Ausgabe 
19.6.1926
 
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Eichener jamilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang |926 Samstag, -en Juni Kummer V

An das Herz.

Don Gottfried Keller.

Willst du nicht dich schließen, Herz, du offnes Haus!

Worin Freund und Feinde Gehen ein und aus?

Schau, wie sie verletzen Dir das Hausrecht stets! Fühllos auf und nieder, Polternd, lärmend geht's.

Keiner putzt die Schuhe, Keiner sieht sich um, Staubig brechen alle Dir ins Heiligtum:

Trinken aus den goldnen Kelchen des Altars, Schänden Müh und Segen Dir des ganzen Jahrs:

Werfen die Penaten Wild vom Herde dir. Pflanzen drauf mit Prahlen Ihr entfärbt Panier.

Lind wenn zu verwüsten Nichts sie finden mehr, Lassen sie im Scheiden, Dich, mein Herz, so leer!

Dein: und wenn nun alles Still und tot in dir, O, noch halt dich offen, Offen für und für!

Latz die Sonne scheinen Heih in dich herein, Stürme dich durchfahren -Und den Wetterschein!

Wenn durch deine 'Kammern So die Windsbraut zieht, Latz dein Glöcklein stürmen, Schallen Lied um Lied!

Denn noch kann's geschehen, Dah auf irrer Flucht Eine treue Seele Bei dir Obdach sucht!

Dsn Pedro MNd serrr Henker.

Eiire Geschichte aus dem amerikanischen Hinterwald, frei nach dem Anglo-Amerikanischen, von Friedrich A. W y N e k e n.

Die beiden Freunde Jim und Elarenee trafen sich in einem der vielen einstratzigen Städtchen von Neu-Wexiko wieder, dessen paar Häuser schlecht und recht aus Adobe und Holz erbaut sind. Sie hatten in der amerikanischen Armee auf den Philippinen! zusammen gedient und in der Waldwildnis von Mindanao einen Bund fürs Leben geschlossen. Als daher Clarence unerwartet in dem recht primitiv ausgestattetenBureau" seines Freundes erschien, begrüßte ihn der letztere, als ob sich die beiden niemals getrennt hätten.

Hallo, old boy", rief Jim.Willst du meine Stellung als Sheriff dieses gottverlassenen Westes haben? Sie liegt auf dem Präsentierteller für dich bereit. Ich muh morgen einen Mann aufknüpfen."

Wohl dich selbst, wie es scheint?" fragte Clarence.

Noch nicht, aber wahrscheinlich bald," war die Antwort.

Es handelt sich vorläufig um einen anderen Hombre, wie wir Kastilianer sagen."

And ist es das erstemal, daß du dich mit solchen Kleinig­keiten abgibst?"

And wird sicherlich das letzte bleiben," ergänzte der Sheriff. Ich würde lieber einen Strick dekorieren als operieren: das kannst du mir glauben."

Wie kommst du denn eigentlich hierher?" fragte Clarence nach einer Pause beiderseitigen NachderMrs.

Nun, ich bin hier sozusagen gelandet, und da gerade das Amt deS Sheriffs frei war, nahm ich es an und blieb hier. And was führt dich her?"

Mangel an Stellungsüberfluß," entgegnete Clarence.Mein Geld wird alle und ich finde nichts zu tun."

Ich trete dir mit Vergnügen meine Stellung ab aber heute schon."

.Anter den Amständen muß ich mich bedanken."

Während die beiden Freunde noch Zigaretten rauchten, und von der gemeinsamen Vergangenheit plauderten, brach der Abend herein. Sie gingen aus, aßen in einem chinesischen Nestaurant und lehrten wieder in Jims Bureau zurück. Gegen zehn Ahr zog der Sheriff Karten aus einer Schublade hervor, und die beiden spielten, Poker, bis sich der einförmig wechselnden Ge­winne und Verluste wegen die Notwendigkeit des notorischen dritten Mannes" herausstellte.

