Ausgabe 
17.7.1926
 
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umfangen. Grenzenlose Seligkeit erfüllte ihr Herz und drohte es zu zersprengen. Nun konnte sie dem Kommenden ins Auge Wauen, ohne zu erschrecken. Denn es war Erfüllung und Doll- enbung!

Gin Jahr noch! Ein letztes Jahr! Dann war die Kraft aufgebraucht, dann war der Lauf vollbracht! Sie hatte den Onkel Joachim gezwungen, ihr die Wahrheit zu sagen. Auch er muhte sich ihrem Willen fügen... Sie ist stark gewesen in ihrer Schwachheit! Sie hat gearbeitet, hat ihren Matz ausgefüllt! Der Mahner drinnen im Herzen mutzte schweigen! Sie wollte, daß er schwieg! And nun durfte sie noch das Größte erleben!... Sie wird sich mit roten Rosen bekränzen, sie wird den Decher, gefüllt ntit rotem Wein, bis zur Neige leeren! Amklungen von ge­waltigen und doch süßen Melodien wird sie ihre Tage voll­enden! Ja, zu einem wundervollen Liebe soll dieses letzte Jahr werden, und voll und schön soll es verklingen! Ein "jauchzender Akkord das soll das Ende sein!

Dor vierzehn Tagen war der Vikar Jürgen Wendelin gekommen. Der Vater brauchte Ruhe, um sich von seiner schweren Rippenfellentzündung zu erholen. Vierzehn Tage waren sie nebeneinander hergegangen. Sie hörte ihn predigen. In seinen Augen glühte ein seltsames Feuer. Seine Worte waren von einem Ernst durchzittert, der erschrecken machte. Es war toten­still in der Kirche. Ihr Herz klopfte... Sie sahen bei den ge- me'insamen Mahlzeiten einander gegenüber. Er sah sie nicht an. Immer hielt er den Blick gesenkt. Aber ihr ganzes Wesen drängte sich zu ihm hin. Es war ihr, als habe sie immer auf ihn gewartet.

Diesen Morgen war es geschehen. Er saß auf der Dank am Rosenhügel. Sie ging den gelben Weg entlang zu ihm hin, einen Auftrag-des Vaters auszurichten. Da sah er sie an. Die Welt versank. In dem einen Blick verriet er ihr, was sein Mund verschwieg. Da tat auch sie die Türen ihres Herzens weit auf unb lieh ihn die Wunder sehen, die es barg. And die Rosen dufteten, dufteten ...

Die röten Rosen blühten in ihrem Herzen, aus ihrem Wunde. And alle Rosen sollten ihm gehören. Sie 'wollte ihn reich "bep schenken, ehe sich das Tor für immer "schlöß.' Sie wußte von seinem großen Hunger. Deutlich hatte sie ihn in feinen Augen gelesen. Alles Glück und alle Wonne hatte sie nur für ihn gehütet. Nun sollte er alles, alles haben!...

Der Mond ging über den bleichen Himmel. Die weiße Bank sah zu ihr herüber. Im Nußbaum rauschte es stärker. And durch die Rosenbüsche ging ein leises Erschauern. Ein kühler Wind wehte durchs Fenster.

Elisabeth lieh die Arme sinken. Plötzlich übersiel sie eine bleierne Müdigkeit. Es war ihr, als ginge ein Weinen durch die helle Nacht, ein trostloses Weinen. Sie konnte das Licht des Mondes auf einmal nicht mehr ertragen, und wünschte, eine Wolke möchte ihn verhüllen. Der Duft der Rosen ward ihr zur 'Quai. Mit weit offenen Augen starrte sie "in den Garten, durch den unsichtbar irgend etwas Unheimliches, Drohendes hinglitt.

Mit zitternder Hand schloß sie das Fenster und zog. die Vorhänge zu. Der Mahner in ihr pochte, pochte unbarmherzig.

Sie verstand es nicht, warum die Freude in ihr so jäh er­worben war wie eine Blüte, die der Frost einer kalten Früh­lingsnacht streift. Sie spürte nur die bleierne Müdigkeit und ein unsagbares Verlangen nach Schlaf.

Sie legte ihre Kleider ab. Morgen, morgen

Der Schlaf übersiel sie wie ein gewappneter Mann und lieh alles Fragen im tiefen Meere des Vergessens untergehen.

