Ausgabe 
19.10.1926
 
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länder nahe waren, ins Feldlager stürzte und ihr sogleich das Kriegsvolk der Stadt folgen wollte, lieh der König, der eben zu Mahle sah, um zu verhindern, daß alles der Jungfrau Nacheile, die Tore der Stadt schließen. In diesem völlig veränderten Bericht er­kennt man Erinnerungen der Geschehnisse vom 6. Mai in Orleans, als der Edle von Gaucourt die burgundische Pforste hatte schließen lassen.

Erblickt man Johanna in diesem Chaos von Erzählungen, die ver­worrener sind als die Wolken eines Gewitterhimmels, so erscheint sie als ein unerhörtes Wunder. Sie wahrsagte, und mehrere ihrer Prophezeiungen hatten sich bereits erfüllt. Sie Haire die Befreiung von Orleans vorausgesagt, und Orleans war befreit. Sie hatte an­gekündigt, daß sie verwundet würde, und es hatte sie oberhalb der rechten Brust ein Pfeil getroffen. Sie hatte vorhergesagt, daß sie den König nach Reims führen werde, und der König war in dieser Stadt gekrönt worden. Sie hatte noch andere, Frankreich betreffende Wahrsagungen gemacht, zum Beispiel, den Herzog von Orleans zu befreien, in Paris einzuziehen, alle Engländer aus dem heiligen Reiche zu verjagen, und man erwartete die Erfüllung.

Nachdem dis königliche Armee Gien verlassen hatte, verkündigte die Jungfrau, wie man sagt, daß eine große Schlacht bei Reims geliefert werden würde. Wenn sich Vorausfagungen, wie diese hier, nicht erfüllten, vergaß man sie; außerdem gab man damals zu, daß die wahren Propheten manchmal auch falsch prophezeien konnten. Die Voraussagen der Jungfrau verbreiteten sich wie in einem Augenblick in der ganzen Christenheit.

Von C o m p i e g n c nachSaint-Denys.

Nach Abzug der englischen Armee in die Normandie sandte Carl mehrere seiner Feldherren und deren Krieger nach Senlis, das sich ihm ergab. Gleichfalls war die Unterwerfung Compiegnes gesichert. So nahm der König eine der getreuen Städte nach der anderen wieder an sich. In Beauvais wurden jene, die König Carl nicht an­erkennen wollten, mit der Erlaubnis aus der Stadt entfernt, ihre Güter mitzunehmen. Der Bischof und Vidam von Beauvais, Hoch­würden Peter Cauchon, Oberhofprediger von Frankreich für den König Heinrich, Geschäftsträger wichtiger geistlicher Angelegenheiten, sah höchst ungern seine Stadt den Franzosen zufallen; es geschah dies zu seinem Schaden, doch konnte er es nicht hindern. Er wußte wohl, daß er einen Teil dieses Ungeschicks der Jungfrau verdankte, die den Ruf hatte, in allem mittätig zu sein. Er verdächtigte sie zweifellos, vom Teufel geleitet zu fein, und wünschte ihr das er­denklich Schlechteste. Mit dem König in Compisgne eingezogen, wohnte Johanna beim königlichen Stadtverordneten und schlief bei dessen Frau, Marie Le Boucher, einer Verwandten von Jacques Boucher, dem Schatzmeister von Orleans. Sie brannte darauf, nach Paris zu marschieren, das sie gewiß war einzunehmen, da ihre Stimmen es ihr versprochen hatten. Man erzählt sich, daß sie nach zwei oder drei Tagen, als sie nicht mehr an sich halten konnte, zu Alenxon sagte:Mein schöner Herzog, laßt Eure Leute und die der anderen Feldherren rüsten. Ich will Paris von näher sehen, als ich es bisher geschaut habe."

Die Dinge können sich wohl so nicht abgespielt haben. Die Jung­srau gab dem Waffenvolk keine Befehle. Cs verhielt sich vielmehr so, daß der Herzog von Alenxon sich mit einer guten Kompagnie vom König verabschiedete und Johanna ihn begleiten sollte. Sie war eben im Begriffe, zu Pferde zu steigen, °als ein Bote des Grafen von Armagnac ihr einen Brief überreichte, den sie sich vorlesen ließ:

Meine sehr liebe Dame! Ich empfehle mich Ihnen höflichst und bitte Sie um Gottes willen um Rat in Betracht der Teilung, die gegenwärtig sich in der heiligen, allumfassenden Kirche, was die Päpste betrifft, gebildet hat. . . Der erste Papst, der sich Papst Martin nennt, wurde in Konstanz mit Einwilligung aller christ­lichen Nationen gewählt; jener, der sich Clemens nennt, wurde in Paniscola, nach dem Tode des Papstes Benno XIII. durch drei seiner Kardinäle erwählt; der dritte namens Papst Benno XIV. wurde in Paniscola heimlich durch den Kardinal von Sankt Stephan erwählt. Wollet unfern Herrn Jesus Christ anflehen, daß er uns in seiner un­endlichen Barmherzigkeit durch Euch auskläre, welcher von den drei besagten der wahre Papst sei und welchem fortan zu gehorchen ihm gefällig sei . . ."

