Gießener Kmilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgang 1926 ________ Samstag, -en |8. September Nummer 75
Beginn des Herbstes.
Von Johannes Heinrich B r a a ch.
Die Straße, die ich walle, die dunkle Straße Rot, von Dolden, vollen und schweren, von Ebereschenbeeren ist dicht bestreut und rot.
Es wächst aus Nebeln am Berge ein Dorf in den Abend emvor. Muß ich um Arbeit bitten" am zweiten oder dritten, am siebten, neunten Tor?
Seit Wochen die eine Frage, bangend von Tür zu Tür, und immer das gleiche Bescheidene Mr müssen selber leiden uni) können nichts dafür.
Am Himmel fetzen Wolken, es regnet am ersten Haus. Wird man mir Obdach schenken, treibt Spott mich ohne Bedenken in Nacht und Nässe hinaus?
Die Eberejchenbeeren brennen am Wege rot. O Heimat — wie soll das enden, wird Winter die Wehmut wenden, reicht schon der Herbst uns Brot?
Dis Schwester.
Zum 500. Todestag Hubert von Eycks.
Von Carl Ferdinands.
Hubertus van Eyck geleitete den hohen Rat der Stadt Gent, der feine Werkstatt in Augenschein genommen hatte, durch den breiten geräumigen Hausflur zum Tor. Er selbst, der fast Sechzigjährige, der bei aller Gelassenheit im Irdischen prunkvolles Gewand unb reiches Leben liebte, schritt in pelzverbrämter Houppelande. einen blauen Sammetrock mit grauem Pelzfutter und -besaß daher: silber- graues, loses Haar stand ihm gebauscht, wie die Mode es erforderte, um die von Krähenfüßchen durchzogenen Schläfen, die seinen braunen, schauenden Augen den heitergütigen Ausdruck gaben. Er verabschiedete sich höfisch von den Großen des Magistrats, fein Blick weidete sich mit Wohlgefallen an all den edlen Tuchen und Pelzhüten, an den schweren blitzenden Goldketten unb an dem schimmernden Cdelgestein der Kleinode. Er hörte noch einmal all das Lob aus klugem und aus törichtem Munde, dann sah er die Gebietenden in engem, lautredendem Verbände die Straße hinunterschreiten und schloß das Tor leise zu.
Mit schnellerem Schritt ging er in seine weitläufige Werkstätte zurück, die vom Abendschein eines in Sonne un dWolken wechselnden, blaugetönten flnndristhen Herbsttages überflutet war. Während er seinen schweren Festrock ablegte, rief er feine Schwester Margarete, die sich in einem Nebenraum zu schaffen machte. „Nun noch, Mar- griet, dir und mir einen edlen Becher von dem Spanischen, damit wir diesen Tag genießen können!"
Margarete, unvermählt wie er, die beste Gehilfin des Meisters, eine Malerin, die, wenn sie nicht die Schwester des großen Hubertus gewesen, sicher in allen flämischen Landen als ein weibliches Wunder der Kunst gepriesen worden wäre, so aber feine Wirtschafterin und getreue Hilfe in tausend handwerklichen Dingen, brachte nach einer Weile, als Hubert schon auf einem, mit zierlichem Maßwerk versehenen Schnitzstuhl saß und sein unfertiges Werk, die Anbetung des Lammes, das er für Jodokus Veyts Kapelle in der Kirche Sankt Bavo malte, nachdenklich, als sehe er es soeben zum ersten- | mal, betrachtete, den gewünschten Pokal, aber nur einen, stellte ihn auf ein Eichentischchen und wandte sich wieder zum Gehen.
Hubert sah auf. „Margriet, wo bleibt dein Becher?" fragte er, noch mit [einem Werke beschäftigt.
Schon halb abgewandt antwortete die Schwester mit einer unsicheren Stimme: „Ich nicht, mir keinen Becher, ich will das Gemach -räumen und wieder Ordnung schaffen noch all den Männern und Stimmen!"
Da erhob sich der Bruder schnell, sein scharfes Ohr hatte den wehen Ton erkannt, er eilte auf die Schwester zu, die nun, leicht ergraut, mit manchen Spuren des Alters, aber noch aufrecht und stolz, vor ihm stand.
„Hat dir einer der Ratsleute etwas Aergerliches gejagt?" „Nein, sie ehrten mich alle, sie lobten meine Pasteten, sie lobten meine Suppe, sie lobten am meisten den Hecht mit den Steinpilzen, sie sagten, keine Frau in ganz Gent könnte so feine Pfeffernüsse backen, sie sagten . . .
„Margriet!"
Hubert nahm die Hand der fraulichen Schwester und hielt sie die nach den schnell hergefprochenen Worten enteilen wollte, fest.
