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Haar. 11 nb es ging sich recht angenehm unter seinem Regen- schinn zu Zweien.
Aber dann wurde der Regen so stark, daß sie Schutz in dem kleinen Föhrenwäldchs.i suchen muhten. Sir sah kläglich auf ihre hübschen Hellen Schuhe, die nicht regenfest zu sein schienen, und er machte sich ernstliche Sorgen, falls sie sich einen Schnupfen oder gar eine Grippe holen würde.
„Wie schade!" sagte sie. „Und ich hatte mich so fest auf Ihre Prophezeiung verlassen. Sie haben so etwas Zuverlässiges, daß ich Ihnen unbedingt glaubte!"
Sein Gewissen schlug. „Ich bin gar nicht so zuverlässig," sagte er. „Das heißt, sonst wohl. Aber diesmal habe ich gelogen. Ich wußte, dah es heute regnen würde. Aber ich wollte Sie Wiedersehn und mit Ihnen durch die Heide gehn. — Können Sie mir verzcihn?"
Ganz zerknirscht stand er neben ihr und wagte sie nicht anzusehen.
Merkwürdigerweise wurde sie gar nicht böse. Sie lachte nur hell in den Regen hinein und sprach die Hoffnung aus, dah er sie nie wieder im Leben so belügen würde — dann wolle sie es ihm für diesmal nicht nachtragen. Und dann faßte sie die Sache von der praktischen Seite an und sagte, sie müsse den Besuch in HudewWel wohl aufstecken, und ob denn in dieser gottverlassenen Gegend nicht irgendein Obdach zu finden sei?
Sichtlich erleichtert holte er seine Generalstabskarte hervor, die er auch heute glücklicherweise nicht vergessen hatte, unrd die er auch heute glücklicherweise nicht vergessen hatte, und stellte fest, daß jenseits des Föhrenwäldchens eine menschliche Behausung liegen müsse. Dahin gingen sie denn wohlgemut durchs den Regen.
Sie schien ihm wirklich die Sache nicht Übelzunehmen, und das machte ihn so glücklich und leichtsinnig, daß er den verregneten Frühjahrspaletot vergaß und alles andere, was ihn so oft sonst quälte und sorgte.
Sie fanden nach einigem Suchen das bescheidene Häuschen eines Forstwürters. Er selbst war nicht daheim, aber seine junge Frau hütete ein Wickelkind. Sie zeigte sich hilfsbereit und tat das ihrige, die nassen Sachen am offenen Herd zu trocknen und derweil anderes Zeug zu leihen.
Als Grete Wunder dann dicke, graue Strümpfe, feste Schnürschuhe und ein dunkelblaues Sonntagskleid trug, zeigten sich ihre hauswirtfchaftlichen Talente. Sie packte die mitgebrachten Vorräte aus, machte den mitgenommenen kalten Dee heiß, briet Gier in der Pfanne und ließ den Justizobersekretär gar nicht mehr aus der Bewunderung herauskommen.
Draußen regnete es weiter. Aber der Tag wurde ihnen nicht lang.
Während die junge Frau in der einzigen Stube ihr Wickel- nnd wiegte, saßen die beiden in der kleinen Küche auf der Holzbank am Feuer und hatten sich sehr viel zu sagen.
Als sie später durch den regennassen Abend zurück zur Station gingen, schien ihnen das Wetter heute außerordentlich günstig gewesen zu sein, und sie wollten getrost weiter miteinander wandern — durch Regen und Sonnenschein,
Das PfingftVogelnest.
Von F. A. Fahlen.
