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geben. „Du quackfakberft durcheinander, stöhnt Friedrich (30. Oktober 1754), „Du bist wie die Miini! Wann mann meinet, man Hilt sic feste, so [prima sie um der Architrave von der Cammer herum." Liese Wjmi, die auf dem Gesims des Zimmers herumspringt, ist Friedrichs Aefsin, die sich schon in Rheinsberg durch Unarten hervorgetan hatte. Schließlich versuchte der König, einen anderen Gang Lines Kämmerers gegen die Kurpfuscherei ins Feld zu führen, nämlich feine ebenso unausrottbare Neigung zur Alchimie. „Ich schicke DIHr," so schreibt er ihm im Juni 1754, „ein rares Eliksthr, das von Teophrastem Paratzelsio (?) komt,welches mihr und alle, die davon genomen haben, wunder gethan hat. nim nur von dießer Medecin, es leidet aber keine quackfalberein dahrnebben! sonst benimt es einem vohr sein lebe-Tage die mänlichen Kreste der liebe." Fredersdorf hatte nämlich im Dezember 1753 geheiratet, und der König hatte stinen Segen dazu gegeben: „lasse Dihr lieber heute wie morgen Trauen, man das zu deiner Flege helfen kann."
Diese Fürsorge des Königs, die er auch in Kriegen und Schlachten, während seiner Inspektionsreisen und in schweren politischen Krisen nicht vergaß, ist wahrhaft rührend und zeigt unter rauher Schale ein weiches Gemüt. Einmal, als es Fredersdorf etwas bester geht (Juni 1754), feiert der König ein ausgelassenes Freudenfest. „Gestern habe ich Deine Besterung celebrirt mit 2 butteillen ungar- schen Wein. Corel hat vor Kitzeln gequipt, und nach dießer schönen yarmoni hat Matschenko seinen bären-Dantz verrichtet." Carel war ein Liebslingspage des Königs, Carl von Pirch, von dem wir in diesem Briefwechsel noch öfters hören. So heißt es einmal: „Corel hat sich die Nase durchgekratzet, ich mus im (ihm) die Forderpoten auf den Rücken binden lassen!" Und dann (August 1764): „Core! ist sehr unartig gewesen. Er thut nicht guht, wenn er viehl (Geld) hat. 4 Thaler Manothlig von Seinem Troctement sollen abgetzogen und an seinen Bather geschicket werden, und feinen Kahn soll er nicht wieder haben, bis er vernünftig wirbt." Die Folge dieser Gehaltskürzung (er bekam monatlich im ganzen 10 Taler) und der Entziehung seines Kahnes war sehr heilsam, denn alsbald heißt es: „Jetzunder ist er ziemlich artig." Und er hat sich mit dem schwarzen Windspiel des Königs ongefreundet. „Corel Hot Schwesternschaft mit die (Alk)mene gemacht, er heißet (jetzt) die weiße (Alkmonn." Man kann sich die Balgereien dieses lebensfrischen Jungen mit dem Windspiel leicht ausmolen. Der Menschenverächter Friedrich, der wie Schopenhauer ein großer Hundefreund war, stellte diese beiden Noturwesen auf eine Stufe. „Die Schwartze neue löstet Dihr grüßen," Ehreibt er an Fredersdorf, „und die weiße leichtfertige Bestie überringet Dihr diehes." Mit Corel trieb der König denn auch allerlei Kurzweil, wie mit seinen Hunden. „Corel Hot vom April gesprochen," heißt es im März 1755, „er ist ober noch nicht in (den) April ge- schicket (worden). Mnche (Du) ihn nur wieß, die Fröhlen Fitzthum (eine Hofdome v. Bitztum) hotte einen Heiroths-Contrakt von ihm und hätte einen Brief an Dihr geschickt, wie sie daraus bestünde, ihm zu heiraten." Weniger schön sind andere Scherze, die der König mit dem fünfzehnjährigen Pagen trieb; sie sind nur im Rahmen einer groben und zugleich frivolen Zeit zu begreifen. „Corel Hot einen Ausschlag ins Gesichte," schreibt Friedrich im August 1755; „ich habe ihm gesagt, es wären die Frantzosen (die Lues) von der Fräulein Fitzthum." Und der Scherz geht noch weiter: „Ich sage (ihm), er so! 6 Wochen in der Cofterole (ins Spital für venerische Kranke), er ist bange davohr."
