Ausgabe 
17.8.1926
 
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Ministern und hohe» Staatsbeamten, selbst die Königin, ja sogar Voltaire, wandten sich mit ihren Anliegen an ihn. Und doch haben selbst seine Neider ihm keinen Mißbrauch seiner Stellung nachgesagt. Das spricht für seinen Takt wie für seine Zuverlässigkeit und erklärt das unwandelbare Zutrauen und die wahrhaft freundschaftliche Ge- finnung, die der König ihm bis zu seinem Tode bewies. Dieser Briefwechsel gewährt also die mannigfachsten Einblicke in Charakter und Lebensweise des Königs wie in zahlreiche große und kleine Vorkommnisse nm Hofe und im ganzen Staatswesen. Sie auch nur einigermaßen zu gruppieren und darzustellen, würde eine lange Abhandlung erfordern; wir begnügen uns damit, die menschlich be­deutsamsten kurz zusammenzustellen und besonders ihre humoristische Seite hervorzuheben.

Friedrichs Briefwechsel mit Fredersdorf nimmt als einer der wenigen, die in deutscher Sprache geführt worden sind, einen her­vorragenden Platz ein, denn in ihm tritt uns nicht derQuerpfeifer und Poet", der schöngeistige Philosoph und französische Dichter, der Freund Voltaires und der Enzyklopädisten entgegen, sondern der im Dunstkreis des Tabakskollegs und im Umgang mit rauhen Kriegs- leuten ausgewachsene Sohn des Soldaienkönigs, deralte Fritz" der Anekdote und der groben Marginalien, wie er im Volksbewußt- [ein fortlebt. Nicht das in Jugendschöne, strahlende Königsbild von Antoine Pesne finden wir, sondern einen derben deutschen Holz­schnitt. Es ist die gleiche, völlig unorthographische, rein phonetische Schreibweise, das gleiche Knorrige, mit Fremdwörtern gespickte Deutsch, die gleichen deutschen Schriftzüge und Kraftworte, der gleiche bärbeißige Witz, der aus den Briefen seines Vaters bekannt ist. Der Soldatenkönig hätte diesen Briefwechsel gewiß mit Behagen gelesen und seinen Sohn aufs neue bestätigt:Cs steckt ein Friedrich Wilhelm in dir!" Vollends der heutige deutsche Leser wird diesen ererbten deutschen Zug in Friedrichs Wesen gern unter seinem ange- orbciteten Franzosenium wiederfinden.