Dies war ein großer Vasall der Krone, der Johanna also schrieb und sie seine sehr liebe Dame nannte. Sie hatte diesen Edelmann niemals gesehen und wahrscheinlich nie von ihm sprechen hören. Sohn des ermordeten Konnetabel von Frankreich, war dieser Jo­hann IV. der grausamste Mann des Königreiches und nach dem Grasen von Foix der mächtigste Herr der Gascogne. Während sein Name unter jenen der Königstreuen verblieb und man den Namen Armagnacs gebrauchte, um jene zu bezeichnen, die den Engländern und Burgundern gegnerisch, war Johann IV. selbst weder Franzose noch Engländer, sondern nur Gascogner. Eben war ein Mord, den er vor kurzem begangen, in lebhafter Erinnerung. So war der ge­horsame Sohn der heiligen Kirche beschaffen, der so viel Eifer zeigte, seinen wahren geistlichen Vater ausfindig zu machen. Es ist nicht genau ersichtlich, warum er Johanna bat, ihm den wirklichen Papst zu bezeichnen. Wahrscheinlich folgte er dem Brauche jener Zeit, in allen Singen die heiligen Jungfrauen, die Gott mit Offenbarungen be­günstigte, um Rat zu fragen.

Solcherart erschien die Jungfrau; ihr Ruf als Prophetin hatte sich in wenigen Tagen verbreitet. Sie entdeckte verborgene Gegen­stände und sagte die Zukunft voraus.

Johann IV., entschloßen, Papst Martin V. anzuerkennen, suchte für diese Unterwerfung einen ehrenvollen Vorwand. Nach all dem, was der Graf von Armagnac schrieb, konnte Johanna doch nicht

zweifeln, wer der wahre Papst sei. Diese List aber schlug fehl, Jo­hanna verstand von all dem nichts. Der Brief, den sie, eben ihr Pferd besteigend, sich vorlesen lieh, scheint ihr nicht klar gewesen zu sein; die Namen Benno, Clemens und Martin waren ihr unbekannt, die heilige Katherina und Margareta litten ihr anläßlich der häufigen Zwiesprachen über den Papst keinerlei Offenbarung ge­macht. Für gewöhnlich war Johanna so vorsichtig, nur über Singe des Krieges zu weissagen, was ein deutscher Geistlicher als eine bemerkenswerte und seltsame Sache bezeichnete. Siesmal aber, um ihren Ruf als Prophetin zu stutzen, vielleicht auch, weil der Name Armagnac für sie eine Empfehlung bedeutete, willigte sie ein, Jo­hann IV. zu antworten. Sie lieh ihn wissen, daß sie zu dieser Stunde nicht den wahren Papst bestimmen könne, aber sie wurde ihm später sagen, an welchen von den dreien man zu glauben hätte, je nachdem was sie selber vermittels Gottes Rat ausfindig machen würde.

Am 23. August verabschiedeten sich die Jungfrau und der Herzog von Alencon vom König und entfernten sich mit reichlichem Wafsen- gefolge aus Compisgne. Wie gewöhnlich ritt Johanna unter ihren Geistlichen. Bruder Richard, der den Weltuntergang voraussagte, hatte sich dem Zuge angeschlossen. Anscheinend hatte er die andern überflügelt, selbst Bruder Pasquerel, den Kaplan. An den Mauern von Senlis war er es denn auch, der Johanna die Beichte abnahm.

