Ausgabe 
19.10.1926
 
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offenbar ein Garibaldi, und dahinter ein dunkler, vornehmer Bau, schwere Pfeiler und schön gewölbte Bogen, auf dem ganzen Platze kein Leben mehr als die matt erhellten Scheiben eines kleinen Kaffeehauses und einer Apotheke, in deren Fenster grüne und orangerote Flaschen juwelenhast leuchteten. Ich atmete tief auf, seit langem war ich nicht mehr so bei Nacht in ein alles italienisches Nest eingezogen, von ahnungsvollen Dunkelheiten ange­lockt, von plötzlich vortretenden edlen Architekturen überrascht und vom feuchten kühlen Dunst enger Steingassen begrüßt.

Im Gasthause bekam ich ein rotgepflastertes Zimmer, groß wie in einem Palast, und bekam einen zarten Geitzbrnten, der Wein war gut, und der Wirt hatte eine hübsche Schwägerin. Dennoch ging ich bald wieder aus. Der Regen tropfte sanft auf die breiten Steinplatten, auf denen so angenehm zu gehen ist, der Garibaldi standernsthaft und etwas gedrückt auf seinem hohen Sockel, von vier äußerst grimmigen Löwen bewacht. Dreien von ihnen steckte ich je eine Münze in das brüllende Bronzsmaul am nächsten Mor­gen fand ich die Geldstücke alle an ihrem Orte wieder. Indessen war ich um das Denkmal herumgegangen und stand vor einem wunder­vollen Palast, dessen Erdgeschoß sich als eine mächtige gewölbte Halle darstellte, mit dicken kantigen Pfeilern außen und schönen, leichteren Säulen innen. Ich ging hindurch, sah zur Linken eine riesige weiße Treppe zum Dome führen und vor mir eine zweite, große, phan­tastisch aussehende Kirche, undeutliche Kuppeln im Nachthimmel, ein uraltes anscheinend gotisches Portal mit Figuren in kleinen Ge­wölben, zur Seite eine Kapelle mit reicher Fassade, alles im trüben Dämmer schwimmend, alles voll Ahnung und Vorgefühl schöner Ueberraschungen.

Am Morgen war mein erster Gang wieder zu dem Platze, der jetzt im Tageslicht alle Versprechungen des Abends wahr machte. Bloh der Garibaldi hatte verloren, er stand schäbig auf seinem zu großen Sockel, und die vier wilden Löwen waren nicht bloß töricht, sondern auch lustigerweiss viel zu klein. Der Palast mit der Halle enthielt die einst berühmte Bibliothek von Bergamo, eine kühne Riesentreppe mit einem von Säulen getragenen Hohlziegeldach führte hinauf. Ich ging nicht hinein, kam an einer fchwungooll barocken Statue vorbei, die den Tasso vorstellte, und jetzt sah ich die beiden Kirchenbauten, die mir in der Rächt so geisterhast entgegen­geblickt hatten, klar in der dünnen Morgensonne stehen.

Drüben stand der Dom, feierlich, froh und hell mit breiten königlichen Stufen vor dem Eingang, daneben Santa Maria Mag­giore, und, daran angebaut und wunderlich wild verziert und aus­staffiert,die Kapelle des Colleoni. Vor dem Kirchenportal ein kleiner, hoher Borbau: sechs bescheidene Steinstufen, ein weiter romanischer Rundbogen auf zwei von Löwen getragenen Säulen, darüber hoch und kühn ein gotischer Aufbau, eine Art zierlicher Halle mit drei Nischen und in jeder eine alte naive Skulptur, die mittlere zu Pferde, und über dem allem nochmals ein schmales, spitz bedachtes Stockwerk, ein Stüblein mit zwei Säulen vorn und drei Heiligen darin, das ganze von einer spröden Anmut und wildgewachsenen Unschuld. Wie wohl tut das! Wie sehr lohnt es sich, zwanzig Stunden weit zu reifen, um ein Auge voll solcher Sachen zu sehen, um einen Augenblick den irrsinnigen Alptraum der modernen Städte zu vergessen!

