bedeckteil Wetten. Wir erringen, von den sich auslaufenden, noch immer starken Wogen zwar ssetrszen, doch quch fortgerissen, die triefende, mit Lang und winzigen scharfen Muscheln besetzte Klippe und schmecken den bitterherben Chlorgeruch des See-- Wassers, das die Nahrung und die Lebensweite der Fische ist.
Anr Rand des Gelben Meeres, nicht weit von den Dampfern und deil grauen Dschunken im Hafen, deren Wimpel wie rot« Flänimchen züngeln, taucheil wir in dasselbe salzige Wasser und fühlen die unheimlich lose Berührung der glockenförmigen Quallen, die lautlos unter dein Wasserspiegel gleiten. Kleine Purpurschnecken, rosensarbene, stabsörmige Muscheln sind am Strand der syrischen Küste hingestreut. Holzstückchen werden ange- schwemmt, morsch, als wären sie seit Jahrhunderten ziellos geschwommen, letzte Aeberreste gestürzter Mastbäume und gesunkener Schiffe, die endlich eine mitleidige Welle am offenen Strand bestattet. Und an diesem äußersten Grenzstrich aller Festländer stehend, die Füße im Wasser, sehen wir draußen die Rauchfahnen in der entfernten Kurslinie der Ozeandampfer, aber hinter uns auf dem Trockenen die Salzhügel, die der kümmerliche Fleiß der Menschen dem Meere abgewonnen hat. Wir sehen auf den Dünen die gläsernen Veranden, di« gespenstischen Signalmasten und dahinter den plumpen Leuchtturin, der die Rordsee-Jnsel beherrscht und in der Nacht seine langsamen Blitze über die rauschende Wüste sendet.
Manchmal nach Sonnenuntergang kommt vielleicht eine Schar von Leuten aus irgendeinem Dorf zum Strand hinunter, um nichts zu tun, als regungslos eine Weile auf einer Klippe Platz zu nehmen. Sie sitzen da Md schauen auf das Meer, anein- andergedrängc wie Möwen. Keiner könnte sagen, was ihr Herz bewegt. Erst im Dunkel gleiten sie auf den Sand zurück und fassen sich bei den Händen, um einander die in den Fels gehauenen Stufen hinaüfzuhelfen und den Weg in das Dorf zu» rückzufinden, das von der schweren Melodie des Meeres beun- rrchigt ist.
Vorzüge und Gefahren der „InleMgenz-Prüfungen".
Bon Dr. O. Klemm, .Professor an der Universität ÄeipM.
Rach dem Kreuzworträtsel beschert uns Amerika den „Autotest", die „Selbstprüfung der Intelligenz". Der schlimme Name Autotest soll uns nicht schrecken, denn die Sache selbst ist ernjst und wichtig. Bei den Einführungen der Autotests in populären Magazinen wird die Patentschast der Psychotechnik angerufen. Der Name des ehrwürdigen Gelehrten Catte-ll taucht auf als „Vater der Tests" und Vorsitzender einer Gesellschaft für Jn- telligenzselbstprüfungen in Reuyork, desselben Cattell, der im Jahre 1886 der erste Assistent Wilhelm Wundts in dem Leipziger Psychologischen Institut gewesen war! Erhöbe der Autotest keine anderen Ansprüche, als das Kreuzworträtsel, so bliebe er eine amüsante Änterhaltung, die zugleich als nützliches Training einzelner geistigen Funktionen abgäben. Aber der Autotest segelt unter der Flagge einer „Jntelligsnzprilsung", er will denr Menschen die geistige Visitenkarte schreiben, und an dieser Stelle beginnt sein Vorhaben jeden anzugehen, der sich- zum Hüten geistiger Güter berufen fühlt.
. Gewiß stecken in den Autotests, die auch in den deutschen Zeitschriften sich anzusiedeln beginnen, mancherlei Prüfungen einfacher geistiger Funktionen, die sich seit langem in der experimentellen Psychologie bewährt haben, so etwa die als Dour- don-Probe bekannte, in Wirklichkeck aber von dem Kräpelin- Schüler Oehrn erdachte Aufgabe, in einem fortlaufenden Text bestimmte Buchstaben, z. D. alle „e", oder alle „r“ anzustreichen. Die Geschwindigkeit, jnit der diese Ausgabe eine verabredete Zeit hindurch möglichst ohne Fehler gelöst werden kann, ist eine zureichende Bestimmung sirr eine dauernde Aufmerksamkeitslei- stung, namentlich' dann, wenn man einen sinnlosen Text wählt, und so den Einfluß einer von Fall zu Fall schwankenden Teilnahme an dem Sinne des Gelesenen ausschaltet.
