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sich das ganze Stübchen, so daß das Kind sich am Hals des Mädchens festklamnierte. Und dann drückte sie mit des Kindes Fmger wieder auf das Knöpfchen und. bums, stand die Stube still! Sie traten in eins der Eckzimmer, da sah das Kind die Eisenbahn schlafen, und das Schaukelpferd schlief, und die Bleisoldaten schliefen, aber keins der lebendigen Kinder war da; die waren alle in der Schul«.
Und so hatte das Domkind auch nicht Lust, allein mit den feinen Sachen zu spielen! , ,
„Hast du auch Spielsachen?" fragte das Fräulein und antwortete sogleich: „Ei, dann komm ich einmal hinauf zu euch und spiele mit dir, gelt?" .
Dann durfte Paulus noch in das andere Zimmer schauen, da saß der große Knabe im Pult, und ein Lehrer ging vor ihm aus und ab, die Hände aus dem Rücken, und redete in fremder Sprache.
Dann kehrten beide wieder ins Stübchen zurück, Paulus drückte aufs rote Knöpfchen, und das Stübchen senkte sich rasch.
„Wann kommst du einmal zu mir hinauf?" fragte Paulus an der Tür, und das Mädchen antwortete:
„Uebermorgen. am Sonntag, um drei Uhr."
„Und bringst du auch deine kleinen Brüder mit?"
„Ich habe keine kleinen Brüder", erwiderte das Fräulein.
Am Sonntag, mit dem Glockenschlag drei, riß Paulus die Tür auf, die in den Turm hinunter führt, und richtig: allsogleich hörte er unten die Turmtür gerrsn, und er jubelte seinen Eltern zu, daß das freundliche Mädchen komme, mit ihm zu spielen. Doch schon nach drei Minuten erkannte Paulus, daß der müde Schritt nicht ein Mädchenschritt sein könne, und wirklich, er lief die Treppen hinab, und wer schasste sich mühsam empor? Der Gloriaengel! Mit dem wollte das Kind freilich heute nicht spielen!
Die Mutter begann von der Stunde an noch mehr auf das Kaufhaus zu schmähen und auf alle reichen Leute; das Kind aber nahm sich vor. morgen wieder heimlich drüben vorzusprechen und das Mädchen zu fragen, warum es sein Wort nicht gehalten habe! Wirklich kam es wieder bis an die Tür, und das Fräulein schoß hinter einen Ladentisch hervor und nahm Paulus auf den Arm.
„Warum bist du gestern nicht gekommen?" fragte Paulus.
„Richtig," erwiderte sie, „aber ihr müßt euch erst ein Stübchen anschaffen mit einem roten Knöpfchen, weißt du? Doch jetzt darf ich nicht mit dir gehen, mein Lieber, jetzt mußt du rasch wieder heimlaufen, denn wir haben keine Zeit!"
Das Domkind sah fortan mit Wehmut hinunter in die großen Fenster der reichen Leute.
Doch als der König Saul wieder kam, suchte dieser mit dem Fernrohr nach andern Fenstern, wo junges Leben sich zeigte, und er fand auch eins! Reckt weit vom Dom weg, jenseits von zwei Straßenzügen, erhoben sich seitlich eines frischgetünchten Giebels, der von links und von rechts her stusenmäßig schmäler ward, viele i Hinterhäuser, auf deren Eisenstabbalkönchen stets Kinderwäsche ; flatterte und Bohnen an Schnüren emporwuchsen. Bei Tag war hier nichts deutlich zu unterscheiden; aber der Domkapellmeister blieb einmal da. bis ringsum überall die Lichter brannten, und da sah er einen dieser Balkone aus einer offenen Tür grell beleuchtet. In der Stube aber, aus der das Licht kam, schob ein Mädchen einen Puppenwagen. der war so klein, daß die Füße der Puppe heraushingen. Schob ihn immerzu hin und her am schwarzen Kastenofen vorbei, hinter dem ein Mann seine Zeitung las.
(Fortsetzung folgt.)
Probleme Der Wüste.
Bon Ewald Falls, Gießen.
Im Verlage von F. A. Brockhaus, Leipzig, erschien kürzlich die deutsche Ausgabe von „The lost Oasis“ unter dem deutschen Buchtitel „Rätsel der Wüste" von A.M.HassaneiN Bcy mit einem Geleitwort von Rennell Rodd. — 606.
