Ausgabe 
18.5.1926
 
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fertig war, wurde nach kurze» Beratungen beschlossen, es in dem Park auszustellen, wo die Weltkinder ihre Orgien zu feiern pflegten! derselbe war nebst einem stattlichen Herrenhause von seinen heiligen Besitzern verschmäht und der Verwilderung preis- gegeben. Mit großen Anstrengungen wurde denn das schwere Bildwerk auf einen künstlichen Hügel im Parke gebracht, von wo aus man einen Ausblick über den Strand und das Meer hatte, und angesichts einer großen Menschenmenge feierlich ent­hüllt. 3m ersten Augenblick sah man nichts als einen blendenden, int Glanze der Mittagssonne nach. allen Seiten Strahlen schießen­den Goldkoloß, so daß der Eindruck ebenso heiter wie erhaben war: erst bei längerem Schauen offenbarte das Idol die böse Natur, die der Meister mit staunenswerter Kunst hineingebildet hatte. Die ganze Figur des .Ungeheuers ließ sich etwa mit einem Nilpferd oder Lindwurm vergleichen, soweit sie breit und un­geschlacht war, doch lag in dem prallen Leibe bei aller Plump­heit etwas Elastisches, und den säulendicken Deinen, die sich gegen den Fuß zu noch beträchtlich verbreiterten, sah man an, daß sie sich wie der Blitz aufheben und ihr Opfer in den Staub zufaimnenstampsen könnten. Was aber vorzüglich mit Schrecken erfüllte, war das breite 2lntlitz mit den kleinen langgeschlihteir Augen, die dumm, grausam und tückisch nach allen Seiten zu­gleich zu blicken schienen. Das weite Maul hatte einen zweideutigen Ausdruck, so daß man nicht wußte, ob es in tierischer Weise lachte oder sich zum Geheul oder zu mörderischem Biß öffnete. In der Haltung des Ungetüms war etwas, als lauerte es auf den Augenblick, wo er sich aus das Volk, wenn es mit gesenkten Köpfen zur Anbetung niederkniete, herunterlassen könnte, um es zu zermalmen und zu fressen. So verschieden nun auch jeder das Götzenbild betrachten und auslegen mochte, flößte es doch allen Abscheu und Grauen ein, und es verbreitete sich bald allerlei abenteuerliches Gerede, wie zum Beispiel, da ßman der Bestie nicht gerade ins Auge sehen dürfe, da sie einen sonst behexe und nicht mehr losließe, ferner daß sie nachts, wenn der Mond ihren glatten Goldrücken beschiene, lebendig würde, zu welcher Zeit viele ein kicherndes Heulen, wie von hungrigen Hyänen, gehört haben wollten. Dies aber, sowie die Zerstampfung des Bodens umher, die man wohl des Morgens wahrnahm, mochte von dem ausaelassenen Toben der Weltkinder herrühren, die, obwohl es meistens arme Schelme waren, unter Scherz und Jubel um das Scheusal herumtanzten. Ihr Anführer zu allem war der Lustbold, der allmählich immer mehr ausartete, sich Daalspriester nennen ließ und, das graue Haupt mit Blumen geputzt, dem Götzen schmeichelte und opferte.

