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UiüerhattungrbeNage zum Sietzeuer Anzeiger
-ahrgmlg'lt-26 Dienstag, -en ^August Kummer 66
Der Warten.
Von Theodor D ä u b l e r*).
Ich sah meine Heimat durch blühende Ranken, durch schneeweiße Kirschbäume leuchtet das Heini. Der Flieder verinnigt uns Frühlingsgedanken: Narzissen am Resterrain lächeln geheim.
Der Morgen verjünglingt den Nachtigallweiher. Ich liebe die glühenden Lauben im Tau.
Die Rosen entflammen zersilberndem Schleier, erblaut ist die Wonne, voll Sonne die Au. Die Mandeln erblühen wie kindliche Wange«, erst schüchtern, verlegen, oft wundervoll rot Die Aeste mit nassen Glyzinien behangen, beträumen ein Tandiamantangebot.
Es lacht unsre Heimat im Glitzern der Wicke: Sie weckt aller Wesen umrätselten Tod.
Sie nickt aus der Nelke beseligtem Blicke: Die Heimat umblaut sich für Sonnengeschicks.
Das ksnsgliche Teftamsnt.
Zum 180. Todestage Friedrichs des Großen am 17. August.
Friedrich der Große hat zwei persönliche und zwei große politische Testamente hinterlassen; die erste persönliche Verfügung stammt aus dem Anfang 1752, die letzte und endgültige vom 8. Januar 1769.
Wie ist dieses königliche Testament beschaffen, wie sieht es aus? Es ist ein Verdienst des Volksverbandes der Bücherfreunde, daß er in einem sehr sorgfältig ausgestatteten (leider nicht im Handel befindlichen) Liebhaberdruck dieses Testament, dessen Urschrift so lange ziemlich unbekannt im Hausarchiv der Hohenzollern ruhte, mit urkundlicher Treue reproduziert, es übersetzt und mit erklärenden Anmerkungen begleitet hat. Die vorzügliche Wiedergabe im Lichtdruck kann wohl an Stelle des nicht erreichbaren Originales stehen.
Der äußere Anblick des Dokuments ist einfach und nicht eben feierlich. Es ist auf einen gelblichen vorschriftsmäßigen preußischen Stempelbogen geschrieben, dessen Preis — acht gute Groschen — in der linken Ecke unter einem Adler aufgestempelt ist. In der rechten Ecke befindet sich der Stempel des Königs, am Ende das königliche Siegel. Es fehlt aber alles, was bei den zeitgenössischen fürstlichen Testamenten üblich war: die Kopstitel und die Siegel und Unterschriften der Zeugen. Soviel über das Aeuhere.
Der Inhalt beginnt mit einer wehmütigen Betrachtung über die Flüchtigkeit des Daseins; sie lautet in der Uebersetzung F. von Oppeln-Bronikowskis: „Unser Leben ist ein kurzer Uebergang von unserer Geburt bis zu unserem Tode. In dieser kurzen Frist ist es dem Menschen bestimmt, für das Wohl der Gesellschaft zu arbeiten, deren Glied er ist. Seit ich zur Leitung der Staatsgeschäfte berufen ward,-habe ich mich mit allen Kräften, die mir die Natur verliehen, und nach meiner schwachen Einsicht bestrebt, den Staat, den zu regieren ich die Ehre hatte, glücklich und blühend zu machen." In 31 Paragraphen werden dann die einzelnen Verfügungen getroffen, am End^ wird der Herzog Karl von Braunschweig zum Testamentsvollstrecker ernannt, „von dessen Freundschaft, Rechtschaffenheit und Redlichkeit ich mir verspreche, daß er die Ausführung meines letzten Willens übernehmen wird.
*) Theodor Däubier, der heute seinen 50. Geburtstag feiert — er ist am 17. August 1876 in Triest geboren — ist d e r Dichter der Gegenwart, der sich jeder Einordnung in eine Kategorie widersetzt. Gigantischem Wollen hat er in dem bisher größten Werke seines Lebens, dem „Nordlicht", Ausdruck gegeben; er hat damit nicht mehr und nicht weniger versucht, als ein neues Weltbild zu schaffen, in dem mit unerhörter Kühnheit der Metapher der Erde die Rolle zufällt, der leuchtende Stern der Zukunft zu werden. Als der Sang vom verklärten Menschen auf der verklärten Erde ist Däublers „Nordlicht" bezeichnet worden. Die Erde verlangt, daß Gesetz der Schwere durchbrechend, zur Sonne zurück, das Polarlicht ist der flammende Ausdruck dieser Sehnsucht. Um diese Weltdichtung gruppieren sich die übrigen Werke Theodor Däublers: die lyrischen Bände „Hesperien", „Hymne an Italien", „Der sternhelle Weg", die der bildenden Kunst und Musik gewidmeten Cssaybände: „Der neue Standpunkt" und „Lucidarium in arte musicae“ und die Bände autobiographischen Charakters: „Wir wollen nicht verweilen" und „Mit silberner Sichel". Die Frucht seiner Reisen in Griechenland sind die Aufsätze „Der heilige Berg Athos", „Sparta", diese als Buch erschienen^ sowie „Delos", bisher nur in der „Deutschen Rundschau" veröffentlicht, Aufsätze, denen ein großes abschließendes Werk über Griechenland noch folgen soll.
