Ausgabe 
18.12.1926
 
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Eichener jamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1926 Samstag, den 18. Dezember Kummer W

Maria mit dem Kinds.

Von Fritz D i e t t r i ch.

Wiese, breite dich zum Tisch! Baum, neig dich geschwisterlich Uebern Quell, der Silber spinnt Für Maria und das Kindl

Wie ein Menjchenschwarm beim liJ, Flockt es nieder dicht an dicht Aus dem leisen Wind, Engel um das Kind.

Und schon ist der kleinste Zoll Lieblichen Gewimmels voll.

Jedes Blümlein hell Wird zum Spielgesell.

Aus dem Grase dreht hervor Flügelgrotz ein Hasenohr.

Waldgetier kommt leis, Schmiegt sich rings im Kreis.

Und nun dehnt die Wiese sich Weit nach jedem Himmelsstrich, Und wir all« sind

Blumen um das Kind.

Deutsche Dichter der Weihnacht.

Bon Dr. Friedrich S p r e n n.

Fragen wir einen Engländer nach demDichter der Weihnacht", so wird sich ganz von selbst der Name Dickens auf seine Lippen drängen, und auch der Däne denkt wohl sogleich an seinen Märchen­freund Andersen, der nicht nur in seiner schönen Geschichte vom Tannenbaum, sondern auch sonst allenthalben das Fest in seinen Werken verherrlicht und imMärchen meines Lebens" mit frohen Kinderherzen gefeiert hat. Wir Deutschen wissen auf die Frage nach unsermWeihnachtsdichter" keine bündige 'Antwort zu geben. Wohl haben Unzählige das Fest der Feste besungen: in unserer Lyrik blüht ein immergrüner Kranz schöner Weihnachtsgedichte, der Christerzäh­lungen mit der Verlobung unter dem Lichterbaum ist Legion. Aber wir haben keinen Poeten, in dessen Schaffen die Schilderung der Weihnacht so mächtig und strahlend sich hervordrünpte, wie bei dem englischen Schöpser derWeihnachtserzählungen". Erst wenn wir uns näher in unserer Literatur umsehen, finden wir hie und da verstreut kostbare, z. T. wenig gekannte Weihnachtsgeschichten, die wohl einmal zum leuchtenden Strauß gesammelt werden sollten, er­kennen, daß auch so manche unserer Poeten de» Ehrennamen eines Dichters der Weihnacht" verdienen.

Aehnliche Stimmungen wie bei Dickens sind bei uns zu gleicher Zeit, wenn auch nicht so einheitlich, in den Werten von Raabe, Storm, Reuter festgehalten. Aber bereits lange vorher blühte die Weihnachts­poesie in den schönen Mysterien und Volksspielen, den vielen herr­lichen Weihnachtsliedern, die allerdings mehr das Fest der Kirche, als das der deutschen Familie feiern. Die gemütvolle Sphäre des deut­schen Hauses ist erst später geschaffen worden. In dem Roman des Jörg Wickram, dem frühesten unserer Literatur, in demKnaben­spiegel", denguten und bösen Nachbarn", im Gedicht vomirr reitenden Pilger" sitzen Eltern und Kinder bei der Bibel zusammen und singen traute Lieder zu Weihnacht, und Hans Sachs findet in seinen Weihnachtsspielen warme Töne einer innigen Beschaulich­keit und Herzensheiterkeit. Doch das find nur alles verflogene Klänge, zerstreute Spuren: nirgends in der Dichtung steht das Weihnachtsfest in unserem Sinne im Miielpunkt.

Goethe und Schiller haben Weihnachten gefeiert, auch Musäus, Mathias Claudius und Joh. H. Voß. Aber wie dürftig ist der Schein, der davon in ihre Dichtung fällt! Was bedeutet es, daß der Weih­nachtsbaum imWerlher" erwähnt in einem Altersgedicht Goethes spielerisch-mystisch besungen wird, daß das Fest schattenhaft durch die Volksmärchen" des Musäus und die Betrachtungen des Wandsbecker Boten huscht! Ganz anders ist die Stellung der Weihnacht im Leben und Dichten dessiebenten Klassikers". Jean Paul dürfte man mit Fug und Recht den ersten deutschenDichter der Weihnacht" nennen. Er hat das Fest wirklich erlebt: es war sein Hauptfest, in das er stets den Heilio-nschein des bescheerenden Christkindchens warf", wie seine Tochter erzählt. Schon Tage vorher brachte er wohl Stücke Marzipan mit nach Hause und sagte:'Heut, ihr Kinder, ging ich in den Garten hinaus, und wie ich den Himmel ansehe, kommt eine rosenrote Wolke gezogen, und da sitzt dar Christkindchen daraus und sagt mir, weil ihr

heut so gut gewesen seid, so wolle es auch euch etwas schicken." Oder wenn die Kleinen in der finsteren Stube auf seinem Kanapee hockten, rief er plötzlich:Habt ihr nichts gehört? Das Christkindchen war's!" und langte aus dem Fenster Süßigkeiten herein. Unter seinem großen Mantel schleppte er die schönsten Sachen an, und am heiligen Abend freute er sich auf die Bescherung wie ein Kind und konnte sie gar nicht erwarten. Dieser echte Herzenston lebt auch in seinen Dich­tungen, wo er, wie imQuintus Fixlein" und denFlegeljahren", des Festes gedenkt. Ein besonderes Denkmal hat er ihm zum Schluß der reizenden Idylle vomJubeisenior" in dem AppendixMeine Christnacht" errichtet. Aus dem Licht des brennenden Baumes und den Feierklängen der Christnachtsmusik schwingt sich sein Geist zu grandiosen Visionen von Gott und Ewigkeit auf. Zu gleicher Zeit legte ein anderer Kinderfreund, Joh. Peter Hebel, echte Christfreude in seine Dichtung: auch er ist durch die vielen seineralemannischen Gedichte", die vom Weihnachtsfest erzählen, zu einem unserer frühesten Weihnachtsdichter geworden.