Als ein denkender Betrachter der menschlichen Torheit mischte ich mich unter die Gotteskinder wie auch unter di« Weltkinder, öfter aber unter die letzteren, und zwar hauptsächlich aus väter­licher Zuneigung für die Zwillinge, deren Zustand ich aus des Tröpfchens zutraulichem Sprudeln und Plätschern erfuhr. Daß es eben die Kinder des Jammerbvlbs waren, die zu den gefähr­lichsten Unholden zwischen den Weltkindern zählten, erregte natürlicherweise großes Befremden und Aergernis: aber weniger deswegen, als aus Teilnahme für die hilflos in der Irre tappen­den Kinder und ihren Vater, meinen Freund, machte ich mich eines Tages auf, um ihm die Augen über ihre Lage zu offnen. Man fand Pastor Wolke damals selten zu Hause, weil er stets mit Predigen, Lehren, Trösten und Helfen beschäftigt war, doch war mir diesmal der Zufall günstig, wie mich die heftigen Reden, die aus den geöffneten Fenstern seiner Wohnung schallten, schon von weitem merken ließen. Als ich näher herankam. sah ich zu meinem Erstaunen, daß nacheinander eine Reihe von silbernen Tellern. Schüsseln, Schalen und Kannen aus dem Fenster flogen, zum Teil von außerordentlicher Größe und Gewicht, so daß ich mick an den Mauern der Häuser entlang drückte, um nicht ge­troffen zu werden. Es waren nänrlich dem edeln Manne Stiche­leien zu Ohren gekommen, daß seine eigene Frau zu denen ge­höre, die, während der Fromme alles Irdische von sich täte, mit unverminderter Habgier auf dem Ihrigen sitzen bliebe und so, auf lasterhaftem Reichtum thronend, ihren Mann und seine An­hänger verlachte. Er hatte hierauf seine Frau zur Rede gestellt und in allerlei Truhen und Kisten den Schatz Des Hauses entdeckt, den er sogleich trotz des Tobens seiner Frau in wohlgezielten Würfen auf Ne Straße schleuderte. Er lieh sich auch durch meinen Eintritt nicht stören und Hörte erst auf, als ihm die schwachen, alten Arme erschöpft am Leibe herunterfielen, worauf er sich zu seiner Frau wendete, um ihrem Schelten Gehör zu schenken. Du Geck, du Faselhans," rief diese,was bist du mehr als ein einfältiger Tyrann, der alle Menschen nach seinem zufälligen Maße modeln möchte? Wärest du ein Tanzmeister, würdest du alle tanzen lassen, wärest du ein Totengräber, würdest du sie verfluchen, wenn sie sich nicht begraben lreßen, und da du nun als Gottesnarr und Iammerbold geboren bist, möchtest du alle in ein Kloster sperren, die doch toeit nützlicher und erbaulicher leben als du." Ich unterbrach die Frau, indem ich ihr bewies, daß sie die Erhabenheit und Heiligkeit ihres Mannes nicht zu fassen vermöge, dagegen hielt ich ihm vor. daß es an der Zeit sei und er Ärsache habe, sich um seine Kinder zu bekümmern, deren Seelen Gott ihm vorzüglich airvertraut hätte und in Bälde von ihm zurückfordern würde. 3n Dieser Weise redeten wir ab­wechselnd auf ihn ein, bis er mich mit demütigen Worten bat,

ihn hinzuführen, wo seine Kinder wären, was ich sogleich tat, worauf seine Frau mit Hilfe des Dienstmädchens das Silber, soweit es noch! nicht fortgetragen war, wieder auslas und ins Haus zurückbrachte. Unterwegs erzählte ich dem Alten, was sich in der letzten Zeit mit seinen Kindern begeben hatte, wie sie, um doch einmal vor dem Ende Das schöne Erdenglück zu kosten, sich in wilde, alberne Ausschweifungen geworfen hätten, die sie aufzehrten, ohne ihnen Genüge zu geben. Die Weltkinder glaubten, als sie des Iammerbolds ansichtig wurden, nichts anderes, als daß er sie bekehren und bessern wollte, wovon sie sich eins Hauptkomödie versprachen: aber der Anblick des alten Mannes, als er seiner verlorenen Kinder ansichtig wurde und die Arms zaghaft aus der Entfernung nach ihnen ausstreckte, mit dem kleinen weißhaarigen Haupte nickend, rührte das leichtsinnige Volk, so daß einige sogar den Zwillingen Zeichen gaben, sie möchten ihren Vater nicht so lange rufen und bitten lassen. Diese starrten den Alten erst eine Weile erschreckt an, dann faßten sie sich plötzlich bei den Händen und liefen wie ein paar bei einem verbotenen Streich ertappte Kinder spornstreichs entgegengesetzter Richtung davon. Indessen liehen sie nicht lange auf sich warten, denn sie waren eigentlich froh, an der Fort­setzung ihres sinnlosen Treibens verhindert zu werden, und müde und überdrüssig genug, um das Ende ruhig über sich ergehen zu taffen.