Als kurz vor dem Kriege die englische Ausgabe meines Buches „Drei Jahre in der libyschen Wüste" erschien, war sie gewissermaßen im Handumdrehen schnell vergriffen. Rein äußerlich mochte die damalige politifche Lage, die italienische „Difesa della Tripolilana“ und die englischen Interessensphären in der Westwüste Aegyptens Mitursache zum Bucherfolg sein. Das wissenschaftliche Interesse für Libyen, bis dahin jahrzehntelang das Aschenbrödel europäisck)er Forschung, erwachte allerdings um die Zeit auch. Gerade begannen deutsche Pioniere Klarheit auch in diese Ecke des dunklen Erdteils zu bringen, da kam der Weltkrieg. In die Fußstapfen der Deutschen traten Angehörige anderer Nationen: Franzosen. Italiener, Engländer. Beson- ders'letztere brachten eine Flut teilweise guter Bücher über die srag- lichen Landstrecken und ihre Bewohner auf den Markt.
lieber die Senussen. jene rätselhafte mohammedanifche Sekte mit politischem Einschlag, die dort haust, berichtete Gwatkia-Williams, den ein deutsches Unterseeboot zum unfreiwilligen Aufenthalt unter den Nomaden verurteilt hatte. Sein Buch „Gefangene der roten Wüste" (nur englisch erschienen) erzählt flott und anschaulich die Geschichte der Leute von der „Tara", des torpedierten englisdyen Schiffes. Har- ding King ließ die . Geheimnisse der libyschen Wüste" folgen. Das Zauberland Siwah beschrieb Dalrywrnle Belgrave, stark beeinflußt von meinem Buche, das er a very remVkable book nennt, und dessen
politische Bemerkungen er besonders unterstreicht. Auch sein Buch ist volkstümlich, wird aber übertroffen von Rojcka Fordes (jetzt Frau A. McGrath). Sie schrieb „Das Geheimnis der Sahara: Kufara". Dieses Buch, die Fahrt zweier Weltreisenden ins Herz Libyens, widmete sie ihrem Reisegenossen, dem Aegypier Achmed Mohammed Bey Hassanein, der im Kriege durch die Talbotmisfion 1917 europabekannt wurde.
Auf dieser ersten Reise durch die libysche Wüste hatte Hassanein geschworen, der Wüste für immer fern zu bleiben. Aber kaum zwei Jahre später sehen wir ihn wieder dort unten. Diesmal allein. Die Geschichte seiner Wüstenfahrt ist nun auch in deutscher Sprache erschienen. Trog ihrer wissenschaftlichen Korrektheit liest sie sich wie ein Märchen aus Tausendundeiner Nacht.
Auf unbetretenen Wüstenpfaden, abseits der regulären Karawanenwege, aber mit wohlerwogenem Ziele war 1923 Hassanein Bey, der erste Sekretär der ägyptischen Gesandtschaft in Washington, nach Süden in den libyschen Sandozean gesteuert. Sieben Monate und dreiundzwanzig Tage blieb er von Hanse weg. 3500 Kilometer legte er mit der Karawane zurück. Die höchste und begehrteste Ehrung, die für derartige Forscherarbeit zuerkannt werden kann ward dem wagemutigen Aegypter zuteil: die goldene Medaille der König!. Geographischen Gesellschaft Englands. Hassanein durfte fortan seinem Namen die stolzen „Bier" F. R. G. 8., „fellow of the Royal Geographica! Society“ anfügen. Seine Reise brachte allerdings eine bedeutende Vermehrung des Wissens über Nordostafrika: Die wirkliche Lage von Sighen und Kufra, einer Fehlerberichtigung von 140 Kilometern entsprechend, die Entdeckung der Oasen Arkenu und Uenat nebst Bestimmung ihrer Lage, wodurch neue Möglichkeiten für das Bereisen der Libyschen Wüste geschaffen wurden, die Entdeckung eines Weges mit Wasserstellen von Südwestägypten über die Hochflächen von Erdi und Ennedi nach Darfur und die Bestätigung, daß der Tschadsee keine Abflüsse in östlicher Richtung haben kann. Mit Recht konnte daher Dr. John Ball, der Leiter der ägyptischen Wüstenaufnahme, der sich über zwei Monate lang mit der Ausarbeitung der kartographischen Ergebnisse der Route beschäftigte, sagen, daß Hassanein Beys Reise ein besonderer Platz in der Geschichte der Erdkunde gebührt. Nur ein Mohammedaner durste es wagen, die 3345 Kilometer von Sollum nach El Odeid ohne militärische Begleitung zu unternehmen. Das durchmessene Gebiet von der Syrtenküste bis ins Herz des Sudans ist größtenteils unwirtliche Wüste, in der raub- luftige und fanatische Stämme wohnen.
