Ausgabe 
18.5.1926
 
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BüchsrMel und buchhändlerischer Erfolg.

Bon Dr. Fritz Adolf Hünich, Leipzig.

Die Geschichte des Düchertitels. zu der hier ein Kapitel grundsätzlicher Art geliefert wird, ist noch ungeschrieben, obwohl der Gegenstand von grösstem Reize ist, weil er in das Herz des Schaffenden und seines Anwalts, des Verlegers, zugleich führt. Es gibt Titel, unter deren Zwang ein Werl entsteht und in gewissermaßen vorgezeichnete Gedankenbahnen geleitet wird, trt anderen Fällen wieder wirft die Woge, die das Werk trägt, einen Titel auf, der so völlig von dessen Idee durchdrungen ist, daß er durch keinen treffenderen ersetzt werden kann. Darüber hinaus aber wird die Titelwahl, wofern es sich nicht um rein fachliche Benennungen handelt, dem Schriftsteller und dem Ver­leger Anlaß zu langen und ernsthaften Erwägungen und Be­ratungen bieten. Der Verleger übersieht als Kaufmann mit kälterem Blute als der von seinem Werke befangene Schriftsteller die Möglichkeiten, die in einem Stoffe liegen, und so verdankt denn manches Buch den glücklich gewählten Titel seinem Ver­leger. Auch die Titelwahl ist sozusagen eine Ausdrucks­kunst. Es gilt, die bezeichnendste Geste herauszufinden, eine Formel, die den ausschlagge^nden Gedanken des Schöpfers ativdrückt und gleichzeitig mit Geheimnis umschleiert, um durch das, was sich nur erraten läßt, unsere Neugier wachzurufen und zu steigern. Ein zugkräftiger Titel muh Programm und Lockung sein. Auch das Buch, obwohl es als Gehirn und Seele uns unmittelbar anspricht als jedes andere durch Maschinen ver­vielfältigte Erzeugnis, bedarf Unter dem Riesenangebot gleichk- gearteter Literatur jeder Gattung der weittragenden Stimme eines ausgesuchten Titels, wenn es nicht unbemäkt bleiben und in der Menge untergehen will. Ein guter Büchertitel, sagt man, fei ein halber Reisender. Dieser Erfahrungssatz wird durch zahlreiche Beispiele aus der Geschichte des deutschen Buches, das uns hier am nächsten liegt, bestätigt; wir brauchen nur an den nach vielen Zehn- und Hunderttausenden von Exemplaren sich be­ziffernden Absatz von Büchern wie FrehtagsSoll und Habens, HauptmannsVersunkene Glocke", BierbaumsIrrgarten der Liebe" *), Elisabeth von HeykingsBriefe, die ihn nicht er­reichten...", BeherleinsJena oder Sedan?" und Oswald Spenglers.Untergang des Abendlandes" zu identen. Aber und das führt uns in die Mitte unserer Betrachtungen alles Kopfzerbrechen um einen zutreffenden Titel wird umsonst sein, wenn das Buch (Erotik und Kitsch schalten aus, weil sie immer ziehen") nicht in irgendeinem Sinne aus den Bedürfnissen und der Sehnsucht der Zeit herausgewachsen oder von der Beliebtheit seines Verfassers begleitet ist. Hier liegt letzten Endes das Ge­heimnis des Erfolges. Der Verleger ist wie kaum ein zweiter sonst das Barometer für den geistigen Luftdruck seiner Zeit: er leimt ihre geheimen Strebungen und tiefsten Wünsche., Ist er der Mann, den die Zeit braucht, so weiß er auch die Kräfte auf­zufinden, deren er bedarf, um aus ihnen die der Zeit (und ihm) förderlichen Werke an sich zu ziehen, Ast ihm dies gelungen, hat er, gleich dem Sucher mit der Wünschelrute, mit dem geheimnis­voll angezvgenen Herzen die verborgenen Quellen aufgefpürt, so beginnt seine zweite große Aufgabe, sie in das Bewußtsein der Zeit überzuleiten. Die Propaganda in Buchhandel und Presse ist nicht der geringste Teil der Arbeit, die ein Verleger für seine Autoren leistet. Vernachlässigung dieses wichtigen Ressorts hat oft den Untergang aussichtsreicher Bücher verschuldet, sach­kundige Leitung "dagegen ist auch den weniger bedeutenden zugute gekommen. 3n vielen Fällen war und ist die Befähigung eines Verlegers für zweckmäßige Propaganda entscheidend für das Auf steigen oder Verborge nbleiben seiner Autoren. Richt minder maßgebend für die Gangbarkeit eines Buches ist, die -Umgebung, in die es gerät: in dieser Beziehung muß sich ein Verleger auf seine Jnstinktivwahl unbedingt verlassen können, was natürlich gelegentliche Irrtümer nicht ausschließt.

