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feit des Festes gesprochen hat. Die ausführlichste dichterische Darstellung gab er in seiner Novelle „Unterm Tannenbaum", in der die Wehmut des aus der Heimat „Verbannten" ergreifend mitschwingt. Der anschaulichen Lebendigkeit und überwältigenden Empfindung gegenüber, mit der er das Glück des heiligen Abends gemalt, verblaßt alles, was spätere Dichter an weihnachtlicher Poesie geschaffen haben. Und doch möchten wir Roseggers anmutig schlichte Christus- geschichten, Liliencrons großzügige Weihnachtsphantasie im „Pogg- sred" nicht missen wollen, gedenken auch gern des Lichterbaums, den selbst in den trübsten Zeiten des Naturalismus Gerhart Hauptmann im „Friedensfest", als Sinnbild einer besseren Welt aufgerichtet. Unzählig ist dann die Schar der neuesten Lyriker und Erzähler, die das Christfest besungen haben. Kann sich auch die deutsche Poesie keines Weihnachtsdichters an sich rühmen, so ist sie doch reich an prächtigen „Dichtern der Weihnacht".
Gespräche nach auswärtS.
Eine Weihnachtsgeschichte von Fritz Müller, Partenkirchen.
Das Hauptpostamt — Abteilung auswärtige Telephonverbin- dungen — ein paar Tage vor Weihnächten, Vormittag, Börsenzeit — wartende, ungeduldige Menschen mit starren Blicken auf besetzte Telephonzellen — ein fast unhörbares Summen liegt in der Luft. Die Glasscheiben der Telephonzellen liegen im Halbkreis wie das Facettenauge eines Ungeheuers; unverwandt, hypnotisch schaut das Faeettenauge des Telephonungeheuers die wartenden Menschen an.
Einige gehen auf und ab mit gezwungener Gelassenheit. Einige trippeln von einem Fuß auf den andern. Einige pfeifen halblaut, aber wütend zwischen aufeinandergepreßten Zähnen.
Hinterm Schalter sitzt ein blonder Postbeamter und lächelt und merkt mit mäßiger Eile die angemeldeten Gespräche vor.
Das Telephon des Beamten: „R — r — r — rrrrr."
Der Beamte: „Jaaa? Ist gut---Stettin meldet sich---
He, Herr, Sie dahinten . . ."
Das ungeheure Summen liegt drängender in der Lust als je. Kommt ein langer, zappelnder Mensch durch die Saaltür an den Schalter geschossen:
„Bitte, sofort Hamburg!"
„Schön — Amt und Nummer, bitte?"
„Amt eins — Nummer sechstausendzweihundertvierunddreihig, aber nur rasch, bitte."
„Bedauere, da sind verschiedene vorgemerkt."
„Dann also .Dreifach Taxe dringend', in Gottesnamen."
„Bedauere, auch .Dringend' sind noch zwei vorgemerkt."
„Herr, im Himmel, ist das eine Wirtschaft!"
„Das ist keine Wirtschaft, sondern, mit Verlaub, das Hauptpostamt und . . ."
Die andern Mißvergnügten heitern sich ein wenig auf: da ist 'n;r, der noch länger warten muß als ,ie.
Das Telephon des Beamten: „R — r — r — rrrrr."
Der Beamte: „Jaaa — ----Ist gut---Breslau meldet
.ch —--- Bitte, wer hat Breslau von den Herren . .
*
Kommt ein Dienstmädchen, eines vom Lande, mit einem Paket ’interm Arm. Unbekümmert um alle Blicke klatscht das Dienstmädchen chr braunes Paket auf den Schaltertisch:
„Soo, das wär' also das Paket für den Alois —"
„Sie haben den Eingang verkehlt, Fräulein ~ draußen, links um dir Ecke —"
Das Telephon des Beamten: „R — r — r — rrrrr."
Der Beamte: „Jaaa? — — — Ist gut---Hamburg Dringend —---Wer hat Hamburg Dringend?"
„Hier!"
„Halt — ha—a—alt, Sie nicht — der andere Herr war vorher "orgemerkt . . ."
Das unhörbare Summen liegt schwer über den wartenden Men- Hen. Die Facettenaugen des Ungeheuers Telephon glitzern.
Kommt eine Dame hereingerauscht.
„Bin ich recht hier? Ich will nach Magdeburg telephonieren."
„Nummer, bitte."
„Nummer? Ach Gott, die Nummer weiß ich nicht."
„Dann den Namen, bitte."
„Namen? Geheimrat Bi — Geheimrat Bi — Bi ach nein, jetzt fowas — nun habe ich den Namen in dem Briefe rein vergessen."
„Bann haben Sie den Brief da?"
„Den Brief? Den habe ich im Koffer, der schon abgegangen ist — aber sagen Sie einmal, bitte, können Sie mich vielleicht auch so...?"
Das Telephon des Beamten: „R — r — r — rrrrr."
Der Beamte: „Jaaa?---Schön---Köln Dringend,
bitte---Herr, Herrrr. . .!"
*
Kommt ein gemütlicher Herr herein. Er wischt sich mit dem Taschentuch noch zwei Biertropfen vom Schdurrbar:
„Na, kommt setzt München bald?"
„Tut mir leid, war schon da, während Sie drüben im Restaurant gesessen sind."
„Ja, hätt's mi halt dann holen lassen!"
„Wollen Sie noch einmal bezahlen für eine zweite Vormerkung, Herr?"
Das Telephon des Beamten: „R — r — r — rrrrr." ;
Der Beamte: „Jaaa — — — Schön. —--Der Herb mit
Bremen, bitte?---- Wo ist der Herr mit Bremen, bitte?"