Im Jahre 1803 erschien ein kleines, aber inhaltsschweres Büchlein Die Weihnachtsfeier. Em Gespräch" von Friedrich Schleiermacher. Der große Theologe hat in diesem viel zu wenig gekannten Jugend­werk, das zu dem Tiefsten gehört, was je über das Fest gesagt worden, die Ehrfurcht und Weihe dargestellt, mit der die Romantik Weihnachten umgab. In Goethischem Prosastil, aber mit einer eigenen Wärme entfaltet sich Feier und Bescherung, wie sie zu Anfang des 19. Jahrhunderts in einem guten Bürgerhause üblich waren, in der schönen Dichtung: geistreiche Erzählungen und sinnvolle Betrach­tungen schließen sich an. und dos Fest wird alsdie herrlichste An­erkennung der unmittelbaren Vereinigung des Göttlichen mit dem Kindlichen" ausgedeutet. Romantische Märchenkunst knüpft nun an Weihnachten an. ImNußknacker und Mausekönig" gibt E.T.A.Hoff- mann das unerreichte Muster, malt zuerst die fieberhafte Spannung der Kinder im Dunkeln, ihre Verzückung bei der lichterhellen Be­scherung und läßt dann aus den erregten kleinen Gehirnen einen phantastischen Spielzeug-Spuk mit unheimlicher Lebendigkeit sich ent­wickeln. Auch für die gespenstische Stimmung desMeister Floh" ist die Weihnachtsbescherung des kleinen Peregrinus Tyß, in ihrem unwirklichen Zauber meisterhaft geschildert, der geniale Auftakt, der aus der Wirklichkeit ins Reich der Träume hebt. Viele haben danach diesenrealen Märchenton" angeschlagen, keiner mit der gleichen Kraft wie der dämonische Kammergerichtsrat, und bald trat die harmlose Weihnachtsgeschichte für die Jugend in der Art von Christoph von Schmidsklassischem Weihnachtsabend" daneben. Ro­mantische Nooellenkunst bemächtigt sich des Motivs in demWeih­nachtsabend" von Ludwig Tieck mit seiner vorzüglichen, auch kultur­geschichtlich wertvollen Schilderung des Berliner Weihnachtsmarktes. Das hier behandelte Thema, wie der verlorene Sohn in Reichtum und Glück am heiligen Abend zu der armen Mutter heimkehrt, wird dann eine ständige Situation rührseliger Romane. Karl von Holtet z. B. kann sich gar nicht genug darin tun, immer wieder beim Weihnachtsfeste die Gegensätze von Elend und unverhofftem Glück, von unschuldigem Frohsinn und der sehnsüchtigen Reue verdorbener Menschen aufeinander stoßen zu lassen.

So war das Weihnachtsfest in der Erzählungsliteratur um 1850 allmählich zu einem abgenützten Requisit geworden. Es bedurfte wieder einer Vertiefung und inneren Beseelung, und sie wurde ihm von jenen Poeten dessilbernen Zeitalters" unseres Schrifttums zuteil, die wir vor allem unsereDichter der Weihnacht" nennen können. Für Hebbel ist das Christfest der hellste Schein in dunklen Jugendtagen, der beste Trost in den Qualen seiner Kampfzeit, die reinste Freud« seiner Reifeepoche gewesen. Mit höchster Feinheit hat er, dem die Darstellung des Idyllisch-Realistischen eigentlich wider­strebte. es in sein EposMiitter und Kind" verwoben, wo es wie eine lichte Spur die ersten Gesänge durchzieht. Adalbert Stifter in seiner seinen NovelleDer Weihnachtsabend" und Hermann Kurz in seinem originellenWeihnachtsfund" boten klassische Weihnachts- erzählungen. Als die prächtige Dreiheit unserer eigentlichen Weih­nachtsdichter aber möchten wir Raabe, Reuter und Storm bezeichnen. Bedeutungsvoll und tiefsinnig läßt Raabe schon in seinem Erstling, derChronik der Sperlingsgasse", diesemProgramm" seines ganzen Schaffens, die Weihnachtstöne anklingen, und es bedürfte einer langen Abhandlung, um zu zeigen, wie diese Töne in seinem wunder­vollen Lebenswerk zu einer mächtigen Sinfonie anschwellen. Es sei hier nur an seine nachdenkliche TraumgeschichteWeihnachtsgeister" erinnert, in der sich der Honigkuchenkerl, der Apfel und die Tänzerin am Wcihnachksbaum allerlei erzählen. Reuter führt uns in der Stramtid" insPasterhus", wo so komische Geschenke im lustigen Julklapp" hereinfliegen, und erzählt in der Geschichte vomKutsch­buck", was bei einer Ueberraschung rauskommen kann. Ernster, ge­tragener, feierlicher ist Storm, dieser Meister im Feiern der Weih­nacht, der in seinen Briefen so unnachahmlich schon von der Herrlich-