Ob wohl Pedro mitmachen möchte?" fragte Lim endlich.

Der dritte Mann ist immer willkommen," entgegnete Cla­rence:selbst wenn er, wie aus dem Namen hervorgeht, ein Mexikaner ist. Aebrigens, wer ist denn der Herr?"

Ein armer Teufel, den ich hier hinter Schloß und Aisgel festhalte. Gr kann Poker spielen, obwohl es mit seinem Englisch recht schwach bestellt ist."

Na," rief Clarence,dann produziere den Jüngling doch. Wird etwas Abwechslung in die Sache bringen."

Also, komm mit."

Clären« folgte dem Sheriff in den engen Gefängniskorridor. an dessen Ende ein trübe flackerndes Licht durch daS eiserne Gitter einer Zelle strömte, in der ein Mann auf einem kleinen Bette sah. Als die beiden Freunde bei ihm eintraten, legte der Gefangene den abgegriffenen Rosenkranz aus der Hand und blickte sie mit ruhig fragenden; Lächeln an.

Das Licht der auf dem kleinen Tisch stehenden Kerze schien ihm voll ins Gesicht, und Clarence glaubte, niemals vorher eine so gutmütige mexikanische Visage gesehen zu haben. Die Züge des Gefangenen waren unregelmäßig und auffallend unschön, doch! ruhte auf ihnen eine gewisse ruhige Vornehmheit. Aus den großen braunen Augen leuchtete die Sanftmut eines Kindes. Er war frisch rasiert und trug das wellige Haar aus der nicht eben hohen Stirne emporgekänunt. Seine Kleidung bestand aus einem Paar schwarzen Hosen und einem ärmellosen Hemd. Die Anne des Mannes waren unwahrscheinlich muskulös und dabei von einer klassischen Schönheit, wie sie die beiden Freunds in einem östlichen Museum an drei zu einer Marmorgruppe vereinigten unbekleideten Burschen beobachtet hatten, die sich vergeblich bemühten, eine riesige Schlange von ihren respektiven Körpern zu entfernen und dabei recht erbärmliche Gesich!ier schnitten. Außerdem besah dieser sanftäugige rosenkraiizzupfsnde! Mexikaner ein Paar Schultern und einen Brustkasten, die dem Prizeboxer Lack Johnson keine Schande gemacht hätten.

Als der Mann sich erhob und auf den bloßen Füßen neben dem Bett stand, bewunderte Clarence die sechs Fuß massiver, ebenmäßig gebauter Menschlichkeit. Der Gefangene war halb Baqui-Indianer und deshalb so hoch geraten.

Pete," sagte Lim,wir beiden spielen Poker, um die Zeit umzubringen: möchtest du gern mitmachen?"

Ein knabenhaftes Läch!sln huschte über die bronzefarbenerr Züge des Mexikaners, der als solcher die Leidenschaft zum Glückspiel schon mit der Muttermilch eingesogen hatte.

Si, Jim, ich spiele mit, entgegnete er, griff unter das Kopfkissen und zog dort einen kleinen Deutel hervor, der mit Gold- und Silbermünzen gefüllt war.

Auf dem Wege nach dem Bureau des Sheriffs wurde Ela- renec von einem Gefühl des Anbchagens überfallen. Denn dieser Niese hätte die beiden Freunde mit den bloßen Händen töten können: er schien aber nichts dergleichen im Sinn zu haben. Augenblicklich war der letztere einzig und allein auf das Poker­spiel gerichtet, das sich denn wenige Augenblicke später in dem Bureau in vollster Glorie entwickelte, und zwar zu Gimsten Pedros, obwohl er wie ein sechsjähriger Schmlknabe spielte.

Nach Verlauf einer Stunde begann Lim zu gähnen. Der Mexikaner hatte infolge seines wahrhaft lächerlichen Glücks keineswegs die erhoffte Abwechslung in die Partie gebracht.

Lassen wir die Sache heute ruhen. Ich bin müde, und der Anterfchied zwischen, dem König und dem Buben fängt an,