Es ist aber hier nicht die Aufgabe gestellt, die Ursachen für das Eintreten oder Ausbleiben des buchhändlerischen Erfolges überhaupt zu ergründen und zu bestimmen, aus dem Gesagten möge vielmehr als Ergebnis entnommen werden, daß in dem Gewebe von Berechnung und Zufall, als das jedes kaufmännische Geschäft anzusehen ist, der Büchertitel ein mannigfach bedingter, unwägbarer Bestandteil ist, der selbst bei glücklichster Mahl einen Erfolg von vornherein nicht zu gewährleisten braucht.

*) Hier sei ein kleiner Exkurs gestattet, weil er dem Interesse des Lesers zu begegnen hofft. Dieser Titel ist nicht von Bierbaum oder seinem Verleger erfunden, sondern er stammt aus dem 18. Jahrhundert. Im Jahre 1746 erschien von dem Verfasser der Insel Felsenburg" I. G. Schnabel ein galanter Roman unter dem Titel:Der im Irrgarten der Liebe herumtaumelnde Ca- valier oder Reise und Liebesgeschichte eines vornehmen Deut­schen von Adel, Herrn von ©t***". Schon Jmmermann hatte sich dieses Titels bedient, als er 1829 die Streitschrift gegen Platen Der im Irrgarten der Metrik umhertaumelnde Eavalier" ver­öffentlichte. Es handelt sich also nicht allein darum, ein guter Erfinder zu sein, man muß auch den Blick und das Glück des Finders haben.

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Weltuntergang.

Bon Ricarda Huch (Fortsetzung.)

Uebrigens gehörte nicht die ganze Einwohnerschaft zu de» Anhängern des Jammerbolds. sondern es gab einige, deren Reichtum von jeher wie das Veilchen in der Verborgenheit ge­blüht hatte, die nach wie vor möglichst unauffällig ihren Ge- schäften nachgingen und die übrigen als müßige Phantasten be­lächelten; andere, die gewöhnt waren, jedwedes Ereignis mit Jubel zu begrüßen, damit nur die Alltäglichkeit unterbrochen! würde und sie Gelegenheit hätten. Feste zu feiern. Diese sam­melten sich um den Lustbold, welcher immer ein paar fröhliche Redensarten bei der Hand hatte, um ihre Ausgelassenheit zu bemänteln, wie daß Gott den Menschen die Erde als Wohnplatz angewiesen hätte und sie sich aus Dankbarkeit so viel wie möglich darauf belustigen müßten, ferner daß, was auch später eintreten möchte, das schöne törichte Erdenleben jedenfalls die Jugend­zeit der Seele sei, und ewig müsse es derjenige bereuen, der sich seiner Jugend nicht gefreut hätte. Mit solchen Sophismen mag er wohl auch die Kinder seines Gegners, des Pastors Wolke, berückt haben. Zwillinge und einander so ähnlich, daß man sie, wenn sie nicht verschiedenen Geschlechts gewesen wären, kaum voneinander hätte unterscheiden können.

