen unb ihrer Mitschwestern Willen. Sie klagte eines Meads über Kopf- unb Nackenschmerzen. Wir buchten zunächst nicht an Ansteckung. Der Arzt stellte Uebertragung des Giftstoffs fest. Einer Herzlähmung ist Schwester Luise dann erlegen. Ihr Hingang ist für uns ein unersetzlicher Verlust. Sie hatte dem Schwesternhaus erst kurze Zeit angehört. In ihrem Opfermut ist sie uns allen ein Vorbild gewesen. Ihr Andenken wird ein gesegnetes bleiben!"
Dietrich starrte bie Oberin mit weit aufgerissenen Augen an. Wankte hinaus. Schleppte sich zum Bahnhof. Die Brücken hinter ihm waren zerbrochen. Er hatte ben Bruder, die Heimat verloren.
Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. - Druck ber Brühl'schen Universitäts-Buch- unb Steindruckerei. R. Lange, Gießen.


