Ausgabe 
18.5.1926
 
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Gießener Zamilienblatler

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1926 Dienstag, den |8. Mai Nummer 40

Licht.

Bon Hans Franck.

Mn Tag voll Weh und Wirrnis ging vorüber.

Der Abend kam und legte seine Hand aufs müde Herz, das keinen Frieden fand. Ich hockte unserm Hause gegenüber und ward mit jedem Atemzuge trüber'. Rur wenig Schritte waren bis zum Kuh. And dennoch rauschte zwischen uns ein Flutz, und echois rief ich:Hol über...! Hol über...» Als ich an meinem Äser niedersank, >-

hast du in deinem Stübchen Licht entzündet.

Auf goldnem Strahl bin ich dir zugegangen, und He ich noch wußte: Es gelang! hat mir indes die SterneAmen!" sangen Ein Wunder!" dein Weinen Mund an Mund verkiindet.

Pfingftwetter.

Bon Clara Prieß.

Der Justizobersekretär Friedrich Hillewart blieb am Sams­tag vor Pfingsten morgens ein Viertel vor 7 Ahr auf dem freien Platz bei dem großen Obelisken stehn, auf dem die Väter der Stadt den Bürgern allerlei Wissenswertes kund taten. Herr Friedrich Hillewärt stand hier jeden Morgen zwei Minuten still und brachte diese Zeit genau in Anschlag bei der Berechnung seines Wegs zum Amtsgericht.

Heute schien ihm dies Studium der Wetterkarte und der meteorologischen Voraussage besonders nötig und wichtig. Sams­tag vor Pfingsten! Der Justizvberfekretär hatte einmal zu be­denken, ob er den größeren, für beide Feiertage geplanten Pfingstausslug unternehmen wolle und zum andern, wie er sich de« jeweiligen Witterung gemäß anziehen sollte. Gr war trotz seiner fünfunddveißig Jahre nicht ohne einige Eitelkeit auf sein nicht allzu stattliches, aber immerhin angenehmes und wohlge­pflegtes Aeutzeve, und hätte gern den neuen Sommerpaletot angezogen. Sein sehr sparsames und geregeltes Junggesellen- leben ermöglichte ihm, sich gut zu kleiden, und seine Kollegen di« im glücklichen Besitz von Frau und Kindern waren, sahen das nicht ohne Meid. Sie wußten freilich nicht, daß auch Friedrich Hillewart schwere Stunden hatte, wo er unter feiner Einsamkeit litt unb die andern beneidete.

Es war ihm aber gelungen, sich aus der Kinderzeit, die er als Schullehrersfohn aus dem Land- verlebt hatte, zweierlei in das Beamtenleben der Großstadt herüberzuretten: eine herzliche "lebe zur Natur und den unerschütterlichen Glauben, daß ihm eines Tages doch, noch die Eine, Rechte zum Liebhaben begegnen würde, -- wann und wie, das war freilich nicht abzusehen, da er jedem Verkehr mit der Weiblichkeit ängstlich aus dem Wege ging, einmal aus angeborener Scheu und Angewandtheit, dann letzthin auch, aus Angst, daß ihn irgendeine heiraten könnte, die nicht die Rechte fei.

Heute hatte er allerdings auch, allen Grund zur Anzufrreden- Heit Die Wetterkarte fah abscheulich aus. Aeber Irland lag ein großes Tief, das unentrinnbar auf Mitteleuropa loszog, ohne Rücksicht auf alle neuen Pfingstkleider und Hüte. Die Wetter­voraussage drückte sich noch milde aus, wenn sie von strichweisen, heftigen Niederschlägen sprach. Herr Friedrich Hillewart wußte, es würde morgen ein richtiger Landregen emsetzen und ihm all« Psingstfreude verderben. Er beschloß aber, geübt tote er m dergleichen Enttäuschungen schon war, diese Tatsache mit Ruhe hinzunehmen und sich einen Theaterplatz zu besorgen.

Leider schielten nicht alle Leute drese phtlosophtsche Ein­stellung zu haben. Der Justizobersekretär hörte, wie jemand neben ihm laut seufzte. Dieser Jemand erwies sich als eine junge Dome, die recht hübsch, aber viel zu leicht für die gegenwärtige Temperatur gekleidet war. aus ein paar braune» Augen sehr Unternehmend in die Welt schaute und eine Aktenmappe unterm Arm trug. And jetzt fing dieses Wesen an zu reden und wandte sich geradezu an den Justizobers-ekretär.

Ich möchte so schrecklich gern wissen, ob es morgen wtrkltch so schlimm regnen wird. Ditte verzeihn Sie, wenn ich frage. Aber ich sehe Sie jeden Morgen hier die Wetterkarte studieren, da verstehn Sie gewiß, was das «Wes heißen soll. Ich werde wirklich gar nicht klug daraus."

Da erbarmte Herr Friedrich Hillewart stch ihrer Ankemttms und erklärte ihr nicht ungern und ziemlich umständlich die Wetter­lage und verschwieg ihr hie trostlosen Aussichten nicht.

