— 299 —
verschieden von dem scharfen Grat des Jllimani, der feinen Schneide des Caca--Aca ist. Den Kamm, der in allmählicher Verengerung nach Sorata hinabführt, schweift das Auge entlang, doch dann müssen wir uns sofort an den Abstieg machen. Wir sind schon ganz erstarrt. Nur wenige Minuten duldet uns der Ancohuma auf seinem Scheitel. Zu schnell müssen wir den Gipfel verlassen, dessen Bezwingung uns so viele Opfer, so viele Mühe gekostet.
Blut und Eisen.
Von Max E y t h.
(Fortsetzung.)
„Und Sie haben Ihre Jugend in Schöntal verlebt, nur drei kleine Stunden von Ingelfingen. Das habe ich vom Hoteldirektor erfahren, der ja auch ein Württemberger ist. Und Sie, verzeihen Sie doch, Sie wollen einen Mord begehen. Lieber Herr Eyth, hier in dem Lande, in dem Joseph und seine Brüder gelebt haben."
„Woher wissen Sie das?" fragte ich etwas scharf.
„Vom Joseph?" fragte er erschrocken.
„Nein, vom Mord."
„Ich habe ausnahmsweise auch bei Shepheard zu Mittag gegessen", erklärte der Bleiche. „Der Arzt hat mir dies geraten. Dabei habe ich die ganze entsetzliche Einleitung mit anhören müssen. Und dann war ich eben bei Herrn Bridledrnm in dessen Zimmer. Ich glaube, er bereut es tief, so leidenschaftlich gewesen zu sein. Herr Eyth, Bridledrum hat eine Mutter, eine Mutter im fernen England, in seiner Heimat."
„Eine Mutter habe ich auch, Herr Häberle", sagte ich ganz ernsthaft.
„Und vier Schwestern!" fuhr Häberle eindringlich fort. „Da fühlte ich, daß ich nicht schweigen dürfe. Ich fühlte, daß es für mich eine Gewissenssache fei, mit Ihnen zu sprechen."
„Ich habe nur eine Schwester", gestand ich. „Sie ist mir aber lieber als die vier Fräulein Bridledrum, das dürfen Sie glauben."
„Sehen Sie!" triumphierte Häberle mit Milde. „Dabei denken Sie an Mord. Dabei, höre ich, feien Sie entschlossen, diesem unglücklichen, aber offenbar wackeren jungen Mann mit einer scharfgeladenen Pistole entgegenzutreten. Einem Mitmenschen, der Ihnen eigentlich nichts getan hat, der sich in der Uebereilung — ich gebe es ja zu — eine Uebereilung zuschulden kommen ließ. Er gebrauchte vielleicht das Wort blackguard; — blackguard heißt »Schuft', habe ich mir sagen lassen, ein Ausdruck, den Sie übrigens ja selbst in das Gespräch einflochten. O, Herr Eyth, hier im Lande, in dem Joseph und seine Brüder gelebt haben!"
„Sol! ick) Ihnen etwas anvertrauen, Herr Häberle?" fragte ick) sehr leise.
„Wenn Ihr Gewissen sich rührte," rief er heftig, „wenn es mir gelungen sein füllte, an Ihr Gewissen zu klopfen und es zu wecken! Sprechen Sie! Sagen Sie mir, daß es mir beschieden war —"
„Sie meinen es gut, aber schreien Sie nicht so! Ich glaube," Sie ich ihm ins Ohr, „auch im schlimmsten Fall wird unser d Bridledrum mit dem Leben davon kommen. Ich glaube das! Wissen Sie, was glauben heißt, fest glauben, in einem solchen Fall?"
„Aber — aber —" flüsterte Häberle dringend und keinen Augenblick an meinem Ernst zweifelnd, „wenn ein Unglück passieren sollte —"
Beinhaus stand plötzlich hinter uns und schob den kleinen Herrn mit einer brüsken Bewegung seines langen Armes auf die Seite, scheinbar ohne ihn zu sehen.