Dieses kündigte sich denn nun wirklich durch eine heillose Katastrophe an, die dem Weltuntergang gerade um acht Tage voraufging. Schon einige Tage lang war die Hitze ungewöhnlich lastend gewesen und die Luft klumpig und schwer, so Daß man das Gefühl hätte, man müßte sie mit den Händen von sich ab­streifen oder, wenn man sich sehr anstrengte, von sich abschütteln können: nur daß einem die Kraft sich anzustrengen gebrach. Jetzt hatte der Himmel eine verwischte graubraune Färbung be­kommen wie vor Einbruch eines Hagelwetters, das Meer lag schwarz und leblos wie ein nasses Tuch, und nur selten strich eine Möwe mit ängstlich zuckendem Flug dicht darüber hin. Es zweifelten nur wenige daran, daß der Weltuntergang nun baldigst hereinbvechen werde, und Der Iammerbold war so dringend auf­gefordert, eine ernste Ansprache in der Kirche zu halten, baß er nicht nein hatte sagen können, obwohl ihm aller Eifer für die Angelegenheit gänzlich abhanden gekommen zu sein schien, ja man hätte an eine gewisse Verwirrung seiner Ideen glauben können, wenn man sein unzusammenhängendes Betragen mit dem früheren verglich Er sah von der ganzen Zuhörerschaft nur seine Kinder, welche dicht unter der Kanzel Platz genommen hatten und seinen inständigen Blick mit schwachem Lächeln ihrer blassen Mienen erwiderten. Auch was er sagte, schien nur für sie berechnet zu Win, .wenigstens handelte es durchaus nicht vom Weltuntergang, sondern vom Glück und wie und wo es zu finden sei, wenn denn überhaupt ein fortlaufender Faden darin war. Wenn sie als kleine Kinder auf der Wisse saßen und Stern­blumen pflückten, saß ihnen da nicht das Glück in den strahlenden Augen? Lachten die nicht wie Selige tadyen? 3a, mitten im Paradiese waren sie! Weh mir, daß ich ihnen den Apfel Der Erkenntnis gegeben habe! Hätten sie nicht ewig lachen und spielen sollen, da doch Kinder wie Engel sind?" Da er Dies noch dazu in abgebrochener Weise vortrug und zwischendurch öfters das Ge­sicht im de» Händen verbarg, würden die Zuhörer an dem wunderlichen Zeug schließlich Anstoß genommen haben, wenn nicht plötzlich ein fürchterliches Krachen und Poltern dem Gerede ein für allemal ein Ende gemacht hätte. Es war 'nämlich, wie sich nun zeigte, die unheilvolle Witterung Vorbote eines Erdbebens gewesen, das sich eben in diesem Augenblick entlud und die Kirche so erschütterte, daß ein Teil der Mauer nebst mehreren Pfeiler».', einstürzte. Die fallenden Trümmer töteten einige Per­sonen und verwundeten mehrere, und der Zufall wollte, daß die Schneeflocke unter den letzteren war und an Der Hüfte und ant Dein so getroffen wurde, daß sie wohl mit Dem Leben davon- rommen konnte, aber sicherlich gelähmt bleiben mußte. Von diesem Augenblick an veränderte der Pfarrer sein Betragen gänzlich und legte nichts anderem als dem Befinden Und Aussehen seiner kranken Tochter mehr Wichtigkeit bei. Man konnte ihn häufig mit zufriedenem Lächeln wie einen Tagelöhner arbeiten sehen Denn es war bei Dem verwahrlosten Zustande unserer Stadt allenthalben Arbeit zU istn-deir f- UM ein paar Kreuzer zu ver- dienen und ihr Blumen ober irgendeinen Tand kaufen zu können, der das weiße Gesicht vielleicht würde ladjieit machen. Die ver­lassene Herde des Pastoren befand sich »runmehr in solcher Span- itotng, Daß er nicht sonderlich vermißt wurde, denn es war jetzt so weit, daß der große Zusammenbruch eintreten mußte und die Folgen der Weltverachtung und Seelengröße eingeheimst werden konnten.

Der 13. Juli war ein heißer, aber freundlicher Tag, welcher es Den Gotteskindern erlaubte, mit nichts als Hemden bekleidet, singend durch Die Stadt zu wallfahrten, Die Frauen mit auf­gelösten Haaren, was ein lieblicher Anblick gewesen sein würde, wenn Die bedrohlichen Umstände dergleichen Betrachtungen hätten auflommen lassen.

(Schluß folgt.) 7

Schriftleitung: vr. Triebr. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'schen Aniv7-Büch- und Steindruckerei, A. Lange, Gießen.