Ober, man legt aI5' eine Probe der „Beobachtungsfähigkeit" ein Bild mit vielen anschaulichen Einzelzügen vor, z. B. eine Straßenszene mit einen: Derkehrsunfall. Das Bild ist aufmerksam während einiger Minuten zu betrachten. Dam: wird es weggenommen, und die Versuchsperson soll nun eine Reihe von Fragen über die Einzelheiten des Bildes beantworten. Nichts erscheint auf den ersten Blick selbstverständlicher, als daß man nach der Summe der „richtigen" Antworten die Schärfe der „Beobachtung" und des „Behaltens" beurteilen könnte. Lind doch zerfällt dieser Schein der Selbstverständlichkeit für jeden, der auch nur ein wenig in diesem in Wirklichkeit so verwickelten Gebiet unserer sinnlichen Wahrnehmungen Bescheid weih. Gerade die letzten Jahre haben psychologische Entdeckungen gebracht, die dest Dilettantismus derartiger „Jntelsigenzprüfungen" besonders peinlich empfiirden lassen. Wir haben durch den Marburger Psychologen Jünsch die „eidetische Beanlagung" kennengelernt. Ein solcher „Eidetiker" kann ein Bild, das er aufmerksam betrachtet hat, <n:ch später, nachdem das Bild weggenonrmen ist,
so anschaulich vor sich Huben, als wenn es in Wirklichkeit noch, dalege. Diese eidetische Beanlagung trifft namentlich bei Jugeyd- lichL« auf, erhält sich aber in rnanchen Fällen auch bei Erwachsenen. Der „Eidetiker" lieft bei Wchträglichsm Verhör As einzelnen Züge von seinem Anschauungsbilde der ursprünglichen Vorlage so ab, als wäre sie ihm noch- leibhaftig gegenwärtig. Man mache sich einmal Kar, was für ein älnsinn zustandekmnmt wenn jemand ohne Rücksicht auf das eidetische Verhalten arÄ der Anzahl der richtigen Antworten die „Intelligenz" zu beurteilen sich unterfängt. Ser Eidettker antwortet auf sämtliche Fragen mit einer geradezu unheimlichen Genauigkeit, ohne damit erne Jntelligei^leiftung zu vollziehen. Gewiß ist es namentlich bei Erwach jenen der eidetische Typus ein Grenzfall, mit einer beschrankten Häufigkeit; aber es gibt zahlreiche Äebergänge zu dem nichteidetischen Verhalten Und Mischformen, die es eben verhmdern, daß die Summe der richtigen Antworten ohne nähere Analyse, die wiederum nur der Psychologe auszuüben vermag, eiltest e:ndeut:gen Beitrag zur Eharakteristerung der Intelligenz dai> stellt.
