Ausgabe 
19.1.1926
 
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Gießener Milienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang (926 Dienstag, öen P. Januar Kummer 6

SchMfal.

Bon Waldemar Bsnssls.

Ihr hundertfach geriebenen Gestalten in meiner Brust, wer unter euch bin ich? 'Wes find die Kräfte, die euch siegreich halten, wes ist das Reich, in dem sie sich entfalten? und welche unter euch befriedigt mich? - Kaum 6ingegeben an ein schönes Bild der Leidenschaft und der sntzückten Sinne, tprtfb dieses Herz in Gram und Zweifel inne, daß kein Brstammr seine Inbrunst stillt. Wer sorgte so, daß er sich selbst entrinne, so von sich selbst und seinem Wert erfüllt!?

Das Brot des Japaners.

Don Walter v. R m m m e l.

Ein großer Teil der Menschheit rennt unser Getreide nicht oder kaum, nährt sich in der Hauptsache von RM. Wer vorn Guroha auf dem Seewege nach dem Lande der feuerrot ausgehen­den Sonne fährt, kommt, bevor er Japan erreicht, bereits an manchen ReiAändeni vorbei, an Ceylon, Jnbieu, China. Wer aber von den heißen Ebenen Kaliforniens aufgebrochen ist, be­gegnet dem Reisbau in Japan zum ersten Male. Er ist erstaunt und freudig überrascht von dem grünen EinheitKton, den er er­blickt. Wie wohl tut das dem Auge, das noch vom scharfen See­wind schmerzt. Weit dehnt sich das grüngrüne Land. In frohes Wachstum gebettet, liegt ab und zu ein Bauerndorf. Graubraun wie aufgerissenes Erdreich und morsche, trockene Baumrinde ficht es.aus der Ferne sich an, ist ganz aus der Landschaft her- ausgeboren. Da ist kein grelles Weiß, kein hartes Rot, keine üble, giftige Anstreichsiirbe, kein einziger störender Ton.

Das satteste und saftigste Grün leuchtet immer dort auf, wo das Brot des Landes reift, ir® ein Reisfeld steht. .And wenn gar die sinkende Sonne einen warmen, feuchten Goldglanz über das im Abenvwinde hin und her wogende Aehrenmeer legt, so ersteht ein Bild, so schön, daß feinor es vergißt, der es ein­mal geschan. Dieses sein Brot, seinen Reis, verdient sich der Japaner buchstäblich int Schweiße seines Angesichtes. Auch unser Korn will schon gesät und geerntet leim Aber trotz aller Mühe, die «s verlangt, es erfordert doch bei weitem nicht die lange Sorge, die schwere Kleinarbeit, diese Art alleriifteiffivsten Be­triebes, wie sie der jspaMche Reis für Anbau und weitere! Behandlung erheischt.

Ein Skdseeinsulaner, ein Malaie, auch noch der Sagalc der Philippinen, der sich ein Reisfeld anlegen will, der macht es sich leicht. Er ruft seine Frau und befiehlt ihr, das Reiskorn in irgen-bemcit Sunchf zu stecken. Im übrigen läßt er dem Herrgott vollkommen freies Spiet. And die Suche glückt auch meist. Dank zweier mächtiger DmrdesgomHsen, der großen Hitze der Tropen urib der beim Monsumvechfel regelmäßig einfetzencken ergiebigen Regenzeit.

. Solch günstige Vorbedingungen sind in Japan nicht gegeben.

Ein halber Gärtner muß der Reisbauer des Jnselreiches sein. Sorgfältig und des langen bereitet er seine Beete vor, in die. er die jitngait PflanzLN seht. Eng und dicht gedrängt stehen die winzigen Triebe da nebetiLinauder. Erft einen Monat später, wenn sie büschelförmige Größe erreicht haben, werben sie dem großen und eigonttichru Felde anvertraut. Aber auch hier gilt es noch, ständig nachzusehen. Die Siittgiing darf nicht vergessen! Werden, das Llmraut will gejätet sein. In ewiger Rässe, oft in fußhohem Wasser stehend, hat der .japanische Landmamr seine schwere Arbeit zu verrichten. Er darf auch nicht etwa daran denken, dieses leidige Wasser zu entfernen, muß im Gegenteil, woes nicht vorhanden, es hervorzuzaubern verstehen.' Denn! Wasser, Lledevfluß an Wasser, ist die allererste Vorbedingung für das Gedeihen jeder Reisfrucht. Der Sumpfbodsn ist ihre Heimat.

