Gießener Zamilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang (926 Dienstag, den (9. Oktober Nummer 8-
Das Mädchen von Orleans.
Von Friedrich Schiller.
Das edle Bild der Menschheit zu verhöhnen, Im tiefsten Staube wälzte dich der Spott. Krieg führt der Witz auf ewig mit dem Schönen, Er glaubt nicht an den Engel und an Gott; Dem Herzen will er seine Schätze rauben. Den Wahn bekriegt er und verletzt den Glauben.
Dock wie du selbst aus kindlichem Geschlechte, Selbst eine fromme Schäferin wie du, Reicht dir die Dichtkunst ihre Götterrechte, Schwingt sich mit dir den ew'gen Sternen zu. Mit einer Glorie hat sie dich umgeben;
Dich schuf das Herz, du wirst unsterblich leben.
Cs liebt die Welt, das Strahlende zu schwärzen Und das Erhab'ne in den Staub zu ziehn;
Doch fürchte nicht! Es gibt noch schöne Herzen, Die für das Hohe, Herrliche entglühn.
Den lauten Markt mag Momus unterhalten; Ein edler Sinn liebt edlere Gestalten.
Das Leben der Heiligen Johanna.
Von A n a t o l e France.
Die nachfolgenden Abschnitte sind einem im Verlage von I. M. Spaelh, Berlin, erschienenen, umfänglichen Werke von Anatole France entnommen, dem „Leben der Heiligen Johanna", das durch Shaws dramatische Chronik zu besonderer Aktualität berufen scheint. Die Bearbeitung und die Uebersetzung besorgte Friederike Maria Zweig.
Erste Gerüchte und Legenden.
Es ist immer eine schwierige Sache, in Erfahrung zu bringen, wie sich im Kriege die Dinge abgespielt haben; zu jener Zeit aber war es unmöglich, sich eine nur einigermaßen vernünftige Vorstellung des Geschehens zu machen. Es gab zweifellos in Orleans einige genügend erfahrene Personen, die klug genug waren, zu erkennen, welch große Hilfe das durch die Stadtverordneten zufammen- gebrachte, reichliche und erfinderische Kriegswerkzeug bedeutet hatte. Aber die Bewohner bestaunten hauptsächlich in der Befreiung das Wunder, das sie vor allem ihren heiligen Schutzpatronen Aignan und Euverte und nach diesen Johanna, der Jungfrau Gottes, zuschrieben: für Taten, die sich vor ihren Augen ereignet hatten, fanden sie keine einfachere und natürlichere Erklärung. So wurde ein kurzer Bericht über die Befreiung abgesaßt, in dem es hieß, daß das Bollwerk von Saint-Loup wie durch Wunder mit Waffengewalt eingenommen „in Anwesenheit und mit Hilfe Johannas, der Jungfrau, gesandt von Gott" und die Belagerung aufgehoben worden war, „durch das augenscheinlichste Wunder, das seit der Passionsgeschichte sich ereignet hat". Wenn die Augenzeugen, die Handelnden selber sich nicht genau Rechenschaft über die Ereignisse ablegten, wie mochte man sich dann aus der Entfernung hierüber Vorstellungen machen? Die Nachrichten der französischen Siege verbreiteten sich mit erstaunlicher Geschwindigkeit. Die Kürze der authentischen Erzählungen wurde durch den geschwätzigen Eifer der redseligen Kleriker und die Phantasie des Volkes ausgiebig ergänzt. Der Feldzug der Loire und die Krönungsfahrt waren anfangs nur durch Fabeln bekannt, und das Volk konnte sie nur als übernatürliche Ereignisse erfassen. In den durch die königliche Staatskanzlei den Städten des Reiches und den Prinzen der Christenheit gesandten Briefen war der Name der Jungfrau mit allen Wasfentaten verbunden. Johanna selbst ließ durch ihre geistliche Kammer Kunde über alle großen Dinge ergehen, die sie mit Sicherheit vollbracht zu haben glaubte. Man dachte, daß alles durch sie geschehen war und der König in allem ihren Rat eingeholt habe, mährend in Wirklichkeit die königlichen Räte und die Heerführer sie kaum jemals nach ihrer Meinung fragten, wenig auf sie horchten und sie nur zu ihnen gelegener Stunde sehen liehen. Ihre Person, die nur bei tatsächlichen Unternehmen, die später unerhört schienen, anwesend war, wurde Gegenstand eines umfassenden Zyklus von erstaunlichen Fabeln und verschwand in einem Wald non heroischen Geschichten. Es gab damals zerknirschte Seelen, die alle Leiden des Reiches den Sünden des Volkes zuschrieben. Johanna hat, zumindest in ihren Anfängen, zu diesen Personen gehört. Indem sie sich manchmal als mystische Reformatorin bezeigte, behauptete sie, daß Jesus König des heiligen Franzosenreiches fei, König Carl fein Stellvertreter fei und das Reich nur in feiner „Obhut" hätte.
Sie äußerte Aussprüche, die zu dem Glauben Anlaß gaben, ihre Mission entspränge völlig der Liebe, der Barmherzigkeit und der Friedensliebe, wie etwa:
„Ich ward gesandt zum Tröste der Armen und Darbenden."
