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Das Domkind.
Von Nikolaus Schwarzkopf. Copyright bei Führer-Verlag, M.-Gladbach.
(Fortsetzung.)
Die Mutter überlieh es ihnen, und sie setzten sich zu ihm zwischen die Blumen und gaben ihm die schönsten in die Hände, daß es damit spiele. Das Kind aber wollte selber schmücken helfen, und es durfte über die Leiter klettern, auf die Altarplatte treten, und es steckte eine dunkelrote Rose dem kleinen Jesusknaben, der aus dem Arm seiner Mutter zappelte, in das vorgehaltene Händchen. Daran ergötzte sich das Domkind und setzte sich unten in die Bank zwischen den Blumenstöcken, und indes die Nonnen weiter schmückten, nahm es sein Däumchen und schlief ein.
Die Schwester, die das Kind zuerst schlafen sah, schlich von der Leiter herab, nahm es sachte in den 2lrm, rückte mit ihm in die düsterste Ecke der Kapelle und lieh es auf ihrem Schoß sich behaglich ausstrecken. Unterdessen putzte die andere Nonne weiter, doch nach einer kurzen Weile lieh sie die gerossten Röcke fallen und kam herzu und flüsterte: „Nun haben Sie's aber lange genug gehalten, Schwester!"
Da stand die erste auf, übergab das Kirch der zweiten und sprach leise: „Nun will ich aufpassen, daß niemand kommt!"
„Sie haben geweint, Schwester!" erwiderte die zweite, doch die erste wandte sich ab und putzte wahllos den Altar und sah mehr zum Kind zurück als zu Maria.
Dann erwachte Paulus und rief nach seiner Mutter, und die erste Schwester sagte zu der zweiten: „Auf Ihrem Schleier liegen mehr Tränen als auf meinem!"
Das Kind lief fort, die eine Schwester folgte ihm, die andere lief hinterdrein und rief in die Turmtür hinauf: „Schwester, ein bißchen Kreide geben lassen!"
Dann lauschte sie so lange, bis die Tritte nicht mehr zu hören waren.
„Ach, Frau Türmerin," sagte die Nonne, „wir wollen beten, daß Paulus dereinst einmal Bischof werde!"
die Türmerin entgegnete barsch: „Bitten Sie den Bischof, datz t uns auf die Erde hinunter lasse, denn sonst fürcht ich, bringt es Paulus nicht einmal zum Meßdiener!" Und sie gab ihr ein Stück Kreide. Dann strichen sich die Nonnen, noch bevor sie den Altar vollends geschmückt hatten, gegenseitig die Flecken von den gestärkten Schleiern und waren beglückt.
■ 4.
Lieber freilich als mit Nonnen, Mönchen und erwachsenen Menschen aller Art, lieber als mit Heiligen und heiligen Kindern hätte das Domkind, als es gemach größer wurde, sich mit Kindern abgegeben, mit lebendigen Kindern. Es versorgte oben in der Wohnung den Kanarienvogel und das Pälmchen, und weil der Vater das Wasser mühsam heraufschleppen muhte, bekam der Bogel täglich nur fünfzig Tropfen Wasser, das Pälmchen dreißig. Zwar hatte der Türmer einen Kändel an die Dachtraufe gelegt, der sollte dem alten Kupfertier, das seit Jahrhunderten das Regenmasser hinabspie aufs Vierungsdach, die Arbeit erleichtern, aber es lief nur wenig Wasser in die kleine Bütte. Das sammelte sich vom sechsten Teil des Turm- Helms, und wenn der auch noch dreißig Meter über die Türmerwohnung emporragte, so konnte er doch nicht mehr Regen einsangen, als sonst auf acht oder zehn Quadratmeter herabfällt, und das gibt nicht so hurtig eine Bütte voll. Bald merkten auch die Turmfalken, daß sie an der Bütte jederzeit trinken konnten, und weil sie nicht artig waren und das Wasser besudelten, truader Türmer es jeweils nach dem Regen in die Küche. Mit diesem Wasser spülte die Mutter das Geschirr, putzte sie die Fußböden, und wenn recht lange Regentage waren, so durfte das Kind seine beiden Schiffe, die der Vater geschnitzt hatte, aus dem geruhigen Hafen der untersten Kommodeschublade ausfahren lassen, und drei Enten aus Zelluloid, die der König Saul gebracht, durften sich allhin tummeln in der Bütte. Es geschah auch, daß nach Regengüssen draußen im Rundgang das Wasser stehen blieb, und da konnten Schiffe und Enten sich ergehen nach Herzenslust. Neidisch lag auf der Türschwelle alsdann der graue Hase (der aber weder Wasser noch Dickwurz brauchte), neidisch sah der gelbschwarze Dackel mit seinem einen Auge in das tolle Leben, und es platzte vor Neid der kurze Berliner toeppel, der einmal Komiker in den Reichshallen war und über den seinerzeit jedermann allen Kummer und alles Leid vergessen konnte! Da lehnte er lächelnd an dem Türpfosten und grinste, weil er nicht schwimmen durfte! Auf der Brüstung stand das Domauto, von König Saul und dem Türmer aus geweihten Hölzern angefertigt, in päpstlichen Farben gestrichen und mit dem bischöflichen Hauswappen verziert!