Da in Japan meist feste und trockene Erde von Natur aus gegeben ist, muß der Sumpf erst künstlich geschaffen werden. Im nilgemeinen meiht es ja der Himmel gut mit der Landwirtschaft.

die sich unter feinem Zelte angesiedelt hat. Er öffnet, besonders in den Monaten Juli, August und September Wochen- und monatelang seine Schleusen derartig, daß der sommerliche deutsch- österreichische Alpenhimmel dagegen fast trocken erscheint. Den­noch genügen selbst diese wolkenbruchürtigen Sintfluten noch lange nicht, find vor allem dort unsiwLicheud, wo, wie das in, Japan sehr "Häufig der Fall, abschüssiges Gelände vorhanden ist. Da heißt es -mit Dämmen, mit steingefülltsn Dambusgeflechten und anderen Stauvorrichtungen das kostbare Raß einzufangen! und nicht allzusehr zum lieben Nachbarn entrinnen zu lassen. Selbstredend müssen auch die Wasserläufe des Landes zur reich­lich«» Durchtränkung und ständigen Aeberschwemmung des Bo­dens hsraAgWPSen werden. Oben auf den Höben wo leiste Flusse mchr find, baut man den Vergreis,. der auch ohne Wasser gebetet und viel weniger Wärme verlangt, auch in 6er Hälfte der Zeit, in drei bis vier Monaten, schnittreif wird. Er steht freilich dem Reis der Ebene sowohl an Güte wie DeichhatligMl des Ertrages sehr nach.

.Ungefähr die Hälfte der japanischen Erde ist in Kultur genommen, während die andere Hälfte zumeist aus weitem Wald- land sich zusammenietzt. Bon diesem bebauten Boden ist toteberum wohl gut die Hälfte mit Reis bepflanzt, auf der anderen werdest Gerste und Hirse, Tee, Indigo, Tabak und Baumwvlle gezogen. Än der Hauptsache aber gibt das grüne Reisfeld dem in Kultur genommenen Lande, besonders den langgestreckten Ebenen zwischen Bergen und See sein eigenartiges Gepräge. Die Sonnengöitin ihr ist der Ackerbau heilig hält darüber segnend die Hand. Geduldig harren die niederen Halme ihrer Reife entgegen, Heben sich nur langsam empor, strecken sich,ganz wie die Söhne des Landes nicht allzusehr in die Länge und Höhe empor. Wenn das japanische Reisgras 70 bis 80 Zentimeter erreicht hat ist es bald ausgewachsen und beginnt sich golden zu färben. Weben die feinen fitfeergrauen Rebel am Rande der Flüffe, über den Mooren und Moosen am Fuße des Fujitzama, zieht der Ahorn an den Derghängen sein feuerrotes Herbstfeiergewand an, baust klingt bell die Sichel dura- das Land. Garbe um Garbe, mühsam mit langem Wasser geschnitten, von Hand und Arm sorglich ausgenommen und davongetragen, schichtet sich langsam enrpor. Ein einziges großes Erntefest, Taufende, Hunderttausende ooit Menschen sind emsig am Werke. Weist leuchten die Kopftücher, bunt die Kleider der Mädchen und Frauen, gelb die große« kreisrunden Strohhüte der Männer, die es sich sonst leicht machen, die Kittel abwerfen «nd -nackt herum laufen wie leibhaftige Malaien. Biel, viel gibt es zu tun: Das Abriffeln der Achrrn, das Dreschen mit dem kolbenartigen feststehenden Dreschflegel in 5en kleineren Betrieben, mit der Maschine in den größere^ Wirtschaften, die Verpachtung deS Kornes auf den immer nur zweirädrigen Karren, das Reinigen der Frucht, das Mahlen mit den primitiven Hand- oder Fuhmiihien. Alle Kräfte, 6$e nut- irgendwie zur Verfügung stehen, find voll beschäftigt.

Gewaltige Mengen von Reis werden erzeugt. Eine einzige Aehre birgt manchmal bis zu hundert Körnern und der Jahres- ertrag der Gefamternte beläuft sich auf ungefähr vier MilliwW, Toi,ne». Trotzdem bleibt für die Ausfuhr nicht allzuviel übrig. Dem» Reis in maunigfacher und verschiedenster Aufmachung, fehif ebensowenig wie der Fisch jemals auf dem Tisch.

Bald nach der Ernte ist es soweit, daß die zur Verwend r.«g fertige Frucht int Hofraum des Hauses gebacken werden uuut. Männer in mittelalterlich aiunutenben Leibröckeu, mit dem Weiß ins Blau eingewobenen Namenszug ihres Herrn und Patrons, schlagen den 'Reis zu Drei. Die Dienstmädchen des Hauses schieben die weiche Masse in Oefcn, die ebenfalls in den Hokraum gestellt find. Das japanische Holzhaus mit seinen leichten Pap^r- wiinben ist äußerst feuergefährlich. Wenn möglich, stänkert man mit Licht und Feuer lieber im Freien.

Wie alle Anstauung und Pflege des Reifes, jeder Hand­griff, jedes Werkzeug anders sind als die bei uns landesüb­lichen, so schmeckt auch solch japanischer Reiskuchen, der uns beim Eintreten in einen Gasthof als erste Gabe des Hauses von k» Hotelmädch en kredenzt wird, ganz anders als unsere Wetzen- mehlkuchen. Die kleinen, zierlichen Bäckereien, Törtchen, dir man auf einmal in den Mund nehmen und schlucken kann, sind stift und von einer sandartigen Feinheit. Ist man hungrig gekommen, so hat man in einer Minute alle fünf dargcbvtenen glücklich ver­speist. Viel weniger Gefallen fand ich bei beit schonungslos und unweigerlich bei jeder Mahlzeit, morgens, mittags und abend- zwangsweise rierabreichien Reisbrei. Er ist nur mit Wasser.ge