Als sie geboten waren, hatte sie jemand witzweise Wasser­tröpfchen und Schneeflocke genannt, was sich späterhin als gut geeignet erwies, denn das Geplauder des Knaben, dessen Zünglein von selber ohne Regulierung von fetten des Kopses zu laufen schien, glich dem geschwinden Tröpfeln des Wassers etwa aus einer Rinne bei starkem Regen, und das stille Mädchen war nicht nur weih wie eine Schneeflocke, sondern hatte auch etwas an sich, als könnte sie jeden Augenblick schmelzen und verschwinden. Man rief sie also Tröpfchen und Schneeflocke oder Vikus und Dika, da die feierlichen Namen Ludovikus und Ludovika, auf die sie getauft waren, augenscheinlich nicht für sie paßten. Sie waren fast jedermann bekannt und doch ganz ohne Freunde, nicht weil sie unbeliebt gewesen wären, vielmehr well die Natur sie so nebeneinander gestellt hatte, kam es ihnen nie in den Sinn, einen anderen Umgang zu suchen. Aber obwohl sie sich sehr lieb hatten, ja nicht ohne einander bestehen konnten, fühlten sie sich doch nicht befriedigt und ausgefüllt in ihrer Liebe, im Gegenteil, als die Kunde vom Weltuntergänge kam, siel es ihnen plötzlich ein, in was für einer fürchterlichen Einsamkeit sie bisher gelebt hätten, nämlich nur miteinander, die sich doch innerlich fo ähn­lich waren wie äußerlich. Die Nachricht, daß es bald für immer vorbei fein würde, schreckte sie tote mit Posaunenstößen aus ihrem Halbschlummer, und sie wußten, in ihrer Angst und Ungeduld gar nicht, was sie tun sollten, um das Leben in die Hände zu bekommen. Sie waren bereit, alles zu tun, was sie nur fühlen machte, daß sie lebten.

Als die Weltkinder begriffen hatten, um was es sich handelte, schien ihnen das ein Hauptspaß zu fein; sie empfingen die Zwil­linge voll Zärtlichkeit, die Frauen bemächtigten sich des Tröps» chiens und die Männer der Schneeflocke, denn zunächst, sagten sie, müßten sie die Liebe kennenlernen, dann würde das Leben sich von selber auftun. Es zeigte sich aber, daß dem Vikus die Liebe nicht beizubringen war, well er es durchaus nicht ernst damit nehmen konnte, was denn doch das betreffende Mädchen, wenigstens auf Augenblicke, verlangte. Während der zärtlichsten! Wechsekreden Und Liebkosungen dachte er an hundert andere Dinge, namentlich aber mit welchen Worben er feiner Schwester das gehabte Abenteuer wiedererzählen würde, wovon eine große Unaufmerksamkeit und Zerstreutheit die Folge war, die die Geliebte beleidigte. Schließlich gab er es ganz auf und hielt sich zu den jungen Männern, die er, namentllch wenn sie groß, stark und etwas roh waren, nicht wenig bewunderte, würfelte und zechte mit ihnen, ohne übrigens ein anderes Interesse dabei zu haben als das des munteren Aefschens, das die Hantierungen der Menschen nachmacht. Unterdessen wehte Vika leicht und ge­räuschlos aus einem Arm in den andern, indem sie jedesmal dachte, der Kuß des neuen Geliebten würde ihr die Liebeswonne bringen, nach der sie sich sehnte. Da ihre Seele eigentlich gar nicht dabei war, wenn sie sich küssen lieh denn sie horchte uird wartete immer auf das Wundervolle, was sich nun ereignen würde fühlte sie sich nicht gerade entwürdigt durch den häufigen Wechsel, nur daß sie, da ihr Herz trotz allem von dem heimlichen Schauder, dem Frühlingsbeben und Blütenschwellen nichts verspürte, immer trauriger wurde und am llebsten ihren Bruder aufsuchte, um unter dem harmlosen Geplauder, das von seinen Lippen plätscherte, vor sich hin zu träumen.

Während dieser Zell arbeitete der Bildgießer, Herr Brause- Wein, fleißig an dem goldenen Kalbe, das er in all seiner gottlosen! Pracht und Schönheit darzustellen versprochen hatte. Dieser MaNn genoß allgemeines Bertrauen, welches auch seine feste, knorrige Gestalt, sein breites Gesicht mit der stattlichen Rase und den Keinen blinkenden Augen herausforderte; dazu war er als un­eigennützig bekannt, denn er hatte sich stets mit geringem Lohne für die zahlreichen Brunnenfiguren und Kirchenornamente, die er der Stadt geliefert hatte, begnügt und das goldene Kalb vollends ganz ohne Entgelt zu bilden unternommen. Nachdem das Vieh