Dieses letzte Testament Friedrichs des Großen ist auch darum nicht unwichtig, well er in dieser Verfügung — wie auch schon in seinem ersten persönlichen Testament von 1752 — als erster Hohenzoller zwischen seinem eigenen und dem staatlichen Vermögen scharf scheidet. 1752 sagte er darüber: „Ich habe die Einkünfte des Staates als das Mark des Volkes betrachtet, für das ich ihm Rechnung schulde. Ich habe niemals auch nur den geringsten Teil davon für meinen eigenen Bedarf in Anspruch genommen. Also sterbe ich arm und zufrieden mit dem Bewußtsein, meiner Herrscherpflicht genügt zu haben." In feinem letzten Testament drückt er seine Meinung so aus: „Ich bin niemals geizig noch reich gewesen, und so habe ich nicht über viel zu verfügen. Die Staatseinkünfte habe ich stets als die Bundeslade betrachtet, die eine profane Hand anzutasten wagte. Die öffentlichen Einkünfte sind nie für meine eigenen Bedürfnisse benutzt worden. Meine persönlichen Ausgaben haben nie 220 000 Taler im Jahr überschritten. Meine Verwaltung läßt mir also ein ruhiges Gewissen, und ich könnte der Oeffentlichkeit ohne Scheu Rechnung darüber legen."
Dann folgen in klarer Uebersichtlichkeit die einzelnen Nachlaß- bestimmungen. Sie sind sehr nüchtern und sachlich gehalten. Außer Geldgeschenken werden die Hinterbliebenen mit ostpreußischen Gespannen, Chaisen, Porzellanservicen, Galakutschen und etlichen Eimern Ungarwein bedacht. Dann erhebt sich her Ton zu einer eindringlichen Bitte: „Ich empfehle meinem Erben, so herzlich, wie ich es vermag, die tapferen Offiziere, die unter meinem Befehl den Krieg mitgemacht haben. Ich bitte ihn, besonders für die Offiziere zu sorgen, die in meinem persönlichen Dienst stehen, keinen von ihnen zu entlassen, keinen von ihnen, wenn er alt und krank ist, im Elend umkommen zu lassen. Er wird in ihnen tüchtige Soldaten und Leute besitzen, die Proben von ihrer Einsicht, Tapferkeit und Treue abgelegt haben." Mit ähnlichen Argumenten werden dem Nachfolger die Prt- vatsekretäre und alle empfohlen, die in des Königs Kabinett gearbeitet haben, denn „sie besitzen Geschäftskenntnis und können ihn im Anfang feiner Regierung in vielen Dingen beraten, über dis sie Bescheid wissen nnb die selbst den Ministern unbekannt sind."
Am Ende erhebt sich das Testament zu beschwörenden Worten: „Der über dem Menschenschicksa! waltende Zufall entscheidet über die Erstgeburt, aber weil man König ist, ist man noch nicht besser als andere. Im empfehle allen meinen Verwandten, in gutem Einvernehmen miteinander zu leben und, wenn nötig, ihren persönlichen Vorteil dem Wohl des Vaterlandes und dem Vorteil des Staates zu opfern."
Schon die letzte Verfügung des Königs von 1752 enthielt feinen berühmten Wunsch, mit dem er die fernste Zukunft seines Staates segnet. Jetzt sind seine Worte ausgeführter; er ist aus dem großen Kampfe um Preußens Dasein siegreich heimgekehrt, bewährt in der härtesten Prüfung, die ihm auferlegt werden konnte, von Europa bewundert, der Schöpfer einer neuen Großmacht, Feldherr und Philosoph zugleich. Er ist ein einsamer und gealterter Mann geworden trotz all dieser beispiellosen Erfolge — um so inniger und tönender aber bringen jetzt seine Worte in eine dunkle Zukunft: „Bis zum letzten Atemzuge werden meine Wünsche dem Glück dieses Staates gelten. Möge er stets mit Gerechtigkeit, Weisheit und Stärke regiert werden. Möge er durch die Milde der Gesetze der glücklichste, finanziell der bestverwaltete und durch ein Heer, das nur nach Ehre und edlem Ruhm strebt, der am tapfersten verteidigte sein. Möge er blühen bis an das Ende der Zeiten!"
Fmdsreeus Rex im Negligs.
Von Friedrich v. Oppeln-Bronikowski.
Dec Satz, daß vor seinem Kammerdiener niemand groß sei, findet kaum eine Bestätigung beim Lesen der soeben veröffentlichten „Briefe Friedrichs des Großen an feinen vormaligen Kammerdiener Fredersdorf", von denen bisher nur 40 bekannt waren, jetzt aber rund 300 vorliegen. Es find zumeist Briefe des Königs; ein Bruchteil stammt von Fredersdorf, der es vom Hoboisten im Infanterieregiment Schwerin zum Kammerdiener des Kronprinzen Friedrich gebracht hatte, und nach dessen Thronbesteigung, d. h. zu der Zeit, wo diese Briefe geschrieben wurden, fein Geheimer Kämmerer, Schatullenverwalter und Rittergutsbesitzer geworden war. Dank seiner Treue und Verschwiegenheit dehnte sich sein Wirkungskreis immer weiter aus, und die Zeitgenossen bezeichneten ihn als Premierminister und Inhaber sämtlicher Hofchargen. Jedenfalls war er. ein Faktotum, durch dessen Hände alle möglichen Dinge liefen: der Ankauf von Kunstwerken, die Anwerbung und Entlassung des königlichen Theaierpersonals, die Einrichtung der königlichen Schlösser, selbst Münz- und Spionageangelegenheiten. Alle möglichen Personen, von den Sängern, Tänzern und Schauspielern beiderlei Geschlechts bis zu


