Ausgabe 
18.9.1926
 
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Still und gedrückt trafen wir die letzten Vorbereitungen. Ganz anders als heule früh bei klarem Sonnenschein nahm sich jetzt nnfcr Vorhaben aus. Es war-doch ein eigen Ding, in der Dunkelheit, bei dem starken Wind und der Kälte, zu zweit nur den Gang über die ungeheuren Gletscher anzutreten. Die Fleischkonserven waren uns gar nicht gut bekommen, beide fühlten wir Magenbeschwerden.

Schauernd unter den Windstößen legen wir das Seit an, klettern den Fels hinab auf den Gletscher. Die langsame gemessene Bewegung aufwärts, immer aufwärts, bringt Besserung, lieber uns steht der Mond, erleuchtet mit seinem silbernen Licht die weihen Halden der Berge, die unnahbar in kaltem Stolz das Tal einschliehen. Un­zählige Diamanten glitzern im Schnee.

Welch unsinniger Gedanke, abends um sieben Uhr, im Juni, dem kältesten Monat, zur Besteigung des höchsten Berges in Bolivien aufzubrechen! Das Schweigen des Todes bedrückt mir die Brust. Ist es ein Traum oder ist es Wirklichkeit? Bin ich es, der hier die müden Glieder den Gletscher hinaufschleppt, oder ist es eine zu ewiger Unrast verdammte Seele, die mit unruhigem Flügel­schlag die schneeigen Hänge umflattert?

Wie oft lag mir in dieser ersten unendlich langen Stunde der nächtlichen Wanderung der Ruf auf den Lippen:Kehren wir um! Wozu das alles? Unmöglich wird es sein, der Kälte oben zu wider­stehen!" Liber im letzten Augenblick erstirbt mir immer das Wort auf der Zunge. Was gewännen wir auch, wenn wir uns jetzt ab­wärts wendeten? Nichts! Wir haben unsere Schiffe verbrannt. Die Träger nahmen die wärmenden Decken mit ins Tal, die Lebens­mittel sind zu Ende. Eine Flasche mit Kakao, etwas Schokolade, Keks und Coca ist alles, was wir mit uns führen. Auf jeden Fall gäbe es eine schlechte Nacht. Besser also versuchen, den Gipfel zu erreichen! Vorwärts, in Bewegung bleiben! Sonst bringt der kalte Wind die Glieder zum Erstarren.

Und bann erstirbt all das Drängen und Fragen in der Ein­tönigkeit der Waiidercmg. Mit langsam abgemessenem Schritt, mechanisch heben sich die Beine aus dem Schnee. Mechanisch steigen wir in die Höhe, immer in der Mitte des Gletschers. Später schwanken wir hinüber auf die linke Talseite. Der Wind wird immer stärker. Er seufzt und stöhnt unheimlich in langgezogenen Tönen, auf- und absteigend, doch immer lauter und wilder singt er uns sein nächtlich Sieb. Wie ein Baurn legt sich die Unendlichkeit der Eis- wiiste, die Einsamkeit auf uns. Trotzdem wir unausgesetzt wei­terschreiten, fühlen wir, wie langsam die Glieder erstarren; der Frost hat uns bis zum Mark durchkältet. Liber immer vorwärts, immer hinauf! Aufs neue ist in uns der Wunsch erwacht, zu siegen, die Spitze zu erreichen als Erste den Punkt, den nie vorher ein menschliches Wesen betrat.

Für kurze Minuten setzen wir uns im Schutze eines großen Eisblocks nieder. Aber dann treibt uns die Kälte weiter, der fürchter­liche Wind, der die Gedanken im Hirn erstarren läßt, bis nur noch ein Ziel wie in Stein gemeißelt bleibt: Hinauf!

Allmählich erklimmt der Mond seinen höchsten Punkt und neigt sich auf seiner Bahn gen Westen. Soll diese nächtliche Wanderung nie ein Ende nehmen? Sind wir verurteilt, hier oben in der Ein­öde vor Kälte zu sterben? Nur automatenhaft noch setzt sich ein Fuß vor den anderen.

Die Uhr zeigt beinahe eins. Wir sind am Paß. Zu unseren Füßen wieder die weite Schneefläche, die unsicher im Mondschein und Sternengefunkel glitzernden unzähligen'Gipfel gen Süden schwarz, unheimlich dunkel die Puna. Kein Lichtlein durchdringt mit tröst­lichem Strahl die feindliche Nacht, zu stärken die zwei einsamen Wanderer, die, abgetrennt von aller Verbindung mit dem Menschen­geschlecht, da oben stehen.