„Es ist alles geordnet", sagte er dumpf. „Das war eine Komödie mit den verfluchten Engländern, von denen keiner eine Idee von Komment hat. Der Telegraphendirektor hofft immer noch, daß Sie fid) mit Ihrem Gegner boxen werden. Er will Ihnen Stunden geben, wenn Sie nichts davon verstehen sollten. O'Donald ist ein Gentleman und vernünftig, soweit dies einem Engländer möglich ist. Pistolen, zweimaliger Kugelrvechsel auf fünfundzwanzig Schritt. O'Donald wollte fünfzig haben, aber er ließ mit sich handein. Dann wallte er ein Paar prachtvolle arabische Pistolen aus dem siebzehnten Jahrhundert gebraucht wissen, die er von einem entfernten Onkel geerbt haben will, der die Mameluckenschlachten gegen Napoleon mitgemadjt hat. Ziselierter Silberbeschlag, Feuerschlösser, eine Mündung wie eine Posaune, zum Um-die-Ecke-schießen! Hier gab ick) nicht nach. Wir nehmen die meinen, mit denen schon einmal in Baltimore ein Redakteur über den Haufen geschossen wurde. Ort und Zeit: am Obelisk von Heliopolis, übermorgen früh um acht Uhr. Als wir so weit im reinen waren, fragte mich O'Donald, wie wenn wir alle unter einer Decke steckten, ob id) wirklich glaube, daß es Ihnen Ernst sei. Diese Engländer!"
Häberle, der mit allen Nerven gehorcht hatte, sah mit gefalteten Händen und einer wahren Jammermiene an den Mond hinauf.
„Kann nichts geschehen?" stöhnte er. „Guter Gott, kann wirklich nidjts geschehen, um diesen Mordplan zu vereiteln?"
Mit einer zweiten feiner großen Armbewegungen fegte Beinhaus, auch diesmal ohne ihn zu berühren, den Verzweifelnden in den Schatten der Veranda, in dem er laut- und spurlos verschwand, um Bridledrum noch einmal aufzusuchen, wie ich später hörte.
„Heuglin und ich werden Sie übermorgen früh um 7 Uhr in Schudra abholen", fuhr Beinhaus fort. „O'Donald und Fred George nehmen Bridledrum von hier mit. Am Obelisken treffen wir zusammen. Es wird den alten Monolithen freuen, wenn er auch wieder etwas zu sehen kriegt."
„Und der Arzt?" fragte ich. Häberles Prophezeiung, daß aud)
dem Kurzsichtigsten ein Unglück passieren könne, ging mir doch durch den Kopf.
„Ick) wollte heute abend nod) zu Riehl", antwortete Beinhaus. „Das ist der einzige Doktor hier, der nod) etwas aus seiner Stu- dentenzeit weiß. Er sei aber verreist, in Alexandrien. O'Donald will einen Engländer bringen, einen Kerl namens Wilkens, Walker, Weller oder wie er heißen mag."
„Weller!" rief ich halb entsetzt, halb entzückt. Das war ein mir wohlbekannter Jagdfreund O'Donalds, ein englischer Zahnarzt, der sich feit drei Monaten in Kairo niedergelassen und bis jetzt vergeblich auf kranke Zähne gewartet hatte.
Selbst Beinhaus' grimme Züge erhellte ein leises Lächeln, als ich ihm dies erklärte. Heuglin, der wie traumverloren bis jetzt am andern Ende der Veranda gestanden hatte, kam zum Vorschein.
„Man muß sich in diesem dunkeln Weltteil behelfen, so gut man kann, das ist bas Alpha und Omega für ganz Afrika", sagte er. „Wer weiß, vielleicht schießt ihr euch in die Zähne. Dann ist der Mann in feinem Element."
„Und Sie können Vögel häuten, wie es kein Chirurg in Europa besser zustande brächte", rief Beinhaus tröstend. „Mit Ihnen und diesem Weller auf dem Plan können wir dem Schlimmsten beruhigt entgegensehen."
Es war spät geworden. Schon feit einer Stunde wartete mein Pferd mit dem neben ihm schlafenden Sais vor der Veranda auf den Heimritt. Ich dankte Beinhaus und Heuglin für ihre unbezahlbaren Freundesdienste und nahm rasch Abschied. Als ich mich in den Sattel schwang, sah O'Donald über das Verandageländer heraus.
„Adieu, adieu!" rief er mir lachend zu. „Wenn Sie morgen Ihr Testament machen, denken Sie aud) an mich!"
„Die Reste meines Ungarweins!" rief id) und fetzte den Araber in Bewegung.