Die Mißhandlung der deutschen Sprache tritt freilich bei Vater und Sohn gleich stark hervor. Man hat sie bei dem Soldatenkönig aus Unkultur, bei seinem großen Sahne aus Mißachtung erklärt. In Wahrheit war sie bei beiden die Folge ihrer französischen Er­ziehung, wie sie an den damaligen Höfen Brauch war; dem das Französische, die Sprache der Gebildeten jener Zeit, war auch die erste gewesen, die beide gelernt hatten, sozusagen ihre Mutter­sprache. So entstand bei beiden eine Verkümmerung des deutschen Sprachgefühls, die sich leicht nachweisen läßt. So deutsch der Sol­datenkönig Friedrich Wilhelm I.jn seinem Empfinden wie in seiner Lebensart war, in der Hast des Sprechens und Schreibens, besonders in der Erregung, stellten sich ihm doch immer die französischen Worte als die ursprünglicheren ein, und so entstand jenes Mischmasch von Deutsch und Französisch wie in seinem bekannten Ausspruch:Ich staiuire die Souverainete wie in einem Rocher von Bronze". Es ist einfach nicht wahr, daß die deutsche Sprache selbst damals noch zu unentwickelt und ausdrucksarm war. Die entsprechenden deutschen Ausdrücke waren häufig vorhanden und rourben sowohl von Fried­rich Wilhelm I. wir von seinem Sohne und von anderen Zeitge­nossen neben der französischen gebraucht (so in unserem Briefwechsel nebensoulagieren" das deutschetiebetn", nebenChimären", Grillen" ilsw.). Und ein Blick auf das damalige deutsche Schrift­tum, besonders nur das Kirchenlied seit Paul Gerhardt oder auf das Volkslied, aber auch auf die Kunstlyrik Günthers, die deutschen Schriften und Briefe van Leibnitz, selbst auf die Dichtungen der preußischen Hofpoeten Canitz und Besser, ja sogar auf das Brief- und Aktendeutsch jener Zeit (ich nenne nur Graf Seckendorfs oder Graf Truchseß zu Waldburg, die sich ihr deutsches Sprachgefühl bewahrt hatten), zeigt zur Genüge, welche Gesiihlsweite und Ausdrucksfähig­keit, ja Geschmeidigkeit die deutsche Sprache jener Zeit besaß. Ihr rascher Aufstieg über Klapstock und Lessing zu Heinse, Wieland und Goethe wäre sonst ja and) ganz unerklärlich. Es fehlte auck) keines­wegs an geharnischten Protesten gegen die Verwelschung des Schrift- tnms noch NN Verspottungen des deutsch-französischen Kauderwelsches. Dem heutigen Gebildeten ist zwar nur noch die von Lessing in der Gestalt Riccauts de la Marlinier geläufig, aber das war nur ein später Nachhall. Schon weit früher waren die schnurrigen Rei­mereien desTeutschfranzosen" Jean Chrätien Toueement (Joh. Christian Stroemer) beliebt, die 1736 gesammelt in Leipzig erschienen. Friedrich der Große muß sie noch sehr deutlich in Erinnerung ge­habt haben, da er in unserem Briefwechsel bisweilen den gleichen Ton anschlägt, ohne zu merken, wie er sein eignes Deutsch damit ver­spottete; denn in der Tat ist zwischen ihm und diesem Kauderwelsch oft schwer eine Grenze zu ziehen. Sv schreibt er zum Scherz an Fredersdorf aufDeutsch-französisch" (Juni 1754):Bann so ist ein Ganter in Neapoli; . . . den mus Man Skreibe, ob er sick mit angagir vohr künftig jar, denn der Monsieur Amador mihr nit gefal; und der andere sol Sink wie ein enkel (Engel), und ich liebe was guhtes, Schleckt mihr nit geffal. Gott bewahre ihr hokwolgebor und gebe Kestmdtheit und Kräften, aut Schlafff und fil andere Kute Sack!" Aber kaum besser ist sein ernstgemeintes Deutsch, wenn er kurz darauf (6. Juli) schreibt:Was thut der teiifet, er fitet (schicket) mihr einen Majohr mit recruhken aus bareit (Bayreuth). Da ge- höhret eine goldene Tabatiere vohr! Solle ich auch am Betel-Stap komen, so mus ich sie kaufen." Wenn der Soldatenkönig, der als deutscher Fürst' leben und sterben wollte, so wenig auf deutschen Ausdruck hielt, so erklärt sich das leicht, weil er literarisch gleich­gültig war und sich erst auf seine alten Tage in Wolffs deutsche Logik" vertiefte. Friedrich der Große dagegen, der eine so starke literarische Ader hatte, wandte sich dem Französischen zu, weil ihm dieses eine Vollendung der Form bot, die das damalkge Deutsch

erst erstrebte. Da er selbst als Jüngling hübsche deutsche Verse ge­macht hat, wäre es ihm bei einigem Fleiß und gutem Willen gewiß nicht schwer gefallen, auch ein gutes Deutsch zu schreiben, ja zur Fortentwicklung der deutschen Sprache selbst beizutragen, statt sie durch sei» Franzosenium zu verzögern, aber er benahm sich er betont es selbst einmal, wie ein Römer der ersten Kaiserzeit, der lieber griechisch als lateinisch sprach und schrieb, obwohl das latei­nische Schrifttum gerade damals zur Klassizität heranreifte. Der Grund des Hebels tag jedoch, wie schon gesagt, nicht sowohl in der Unzulänglichkeit des Deutschen als in Friedrichs französischer Er­ziehung und Bildung. So hat er denn die deutsche Sprache nur Un­gebildete» gegenüber gebraucht und sie nach seinem eigenen Worte wie ein Kutscher" gesprochen.

Da kommen denn auch in unserem Briefwechsel die Ausdrücke des Tabakskollegs und des Feldlagers wieder zu Ehren. Sogar der im Tabakskolleg üblige Ausdruck wiehaseliren" (Possen treiben) ober Friedrich Wilhelms LieblingsausdruckWind" (nichts So­lides") kehren hier wieder. Und wenn der Soldatenkönig mit dem AusdruckHure" sehr freigebig war, so betitelte auch fein Sohn die Sängerinnen und Tänzerinnen feiner Oper durchweg mit diesem Kosename», die Schauspieler mitSchurken", die Kastraten (So­pransänger) mitWallachen" undKapaunen" usw. Freilich hatte dies lockere und unruhige Völkchen mit seinen ewigen Klagen, Ge- haltsanspruchen und Drohungen seine Geduld oft genug auf eine harte Probe gestellt, und so machte sein Zorn sich in solchen Kroft- ausdrücken Lust.