Wenn um Pfingsten herum der feuergelbe Pirol seinen drängenden Flötenpfiff aus dem hellgrünen Laub erklingen läßt, der Pfingstvogel, wie er genannt wird, so muß ich immer an den hochgelehrten Professor Eberhardt Hirtemann denken, der vor Jahren die Zierde einer westdeutschen Hochschule war, ein weltberühmter Vogelkenner, 6er nach einem zarten Flaum- federchen sofort seinen Träger, sagen wir einen hinterindischen Ziegenmelker, erkannte und genau wußte, wo sich die Garien- grasmücke auf ihrem Zugfluge am 25. Dezember befindet. So einer war er; man wanderte mit ihm durch ein Waldtal und tauschte auf das abendliche Gezwitscher der Vögel. Eine leise wiederholte Melodie gefiel einem, „möchten Sie den einmal sehen?", fragte der Professor, verschwand im Halbdunkel, kam nach fünf Minuten wieder und hatte den Sänger vorsichtig in einer kleinen Tüte verpackt, streichelte das graue Köpfchen des Tieres, der sich gar nicht so sehr zu fürchten schien, zeigte das Gefieder und entließ den kleinen Gast dann wieder in sein grünes Reich. Er war ein Papageno von fabelhafter Geschicklichkeit, in allem Menschlichen aber, bei der Suche nach dem Glück, von einer ebenso fabelhaften Hilflosigkeit.
Es fehlte keineswegs an Versuchen, den guten Professor mit der dickgläserigen Drille für erwachsene Töchter einzufangen, aber gegenüber dieser felsenfesten Schüchternheit und abweisenden Zerstreutheit gab man das Rennen bald auf und dachte sich sein Teil. In seinen Arbeitsräumen saß als seine getreue, rechte Hand Fräulein Frieda Wallendar, die er heimlich in feinen Gedanken wie eine Heilige verehrte und liebte, der ein einziges liebes Wort zu sagen er sich aber nie getraut hätte. Dafür unterrichtete er seine blonde gelehrige Helferin desto reichlicher in feiner Vogelkunde und, während sie Etiketten schrieb oder Sammlungen ordnete, schwärmte er ihr stundenlang von der gefiederten Welt vor. Frieda war nun auch nicht von Stein und hörte allmählich nicht ungern aus 6er Vorlesung über Nestbau und ähnliche merkwürdige Dinge das heraus, was sie hören wollte.
Am letzten Arbeitstage vor Pfingsten kam Professor Hirtemann recht unwirsch in sein Laboratorium. Wie kahl war feine Wohnung, obwohl sie von Hunderten ausgestopfter Vögel belebt war, die vom Grau des Spatzen bis zum funkelnden Smaragd des Kolibris, vom schimmernden Stahlblau bis zum prunkenden Gelb- rot des Paradiesvogels alle Farben des Regenbogens auflodern ließen. Aber was half das schließlich, wenn er einsam dazwischen saß, nur für zwei Stunden unlieblich gestört vom stolpernden, harten Schritt der Stundenfrau, die mit ihrem zottigen schwarzen Haarzopf vo-it einem Zimmer ins andere schlüpfte, itnb dazu 6er Frühling, der Duft aus den Gärten und von der nicht fernen Berglehne her der lockende Pfiff des Pirols.
Ilm sich zu beruhigen, begann der Professor sein Privatissimum fortzusetzen und erzählte, während er mikroskopierte, allmählich warm werdend, weiter vom Nestbau, der auch in Deutschland manchmal recht kunstreiche Formen hervorbringe, die man sonst nur in den Tropen vermute. Da fei zum Beispiel das Nest des Pirols, des Pfingstvogels. itnb beschrieb dies Wunderwerk, das in manchem an die Kunftavbeit des indischen Webervogels erinnert. Frieda preßte die kleinen Lippen zusammen und fragte nebenher, ohne von ihrer Arbeit aufzusehen, ob es schwer fei, solch ein Nest zu finden.
„Sehr sogar, es gibt Professoren der Zoologie, die nie eins gesunden haben, bei mir ist das allerdings anders", fügte er im begreiflichen Stolze der großen Sachverständigen hinzu.
„Ach, wo haben Sie denn mal eins gesehen?" fragte Frieda sachlich weiter.
„Jedes Lahr finde ich welche; das wäre noch netter, wenn ich kein Pirolnest fände!"
„Auch dies Jahr?"
„Aber sicher, vorige Woche habe ich sogar eins entdeckt, das fast am Boden liegt, eine große Seltenheit; gewöhnlich muß man wie eine Junge klettern, um heranzukommen und den Dau zu beobachten."