Am andern Morgen, als die Soirne aufging, erhob sie sich wundersam gestärkt, Wohl war ihr Antlitz bleicher denn gestern rind ehegestern. Der Spiegel an der Wand verriet es ihr. And die Hände? Die Hände waren schmal und durchsichtig. Aber sie konnten noch schwere Lasten heben, wenn's sein mutzte! Sie konnten noch immer beweisen, datz ihr die Lehrersfrau jenen Namen zu Anrecht gegeben hatte.

Sie öffnete das Fenster. Der Rosenhügel war in einen feinen Nebelschleier gehüllt. Am die Weiße Bank lag es wie ein "Frieren. Llber das Unheimliche, Drohende war aus dem ©arten gewichen.

Elisabeth schob den schweren Riegel der Haustüre vorsichtig zurück. Niemand durfte wissen, daß sie das Haus verließ. Ob der Vater noch schlief... und die Mutter... und Jürgen Wen­delin? ...

Zum Friedhof waren es wenige Schritte, Er lag hinter der Kirche einen sanften Hang hinan. Aber sie brauchte nicht so weit zu gehen. Das Grab der Großmutter lag vorne nach der Straße zu, hart an der Kirchenmauer. Neben dem Grab der Großmutter war ein alter, grauer Stein, mit Moos bewachsen. Auf diesem Steine saß sie oft. Die Großmutter, ihres Vaters Mutter, war eine prächtige Fran gewesen. Alle ihre Kinder- svrgen und Kinöerfreuden brachte Elisabeth zu ihr. Die alte Frau verstand die Kunst, alles Trübe fortzulachen. Fünfzehn Jahre war Elisabeth alt, als die Großmutter starb. Sie hatte ihr redlich geholfen, den schweren Kampf gegen die Schwachheit und das Müdesein zu kämpfen.

Elisabeth spürte, daß von dem Grabe, das ein schlichtes Kreuz zierte, eine merkwürdige Kraft ausging. Wenn sie auf Sem grauen Steine saß, konnte sie sich das sieghafte Lachen der alten Frau am besten vergegenwärtigen.

Es zog sie an diesem Morgen mit zwingender Gewalt 6ort* hm. Denn es galt, ein hartes Werk zu tun. Die schmalen, durch­sichtigen Hände mußten eine riesige Last aufheben...

Als sie nach dem längen, tiefen Schlaf die Augen auf» schlug, erkannte sie es mit voller Klarheit: Es galt 'nur, die Kraft zu gewinnen zu der letzten großen, schweren Pflicht. Es galt, die Lehrersfrau noch einmal Lügen zu strafen...

Die saß auf "dem grauen Stein und hüllte sich fröstelnd rn. das dunkle Tuch. Die Sonne war noch nicht hinter den Häusern emporgestiegen. Das Gras zu ihren "Füßen war feucht. Sie bückte sich ganz tief, daß sie die Mutter, wenn sie aus Bem Fenster schaute nicht sehen 'könnte.

.Großmutter, sag'! Ist die Last nicht zu schwer?" Sie flüsterte es ganz leise und wühlte die Hände in die Blätter des Efeus.

Da rief aus den Zweigen "der nahen Linde ein Vogel. Leis und lockend war fein Rufen. Elisabeth suchte ihn mit den Augen, fand ihn aber nicht. Plötzlich ging ein Schwirren über sie hin. Run lag der kleine graue Vogel am Rande des KirchenbacheS und strich sich mit dem Schnabel die Fedewi glatt. Noch einmal rie'f er. Dann war er verschwunden. Sie jäh ihm sinnend nach'.

Jürgen Wendelin... Wie urteilte der Vater neulich "über ihn?Er ist ein Grübler und nimmt das Leben schwer. Gott schenke ihm eine große Freude, daß es in seinem Herzen licht werde!"... Sie wollte ihm eine große Freude schenken, sie wollte all sein Sehnen stillen. Und dann?... Dann wiid er emes Tages mit leeren Händen dastehen.