Nicht weniger Bedeutung haben die geologischen Ergebnisse. Sie vermehren die Probleme, die immer noch für diese Gebiete strittig sind. Die geologische Untersuchung der neuentdeckten Oasen Arkenu und Uenat bedarf allerdings eines Fachmannes, aber aus Hassanein Beys Forschungen geht hervor, daß sich die Miozänschichten, im Norden und der nudische Sandstein im Süden in unveränderter Art weit westlich über die ägyptische Grenze hinaus erstrecken. Die Entdeckung der granitischen Oase, die laut Bericht noch innerhalb von Aegypten liegt, eröffnet. Im 12. Kapitel [eines Buches, das vor allem auch der die Oase Dahla. Im 12. Kapitel fernes Buches, das vor allem auch der Jugend empfohlen fei, spricht der Reisende u. a. von den Wandlungen der Wüste. Hatte noch Rohlfs 1879 auf dem Wege nach Kusra westlich von Sighen einen breiten Streifen grünen Pflanzenwuchses dort an- geirofsen, so begegnete Hassanein hier lediglich verdorrtem G-esträuch.
Interessante Felsenzeichnungen sand er in der zweiten von ihm entdeckten Oase, in Kennt: Strauße, Giraffen und andere Tiere sind dort in Bildern festgehalten. Nur das Kamel fehlt. Die Frage inuchte da auf. weichen Datums die Bilder fein können. Oder ob bas Kamel nicht allen Bewohnern dieser Teile Afrikas zur Zeit der Entstehung der Zeichnungen bekannt war, oder ob gar der Graswuchs größer war und andere Lasttier« gebraucht wurden. Gerade nach Uenat führen viele Karawanenwege der alten Routen in der westlichen Wüste Aegyptens, und es ist schon möglich, daß der Weg vom Mittelmeer nach Zentralafrika im Altertum derjenige durch Uenat war und nicht durch Kufra wie heute. Jedenfalls ergeben sich auch für den Archäologen neue Perspektiven aus Hassaneins Bericht, und wie ich bereits in meinem eigenen Buche vor Jahren andeutete, wird gerade der libysche Sand noch viel Wertvolles für lange Zeit bergen. Es braucht nicht besonders hervorgehoben zu werden, wie große Schwierigkeiten die Landschaft den Reisenden bot: Sandstürme, Wege ohne Landmarken, die Gluthitze. Das alles beeinflußte Menschen und Tiere aufs gefährlichste. Erwähnt sei nur die Strecke von Uenat nach Erdi. Dieser Marsch von 10 Tagen ohne Wasser und die schwierigen Bodenverhältnisse gegen Ende der Reise — das konnten eben nur Mut, Ausdauer und Takt bewältigen. Eigenschäften, di« der Diplomat Hassanein Bey in hohem Maße fein eigen nennt.
So erzählt das Buch, das in jeder guten Volks- und Schulbücherei nicht fehlen sollte, das kühne Unternehmen eines Morgenländers, das er selbständig geplant und durchgeführt hat, und bei dem es ihm gelang, einen weißen Fleck auf der Karte von Afrika zu tilgen und die genaue Lage von Orten zu bestimmen, die fein großer Vorgänger, unser Landsmann Gerhard Rohlfs, unter ständiger Lebensgefahr und immer in Eilmärschen, daher nur annähernd, ermitteln kannte. Den Problemen der Wüste, die das Buch zu lösen versucht, gesellt sich uns (Europäern beim Lesen der Gedanke an das Erwachen des Orients hinzu. Jedenfalls hat der Derfaffer, der übrigens 1924 Aegypten bei den Olympischen Spielen in Poris vertrat, es glänzend verstanden, europäische Wissenschaft die er in Oxford tennenlernte, dank der Gunst iind Hilfe seines Königs, Fuad L, in Taten umzusetzen, die ihm und seinem Lande für immer zu hohen Ehren gereichen werden.
DeramworMch: Dr. HanS Thyriot. — Druck der Brühl'schen Aniversitäts-Duch» und Steindruckerei. A. Lange. Gießen.


