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„3a, aber Mutter —*
»So geh du voraus uud bet' ei» paar Vaterunser für den säubern Vater", knurrte die Bäuerin. Dann schritt sie entschlossen auf den frisch aufgesetzten Laufen des neuen Schotterbelags zu und setzte sich so entschieden nieder, daß die Steine rechts und links herunterschossen wie Erbsen aus dem Sack.
Das Rikele warf noch einen Blick zurück, doch als auf der Straße nichts zu sehen >var außer einem Trüpplein Enten, das rätschend dahinwatschclre, da erwiderte es: „So sei's halt, wie du gesagt hast, und komm bald nach, Mutter. Es steht ein Wetter a>n Limmcl."
Die Mutter antwortete ihm nicht, und nun ging es mit schnellen Schritten seines Weges, als fürchtete es wahrhaftig die Wolken, die langsam gegen die Sonne vorrückten. Ehe es von der Landstraße abbog, sah es sich noch einmal um. Die Mutter hockte immer noch trotzig auf dem Steinhaufen, anzusehen wie ein schwarzes, böses Wegweiblein.
Da lief das Mädchen rasch über den Feldweg auf die Kirche zu, schoß an dein Anwesen des Verwalters vorüber, das sich hinter die weiße Kirchenwand duckte, und stand aufatmend unter dem niedrigen, dunklen Portal still. Die Grillen zirpten rings im Feld, die Luft zitterte iiber den rötlichen Sauerainpferstauden, die sich dicht an die Kirchenstufen herandrängten, und auf Rikeles Stirn glitzerte der Schweiß. " '
Auf einmal schrak es zusammen. Ein lautes Echo schallte aus der Kirche. Da hatte jemand gehustet. Lind nun tvarf es die Leder- ture auf und klemmte sich rasch hindurch ins goldfunkelnde Dämmerlicht des Gotteshauses, in dem ihm der Blick verging, so daß es eine Weile nichts sah als hüpfende goldene und purpurrote Lichter, die die wunderlichsten Kreise schlugen.
And wieder ein Lüsten, und dann lag das Rikele, wie von einem Wind hineingeweht, neben dem Franzsepp auf den Fliesen hinter dem steinernen Wundersarg des Leiligen auf den Knien, und sie stießen die Köpfe an den Sarkophag und beteten vorerst fleißig und gewissenhaft ein paar Sprüche.
Ein Seufzer, das Mädchen ließ sich aufatmend auf die Fersen zurückfallen, und vorsichtig legte der Franzsepp den Arm um seine schultern. So hockten sie eine Weile stumm, regungslos im Schatten des Steinsarges in der menschenleeren Kirche. Durch die aufgestoßenen Scheiben der bunten Fenster drang das Zirpen der Grillen, eine Brummfliege tanzte an ihren Stirnen vorbei, daß sie aufichreckend die Köpfe aneinanderschlugen, sonst kein Laut als der scheue Ateni des Mädchens. Der Franzsepp hustete nicht mehr.
„Geh jetzt, die Mutter ist unterwegs", flüsterte das Rikele endlich und schob die Land des Burschen zärtlich von der runden Schulter.
„Die hat wohl noch Zeit, wenn sie auf den Vater wartet", lachte er in ihr heißes Ohr und wich nicht von ihr weg.
„Franzsepp", stieß sie zornig hervor und fuhr in die Löhe. I Dabei stieß sie an die Messingkronen, die auf der Sargplatte lagen, und eine kam klirrend auf die Fliesen herabgescvossen, wo sie der Franzsepp auffing. Scheu legte er sie ivieder hin, das Lerz schlug ihnen laut, als hätten sie ein Sakrileg begangen. And als müßte sich das bestätigen, erlosch plötzlich der goldene Lichtschein. Zwiespältiges, fahles Licht fiel in die Kirche, und ein dumpfer Donner lief über sie hin.
