~ 22
kocht, schmeckt nach unseren Begriffen faö« und schal, eigentlich nach gar nichts. Ganz ebenso tote der grüne Tee. Ich schrie denn auch stets sofort nach „Sato'*, nach Zucker, uni das wenig leckere Mahl ein wenig zu würzen, aß das als Mehlspeise, ah mich aber in drei Monaten derart daran ab, daß ich den fürchterlichen Äeistopf nicht nrehr sehen konnte. And war dennoch nach drei Monaten Aufenthalts in Rippon wieder einzig und allein auf ihn angewiesen. Denn was man sonst mir auf dein japanischeni Segler', der mich in dreiwöchiger Reise anderen Gestaden zuführte, anzubieten hatte: rohe und getrocknete, abscheulich duftende Fische, Latos- und Klettenwurzeln, gepreßtes Seegras, das war alles noch viel weniger appetitreizend. Wenn ich nicht meinen: Reis gehabt hätte, ich wäre unweigerlich verhungert auf der langen Fahrt.
Roch vieles andere hängt in Zapan mit dem Reisbau zu- sammen: Die Sandalen, die uns beim Eintreten in das Haris ungezogen werden, sind aus Reisstroh gefertigt; ebenso die Matte, auf die wir uns setzen; der Besen, der das Zimmer kehrt; der Strohhut des Bauern; das Papier, auf dem man uns die ellenlange, aber doch so selten hohe Rechnung präsen- tiert, auf das sonst so bunte und lustige Dinge gemalt werden. Die Bedeutung des aus Llbfällen hergestellten Reismehles für die Viehzucht ist bekannt; in seinem Rührwerk soll es dem Hafer gleichkommen. Auch das japanische Rationalgetränk, der etwas schwere Sake, der mir bei meinen einsamen und kümmerlichen Reismahlzeiten wieder Freude und die Hoffnung auf eine bessere Zukunft ins Geblüt zauberte, ist aus Reis bereitet.
Eine Einkehr, ein Uebernachten in irgendeinem kleinen Reisbauerndorfe ist jedem Besucher Japans nur anzuraten. Er findet hier einen Ausschnitt aus Altjapan, eine Welt, viel echter, wahrer und anziehender als etwa in Tokio oder den Hafenstädten. Hier haben die Leute noch etwas Vornehmes im Wesen, das da aus der alten guten Zeit noch stammt, wo der Ackerbauer noch geehrt war, dem Kaufmann und den: Handwerker voranging. Liegt das Dorf vollends weit ab von der großen Straße, so geben sich die Menschen ganz, tote sie es von jeher gewohnt waren. Rian kann da manchmal noch heute Rachbar und Rachbarin behaglich in ihrer hölzernen dampfenden Badewaime vor ihrem Häuschen sitzen und einen gemütlichen Abendplausch abhalten sehen.
Doch früh wird es siill im Dörflein. Kühl und weich geht die Rachtluft durch Holzwerk und Papierwände, erfrischt die Schlafende:, von ihrem heißen Tagwerke. Schwarz und schweigend spannt sich der Torbogen des ländlichen Holztempels über den schmalen Weg. Ein Mondstrahl huscht flüchtig darüber hin. Die Zikaden singen und um die träumende Hütte ist ein Flüstern im Winde. Wie ein froher Schauer nahender Reisernte, wie ein Segensgrüß rauscht cs leise über das Feld...
(Bebulb.
Betrachtungen zur Zeit.
Von Friedrich Freksa.
Aus dem Altertum wird uns die tiefsinnige Sage von Antäos überliefert, dem Riesen, der neue Kräfte gewann, wenn er, niedergeworsen im Ringkampfe, mit den Schultern die mütterliche Erde berührte.
Niederlage leiht dem Besiegten Kraft. Er muh sich auf das besinnen, was ihn stark macht, er muh vergessen, mir dem zu leben, was ihm Wohltat.
Immer haben wir bei besiegten- Völkern die doppelte Richtung der Geister und Seelen gesehen, die sich scheiden. Immer wurde von den einen über Gräbern getanzt, während die anderen: in der Mitternachtsstille über den Sinn des Lebens nachdachten.
Erneuerung ward immer geboren zwischen Zynismus und Frömmigkeit.
Wir Deutschen sind zum großen Volke emporgewachsen, weil wir schmal in einem kargen Lande leben und durch- Schweiß- opfer die Mutter Erde gnädig stimmen muhten.
Die Gebärde des reichen Mannes stand uns schlecht an. wie einem jeden, der über Nacht reich wird. Eilfertige Hast ward das Charakterzeichen eines jeden Deutschen.
Grohmachtstellung ward von den Preußen in einhundert- fünfzigjährigen Kämpfen erworben. Die alten 'Weltmächte hatten für das 'Dachstun, aus der Grohmachtstellung zur Weltmacht- stellung ein Vierteljahrtausend gebraucht. Wir Deutschen meinten, in der Dampfhitze des Zeitalters der Maschinen, des Verkehrs, der Telegraphen, könne das natürliche Wachstum gesteigert werden wie die Lebenskraft der Pflanze im Treibhaus.
Als wir noch ein ackerbauendes Volk waren, galten wir als das geduldigste Volk dieser Erde. Ein Wachsen im Garten oder im Felde zu erleben, macht geduldig und fromm.
Der fromme Mensch weiß, daß nicht sein Ich bestimmend ist für Werden und Wirken, er fühlt sich als den Vollzieher einer höheren Gewalt.
Gin Wachsen KU «rieben, ohne rwMiW «ti Veit MÄMß Trieben zu rühren, fordert Geduld.