Der Bischof von Senlis, Johann Fouquerel, war bisher auf Seite der Engländer gewesen. Als ein Mann der Vorsicht eitle er beim Herannahen des Königlichen Heeres nach Paris, eine große Summe Geldes dort zu verstecken; sein Gut lag ihm sehr am Herzen. Einer der Kriegsleute nahm ihm seine Mähre, um sie der Jungfrau zu geben. Sie ließ ihm zweihnudert Salusstücke in Gold in einer An­weisung auf den Steuereinnehmer von Senlis und den Getreide- verwefer der Stadt schicken. Ser Bischof erhielt darüber nicht in dieser Weise Bescheid und forderte sein Tier zurück. Als die Jungfrau von seinem Unwillen erfuhr, ließ sie ihm schreiben, daß er, wenn er wolle, seine Mähre zurückhaben könne; sie fände sie nicht ausdauernd genug für Kriegsgebrauch. Man sandte das Pferd Herrn de la Tre- inouille mit dem Ersuchen, es dem Bischof zurückzustellen, der es aber niemals erhielt. Es mag fein, daß die Anweisung auf die städtische Schatzkammer nichts wert war, und es ist wahrscheinlich, daß der hochwürdige Vater Johann Fouquerel weder Tier noch Geld erhielt. Johanna aber war daran nicht schuldig.

Saint-Denys erhob sich im Norden von Paris, etwa zwei Meilen vor den Mauern der großen Stadt. Ser Platz war zwar befestigt, dennoch zog das Heer Alenxons ohne Widerstand ein. Sieser Ort war durch seine uralte, sehr reiche und hochberühmte Abtei bekannt. Als die Jungfrau sich in Saint-Senys aufhielt, waren die drei Por­tale, die ausgezackten Befestigmrgsmauern, der Turm der Abteikirche schon dreihundert Jahre alt. Hier hatten die Könige von Frankreich ihre Grabstätte; hier nahmen sie die Oriflamme, ihr Banner. Der verstorbene König Carl hatte es hier vor vierzehn Jahren ergriffen, und seither war es von niemandem erhoben worden. Man berichtete über viele Wunder in bezug auf das königliche Sanner, von denen die Jungfrau wohl etwas gehört haben mußte. Denn sie hatte, wie man erzählt, als sie nach Frankreich kam, dem Dauphin den Bei­namenOriflamme" als Pfand und Versprechen seines Sieges ge­geben. In Saint-Denis bewahrte man auch das Herz des Konnetabel Bertrand du Guesclin. Die Mönche von Saint-Denys behüteten ferner kostbare Reliquien, besonders ein Stück des wahren Kreuzes, Windeln des Jesuskindes, Scherben eines Kruges, in dem das Wasser sich bei der Hochzeit von Cana in Wein verwandelt hatte, das Kinn der heiligen Magdalena, eine Tasse aus Tamarindenholz, deren sich der heilige Ludwig zum Schutze vor der Rattenkrankheit bediente. Man zeigte hier auch einen Schädel des heiligen Dionysius. Es beruht allerdings auf Wahrheit, daß man ihn gleichzeitig in der/Kathe­drale von Paris vorwies. So sagte denn auch der Kanzler Joh-nn Gerson in der wenige Tage vor seinem Tode über die Jungfrau ver­faßten Abhandlung^ daß es mit ihr stünde wie mit dem Schädel des heiligen Divnyfius, der Gegenstand der Erbauung und nicht Gegenstand des Glaubens sei und gleicherweise in dem einen wie in dem andern Orte verehrt werden müsse, damit die Erbauung nicht Aergernis errege.

(Fortsetzung folgt.)

Bergamo.

Von Hermann Hesse.

Ein moderner Bahnhof und eine moderne' lebhafte Stadt empfingen mich, an der breiten stattlichen Straße standen erleuchtete Restaurants und Läden, trotz dem finsteren Regenabend waren die Straßen voll Menschen und die Trambahn überfüllt. Sie wurde aber, je näher ich meinem Ziele kam, gegen die Altstadt und die Station der Drahtfeilbahn hin immer leerer und leerer, und schließ­lich fuhr ich beinahe allein die steile Bergbahn hinaus. Unter mir entschwand und verglühte die lebhafte, abendliche Stadt, oben empfing mich der übliche zementierte Perron, neugierig trat ich aus dem Raum ins Freie und war nun mitten in einer dunklen alten Stadt, wo alles schon schlief, eine enge leere Gasse nahm mich auf, letzte Läden wurden da und dort geschloffen, plötzlich erschreckte mich der Anblick eines unwahrscheinlich hohen Turmes, der aus der Häuserschlucht emporstieg und hoch oben in die Nacht verschwand, es war, als sei ich plötzlich im südlichen Toskana ober in einer umbrischen Bergstadt. Ueberraschend tat sich bald darauf die Gajie auseinander und ergoß sich in einen großen, wunderschönen Platz, rechts eine lange Bogenhalle, wo noch einige abendliche Summier ihre Pfeife rauchten, links undeutlich ein großes Denkmal, modern,