Nach einer Weile fragte Frieda, während sie einen neuen Dogen Aufschriften zerschnitt, ganz nüchtern: „Ach ja, könnte man das nicht auch mal sehen?"
„Sie?" antwortete Hirtemann, gab sich einen erschreckten Ruck und fuhr dann, in feine gewohnte Abwehrstellung verfallend, eifrig fort, „ja, ja, gewiß, aber das ist sehr weit von hier, mehr als zweieinhalb Stunden, in einsamer Gegend, die Pirole sind scheu, wissen Sie ..."
„Oh, das macht gar nichts, da Heute nachmittag doch nicht mehr gearbeitet wird ...", beinahe erschreckt über ihre Kühnheit hielt sie inne, denn die Angst des Professors, mit Damen zu wandern, war ja stadtbekannt.
Herzlich, aber etwas verwirrt, sah sie, von ihrer Tätigkeit aufblickend, dem Professor ins Auge.
Der drehte, feine Verwirrung zu verbergen, mehrmals und zwecklos den Revolver an feinem Mikroskop runb,_ daß es klappte und sagte bann, wie einer, der von einem Schnellzug in den Rhein springen soll, kurz entschlossen: „Schön, sehr gern, also diesen Nachmittag zum Pirolnest!"
Hub bann verabredete man Stunde und Treffpunkt.
Es waren wirklich zweieinhalb Stunden, und obwohl das Herz des Professors sich manchmal zusammenzog wie eine Schnecke im Salz, sprach er kein Wort von seinen Empfindungen, sondern streifte nur hin und wieder das schlanke, rechtgeschaffene Mädchen neben sich mit ängstlich beglücktem Blick. Unb nun mußte er sie gar durch das wildeste Gestrüpp ohne Weg unb Steg führen, durch übermannshohe Ginsterdickichte, unter Buchenknorren her, durch Tannenverhaue: unb endlich standen sie, wäh- renb er unaufhörlich Vogelkunde vortrug, an dem Ziel: in einem dichten Dirkengebüfch hing an einer Astgabel mit Geflechtschnüren befestigt das kunstvolle Nest, aus dem Bast von Pflanzen, Grashalmen, Birkenrinde, Moos und allerhand anderen Gespinsten zierlich gewebt und aufgespannt, innen aber weich ausgepolstert mit Febern, Wolle und zarten Grasbüscheln. Es war noch leer, von einer hohen Dirke hinab schimpften die Pirvle >
Solange die beiden, der Professor upd Fräulein Wallendar, gelaufen waren, hatten sie nichts gemerkt; nun, da sie stille standen, rührte sie beide die Einsamkeit an unb er empfand, baß dies zerzauste, frische Geschöpf neben ihm das Glück sei; aber er wagte nicht, es ordentlich anzusehen. Unb auch ihr war beklommen, viel beklommener, als sie sich das heute früh gedacht hatte; und nur wegen dieses Pirolnestes.
Sie sah den Professor an und atmete schwer, bann sagte sie leise: „Seltsam, dies Nest, zweieinhalb Stunben tief in ber Einsamkeit, wie ein Märchen, so ganz allein!"
Da schoß plötzlich ein gelber Feuerschein, ber Pirol, nieder und stieß nach Friedas blondem Haarschopf, ber wohl wie ein feindlicher Vogel in dieser Stille leuchtete. Mik einem leisen Aufschrei, durch den Angriff erschreckt, zuckte das Mädchen zusammen, von der fremden Berührung in ihrem Haar, zugleich aber geriet sie an den Professor, der, nun endlich erlöst, die zornigen Pirole in ihre Wipfel scheuchte und sein Glück festhielt, in der Einsamkeit, zweiundeinhalb Stunden fern von 6en Menschen.
Als Hochzeit war und die junge Frau Professor in ihre Wohnstube trat, da fand sie, von ihres Mannes kunstreichen Händen fein und dauerhaft hergerichtet, unter einem Glassturz das Pirolnest aus der grünen Waldeinsamkeit, wo in den Pfingsttagen der Heilige Geist in Gestalt eines grüngoldenen Vogels vom Himmel auf sie herab geflammt war