Der Ruf: „Bremen? — Bremen? — Bremen? — Bremen . . ." pflanzt sich mit hohen und tiefen Stimmen abwechselnd fort durch den Saal, brandet an die Tür, schrillt in den Gang hinaus . . .
*
Die Luft wird dick. Die Facettenaugen des Ungeheuers Telephon beginnen sich zu trüben. Die Türen der Telephonzellen schlagen auf und zu. Die Angeln knarren. Der Beamte lächelt und merkt neue Verbindungen vor. Die wartenden Menschen schauen sich feindselig an. Die hastende Ungeduld sitzt ihnen wie ein Sperber im Genick und pickt in abgemessenen Schlägen auf ihren Kopf zwischen die wohlfrisierten Scheitel.
Ein wütender Herr läuft zum sechsten Male an den Schalter: „Nun sagen Sie einmal, ist Wien denn noch nicht da —?"
„Nein."
„— wo ich das einzige Wien hier im Saal bin — nun warte ich schon eine Stunde ober zwei —"
„Sie warten genau seit zwölf Minuten, mein Herr."
„Ach was, zwölf Minuten! — wo ich das einzige Wien bin, verstehen Sie. das einzige Wien — das ist einfach ein Skandal —"
Ein anderer wartender Herr ist herangetreten:
„Sie gestatten — Rauchmeier — sehr angenehm — ich möchte nur bemerken, daß gegenwärtig die diplomatischen Gespräche wegen des Völkerbundes . . ."
„Erlauben Sie, was geht mich der Völkerbund an —?"
„Was Sie der Völkerbund angeht? Ja, wissen Sie denn nicht, daß diplomatische (3efpräd)e selbst den Vorrang vor unseren Dreisach- Taxe-O-Gesprächen haben? Nicht wahr, Herr Oberpostsekretär?"
Ein anderer Herr hat sich eingemischt:
„Und womöglich zahlen diese diplomatischen Gespräche nicht mal
■eine Gebühr!"
„Was? Nicht mal eine Gebühr! Und wir sitzen hier —"
Es hat sich eine telephonische Volksversammlung um den Schalter gebildet.
„— und wir sitzen hier, meine Herren, und verlieren unsere schöne Zeit —"
Viele Köpfe nicken heftig.
Man hört halbunterdrückte Beistimmung: „Bagaschi — elende — Schweinerei — elende — miserablige . . ."
„— wissen Sie, meine Herren, was ich verliere, wenn mein Gespräch nicht mehr recht kommt für den Börsenanfang —"
„Bagaschi — überhaupt die Diplomaten — Skandal — Schweinerei — elendige . . ."
,.— ich als das einzige Wien im ganzen Saal, meine Herren —" Der Postbeamte: „Aber ich muh doch bitten, meine Herren —"
In diesem Augenblick ist die Tür ausgegangen. Ein kleines lockiges Mädchen ist hereingetreien. Es sieht sich mit strahlenden blauen Augen ganz unverschüchtert um. Alle politischen Gespräche sind mit einem Schlag verstummt. Alle Augen, auch die des blonden Postbeamten, schauen wie verwandelt auf das kleine Mädchen. Alle, alle sind gespannt, was das kleine Mädchen im Hauptpostgebäude, Abteilung für auswärtige Telephongespräche, jetzt beginnen wird.
Das kleine Mädchen aber schreitet unterdessen unbekümmert auf eine offene Telephonzelle zu, deutet mit seinem kleinen weihen Zeigefinger hinein und wendet sich ruhig an die telephonische Volksversammlung:
„Dees is Delefon, gell?"
Und die telephonische Volksversammlung vollführt ein einziges freundlich lächelndes Nicken.
Dann hat das kleine Mädchen sich auf die Zehenspitzen gestellt und, von unten — uff — in die Höhe schiebend, einen schwarzen Hörer aus der silbernen Gabel herausgeholt, sich den Hörer fest an die rosige Ohrmuschel gelegt, und jetzt wahrhaftig tapfer gegen das Telephon hin zu sprechen angefangen:
„Is Dristdindl dort?" geht die dünne Kinderstimme durch den großen Telephonsaal. Niemand stört sie. Niemand sagt etwas. Erstaunt glotzen die Telephonzellen im Halbkreis.
Der Postbeamte räuspert sich und will was sagen.
„Pst!" sagt der dringliche Herr aus Wien und hebt den Finger, und der blonde Postbeamte lächelt wieder und schaut auf fein Telephon, ob das jetzt rattern wird — jetzt gleich? Aber es rattert nicht. Es hält auch den Atem an und schaut auf das Kind. Jetzt geht besten Silberstimme weiter:
„So — also jetzt pah auf, Dristdindl, Susi will zu Weihnachten nicht die Meine Puppe mit dem brünen Bleib — Susi will drohe Puppe mit blaues Dleid — und der Maxi will auch ein elebendiges Schaukelpferd, gell, Dristdindl — adiä, Dristdindl, ein schönen Druß von mir und von der Mutti — adiä — adiä."
Und jetzt hat die Susi den schwarzen Hörer wieder ganz geschickt von unten in die Silbergabel hinaufgeschoben, hat sich herumgedreht, ist ruhig durch den Saal gegangen, hat sich noch einmal lächelnd mit den strahlenden Augen nach der starren telephonischen Volksversammlung umgeblickt -und ist verschwunden. Still und unterwürfig blickt das Facettenauge des Telephonungeheuers.
*
„R — r — r — rrrr", macht jetzt das Telephon des Postbeamten „Jaaa? — — — Wie sagen Sie? Wien?--— Wo ist der
Herr mit Wien? (lächelnd): Mit dem einzigen Wien?"
Der Herr fährt erschrocken aus einer nachdenklichen Stellung auf: „Was? Schon da?"