Andere Intimitäten, die dieser Briefwechsel verrät, sind erfreulicher. Bekanntlich war der König ein großer Obstsreund und bezahlte im Warmhaus gezogene Kirschen bis zu einem Taler das Stück. Fredersdorf gegenüber klagt er sich selbst dieser kostspieligen Feinschmeckerei an. „Du wirst schmälern", schreibt er im April 1754, „daß gestern für 150 Thaler Kirschen gegessen worden; ich werde mir eine liederliche Reputation machen." Ein andermal freilich versichert er ihm, „daß unser fräs (Fraß) nicht kostbahr, aber nuhr belicot ist." Im ganzen traf das auch durchaus zu, denn die königliche Tafel durfte im Durchschnitt nicht mehr kosten als unter seinem Vater, nämlich 32 Taler; allerdings war die Zahl der Tischgäste wohl stets geringer. Nur bei besonderen Gelegenheiten — Revueessen oder fürstlichen Besuchen — wurden größere Summen für das „Fressen" ausgegeben, aber bas war jo ouch schon beim Soldoten- könig Brauch gewesen. Ueberhaupt zeigt gerade dieser Briefwechsel, wie wenig Friedrich sich von der haushälterischen Lebensweise seines Vaters entfernte. Gleich ihm sah er selbst die Küchenrechnungen Hur<h, rügte allzu hohe Ausgaben und bezeichnete sie gar als „Diebstahl". Wie sein Vater hatte er auch eine Vorliebe für Ungarwein, den er sich einen Taler die Flasche kosten ließ, aber wenn jener billigen holländischen Knaster geraucht hatte, so gönnte Friedrich sich den besten spanischen Schnupftabak.
Was ihn von seinem Vater unterschied, waren seine künstlerischen Liebhabereien, die „Döschen und Musiquechen", die jener ihm sd bitter vorgeworfen hotte. Für kostbare Dosen, die er freilich auch vielfach verschenkte, gab er beträchtliche Summen aus, ebenso für Oper und Theater, für feine Schloßbauten und Inneneinrichtungen, stir den Ankauf von Antiken und alten Meistern. Auch damit hatte Fredersdorf zu iun. Bezeichnend für den epikuräischen Geschmack des Königs ist ein Auftrag an einen Pariser Kunsthändler, der durch seine Hand ging: „hübsche große Tablau de galerie, aber keine huntzfotiesche heilige, die Sie marteren (martern), aber Stücke aus der Fabel oder Historie." Etwas zarter hatte der König dies in seinem bekannten Gedicht an Pesne ausgedrückt:
„Lotz deine Heiligen mit dem Glorienschein nnd über dich an lichtren Gegenständen; Mal' uns der Amaryllis keuschen Tanz,
Halbnackte Grazien, Nymphen wEumfponnen, Uüi) denk', daß deine Kunst, fo reich an Wonnen, Einzig der Liebe Dasein dankt und Glanz."
Äm ganzen freilich mußte Friedrich sich auch hier „nach der Decke strecken", zumal er niemals Staatsgelber für feine Privatausgaben antastete und [eine „Handgelder" (52 000 Taler jährlich) nicht höher waren als zur Zeit feines Vaters. Dazu tarnen dann freilich noch 10 000 Taler „Monatsgelder". Aber mit alledem mußten Hofhaltung, Theater, Repräsentationsausgaben, Geschenke und die anderen obengenannten Ausgaben bestritten werden. „Ich mus Geld zu Canonen, Mundirungs-Stticke, pontons etc. ausgeben," schreibt er im April 1754, „und kann nicht soviel für Haselanten (Possenreißer) vertun." Immer wieder sehen wir den König in Geldverlegenheiten; Fredersdorf muß die Gläubiger vertrösten ober Abschlagszahlungen machen, manchmal auch herunterhanbeln. Dazu drückten noch bis 1754 alte Schulden aus der Kronprinzenzeit (15 000 Taler) auf dies Budget, und zu den namhaften jährlichen Neujahrsgeschenken an die zahlreiche königliche Familie kamen außerordentliche Geschenke bei Besuchen von Verwandten usw. Geradezu rührend wirkt in dieser Hinsicht ein Brief des Königs vom 2(uguft 1753:
„Macht man Kinder, so Hot man Sorgen; macht man keine, so machen einem die Schwesterkinder genug. Hier sind deren heute zwei angenommen, die sogen, der alte Onkel ist ein Geizhals, und ledig (ohne Geschenke) kann es nicht ausgehen. Der arme Onkel Hot sich mit den Schwestern verblutet." ... Er will dem einen (dem Erbprinzen von Ansbach) einen goldenen Degen, mit Diamanten besetzt, und dem andern (den> Erbprinzen von Braunschweig) eine Uhr mit Diamanten schenken; „die Preise müssen aber gleich sein, sonsten mache ich Jalousie". Sa geschah es denn auch, aber der König stöhnte: „Ich glaube, wenn ich eine ganze Boutique hüte, in einer Viertelstunde würde ich sie loß!"