Eine Weile war Stille in dem weiten Raum, und das machtvolle Gemälde von der Anbetung des Lammes strahlte fein mildes, ab- geklärtes Licht aus, die grünen Blumenwiesen dieser himmlischen An waren belebt von den Heiligen des Herrn, von den Aposteln Eremiten und Ordensleuten, von den heiligen Vätern und Bekennern und heiligen Jungfrauen. Daneben aber standen drei weitere möchte Tafeln, Gottvater im Glanz ewiger Kleinode, Johannes der Täufer mit der erhobenen Rechten und die Gottesmutter, wie lebend, wie eine blühende Tochter Margaretens.
Dann aber beugte sich die Schwester, die Hubert noch immer festhielt und ernst beforgt betrachtete, nieder und begann, obwohl sie dagegen kampste, immer heftiger zu schluchzen. Der Meister, er- chuttert und zweifelnd, zog sie zur Truhe, drückte sie nieder, saß selbst neben ihr und fragte solange unb zart, bis endlich sie zu sprechen begann.
„Ich schäme mich dieser Tränen, ich weine über mich, weil ich mich nicht zurecht finde in mir. Sieh, als all diese Männer, die klugen und weisheitsvollen von Gent, hier standen, und dein Werk unser Werk, lobten unb priesen, als sie dich über alle Maler der Erde hoben, da habe ich etwas empfunden, was ich haßte. Ich mar neidisch. Ich dachte: Hast du nicht auch die hohe Kunst, Margarete, kannst du nicht ebenso die Pinsel führen, wie Hubert, hast du nicht manches Schwungstück und manche Blume und manchen Rasensleck aus den Bildern gemalt? Hat nicht Hubert immer gesagt, es fei vortrefflich? Und hat er dich nicht gefeiert, als du die Krone der Mutier Maria fo echt gemalt hattest, daß man sie greifen konnte? Daran, war ich neidisch unb dachte, den Hubert loben sie und für dich finden sie kein Wort, obwohl es mancher von ihnen weiß daß du an den Bildern arbeitest, und obwohl Hubert es ihnen sagte, daß du dis Krone unb die Geschmeide und die Blumen gemalt hast. Mer die Pasteten und den Hecht unb bas Gebäck loben sie mir O Verles, wie weh tut ber Reib, wenn man nicht neidisch ist!"
Hubertus, der Gute, Hilfreiche, war zuerst hilflos vor diesem Ausbruche seiner Schwester, die mit ihm alt geworden war. Eine Welle mar mieber Schweigen, bann sagte er, von der Dämmerung immer mehr verhüllt: „Es ist nicht meine Hand, die malt, es ist nicht deine, es ist des Vaters, der Mutter, der Urahnen Hand die so kunstreich ist. Und wenn ich gerühmt werde, denke ich, sie rühmen den Vater, die Mutter, die Ahnen, dessen sollen wir alle beide stolz sein und die Gewesenen verehren. Wie könnte ich wagen, zu sagen, dies Werk da, die Anbetung des Lammes, habe ich, Hubert van Eyck, geschaffen? Ich diene nur wie du, Margarete! Und nun geh, hol Dir den Pokal, damit mir fröhlich werden!"
Und sie, die ein Leben seiner Größe geopfert hatte, folgte, nun lächelnd und innerlich erwärmt, seinen Worten. Unb als die edlen Kristallgläser leise zusammenklangen, schwiegen die alternden Geschwister und ließen sich ganz überströmen von der Übermensch- lichen Wucht ber Tafeln, die da ans dem Dunkel immer strahlender hervorleuchteten.
Die Erstbesteigung des Aneohuma.
Von Rudolf Dien st.
In das Wunderland Südamerikas führt uns das soeben im Verlaufe Strecker & Schröder in Stuttgart unter dem Titel „I m dunkelsten Bolivien" erschienene reich bebilderte Buch von Rudolf Dienst (Preis 8 Mk.). Wir finden den Verfasser im geheimnisvollen Düster ber tropischen Urwälber, wandern mit ihm über die 4000 Meter hoch gelegene Pampa und begleiten ihn mit noch drei deutschen Bergsteigern auf vorher nie bestiegene Kordillerengipfel, die bis zu 6600 Meter über dem Meere liegen und alpine Höchstleistungen erfordern, die denen der englischen Mount-Everest-Expedition keineswegs naWehen. Die habet zu überwindenden Schwierigkeiten gibt ein kurzer Ausschnitt aus dem Buche anschaulich wieder. (441)
Nur zu schnell verging der Tag. Die Nacht kam unb mit ihr der Frost. Auf dem nackten Boden ausgestreckt versuchten wir noch ein Weilchen zu schlafen, aber bald trieb uns der eisige Wind hoch.