Der Vater wußte noch mehr von ihm, wußte, daß ihm schon manche Enttäuschung, widerfahren war. Werden seine Augen nicht noch dunkler, seine'Lippen nicht noch härter werden, wenn ihm sein Glück, nachdem er es kaum recht besehen hat, wieder ans den Händen geschlagen wird?... Ein Jahr noch! Länger wartete der Mahner in ihr nicht! Länger nicht!

Sie hatte an sich gedacht, nicht an ihn! Sie wollte, bevor ihr Erdentag sich neigte, sich mit roten Rosen kränzen und dem roten. Freudenwein trinken. Und dann? Was bleibt ihm? Gin dunkler Weg ohne Sonne...

Sie nahm die Hände aus dem feuchten Efeu. Wer an sich denkt, ist schwach! Sollte die Lehrersfrau doch noch recht be­kommen, jetzt, da sie hart am Ziel war?

Da sie aber bedachte, was sie tun wollte, da sie die schwere Last, die sie tragen mußte, deutlich vor sich sah, ging der Schmerz wie ein scharfes. Schwert durch ihre Brust. Ein gequältes Stöhnen rang sich aus ihr empor. Aber siehe, sie konnte weinen! Sie barg das Gesicht in den Händen und ihre Tränen strömten.

Als sie sich satt geweint hatte, pflückte sie ein Efeublatt. Das wollte.sie neben sich legen, wenn sie dann der Schwester schrieb.

Sie stand auf und ging den Weg zurück, den sie gekommen war. Als sie am Schlafzimmer der Eltern vorbeischlich, hörte sie, datz die Mutter schon aufgestanden war, Sie gelangte aber ungesehen in ihre Kammer und wusch sich das Gesicht mit frischem Wasser. Dann las sie den Brief der Schwester noch einmal, den fie vor zwei Tagen erhalten hatte.

Hanna war einige Wochen bei Verwandten gewesen, um der jungen Frau, die Mutter geworden war, beizusteHeii. Nun war es Zeit für fie heimzukehren. Aber eine Freundin hatte sie eingeladen, mit ihr in die Berge zu wandern. Da sie jedoch" nicht wußte, wie sich die Eltern dazu stellten, sollte Elisabeth die Stimmung auskundschaften und ihr schreiben.

Gestern hatte sie den Brief an Hanna angefangen, konnte ihn aber nicht zu Ende bringen.Wandre, wandre, so lange dir's gefällt!" stand in dem Briese. Run zerriß sie das Bleckt un& begann von neuem. Sie schrieb, Hanna möge sofort heim- kommen. Der Vater sehne sich nach ihr. Sie sei auch sonst da­heim netig. 'Es gäbe für sie Wichtiges zu tun... ,

Sie schloß den Dries und schrieb die Adresse. Das Eseublatt lag neben ihr. Dann trat sie ans Fenster. Der Garten lag im Licht der Mo-rgensonne. Die Rebel waren gewichen. Die Tau­tropfen funkelten wie Perlen. Die Rosen aber schienen unter dem Kusse der Sonne zu zittern. Die Bank schimmerte im reinsten Weitz.

Die Felder waren abgemäht. Das Laub der Bäume färbte sich bunt. Auf den Wiesen blühten die blassen Herbstzeitlosen, in den Blumenbeeten des Gartens weiße und violette und rote Astern. Altweibersommer flog durch die klare Luft. Das Lied vom Sterben und Vergehen Rang wehmütig durch den! stillen Wald.

Von der Höhe des Friedhofes hätte man einen wetten Blick. Man sah das Tal entlang, durch das sich der Fluß in vielen Biegungen wand, man sah die 'fernen blauen Höhen, man sah hinüber zu dem Wald, der dalag, als hüte er Geheimnisse, von denen niemand laut reden darf. Man sah auch den schmalen Psad, der durch die Wiesen über einen 'Steg hinüber zum Walde lief und sich in ihm verlor.

Elisabeth sah auf der steinernen Dank, die auf der Höhe des Friedhofes unter dem Bilde des Gekreuzigten stand. Auf den Kreuzen und Grabsteinen lag die Herbstsonne mit ihrem milden, versöhnenden Leuchten. Sie spiegelte sich in den Fenstern des nahen Totengräberhauses, daß sie wie eitel Silber glänzten.

ElisabeH sah nicht nach den fernen blauen Höhen und nicht nach den abgemähten Feldern. Sie sah nur nach dem schmalen