Eine besondere Ueberraschung dieses Briefwechsels, daß Friedrich 'sich im Herbst 1753 durch seinen „leichtgläubigen" Kämmerer einige Wochen in den Bann der 'Alchimie ziehen ließ, ist hier schon (22. Jtlni, Nr. 50) gebührend dorgestellt worden. Der König setzte sich über den Fehlschlag dieser Wahnhoffnungen mit Humor hinweg, wogegen fein leichtgläubiger Kämmerer bis zuletzt im Banne der Alchimisten und der Kurpfuscher geblieben ist. Beide hoben seine Börse und seine Gesundheit ruiniert, und die Aufregungen des Siebenjährigen Krieges vollendeten ihr Werk. Der König hatte fein Möglichstes getan, um ihm dies traurige Ende zu ersparen. Schon 1753 hatte er ihm geschrieben: „Charlotans (Kurpfuscher) und Goldt- mocher werden Dich utnbs Leben bringen. Wenn die leute Dein Geld haben wollen, pardonnire ich, aber daß Dich einer einmal umbs Leben bringen wirbt, ist gewiß und kon fast nicht fehlen. Luhe bann, was Du willst, gehet es ober schif, so ist keiner als Du alleine Schnlbt daran."
Saum und Schaum.
Von Alfons P a q u e t.
Die Meere sind nicht weniger verschieden als die Länder. Schon Nordsee und Ostsee unterscheiden sich voneinander. Die Ostsee mit ihrer schwachen Dünung und ihrem beinah gleichmäßigen Wellenschlag ist mild. Sie Natur der Nordsee ist schroff, rauh, fast alpin. Das offene Weltmeer mit seinen leeren majestätischen Glanzflächen endet immer an andere Küsten. Sie dünne Brandungswelle, die unermüdbar, schaumweih und unersättlich an den Festländern entlangläuft, erstirbt als ein weicher, zerflockter Schaum an Flächen unendlich fein gemahlenen Sandes, oder sie wirft die Grenzmarke ihrer Nasse brüllend an hochgereckten Felsen empor. Mit den abstürzenden, unerste,g- lichen, unterhöhlten, durch Klüfte gespaltenen Küsten von Norwegen, Schottland oder Cornwall wechseln die sanften Senken, auf denen an windigen Sommertagen das bunte, leichtbewegte Treiben der Menschen wie ein Spiel der Mücken ist. Die feuchte Sandfläche bietet sich den nackten Füßen, den gelagerten, gebräunten Leibern im Duft des beglänzten Wassers. Nur die Karte macht den ewigen Umriß des Meeres klein und vorstellbar. Seine stets gekräuselte, haarscharfe Grenzlinie legt um die Länder den ewig schwankenden, zitternden und blinkenden <za- den, der nie zerreißt. Da und dort mäßigt sich der wütende Krieg der Elemente zum leifen Spiel einer Wiege. Es umhullt die nach Frische begierigen, landheißen Körper m dem mit Luftbläschen gefüllten und zerstäubenden Gischt. .
Saum und Schaum des Meeres sind eines. Herrlich, in der morgenfrischen Wachheit der Sinne, in Anblick des gestaltlosen, blinkenden Horizontes am Ufer der See das Wunder der menschlichen Gestalt zu erleben. Tausendfach wird der Mythus der schaumentstiegenen Göttin lebendig. Nirgends ragt der ausgerichtete Mensch schöner und einsamer als vor der erzenen Fläche des Meeres. Sen Perlmutterschimmer der Haut beschämt selbst die unberührte Reinheit des Himmels nicht.
Wir durchwaten die zerklüftete Wüstenlandschaft der Dunen, die im Wind das Wogen und Sprühen des Meeres fortzusetzen scheinen. Wir spielen in der Schar der leichtfüßigen, vom Gluck der Elemente erregten Menseln, zwischen den rotgestreiften Zelten, den Gruppen, die mit kindlichem Eifer Sandburgen bauen und knatternde Wimpel hissen. Wir ftihten die Menschenkette Hand in Hand gegen die rauschende Front des Meeres dringen, sich auflösen und zurückkehren. And wir sehen denselben Strand am Abend urweltlich verlassen wie zuvor. Wir sind Schwimmer aus den immer tieferen, von immer weniger Schaum