Neugierig lief ich an den jäulentragenden Löwen des Por­tals vorbei, trat in die große Kirche ein und war alsbald von einem fromm-feierlichen Licht und Duft umfangen, goldiges Zwie­licht über dunklen Altarbildern und bleichen Fresken, in Nischen und an Wänden allerlei Gemeiseltes und Geschnitztes, viel Pracht und Reichtum überall verschwendet. Man geht hindurch, atmet Glut und Selbstbewußtsein einer stolzen Vergangenheit, begrüßt in flüch­tigem Erkennen ein steinernes Gesicht, eine gemalte oder gewirkte Landschaft, ein goldenes Ornament, geht weiter und vergißt noch im Gehen das Gesehene, es bleibt nur ein Klang von satter Pracht und würdigem Halbdunkel. Eines aber vergißt man nicht wieder, das find die Chorstühle dieser merkwürdigen Kirche. Die sämtlichen Rückenfelder dieser Stühle, es sind mehrere Dutzend, sind von ein­gelegter Holzarbeit. Bild an Bild, nach Zeichnungen von Lorenzo Lotto und anderen, von Bergamasker Künstlern geschnitten und zu- sammengefügt; es haben Großvater, Söhn, Enkel daran geschaffen, mehr als hundertfünfzig Jahre ist an diesen Feldern gearbeitet worden.

Cs ist wahrlich nicht schade um diese Zeit und Mühe. Man kann nichts Liebenswerteres sehen als diese treue, zarte und aparte Kunst: die Hölzer braun, gelb, grün, weiß, honigfarben, alle vom selben Duft und Altersgold überzogen, in satten, warmen Tönen leise leuch­tend, den Augen ein laues, wohliges Bad. Da verflößt Abraham die Hagar und spricht Salomo sein Urteil, David spielt vor Saul die Harfe und erschlägt den Riesen, Judith tritt aus des Holofernes Zelt, Könige und Patriarchen wandeln und handeln in Zelten und Tem­peln oder in schönen Landschaften mit ausdrucksvollen, sehnsüchtigen Bäumen und felsigen Gebirgszügen. Da und dort ist eine Tafel von besonderem Glanz, eine besonders geglückte Komposition leuchtet freudig auf, sonst aber sind alle diese vielen Bilder, an denen andert­halb Jahrhunderte gearbeitet worden ist, vom selbe» Reiz der liebe­vollsten Arbeit, vom selben tiefsatten Ton, von derselben geduldigen Genauigkeit und klugen Anmut. Nur noch an mönchischen Minia­turen habe ich diesen Grad von vornehmer Einfalt wahrgenommen. Cs müssen, so denkt jeder, der diese holden Gebilde sieht, es müssen stille, feine, geduldige und fromme Menschen gewesen sein, die da in unermüdlicher Treue, vom Tage nichts wissend, stch in anmutigen Schilderungen sonnten und der eigenen Geschicklichkeit erfreuten Man hat denselben Eindruck vor japanischen Holzarbeiten und chinesischen Stickereien.

Ich tat noch einen Blick in den Dorn: Weitz und Gold und eine seltsam mit Nüchternheit vermählte Pracht. Dann folgte ich der Lockung eines Sonnenstrahles auf ein schräg ansteigendes Plätzchen, wo zwischen den Pflastersteinen dünnes, spitzes, lichtgrünes Gras wuchs, ein Riesenpalast dahinter ließ aus offenen Fenstern die leiern- den Stimmen von Schulkindern heruntertönen. Ich kam weiter zu einem verschwiegenen kleinen Winkel, der großartig den Namen Piazza Terzi führte. Sie eine Seite des Plätzchens war von einer hohen Terrafsen- mauer gebildet und die rohe, schwere Mauer war entzückend von einer großen Nische unterbrochen, darin stand überlebensgroß eine hübsche weibliche Figur, etwa eine Ceres, und über dem Ganzen als Abschluß eine kleine Ziergalerie und zu beiden Seiten Putten mit Dullhorn und Garben. Erfreut blieb ich stehen: das war ein Stück gutes, wohlerhaltenes Italien, eine von den vielen kleinen Ueber­raschungen und Augsnsreuden, um derentwillen das Reisen sich lohnt. Und als ich mich umwandte, stand der Figur gegenüber ein Palastportal offen; unter einem hohen Bogen sah man einen Hof mit Pflanzen und hängender Laterne, dahinter standen traumhaft eine elegante Balustrade und zwei große Statuen mit scharfem Um­riß in der Lust und man fühlte die hinter ihnen ruhende blaue Weite, man ahnte, ohne sie zu sehen, die Weite und Tiefräumigkeit der da­hinter liegenden Poebene.

Das Geheimnis des Tierkveisiichtes.

Bon Dr. Adrian Mohr, Oslo.

