Ausgabe 
17.7.1926
 
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Niederschlag imWerther" Goethes Dichterruhm zu leuchtendem Glanze einporstieg. Von Wetzlar aus, auf Mercks Einladung hin, wanderte Goethe am 18. August 1772an einem heiteren Morgen, vor Sonenaufgang, an der Lahn hin, das liebliche Tal hinauf" nach Gießen.

Mercks Einladung bezweckte die Beteiligung Goethes an den Frankfurter Gelehrten Anzeigen". In diesem Jahre hatte Merck die Leitung dieser Zeitschrift übernommen, die seit 1736 bestand. Schlosser und der Gießener Professor Hopfner waren bereits Mit­arbeiter. So fand denn auch bald derliterarische Kongreß" statt, auf dem die Beteiligung der einzelnen Mitarbeiter besprochen wurde. Wieweit Goethes Mitarbeit ging, ist schwer zu entscheiden. Erst 1823 wählte Goethe aus den Jahrgängen 1772 und 1773 35 Rezensionen aus, die er durch Aufnahme in die Ausgabe letzter Hand für sein geistiges Eigentum angesehen wissen wollte. Doch diese Auswahl ist irrtümlich; Goethe konnte sich nur noch schwach seiner damaligen Arbeiten entsinnen. Vollends aus 1773 ist kein Beitrag von seiner Feder, denn Ende 1772 gaben sämtliche Mitarbeiter des Merckschen Streifes ihre Beteiligung auf. Die nachbarlichen Wohnorte der Freunde ermöglichten neben einem lebhaften Briefwechsel auch öftere mündliche Unterhandlungen.

Im Mittelpunkt dieser Gießener Tage steht Ludw. Jul. Friedr. Hopfner, der seit 1771 nach kurzer Tätigkeit in Kassel als Pro­fessor der Rechte an der dortigen Universität wirkte. Die von Goethe selbst in Dichtung und Wahrheit romantisch ausgeschmückte Dar­stellung der Begegnung . mit Hopfner war durch Schlosser und Merck' vorbereitet. Da nämlich Schlosser bei Hopfners Vater in Gießen Vorlesungen gehört hatte und auch Merck gleichzeitig dort studierte, ist eine Bekanntschaft mit dem jungen Hopfner sehr wahr­scheinlich. Schlosser hatte die Begegnung zwischen Goethe und Merck herbeigeführt; dieser machte den Dichter mit dem Gelehrten bekannt.

Rach der Darstellung inDichtung und Wahrheit" (12^ Buch) stellt Goethe die Bekanntschaft als einen zwischen ihm und Schlosser sowie Merck verabredeten scherz hin. Danach habe Goethe, in scherz­haftem Uebermut verkleidet als armer Student, bei dem Professor vorgesprochen, auf Befragenein glaubliches prosaisches Märchen" erzählt und die stockende Unterhaltung so lange hingezogen, bis zur verabredeten Stunde Schlosser in der Studiersiube erschien, ohne von Goethe Notiz zu nehmen. Am gemeinsamen Mittagstisch habe dann Goethe, immer noch unerkannt, nach anfänglichem verschämten Schweigen den ebenfalls anwesenden Professor Schmid witzig auf­gezogen, indem er mit Bezug auf dessen literarische Charakter­losigkeit von Tieren ohne Knochen und von Efeu ohne Halt ge­sprochen. Dann erst habe er die Maske fallen lassen. Hopfner selbst nun berichtet den Vorfall ganz anders. Er spricht von der seltsamen Erscheinung des wunderschönen jungen Menschen mit den feuer- vollen Augen und dem unbeholfenen linkischen Anstand, der dann plötzlich aufsprang und Höpfner um den Hals sie! mit den Worten: Ich bin Goethe! Verzeihen Sie mir meine Posse, lieber Höpfner; aber ich weiß, daß man bei der gewöhnlichen Art, durch einen Dritten miteinander bekannt gemacht zu werden, lange sich gegen­über steif und fremd bleibt, und da dachte ich, wallte ich in Ihre Freundschaft lieber gleich mit beiden Füßen hineinspringen -md so, hoff ich, solls zwischen uns fein und werden durch den Spaß, den ich mir erlaubt habe."'Die dritte Version, die auf Höpfners Frau zurückgeht, ist die unwahrscheinlichste. Danach, habe Höpfner, nach­dem Goethe unerkannt als armer Student bei ihm vorgefprochen hatte, am Abend im gewohnten Lokal ein großes Durcheinander gefunden. Alle Anwesenden, in der Hauptsache Professoren, hätten um einen Tisch gesessen und gestanden, um der begeisterten Rede eines jungen Mannes zuzuhören. Auf feine Frage erfuhr Höpfner, das [ei Goethe aus Wetzlar, und ~n>ie erstaunte er, als er in dem umschwärmten Jüngling seinen Studenten wiedererkannte! Diese Darstellung birgt in sich so viele Unwahrscheinlichkeiten, daß sie als phantasievolle Erdichtung abzulehnen ist. Cs braucht nur darauf hingewiesen zu werden, das; Goethe damals noch keineswegs der weit bekannte Dichter war, den Professoren anstaunten. Daß allerdings die Bekanntschaft unter romantischen Umständen erfolgte, ergibt sich ans Goethes Brief an Höpfner vom 27. Oktober 1782, in dem er jenen an diewunderbar angefangene Bekanntschaft" erinnerte. Ueber diesen Gang Goethes nach Wetzlar schreibt Kestner in sein Tagebuch (18. August 1772):Goethe, der den Kriegszahlmeister Merck hier erwartet hatte, ging nach Gießen zu Fuß, traf dort Herrn Merck schon an beim Kriegszahlmeister Pfaff, wo Lottchell (Buff) auch war. Sie aßen zusammen in Gesellschaft von Professor Höpf­ner." Von einer Ueberraschung Höpfners kann keine Rede fein. Denn aus einem Briefe an Raspe, den er von Kassel aus kannte, geht hervor, daß er diesen Besuch erwartete (16. August):Heute abend oder morgen kommt unser Merck zu mir. Wären Sie doch auch bei uns! Sie und Gotter und Goethe (ein Mann von großen Talenten) und Merck, was sollte das für eine Freude fein!" Im großen und ganzen wird man Goethes Darstellung annehmest müssen.