Caristini, die Astrua und die gnntze Bagage ist Schelmpack", schreibt er im Februar 1754.Ich habe einige 30 Jahr ohne Caristini gelebet und werde ohne ihn wohl »och lange leben können." Und: Die Opern-Leute sind solche Canaillen-Bagage, daß ich sie taufend- mahl müde bin." Oder:Eine Canaille hierherkommen zu lassen, die futft*), aber nicht sinhkt (singt), ist nicht die Mühe werht. Die alte Hure Casparini sinkt noch Quasi. Also wenn sie nicht eine ist, die was kann, so will ich sie nicht haben." (In der Tat wurde der Vertrag der Gasparini oud) auf zwei Jahre verlängert.) Aber solche Kraftausdrücke beschränkten sich nicht auf das lockere Bühnenvolk. Friedrich drohte auch, jedem Potentaten, der mit ihm anbinden wolle,den Fuß vor den Hindern zu geben". Und von sich selbst sagt er:Das Baden habe ich angefangen; man mus sehn, ob es möglich ist, eine alte Canaille junk zu machen." Daß er sich später selbst nicht selten mit einemalten Affen" verglichen hat, ist bekannt. Aber auch an Fredersdorf schreibt er schon 1755:Du kannst nicht p . . . . und ich nicht gehen, wihr Seidt alle beide nicht mehr nutz, als daß uns der Schinder holet."

Hat man sich einmal an diese göttliche Grobheit gewöhnt, so wird auch ihr Humor genießbar.Ich bin verstopft als ein Türk." Es ist hier ein Gehuste in das Schloß, als wann 1000 Mertz- Schafe meren herein getrieben worden." Und bisweilen findet man köstliche Wendungen wie:Ich bin accurat wie ein Thorschreiber." Die Dosen sein arabisch dener. Ich will mit dem Juden nicht mehr handeln, er ist ein unmenschlicher Bedrieger."Bei der Opera seindt vihle Aptequer-rechnuiigen" usw.

Ein besonderes Lieblingsthema des Königs sind die Aerzte.Du hast groß recht," schreibt er an Fredersdorf, daß du die Docters die Wahrheit sagst, sie seindt große Idioten." Und als er 1747 einen Schlaganfall erlitten hat:Elert (der Leibarzt Eller) hat einen giihten Glauben, wo er meint, daß Schlachflüsse und Stein-Coliquen einen Menschen reftituiren!" Oder als Fredersdorf ihm eine Leib­binde zu tragen anrät:Deine Binde drage Du man allein! Meine Pferde im Stal lasse ich gürten, mihr aber nicht. . . Ellert hat immer Recht! Wenn die Leute gesund! werden, so hat er es gethan, wenn sie Sterben, so ist es ihre Schuld!." Trotzdem fügt er sich den Vorschriften der Aerzte.Sie haben," schreibt er,wie die Turguen (Türken) mit meinem Körper gewirtschaftet; ich bin (aber) geduldig und lasse sie machen, fo närsch wie es ihnen auch einfeit." Um so unwilliger ist er über die ewigen Kurpfuschereien, mit denen sich (ein getreuer Kämmerer zugrunde richtet. Immer wieder hält er ihm traurige Beispiele von Quacksalbereien vor; selbst den Tod seines Windspiels Biche, der ihm so nahe gegangen war, muß dazu Her- Halten.Es ist kein Schertz damit; und wenn Man einmayl toht ist, so körnt keiner, der einem wieder aufwäket. Die arme Bische mus schon toht bleiben, weil sie 10 Docters hincuriret haben. (Alk)mene sol nichts innehmen, als wie petit Hit (Molken), und fein Hunde-Doktor sol sie nicht angreifen!" Fredersdorf aber soll nur auf das hören, was ihm der Leibarzt Cothenius verschreibt. Bisweilen tut er es auch, undCothenius ist vergnügt wie ein Ohrwurm", wenn er den Erfolg sieht, aber alsbald läßt der Patient sich wieder von Jdioten-Docters und alten Weibern" behandeln, sogar von des Königsbayerscher Köchin"! Dies ewige hin und her zieht sich durch den ganzen Briefwechsel bis zu Fredersdorfs vorzeitigem Tode, aber nur ein einziges»!«! wird der König ernstlich böse und droht dem Kranken, Cothenius nicht mehr zu ihm zu schicken. Sonst begnügt er sich mit Bitten und Ermahnungen ober mit sanftem Spott, ober er droht ihm im Scherz, eine Schildwache vor seine Tür zu stellen, um den Kurpfuschern den Zutritt zu verwehren.Sonsten frepirftu meiner Sehlen aus purem Uebermutl)". Aber alles das ist ver-

*) Zur Erklärung lese man die Briefstelle Friedrich Wilhelms I. an feinen Freund, den alten Dessauer, ü6« seine Eindrücke vom Bestich in Dresden bei August dem Starken (13. Februar 1728): Das weibliche Geschlecht comme ä Paris et Berlin: alle huren. Aber in Dresden ist es offentlichpermittiret, mit den vornehmsten fon man lauf von fuxe» rehden als hier von eyerciren."