r selbst in solchen Ausgaben, die eine reine Denkleistung zu vergangen scheinen, stecken bei iräherem Zusehen bedenkliche Biel- deutlgkeiten. Beliebt ist vielmehr das Vorlege:: enws Sachver-
’*?. .mehrere Gegenstände durch gleichartige Relationen ver- knupft smd, die Versuchsperson bei diesen Relationen zu erfassen. In «lngeklekdeter Form lautet die Aufgabe etwa: „Hans ist älter al» Grete, Fritz ist jünger als Anna, Karl ist ebenso alt wie Grete, aber alter als Anna" uff. Dann fragt man: „Ist Hans älter oder jünger als Anna? Ist Fritz älter oder jünger als Karl?" uff. Diese Aus- . kann ungewöhnlich schwer werden, wenn man sich wirklich die begrifflichen Beziehungen zwischen den einzelnen Individuen, eben die Altersunterschiede, zu deirken sucht. Sie wird dagegen fpielend leicht, wenn man sich möglichst nichts dabei zu denken sucht, sondern mechanisch die Reihe der abnehmenden Altersstufen festhäli: Hans, Grete, Karl, Anna, Fritz. Dann kann man von dieser Reihe ohne jedes Denken die gewünschten Altersverhältnisse ablesen, und auch noch viel längere Reihen, als dieses Bruchstück durch eine mechanische Godächtnisleistung „meistern". Ich frage: Ist eins Aufgabe, die ich nur dann lösen kann, wenn ich mir nichts dabei „denke", wirklich eine Jntelligenzprüfung? Sie ist bestenfalls eine Prüfung des un-. Mittelbaren Behaltens. Sowie ich den Bleistift zur Hand nehme, und mir auch nur ein paar fragmentarische Stützen für das mittelbare Behalten auf das Papier male, ist jede Schwierigkeit behoben. Das Gedankliche an dieser Arbeit ist gleich Null, es bestehl überhaupt keine Schwierigkeit. Nur daraus entsteht die Schwierigkeit, daß ich sie in: Kopfe lösen muß. Wie aber diese Fähigkeit mit der Intelligenz zusammenhängt, ist eine schwere Frage. Nicht die Leute, die am besten im Kopf rechnen konnten, wäre,: auch die tiefsinnigsten Mathematiker.
Damit erhebt sich die Kernfrage: Läßt sich überhaupt die Intelligenz solcher Teilfunktionen aufbauen? Die Psychologie antwortet darauf nicht mit einem glatten Nein.
Es ist durchaus sinnvoll, solche Teilfunktionen zu bestimmen und einer Messuirg zu unterwerfen, die der Leistung der Intelligenz nahestehen, und niemand wird es in Abrede stellen können, daß in diefem Zusammenhang die Aufmerksamkeit mit ihrer Ausdauer und Konzentration gehört, die Kombination, das Gedächtnis. Aber diese Funktionen treten nicht etwa zusammen, wie die Teile eines Gerüstes, die nun fast automatisch eine bestimmte Last des geistigen Geschehens zu tragen vermöchten, sondern das Entscheidende ist stets eine aus diesen Einzelheiten nicht ableitbare, seelische Gesamthaltung. Ich kann mir wohl denken, daß ein Mensch bei manchen der üblichen Proben der Jntelligenzprüfung versagt, auf dem einfachen Grunde, weil er auf die hier geforderten Leistungen einer mechanischen Intelligenz nicht anspricht, und daß er doch in den wahren gedanklichen Leistungen gigantisch hinausragt über jenen Geistern, die mit schnellen Antworten sich an diesen einfachen Aufgaben tummeln. Man mißverstehe mich nicht! Ich behaupte keineswegs, daß etwa das Versagen in solchen Jntelligenzprüfungen den Adelsbrief ausstelle für die Zugehörigkeit zu jener Sphäre; sondern es kommt darauf an, diese Proben durch solche zu ergänzen, an denen sich ein wirkliches gedankliches Erleben entzünden kann. Dies hat die Psychologie oanz unabhängig von den praktischen Aufgaben einer Jntelligenzmessung getan, als sie den Vorgang des Denkens dem Experiment unterwarf.
Man hat das bittere Wort ausgesprochen, daß in Deutschland eigentlich der eine Teil der Menschen immer bemüht sei, den andexen zu prüfen. Mit dem „Autotest" kann es nun sogar jeder für sich allein. Aber die Sache ist keineswegs scherzhaft. Es ist nicht nur das gute Recht, es ist vielmehr die Pflicht einer jeden Fähigkeitsfest- stellung, keinerlei erworbenes Wissen vorauszusetzen. Aber die Bewunderung der Fähigkeit soll uns nicht abblenden gegen den Wert solcher Lebensformen, die erst aus deren Betätigung erwachsen. Gegen die bloße Fähigkeit drängt man den Wert des'Wissens und Könnens, allgemeiner den der Bildung zurück. Wir wollen nicht die Mahnung einer alten Inschrift vergessen:
Meister ist, wer was ersann, Geselle ist, wer was kann, Lehrling aber jedermann.
tzchristleitung: Dr. Friedr. Wilh.'Länge. —'Druck und Verlag Ser Drühl'sch'en Äniv'.'-BvA- und SteindruckÄei. R.'Lange, Gießen.