Bei dem lebhaften Austausch von Kenntnissen und Meinungen lernte Goethe Höpfner bald näher kennen und schätzen. Freudig er­griff der junge Dichter die Gelegenheit, sich mit dem Gelehrten über manche unklare Frage zu besprechen, und Höpfner ging gern auf feine Zweifel und Bedenken ein. Höpfner arbeitete damals an seinem, 1780 erschienenenNaturrecht des einzelnen Menschen, der Gesellschaften und der Völker". Wie sehr Goethe in diese Gedanken­gänge eingedrungen war, beweist seinPrometheus", der unverkenn­bar den Einfluß dieses Werkes verrät. Der Freundschaft des Dich­ters brachte Höpfner gleiche Wärme entgegen. Er nennt Goethe den

besten, gutherzigsten, liebenswürdigsten Sterblichen und erklärt, er sei auf seine und Mercks Freundschaft stolz. Unter diesen Umständen stieg in Goethe der lebhafte Wunsch auf, in Gießen in Höpfners Nähe zu bleiben,um mich an ihm zu unterrichten", ohne von der Tätigkeit in Wetzlar sich zu trennen. Doch seine Freunde Schlos­ser und Merck arbeiteten unbewußt gegen diesen Plan.

Mit Höpfner blieb Goethe auch später noch in Verbindung. Drei Briefe von ihm sind erhalten. Im ersten vom 7. Mai 1773 dankt Goethe für die Gipsabgüsse nach Antiken, die Höpfner ihm nach Vorbildern in Kassel besorgt hatte, und freut sich, daß diese Köpfe jetzt auf seinem Tische ebenso stehen wie sie einst auf Höpfners Pult standen, als er das erstemal in dessen Zimmer trat Auch die bedeutsame Tatsache, daß Goethe dem Gießener Professor die Be­kanntschaft mit Spinoza verdankt, ergibt sich aus diesem Brief. Von jetzt ab findet sich in Höpfners Briefen an seine Freunde der Name Goethes öfter. Er vermittelt die Bekanntschaft mit Boie, dem Goethe Beiträge für den Göttinger Musenalmanach gibt. In dem zweiten Briefe von Anfang April 1774 empfiehlt Goethe seinen Freund Klinger, der die Universität Gießen besuchen will. Höpfner nahm den jungen Dichter in sein Haus auf und förderte ihn nach Kräften. Eine besondere Rolle spielt Goethes Name in dem Briefwechsel Höpfners mit Nicolai in Berlin. In dem letzten der erhaltenen Briefe Goethes von 1782 trägt er dem Gießener Gelehrten eine Professur in Jena an. Höpfner lehnt ab; er hatte sich dem Sturm unb Drang und damit auch Goethe immer mehr entfremdet. Seit­dem hört jede Verbindung zwischen den beiden Männern auf. Höpfner, der schon lange mit Nicolai in Beziehungen stand, schwenkte allmählich immer stärker ins Lager Nicolais über, der zum ausgesprochenen Feind Goethes wie der neuen Richtung über­haupt wurde. Gegenüber dem Dichter Goethe blieb Höpfner nach wie vor ein begeisterter Verehrer, wie die Wirkung derIphigenie auf ihn beweist. Erst am 21. Juli 1823 wurde der alte Goethe an den Gießener Freund erinnert, als Höpfners Tochter, die Frau von Rehberg, Grüße vom Rhein nach Marienbad brachte. Seit 1781 wirkte Höpfner als Geheimer Tribunalrat in Darmstadt.