Mit unheimlicher Wut fällt uns der Wind an. Unbezwing­liche Müdigkeit übermannt mich. Ausstrecken möchte ich mich und schlafen, träumen von grünen, lachenden Landschaften und den tod)nee vergessen, die Kälte, den Sturm, der hohnlachend uns be­drängt, dem Abgrund zustöht.

Höchste Zeit ist es, einen Ort zu finden, wo wir uns vor dem Wind schützen, ein paar Stunden ausruhen können!

Ein großer Schrund zur Linken zieht unsere Ausmerksamkeit an. Wir kreuzen hinüber und bringen nach einigen vergeblichen Ver­suchen burch eine Art Tunnel ins Innere bes Gletschers ein. Eine kleine Höhle tut sich auf, ein Vorsprung läbt zum Sitzen ein. Die steigeisenbewehrten Füße an bie gegenüberliegenbe Wand, den Rücken an das Todeskälte ausströmende blaue Eis gestemmt, sitzen wir da zu unseren Füßen schwarz gähnend den halb schnee- überdeckten Schrund.

Im ersten Augenblick fühlen wir uns beinahe behaglich. Voll­kommen vor dem Wind geschützt, hören wir mit einem kleinen Lächeln der Zufriedenheit zu, wie es draußen stöhnt und klagt, wie die Windstöße heranbrausen, in ohnmächtigem Zorn an unserem Asyl zerschellen.

Dann sinkt der Kopf auf bie Brust. So müde sind wir, baß wir trotz ber Unsicherheit der Lage für kurze Augenblicke entschlummern, um mit einem Ruck wieder aufzufahren, selbst erstaunt, daß wir während des Schlafes nicht vom luftigen Sitz fielen.

Die Uhr zeigt fünf ein Viertel. Noch eine Stunde, und die Sonne wird kommen, das Licht, die Wärme. Allein die Kälte wird immer stärker, durchdringender. Von ber Eiswand, an die gelehnt wir dafitzen, geht ein so tödlich erstarrender Frost aus, daß cs nicht möglich ist, unbeweglich zu bleiben. Wir schlagen uns gegen­seitig den Rücken mit den Händen, klopfen die Schenkel, die Füße mit den Fäusten, dem Pickel. Es hilft nichts. Langsam kriecht die Kälte von den Beinen in die Höhe. Vor kurzen Monden erst flieg

ich aus ber dampfenden Treibhausatmosphäre der bollvianischen Tiefebenen wieder nach La Paz hinaus. Zu groß ist der Unter- schied! Wir zählen die Minuten. Wird diese Nacht nie ein Ende nehmen. . .?

Endlich erscheint draußen ein schwaches graues Licht, bringt in die Höhle herein, erleuchtet die grimmigen blauen Eiswände. Jetzt muß doch die Sonne kommen, das Leben! Aber das Licht draußen bleibt grau, der Tag erhellt sich nicht. Dichter Nebel be- deckt die Falten der Berge aus vollen Lungen bläst der Wind, dicke Wolken staubigen Schnees hüllen alles in ihre Schleier.

Wir halten die Kälte nicht mehr aus; Wir müssen uns bewegen, sonst bleiben mir für immer erstarrt in dieser Eishöhle!

Hinaus! Nichts zu sehen! Gleich einer Wand erhebt sich bas ein­förmige Grau bes Nebels vor uns, hüllt alles in unsicheres Licht. In einem Augenblick läßt uns ber Winb derart erstarren, daß wir froh sind, von neuem in die Höhle unterkriechen zu können.

Fvostschanernd warten wir eine Viertelstunde. Dann wieder hinaus mit demselben Ergebnis. Wieder müssen wir uns in die Höhle flüchten. Unmöglich ist es, dem Wind zu trotzen.

Beim dritten Ausfall aus unserem Zufluchtsort hat sich der Nebel ein wenig gehoben. Die Umrisse der nächsten Berge werden schattenhaft sichtbar.

Also vorwärts! Den Kamin, der sich vom Paß nach Norden hinanzieht, versuche ich, in unseren alten, noch teilweise sichtbaren Fußspuren hinaufzusteigen, doch der Sturm stößt mich beinahe in den Abgrund.Bei dem Wind kommen wir nicht hinauf", sage ich zu Schulze.