Viel lieber jedoch als mit all diesen schönen Dingen und lieber als mit Vater und Mutter und mit dem König Saul hätte das Domkind doch mit Kindern gespielt, mit wirklichen Kindern! Zwar meinte der gute Kapellmeister alle paar Wochen: es gäbe Familienzuwachs auf dem Dom, aber immer wieder täuschte er sich.
Wenn er dem Kind die Umgegend zeigte und tat, als sei er klug und wissend wie ein Professor der Erdkunde, so sagte das Kind zwar immer so: ja, ja! und verstand auch alles und wußte auch alles, aber in Wirklichkeit sah es gar nicht dorthin, wohin der Professor deutete, sondern starrte in ein geöffnetes Fenster des großen Kaufhauses oder in sonst ein Fenster, und spähte, ob nicht Kinder dort unten spielten. Oder es starrte von oben aus in den schönsten Rasenplatz zwischen den Wandelhallen des Kreuzgangs; aber der war verschlossen!
Das mächtige „Kaufhaus am Dom", das seinerzeit die großartige Ausstattung geschickt hatte, war in seinem obersten Stockwerk als Wohnung eingerichtet für den Herrn Geschäftsleiter und seine Familie. Und eines dunklen Abends lauert das Domkind draußen im Rundgang und guckt durch eine Scharte hinunter nach den hellerleuchteten Fenstern, die alle fünf sperrweit geöffnet sind. In der Ecke rechts steht ein Cisenbahnzug und kannte kaum abwarten, bis er losfahren darf, und eine Maschine stößt wirklichen Dampf aus. Und vier Buben und ein Mädchen knien rundum und strecken die Köpfe vor. Auf einmal, wie das Kind durch das Fernrohr des Vaters sieht, pfeift die Lokomotive, und der ganze Zug läuft hurtig davon, läuft auf wirklichen Schienen durchs Zimmer, läuft zwischen roten Polsterstühlen und läuft auch noch ins Eßzimmer links, schier an den Wänden hin — eine kleine Weile sieht man ihn nicht mehr — kommt hervor, schlüpft unter einen Tisch, auf dem drei Schulranzen liegen, und kehrt gemächlich an der Seite der größten Buben wieder zu den Kindern zurück.
„Geduld, mein Söhnchen," sagt die Mutter, „der Herr Geschäftsleiter hat dir damals auch ein Matrosenanzüglein geschenkt, und er wird sich freuen, wenn er dich darin erblickt! Wir gehen einmal hinüber miteinander!"
„Bei uns könnte die Maschine schön im Rundgang laufen," antwortete Paulus, und setzte sich zum Essen nieder. Nach dem Essen lagen die drei Buben mit den Ellbogen auf dem Tisch, und der Herr Geschäftsleiter schraubte eiserne Stäbchen zusammen, immerzu, eins ans andere, und der Große mußte sie halten, und auch der zweite mußte halten, und schließlich war eine winzige Reitschule fertig, wie Paulus sie auf der Messe schon gesehen h"tte, ein Karussell. Nun holte der Große bas Dampfmaschinchen, ließ es schnurren, zog eine Schnur unter der Reitschule her, und plötzlich bewegte sich die Reitschule heftig im Kreis. Deutlich hörte das Domkind, daß auch eine Drehorgel aufspielte!