Die, wie es scheint, in Frankreich und in der Christenheit über- & recht zahlreichen Reformatoren glaubten zu wissen, daß die rau den Engländern und Franzosen eine mönchische Verfassung zu geben beabsichtige: „Engländer und Franzosen würden ein oder zwei Jahre ein graues Gewand mit darauf genähten kleinem Kreuze tragen; am Freitag werden sie nur Wasser und Brot zu sich nehmen, mit ihren Frauen in friedlichem Einvernehmen leben; sie geloben Gott, keinerlei Krieg zu machen, es sei denn zur Verteidigung ihres väterlichen Erbes."
Da während des Krönungsseldzuges von dem Uebereinkommen zwischen den Königsleuten und den Einwohnern von Auxerre nichts bekannt war, verbreitete man, daß die Stadt erstürmt worden sei und vierhundertfünszig Bürger hingemetzelt worden waren, desgleichen fünfzehnhundert Waffenleute, sowie Ritter und Knappen von Burgund und Savoyen. Man erfand ganze Ritterromane, zum Beispiel folgenden. Zweitausend Engländer umzingelten das Lager des Königs. Da ließ die Jungfrau den Hauptmann La Hire rufen und sagte zu ihm: „Du hast zu deiner Zeit sehr mutige Taten vollbracht, aber heute hat dich Gott vorbestimmt, eine noch hervorragendere zu liefern, als du jemals geleistet hast. Nimm deine Kriegsleute, geh zu jenem Wald; du wirst dort zweitausend bewaffnete Engländer finden, sie gefangen nehmen und töten." La Hire tat, wie ihm geheißen. Solcherart lauten die Märchen, die man zur Freude einfältiger und gewalttätiger Menschen erfand, denen die Vorstellung einer halsabschneiderischen Jungfrau, die Felsen zu spalten imstande war, gefiel.
Gerüchte waren verbreitet, daß der Herzog von Burgund besiegt und gefangen war, der Regent tot und die Armagnacs in Paris ein- zogen. Die Kapitulation von Troyes war gleichfalls in Wunder gehüllt. All das, was die plötzlich befreiten Bewohner von Orleans in ihrer Einfalt glaubten, was das Bettelvolk der Armagnacs und die Mönche des Dauphins herumerzählt hatten, wurde gierig gesammelt, ausgeschmückt und übertrieben. Drei Monate nach ihrer Ankunft in Chinon besaß Johanna bereits ihre lebendig blühende und recht verwirrte Legende, die sich auswärts, in Italien, in Flandern, in Deutschland verbreitete. Im Sommer des Jahres 1429 war diese Legende schon völlig gefunden. Die vertrauten Teile dessen, was das Evangelium der'Kindheit genannt werden kann, bestanden bereits. Mit sieben Jahren führte Johanna die Herde zur Weide; niemals näherten sich die Wölfc'ihren Lämmern. Vögel des Waldes kamen auf ihren Ruf, Brot aus ihrem Schoß zu essen. In ihr war die Macht, Böse zu bannen; unter dem Dache, unter dem sie ruhte, hatte niemand Betrug und Böswilligkeit der Menschen zu fürchten. Die Wunder, die Johannas Geburt begleiten, nehmen, wenn etwa ein lateinischer Dichter sie feiert, eine Art romantischer Majestät und etwas von den Wundern der Antike an. Und es ist ein seltsames Schauspiel, 1429 einen Humanisten die aufonischen Musen an die Wiege der Tochter Zabillet Rommees herbeirufen zu sehen. Man ging noch weiter; von der ersten Stunde an wollte man, daß die Wunder, die die Geburt Jesus verkündet hatten, sich anläßlich Johannas Erscheinen auf dieser Welt wieder erneuerten. Man erfand, daß sie in der Drei-Königs-Nacht geboren fei; die Hirten des Dorfes, von unsagbarer Freude, deren Ursache sie nicht kannten, bewegt, liefen fns Dunkel, um das unbekannte Wunder zu entdecken. Die Hähne, Herolde dieser neuen Glückseligkeit, ließen zu ungewohnter Stunde unerhörtes Krähen hören und schienen flügelschlagend zwei Stunden lang wahrzusagen. So ward dem Kinde in seiner Wiege die Anbetung der Hirten beschert.
Vieles hatte man von ihrer Ankunft in Frankreich zu erzählen. Man glaubte zu wissen, daß sie im Schlosse Chinon den König, den sie nie vorher gesehen, erkannt hatte, obwohl er sich in schmucklosen Gewändern unter der Menge der Edelleute verbarg. Man sagte, sie hätte dem König ein Zeichen gegeben und ihm ein Geheimnis offenbart, von ihm allein gekannt, das ihn mit himmlischer Freude erfüllte. Und über diese Zusammenkunft von Chinon, über die Augenzeugen kaum etwas zu Sagen hatten, waren Leute, die dort nicht anweSend waren, unerschöpflich im Erzählen. Am 7. Mai um 4 Uhr nachmittags fetzte sich eine weiße Taube auf das Banner der Jungfrau, und am nämlichen Tage sah man während des Angriffs zwei weihe Vögel auf ihre Schultern flattern. Heilige pflegen ja oft von Tauben Besuch zu erhalten.
Eine kleine Geschichte, die damals im Umlauf war, ist interessant im Hinblick auf die Vorftellung, die man sich über die Beziehungen des Königs zu der Jungfrau machte und als Beispiel für die Entstellungen eines Tatsachenberichtes, wenn er von Mund zu Mund geht. Als in irgendeiner Stadt die Jungfrau erfuhr, daß die Eng-