Sie sah ihn ganz traurig an:Wie schade! Ich bin für morgen nach Hudewinkel zu einer Kollegin eingeladen und hab' mich schon so gefreut. Aber da muß man noch gute zwei Stunden von der Station Fuhrenkrug aus wandern und kann gehörig einregnen. And ich möcht' doch so schrecklich gern hin was raten Sie mir?

Der Justizobersekretär kannte Hudewinkel und den einsamen, ungeschützten Weg dorthin, und es wäre seine Pflicht gewesen, hier energisch abzuraten. Aber auf einmal redete er gegen fein besseres Wissen und Gewissen ja, er log geradezu und das mit einer Gewandtheit und Leichtigkeit, die er sich selbst nicht zugetraut hätte: es würde sicher nicht so schlimm mit dem Wetter werden. Diese Meteorologen irrten sich immer. Das irische Ties müsse ich nach Westen auslösen und aus der Mongolei nähere sich in rasendem Tempo ein Hoch, das sicher noch rechtzeittg zu Pfingsten eintreffen wurde. Auf jeden Fall könne er nur zu dem Ausflug nach Hudewinkel raten, und wenn es auch morgen früh bedectt fein sollte die Sonne würde schon herauskommen.

Die junge Dame hörte das offenbar sehr gern. Sie sah Herrn Hillewart vertrauensvoll an.Ja, wenn Sie das meinen. And mein neues Kleid kann ich dann auch wohl anziehen?".

Run kamen ihm doch wieder Bedenken.

Das fei just nicht nötig, meinte er, lieber solle sie irgend etwas Warmes anziehen und den Regenmantel mitnehmen.

Dazu schien sie weniger Lust zu haben, versicherte aber, auf den guten Rat hin morgen früh mit dem ersten Zug nach Fuhren­krug fahren zu wollen.And vielen Dank, tote gut, daß ich Sie getroffen habe. And jetzt mutz ich zu meinen Jungs."

Er sah sie tief erschrocken an.

Aber bann lachte sie hell aus.Ich bin nämlich Lehrerin in der Grundschule, vierzig Stuck hab' ich, die ganz Kleinenj köstliche Kerlchen." And dann war sie fort und bald im Menschen­gewühl verschwunden.

Zum erstenmal in seiner zehnjährigen Dienstzeit kam der Herr Justizobersekretär zu spät. Der Herr Amtsrichter kam freilich noch viel später. Aber es gab immerhin zu denken, besonders er selbst wurde gar nicht fertig mit sehr eigentümlichen Gedanken und hatte einen unruhigen Sag und eine schlechte Rächt.

Aber am frühen Pfingsttage war alles klar und beschlossen. Es mußte gewagt werden.

Die ganze Nacht hatte es gegossen. Run machte der Regen eine Pause, wohl um recht viele Leute zum Aufbruch zu ver­locken. Herr Hillewart kannte den Schwindel. Trotzdem zog er den guten bunfelblaiten Anzug und den neuen Sommerpaletot an, nahm aber vorsichtigerweise seinen Regenschirm mit. An der Tür kehrte er noch einmal um und holte den Lodenumhang, falls eine gewisse junge Dame so unvernünftig sein sollte, ohne Regen­mantel zu kommen!

And dann ging er zum Bahnhof und löste sich eine Fahr­karte nach Station Fuhrenkrug.

Zuerst kam die Enttäuschung. Anter den Menschenmassen diese Leute waren alte just so unvernünftig tote er selbst und machten Psingstausflüge trotz der schlechten Wetterlage war die Sine nicht zu entdecken. Aber als er in Fuhrenkrug ausstieg, das nicht zu den beliebten Zielen gehörte, sah er sie gleich Sie trug ein weißes Kleid, welches ihr so gut stand, daß er ihr diesen offenbaren Leichtsinn verzieh. Schlimmer war's schon, daß sie weder Regenschirm noch Gummimantel mitgenommen hatte. Dagegen trug fie' ein Körbchen, das allerlei Mundvorrat zu enthalten schien, was wiederum sympathisch berührte.

Sie begrüßte den Justizobersekretär durchaus freundlich und kameradschaftlich und hörte seine lange Erklärung, warum er gerade nach Fuhrenkrug gefahren sei, um von dort aus einen Ausflug in die Hudewinkler Heide zu machen, geduldig an. Freilich war da so eine Art verschmitzten Lachens in ihren Augen, und es blieb fraglich, ob sie auch diesmal an ihn glaubte. Er stellte sich dann durchaus ordnungsgemäß vor und erfuhr, daß sie Grete Wunder hieße, ein Wams, der ihm besonders hübsch und merkwürdig bezeichnend vorkam.

Sie gingen durch das Dorf und auf dem Heideweg weiter. ES war einsam hier. Die Leute wußten wohl nicht, daß die Heide auch um diese Jahreszeit schön ist mit dem frischgrünen wehenden Laub der Birken und dem goldenen Geblühe des Ginsters.^ das in ben grauen Morgen hineinleuchtete. Die beiden aber spürten die Schönheit und freuten sich daran.

And baren fing es natürlich an zu regnen zuerst ganz langsam, bald aber mit anerkennenswerter Ausdauer und Heftig­keit. Zunächst hatte das seine Vorzüge. Gr legte ihr den RegMi- umhang um die Schultern und zog ihr die Kapuze übers Helle