Das Zodiakallicht (Tierkreislicht) gehört zu denjenigen Himmels­erscheinungen, die der gewöhnliche Sterbliche unserer Breiten kaum je zu Gesicht erhält. Beschrieben wird es als ein milder dreieckiger Lichtschimmer, der im Frühling nach Sonnenuntergang, im Herbst vor Sonnenaufgang etwa zwei Stunden im Westen" bzw. Osten sichtbar ist, kaum heller als die Milchstraße. Seine Spitze (richtiger: seine Achse) soll stets im sog. Tierkreis liegen (griechisch Zodiakus), woher es auch seinen merkwürdigen Namen hat. In den äqua­torialen Gegenden steht dieses Dreieck daher im allgemeinen senk­recht, während es um so schiefer liegt, je weiter man sich nördlich ober südlich vom Aequator entfernt. Aus der Verschiedenheit die­ser Achsenlage ist gefolgert worden, es fei dieses Licht ein von der Sonne beschienener dünner Staubring, der die Sonne in der Ebene der Erdbahn umgibt und über diese Erdbahn hinaus sich erstreckt. Da sich jedoch von diesem angeblichen Staubring um die Sonne bei totalen Sonnenfinsternissen keine Spur zeigt, schlossen andere, es handle sich hier um einen Staubring um die Erde herum. Diese Meinung verdient den Vorzug vor der ersteren. In der Tat, wenn die Erde in der Ebene ihres Aequators einen solchen Staubring besäße'(etwa wie der Saturn einen Ring besitzt), bann würde der größte Teil dieses Ringes nachts im Erdschatten liegen, also unsicht­bar (ein; die verbleibende beleuchtete Partie jedoch würde als matt­schimmerndes Dreieck über dem Horizont sichtbar fein.

Welche Auffassung richtig, welche falsch ist ober ob beide falsch sind wäre sicherlich schon längst entschieden, wenn das Zodiakallicht häufig zu sehen wäre, wenigstens häufig in Mittel- und Nord-Europa, wo die Pflege der Naturwissenschaften hauptsächlich zu Hause ist. Aber die meisten bei uns ober in Frankreich, England oder Skandinavien, die eine solche Erscheinung zu beuten verstehen, werben bas Zodiakallicht kaum je mit eigenen Augen erblickt haben. Man ist auf Beschreibungen anderer angewiesen und Beschrei­bungen sind meist recht mangelhaft. Doch haben gute Beobachter der letzten beiden Jahrzehnte uns schon darüber belehrt, daß die Er­scheinung dieses Lichtes eigentlich kein Dreieck ist, sondern eine Zunge; daß seine Konturen eine Parabel darstellen, als rage da ein Kometenschweif (ohne leuchtenden Kopf) über den Horizont heraus.

Im letzten Oktober hatte ich Gelegenheit, das Zodiakallicht eine volle Woche hindurch an der Küste von Südmarokko zu beobachten. Es fei versucht, die Erscheinung zu beschreiben, und zwar nicht bloß, wie fieaussah", sondern wie ihre ganze Sichtbarkeit sich abrollte. Der Fehler der meisten Beschreibungen von Himmelserscheinungen soll hier vermieden werden, nämlich ihr Aussehen zu einem Zeit­punkte zu berichten. Wie wir die Welt um uns her, sei es räum­lich, sei es zeitlich, nur verstehen können, wenn wir verfolgen, wie sich ihre äußere Erscheinung ändert, so muß auch das Zodiakallicht beschrieben werden, als zeitlicher Vorgang, nicht wie ein Bild oder eine Photographie, die nur einen bestimmten Zeitpunkt sixieren.

Ziemlich genau zwei Stunden vor Sonnenaufgang zeigte sich im Osten ein schwacher, kaum zu erkennender Lichtschimmer. Obwohl ihm jede bestimmbare Kontur fehlte, konnte er im großen und ganzen für eine Pyramide gelten, also für ein Dreieck. Dieser Lichtschimmer wuchs nicht von unten herauf, sonderen trat sogleich in seiner überhaupt erkenntlichen Höhe (etwa 40 Grad über dem Horizont) allmählich und zart hervor. Nach etwa zwanzig Minuten bildete sich in ihm eine hellere mittlere Partie, bi bis dreißig Grad über den Horizont reichte, kaum wesentlich breiter als die Milch­straße war, die Gestalt einer Zunge hatte und in ihrer unteren Hälfte in dem allgemeinen Dunst verschwand, der bis 15 Grad hoch am Horizont lag. Die Helligkeit dieser Zunge erreichte kaum die der Milchstraße. Die Zunge stand nicht senkreicht, sondern ihre Achse war leicht (etwa 8 Grad) nach Süden (rechts) geneigt. Ihre Kontur reichte bis zu einer gewissen Sterngruppe. Sie blieb die ganze Zeit, bis zum Anbruch der Dämmerung, an dieser Stern­gruppe hasten; die Zunge stieg also infolge der scheinbaren Drehung des Himmelsgewölbes mit dieser Sterngruppe empor; ihre Länge, vom Horizont aufwärts, wuchs entsprechend, nicht aber ihre Breite. Die Lage ihrer Achse blieb während der Dauer der Sichtbarkeit