„Die bekomme id) so wie so!" fdjalllc es mir nach. Dann war id) auf meinem gewohnten stillen Weg unter den Sykomoren, die im sanften Nachtwind die ernsten Köpfe schüttelten, als sie mich kommen sahen.
Blut
Der folgende Tag ließ mir keine Zeit, an das gewünschte Testament zu denken. Ick) hatte auf der Insel, welche der sich spaltende Nil vor Schubra bildet, die Lage eines Pumpwerks und die allgemeine Richtung der Hauptbewässerungskanäle auszustecken. Die Gefira, wie man das kleine Gut auch nannte, umfaßte sechshundert Hektar ärmlichen Weizen- und Kleelandes, das der vom linken Nilufer herüberwehende Wüstensand gründlich verdorben hatte. Dieser Boden sollte durck) reichliche Bewässerung so rasch als möglich in gute Baumwollfelder umgewandelt werden. — Schon vom Nachmittag an waren vierzig Fellachin an der Arbeit, die Gräben für die Fundamentmauern des Pumpenhauses auszuheben, so daß ich erst spät abends wieder über den Nil setzen und nach Hause kommen konnte: wolfshungrig und in munterer Arbeitslaune. Das neue Pumpwerk, die erste Zentrifuge in Aegypten, sollte der alten Pumpe in Schubra zeigen, was in unfern Tagen Wasserspeier, heißt. Die Stimmungsnebel vom Tag zuvor waren in den sechsunddreißig Grad Reäumur der schattenlosen Insel völlig verdampft.
Socij und Dragoman berichteten gemeinsam und abwechselnd, daß zwei Besuche dagewesen seien und ein Herr aus dem Palast ein kleines Papier geschickt habe. Das letztere erwies sick) als eine Visitenkarte Bridledrums, der Halim Pascha besucht haben mochte, und blieb vorläufig unerklärlich. Zum freundlichen Austausch von Visitenkarten schienen die Verhältnisse doch kaum geeeignet zu fein. Der erste Besuch fei ein bleicher, schwarz gekleideter Herr gewesen, der eine ganze Stunde lang auf mich gewartet habe. Er sei auf einem schlechten Eselchen gekommen, das zwei Ottas meiner Pferdebohnen gefressen habe. Der Herr habe nichts angenommen. Einige weitere Fragen ließen keinen Zweifel, daß ich Häberles Besuch versäumt hatte, der fid) sichtlich der inneren Mission zuwandte, seitdem ihm die äußere so wenig Freude machte. Armer Häberle! Es regnet zwar in Kairo fast nie, und doch schien er in Gefahr zu sein, aus dem Regen in die Dachtraufe zu kommen.
Dann sei der große Herr mit dem langen Schnurrbart und dem roten Gesicht erschienen und habe ein Kästchen gebracht. Der habe eine Flasche Ungarwein getrunken und dem Bleichen auch etwas davon gegeben, aber nicht viel. In diesen Dingen waren die Berichte meines abessinischen Hausvogts stets von peinlichster Genauigkeit. Darauf hätten sie sich ein wenig gestritten. Der Ble,d)e habe bas Kästchen wieder mitnehmen wollen; der Rote habe dies nicht gelitten. Schließlid) feien sie ohne das Kästchen zusammen nad) Hause geritten. Der neugierige Kock) hatte es schon geöffnet. (Es enthielt zwei englische Bulldoggpistvlen und den nötigen Zubehör. Meine beiden Freunde hatten, jeder nad) feiner Art, liebevoll für mich gesorgt. Trotzdem schlief id; nach dem üblichen Kampfe mit den Moskitos, die sich unter den Gazevorhängen eingefchlichen hatten und erst erlegt werden konnten, nachdem sie bis zur Flugunfähigkeit in Blut geschwelgt hatten, den Schlaf des Gerechten und erwachte wohlgemut und kampfbereit, aber auch fest entschlossen, Bridledrum heute nod) nicht zu ermorden. Er war ein ungeschickter Lump, ohne Zweifel, und die Ehre verlangte, daß die Sache mit dem nötigen Ernst 'behandelt wurde. So weit hatte Beinhaus reckst. Auch Häberle hatte red)t, dabei konnte es möglicherweise ein Unglück geben. Aber kann cs nicht auch ein Unglück geben, wenn ich einer Riemenscheibe zu nahe komme oder Bridledrum einen bösartigen Esel besteigt? Leben wir nicht in einem Lande, guter