Doch er ist anderer Meinung. Am Hang versucht er in die Höhe zu kommen, wo die Gefahr, hinabgeschleudert zu werden, geringer ist. Gegen den Wind gestemmt erheben wir uns, drehen um eine Ecke des Berges, stehen auf der Ostseite. Hier erreicht uns ber Sturm nicht. Die Sonne hat bie winterlichen Frühnebel besiegt, empfängt uns mit wärmenben Strahlen. Schneller pulst das Blut wieder durch die Adern. Mit der Wärme kehrt die Unternehmungslust zurück; als erster steige ich bie Wanb zum Haukana hinan. Immer mehr flaut ber Wind ab, unb schon stehen wir zum zweitenmal auf dem Gipfel des Haukana, kaum hundertfünfzig Meter tiefer als der Ancohuma.

Zu dem Einschnitt hinab! Meinen Rucksack nehme ich auf, und anstatt den zweiten Borbuckel des Ancohuma anzugehen, schwenken wir in tue Ebene bes großen Plateaus auf der Westseite'des Berges hinaus. Lleußerft weich ist der Schnee. Während drei unendlich müh­samer Stunden bricht Schulze Bahn durch das trügerische weiße Element. Ilm Mittag sind wir endlich am Fuß bes Ancohuma.

Auf eine Stimbe berechnen mir ben Rest der Besteigung, lassen Rucksäcke und alles Ueberflüssige im Schnee, nehmen nur ben Kodak, Aneroid, Kompaß nsw. mit.

Die Neigung bes Westhanges bes Ancohuma dürfte kaum dreißig Grad überschreiten, aber trotzdem erheben wir uns sehr langsam. Die durch die Höhe, die verdünnte Luft, die starke Sonnenbestrah­lung hervorgerufene Müdigkeit macht sich wieder fühlbar. Die Stunden vergehen, schneckengleich nur nähern wir uns dem Gipfel. Schulzes Augen sind ber ungeheuren Blendung der weiten Schnee­flächen nicht mehr gewachsen er fühlt sich unwohl; von der Stelle ab, wo wir bie Rucksäcke zurückgelassen haben, ist bie Reihe an mir, vorzugehen.

Weitaus unterschätzt haben wir den Höhenunterschied, der uns vom Gipfel trennt. Nur Schritt für Schritt kämpfen wir dem Berg die Neigung ab. Zum erstenmal auf allen unseren Touren sehe ich Schulze matt in den Schnee sinken.Kommen wir hinauf?" fragte er angstvoll.Und wenns Mitternacht wird", antwortete ich.

In einer Hand den Pickel, in der anderen den leichten Bambus­stab, den mir von unten heraufgebracht, und der als Fahnenstange bienen soll, ziehe und schiebe ich mich mit Armkraft als mit der Arbeit der Beinmuskeln hinauf. (Das Gehen mit zwei Stäben wurde in ber Schweiz auch bei Sommertouren schon in früheren Jahren des öfteren empfohlen, da beide Arme hierdurch vom Körper ent­fernt bleiben, und weder Lunge noch Herz durch die nieberhängen- den Arme beschwert werden.)

Um drei Uhr sind mir endlich in der Scharte, südlich unterhalb des Gipfels, der sich gleich einem rundlichen Dom über uns erhebt rechts zu unseren Füßen ber steil anfteigenbe Grat, an besten Fuß mir vor zwei Tagen kehrtmachten. Eine kleine Vorspitze gen Osten, zu ber ein haarfeiner Grat hinaufführt, zieht ihrer Lustigkeit wegen unsere Aufmerksamkeit für einen Augenblick an. Dann streben mir unter möglichster Ausnutzung der vom Wind gehärte­ten Schneeschilber dem Gipfel zu. Der Schnee ist an manchen Stellen weich unb pulverig, allein bie Schneeschilber helfen uns weiter, fönst hätten wir vielleicht noch an biefer Stelle ben Kampf aufgeben müssen.

Am 11. Juni 1919, um drei Viertel vier Uhr nachmittags, stehen wir endlich auf dem Gipfel des höchsten Berges von Bolivien, an dem so viele andere in ihren Besteigungsversuchen gescheitert waren.

Rasender Sturm empfängt uns. Noch verteidigt sich der An­cohuma, will die Eindringlinge in den Abgrund werfen. Ein Wind von unglaublicher Stärke fällt uns an.

Mit frosterstarrten Händen pflanzen wir ben Fahnenstock auf, binden unsere kleine Fahne an. Eine Bildausnahme nach Norden zu, wo der vielzackige langgestreckte Jllampu sich erhebt, und eint nach Süden auf den Gipfel des Haukana. Mit peinlicher Aufinerk- samkeit lesen mir Barometer und Thermometer ab. Einige Pei­lungen, ein Blick auf die rundliche Kuppe des Gipfels, die ganzlicy