Tagsüber waren die Fenster dieser Herrschastswohnung zumeist geschlossen, und wenn sie auch geöffnet waren, so konnte Paulus doch nicht unterscheiden, was inwendig vorging. Und erst am Abend, wenn die vielen Lichter brannten, ging das große Leben an. Die reichen Kinder schaukelten auf einem vollauf gerüsteten Pferd, ließen Hunderte von Soldaten gegeneinander marschieren, malten, trommelten, fangen, der Große spielte schon am Klavier, das nur bis zur Hälfte feiner hellen Tasten zu sehen war, und die Sehnsucht des Domkindes nach solcherlei Herrlichkeit wuchs von Abend zu Abend. Ja, oft konnte es gar nicht einschlafen, oft wachte es mitten in der Nacht auf und schrie: „Anton hat mich vom Pferd gestoßen!" Oder: „Siegfried, jetzt-fahren wir aber nach Amerika!" Oft träumte das Kind, die Kinder feien zu ihm heraufgekömmen und hätten die Lokomotive mitgebracht, und die Wucht der Maschine habe einen Stein der Brüstung herausgestohen! Ost sah es die Kinder mit nicht weniger als acht Händen winken, — freilich nur im Traum!
Endlich, an einem Regentag, zog die Mutter dem kleinen Paulus das Matrofenblüslein an'unb ging mit ihm fchnurstracks hinüber ins Kaufhaus.
Doch — wer kannte die Nachbarsleute vom Dom?
Niemand! — Wer das Matrosenanzüglein?
Auch niemand!
Was sie kaufen wollten?
Et, sie wollten nur einmal den Herrn Geschäftsführer sprechen; sie kämen vom Domturm!
Daß sie vom Turm kamen, erstaunte niemand. Niemand wußte, wo der Geschäftsleiter war: er war nicht zu sprechen! Auch feine Frau war nicht zu sprechen! Und die Kinder, die waren auch nicht da! Waren in der Schule!
Als Mutter und Kind noch so standen, kam ein Hausknecht und sagte: „Sie sperren ja den ganzen Verkehr! Ich habe Ihnen doch gesagt, daß niemand zu sprechen ist! Auf wen warten Sie noch?"
Da nahm endlich die Mutter ihr Kind auf den Arm und ging. Sie schlenderten durch die Stadt, tauften einen roten Hampelmann mit grüner Mütze, tränten Kaffee und naschten.
Als es schon "hämmerte, tarnen sie erst an den Dom. Tippenkucker, der alte Küster, schloß gerade das Marktportal und drohte mit dem Finger, weil man wieder so spät komme: die Heiligen seien brave Leute und gingen früh schlafen!
Hinter der Turmtür stand ein Eimer Kohlen; den nahm die Frau in die andere Hand. An jeder Rische, die Licht und ein bißchen Luft einläßt, blieben sie stehen; dann pfiffen sie, und der Türmer tarn gerannt.
Doch siehe: am folgenden Morgen lief das Domkind unversehens durchs Marktportal hinaus und, husch, stand es in der Tür des Kaushauses. Ein schwarz gekleidetes Mädchen, an dessen Hals ein silbernes Herzchen hing, tarn zu ihm her und nahm es auf den Arm und sprach zu den andern, die alle nichts zu tun hatten: „Seht, das ist der kleine Herr Domherr vom Turm!"
„Sind Eure Kinder jetzt daheim?" fragte das Domkind, und das Mädchen erwiderte:
„Ja, der Große ist daheim!"
Und dann trug das Fräulein den kleinen Domherrn durch eine lange Reihe von wächsernen Menschen in eine Stube, da saßen viele Leute hinter grünen, grellen Lampenschirmen und schrieben. Und ein großer Mann, an dessen Uhrkette ein golden gefaßter Zwicker hing, zog den Zwicker herauf, setzte ihn auf die lange Nase und guckte Paulus eine ganze Minute lang schmunzelnd an. Dann trommelte er mit dem Zwicker auf einem dicken Buch, sagte auch etwas, und die beiden, Fräulein und Paulus, traten in ein enges Stübchen, das Fräulein drückte auf ein winziges rotes Knöpfchen, und sogleich hob