„Jesus-Marei," stotterte das Rikele und drückte sich hinter den I Stem. I
And jetzt ein Blitz, hell und lodernd, ein Schlag danach, daß die Glocke im wurm ein Wimmern hören ließ, und dann fuhr der Franz- I M ", panischem Schrecken von den Knien empor und stürzte zur ! Dure. Es war ihnr, als hätte der Leilige int Blitzfeuer den Sarg- I deckel gesprengt und das krumme Rebmesser nack ihm gezückt. | Kaum vermochte er die Tür zu finden, ein Wirbel von Regen und Schlägen schlug ihm entgegen, uird als er endlich das Freie erreichte und an der weißen Kirchenwatid entlang sich ins Feld schob, da blendete ihn plötzlich ein zweiter Blitz, und im farbigen Licht sah er ! etivas Schwarzes auf sich zutorkeln, mit fürchterlich brüllender I Stimme: das war der Leibhaftige selbst! |
Aber da packte ihn das Entsetzen an seinem Couragezipfel. I „O du ^atanskaib, du bekommst mich nicht so wohlfeil", schrie er ! ms brauende Wetter mtd schlug auf den Anhold ein, der ihn wild I anrannte und mit feurigen Armen nach ihm griff. Er stank nach i Sprit und Schwefel. Aber der Franzsepp hatte ihn am Losenbund I erwacht und trommelte ihm auf Schultern und Schädel, daß er I ichnarchte und rülpste und alle viere streckend in die Lache schoß I öte der Regensturm ihnen in den Weg geschüttet hatte. Roch I einmal zuckte der Gebändigte mit dem Fuße und traf den Franzsepp I UN das Schienbein, daß diesem der Schmerz von dem Pferdefußtritt I des Leibhaftigen jchier das Lerz abfließ. |
• - ™ 5?uiite der Bursche, das getroffene Bein schleifend, davon, ms Wetter hinein, guerfeldein dem Städtchen zu. Anterwegs schrie ! ihm eine zeternde, kreischende Stimme, die irgendwo am Wegrand | ihren Arwrung nahm, ein paar unverständliche Worte nach. Das ! war die Stimme der Bäuerin, sagte er sich, aber er hatte am Satanas genug, nach einem Tanz mit der, die dessen Großmutter gleichkam, I gehiifctc ifm nicht, und er ruhte erst, als er triefend naß und atemlos m der „ L-oldenen Kanone" Anterstand fand. Beim zweiten Schoppen | alten wurde ihm Wohler, und er schämte sieh seiner schwachen Stunde. I aber der teufet, der und fein anderer war's gewesen, darauf hätte r
Echrsstleitung: Or. Friede. Wilh. Lange. - Druck und Verlag der Brühl'fchen Äniv.-Buch- und Steindruckerei. A. Lange, Gießen.
er Ovattengift genommen. Beim dritten Schoppen packte ihn das weinende Elend, und der Bock stieß ihn, als er sich des verlassenen, dem Zorn des Leiligen und den Pratzen des vor dem heiligen Ort lauernden Gottseibeiuns preisgegebenen Mädchens erinnerte. Auf em»»» erhob er sich von der Bank, zog die Losen hinauf und murmelte: I »Ach hol s, und wenn mir der Lindere mein bestes Bein ausreißt." > w ®<L8 sich talabwärts gewälzt, die Sonne stach
schon durch den Dunst, und unter den Platanen der Landstraße tanzten die Schnaken. 1
Der Franzsepp war noch nicht tausend Schritt gegangen, da I mH er drei Menschen, d,e ihm entgegenkamen, und die e» alsbald I erkannte. Der Forlenbauer in der Mitte, rechts die Bäuerin, links I k Asi'ele, so kamen sie geschloffen. Mutter und Tochter hielten den Bauern, der kaum noch einen Schnaufer int Leib hatte.
an l)atte den Franzsepp erblickt und ließ erschreckt den
j Leiter los. Alsbald knickte der Lilslose auf den nächsten Schotter- I yausen meder, daß die Steine unter ihm hervorpraffelten wie Erbsen | aus dem Sack.
Die Mutter aber zeterte: „Du rahendummes Tuch, kannst du demen Vater nicht am Fittich halten? Sei froh, daß er noch am Leben ist nach der Attacke." Da erblickte sie den Franzsepp und fuhr i auf ihn los: „Kommst du auch ivieder, du malproprer Fink?" I . Der Franzsepp wollte tun, als käme er überhaupt zum erstenmal I des Weges, aber da erzählte sie ihm, daß er im Wetter an ihr vorbeigeschossen sei, dort drüben, wo der Feldweg laufe, toll und blind I wie ent verschupftes Luhn.
I Plötzlich aber hob der Bauer den Kopf und stöhnte:
„Ein Mirakel hat uns der Pfarr nachtrompetet, jetzt ist's, mein' Seel, so geschehen, um ein Laar, und der Teufel hätt' mich am Zinken I gehabt.
j , Sein Rausch war verflogen, er schlotterte. Das rechte Auge I >ag versteckt unter dem blaugeschwollenen Lid, auf seiner beschmutzten I Lemdbrust waren Blutflecken.