Der von Goethe verspottete Christian Heinrich Schmid war seit 1771 Professor der.Beredsamkeit und Dichtkunst in Gießen. Er war ein oberflächlicher Vielschreiber und urteilsloser Kritiker. Goethe hatte ihn bereits am 9. August 1772 zu Garbenheim kennen gelernt. In einem Brief an Kestner vom 25. Dezember 1772 urteilt Goethe sehr geringschätzig über eine Besprechung seines AufsatzesMm deutscher Baukunst" in den Frankfurter Gelehrten Anzeigen, die er alsgesudelte" Rezension bezeichnet und worin er Schmid gleich erkannte:Der Kerl ärgert sich, daß wir nicht nach ihm sehen und sucht uns zu necken, daß wir fein gedenken." Aus Höpfners Brief an Raspe vom 19. Oktober 1772 läßt sich erschließen, daß der Dar­stellung von Schmids Verspottung inDichtung und Wahrheit" Tat­sächliches zugrunde liegen muß:Mit Merck und Goethe habe ich viel vergnügte Stunden gehabt . . . Schmid kam einst in unsere Gesellschaft. Aber Himmel, wie ging es dem armen Sünder! Ferner, witziger und boshafter ist noch nie ein Mensch gegeißelt worden als er."

Wenn Goethes Plan, länger in Gießen zu bleiben, durch Schlosser und Merck vereitelt wurde, fo waren die Gründe grundverschieden. Denn Schlosser hatte eben begonnen, mit Goethes Schwester Cor­nelia in ein näheres Verhältnis zu treten, und Merck sehnte sich aus Gießen fort, dessen rohes, studentifches Treiben ihn abstieß. Sv waren Höpfners und auch Goethes Bemühungen vergebens, und der Rückweg nach Wetzlar wurde angetretem Merck durchschaute sofort die schwierige Lage seines Freundes Lotte Buff gegenüber und erkannte auch, daß nur schnellste Trennung helfen könnte. So be­schleunigte er durch den lockenden Anreiz einer Rheinreife den Ver­zicht auf die ebenfo leidenschaftliche wie aussichtslose Liebe. AN» 11. September 1772, ohne Abschied, verließ Goethe Wetzlar, die Wertherstadt.

Dis SommsrnKcht.

Von Maximilian Dauthendep.

Die Sommernacht, und andachtvoll der dunkle Garten und schwer zufrieden mit den reichen Bäumen.

Derselbe Mond, der all die großen Bäume klein gesehen, vor dem die dunkeln Blätter staunend glänzen, unwissend stumm gekommen, unwissend stumm vergehen.

Der dunkle Garten, braus ein kalter Atem weht, sehr kühl vom kaltgewordnen Schweiß der Erde, lind immer kommt und geht darin der Mond und wird nicht müde, nie, und kommt und geht.

Doch auszudenken, daß wir müde einst für immer gehen, unwissend mit uns selbst.

Clenderle.

Von Georg Türk

(Schluß.)

Elisabeth lunHammetie noch immer das Fensterkreuz. Schön waren die Vosen, schön war das Licht des vollen Mondes, schön war das Leben! Wie schön das Leben war, wußte sie erst feit diesem Morgen. Vorher hatte sie es nur geahnt!

Gie lief) das Fensterkreuz los und Breitete die Arme weit aus, als wollte sie die ganze Herrlichkeit der Sommernacht