Der große Krieg hat Lausende dies« echte SoldatWMgOG getehrt; jeder, der mit draußen an der Front war, weiß, daß neun Zehntel der Zeit gewartet wurde, und daß das Wartejni schwerer ist als das Handeln.
Es gilt, die Fundamente neu aufzubauen. Wir müssen warten, ehe wir das Haus ans dem 'Boden wachsen sehen,
'Was ist ein Menschenalter für ein Voll? Ein Tag des Geschehens! Aber er wird ein starker Tag des Segens getosten sein, wenn jede Stunde mit Arbeit und Geduld erfüllt m
Wie Christen eine Frnu gewinnt.
Von Jeremias Gvtthelf ^.
(Schluß.)
Es war ein böses Fahren bis zum „Bären", der eng« Weg vollgepfropft von Menschen, Vieh inte Wagen, Christens Rotz wild und ungeduldig, die Wirtin des Fahrens ungewohnt, ängstlich und alle Augenblicke einen Schrei oder wenigstens einen Seufzer lassend. Ms sie endlich beim „Bären" glüÄich landeten, konnte eS einem Schiffbrüchigen, der, auf schmalem Brette auf den Meereswogen treibend, endlich durch die Gnade Gottes ans feste älfer getrieben wurde, nicht anders zumute sein, als es der Wirtin war. Recht wäre es ihnen geschehen, wenn sie Arme und Beine gebrochen hätten, so zu fahren, sei Gott versucht; sei sie aber einmal glücklich wieder da weg, so bringe sie kein Mensch mehr so an einen Ort, und wenn ein Bauernhof davon abhinge, geschweige denn nur ko ein paar Ketzere von Kühersäulene mit geringleten Schwänzchen, sagte sie. Sie fanden sich nicht einmal auf dem Säumärit, obgleist sie ihn zweimal auf- und abgingen, in alle Bütten ihre Augen warfen, alle FL rech (Behälter) die Musterung passieren ließen. Mehr als einmal sagte Christen, er glaube, das seien sie. Sowie Christen das sagte, sah die Mutter nach dem Kühermädchen; wenn dann ein alter Schweinehändler oder Küher dabeistand, so wohlete es ihr, und mit Begierde sah sie nach den geringelten Schwänzchen. „Aber, Christen," sagte sie dann, „was hast du auch gesehen, du verstehst dich doch auch hell nichts aus die Sän.^ich schäme mich fast deiner. Sieh doch: nur, was das für verrebelte, verraxete Tierchen sind und eine schlechte Art haben! Gesprengt hast du mich, umsonst versäumen wir einen Tag und haben Kosten, ich hülfe fort. „Mutter," sagte dann Christen, „die sind es nicht, wo ich gesehen, aber ich hulf noch besser sehen, oder vielleicht daß sie dieselben unterdessen verkauft haben. Wenn wir sie nicht finden, so ists mir recht, fort, aber zuerst wollen- wir doch noch was essen. Es wird dich auch wunder nehmen, wie sie auftoarten an einem andern Ort, und was sie für Sterten« machen." „Hast recht," sagte die Mutter, „es nimmt mich wunder; wenn wir nur Platz finden!" „Häb nit Kummer!" sagte Christen, „am Ordinärst), wo unser Gattig hingehen, ist immer Platz; in den Gaststuben, da würde es schwer sein, unterzukommen." „Mira," sagte die Mutter, „aber Lang bleiben will ich nicht, und mit mir heim mußt du. ich dürfte nicht alleine fahren. Du kannst dich darnach rangieren." „Das versteht sich öppe," sagte Christen, dAN es mm doch angst zu machen begann, tote er die Bekanntschaft einleiten sollte zwischen der Mutter und dsSunnebure, und er wurde fast reuig, daß er die Mutter nicht eingetoeiht in den Handel, sondern hinter ihrem Rücken manöveriert hatte tote sie hinter dem feurigen. Er wußte wohl, daß seine Manöver ihr nicht recht gewesen wären, und gerne vMnied er, Wenns tunlich, den Widerspruch; das Ziel, das wußte er, war ihr erwünscht, und tote herrlich bann, wenn er unerwartet: daran stand und sagen konnte: „Lue, Mutter!" und diese bann sagte: „Du Donnstigs Bub du, du bist doch immer der nütznutzigste Kerlst jatoolle, was du bist!"
Es war daher Christen merklich nicht recht wohl, als sie dem „Bären" zugingen, und Operationsplan konnte er keinen entwerfen, denn er wußte nicht, wo er dsSunnebure an treffe, ob sie nach ihm oder vor ihm kommen. Langsam ging er hinter bei Mutter die Treppe auf der großen Kammer zu, in welcher das Ordinäri serviert wurde. Brauch ist es, daß man bei solchen Gelegenheiten unter der Türe steht und rekognosziert, einigemal den Kopf hineinsteckt und wieder hinauszieht, ehe man hineingeht. So tat natürlich auch die Mutter, und über ihren Kopf weg sah Christen dsSunneburen bereits drinnen und der Platz neben ihnen noch leer. „Wer ist das?" fragte die Wirtin, indem sie den Kopf zurückzog. „Weiß es nicht," sagte Christen, „aber es nimmt mich selbsten wunder, mit dem Meitschi habe ich schon getanzt, will doch fragen.“ .Unbegreiflich schnell kam er mit dem Bescheid zurück, es seien bsSunnebure da oben im Tal. „Donnstig," Tagte die
*) Das Ordinäri ist eine ordentliche Mahlzeit, an welche die Magnaten sich setzen; dös Volk setzt sich in die Gaststube, wo jeder befiehlt, was er will: Suppe, Fleisch ustv. er speist gleichsam st la carte.