I Die Bäuerin fuhr fort: „Ja, hart an der Kirchentür hat er ihn u°ch schier erwischt, der ..., und wenn's Rikele ihm nicht 's geweihte Wasser aufgespriht hält', hernach wär' dem Vater das Gesicht im j Gemck stehengeblieben. — Glaubst du's am End nicht, daß du so I eine saudumme Visage machst?" schrie sie den Franzsepp an.
Da entgegnete dieser, indem er sich das wundgetretene Schien- bem an der andern Wade rieb: „Nicht glauben! Er ist mir doch I selber aus dem Buckel gesessen, der Morximichel, der ...
I And das Rikele stieß einen Schrei aus und suchte den Rosen- I kranz ttn Sack seines roten Anterrocks; der Bauer rutschte unruhig aus dem kantigen Schotter hin und her und stöhnte: „Dasmal hat
I er schon gespuckt und gestunken und das wegen zwei Liter Alten und I drei Gläsle Zwetschenwasser. Nundefudder, da hat einem der Pfaff | und s Wehkreuz schier den Löllenbrand aufmirakuliert!"
„Du hast ihn gesehen, Franzsepp?" fragte die Bäuerin, die ganz I gelb geworden war, und der Franzsepp nickte eifrig. And dann ergänzten der Bauer und der Knecht gegcnfeitig ihre Mitteilungen I über den Anhold, der hmter dem fäumigen Sünder dreingefahren war mit Blitz und Donnerschlag und ihn hart an der Kirchentür noch erwljcht hatte.
Die Bäuerin hatte den Bauer an der Kirchentür gefunden, als sie vor dem Wetter hingeflüchtet war. Das Rikele hockte bei ihm, und dann hatten sie ihn hineingeschleppt, und er hatte dem Leiligen gelobt, was ihm in den Sinn gekommen war und seine Frau ihm ms Oyr geblasen hatte.
! Jetzt löste der Franzsepp das Rikele ab, und sie brachten den Sünder glücklich in die „Goldene Kanone". Trübselig wärmte er dss Lände an einer Kachel Kaffee und ließ sein blaues Auge mit Fenchelwasser befeuchten. Der Teufel hatte ihn fast zu Brei ge- droscyen. Kleinlaut fchirrte der Knecht den Gaul ein. Er wußte mcht recht, ob sie ihrer zwei oder drei gewesen waren in der Schlacht vor der Kirchentür: er und der Bauer oder — ihm grauste halb — er, der Bauer und der ff-j-.
.Das Rikele stieß ihn bei der Leimfahrt heimlich in die Seite und rieb fernen Krauselkopf an seinem Aermel, als sie durch den dunklen Tannenwald fuhren. Da rückte er unruhig auf seinem Sitz, und als der Mond aufging und in den Föhren der Nachtkauz lachte, fing er an mit der Geißel zu knallen, daß das ganze Tal widerhallte und der Gaul die Ohren an den Kopf legte. Im Geißenaalopp erreichten sie das Dorf.
Am andern Morgen ging die Bäuerin zur Beichte. Am Tage darauf das Rikele. Der Vater besann sich drei Tage und der Franzsepp vier. And dann wußte der Pfarrer mehr als jeder von ihnen und alle zusammen und freute sich des witzigen Zufalls und des wundertätigen Leiligen.
Das Saufen hat der Bauer freilich nicht lange gelassen und die Bäuerin das Keifen gar nicht, aber wenn der Zank bis auf einen gewissen Punkt gelangt war, wurden sie auf einmal kleinlaut, und $a9e. war Frieden. Gegen den Franzfepp haben sie sich noch bis Martini gefperrt, aber das Rikele regierte den Burschen und die Alten, und so erging am Jinstag das Aufgebot.
Als sich die Brautleute bei dem Pfarrer bedankten, sagte dieser ernsthaft: „Lastet gute Wirtschaft miteinand' und bedenket: der -Teufel steht hinter jedem." Da fror den Franzsepp im Nacken, und das Rikele, das dumme Rikele, kicherte und schluckte, als wär das ein besonderer Spaß.
Von deni Wunder aber sprach keines mehr, der Mund war allen versiegelt worden im Beichtstichl.


