Ausgabe 
17.7.1926
 
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Gießener Zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1926 T Samstag, -en \T. Juli Nummer 57

Warnung vor dem Rhein.

Von Karl S i m r o <t.

An den Rhein, an den Rhein, zieh nicht an den Rhein, Mein Sohn, ich rate dir gut;

Da geht dir das Leben zu lieblich ein, Da blüht dir zu freudiger Mut!

Siehst die Mädchen so frank und die Männer so frei. Als wär es ein adlig Geschlecht, Gleich bist du mit glühender Seele dabei;

So dünkt es dich billig und recht.

Und zu Schiffe,, wie grüßen die Burgen so schön

Und die Stadt mit dem ewigen Dom!

, In den Bergen, wie klimmst du zu schwindelnden Höhn Und blickst hinab in den Strom!

Und im Strom da taucht die Rix aus dem Grund,

Und hast du ihr Lächeln gesehn,

Und sang dir die Lurlei mit bleichem Mund, Mein Sohn, so ist es gescheh»;

Dich bezaubert der Laut, dich betört der Schein, «s Entzücken faßt dich und Graus.

Nun singst du nur immer: Am Rhein, am Rhein!

Und kehrst nicht wieder nach Haus.

Weinlese bei Karl Simrock.

Zur 50. Wiederkehr feines Todestages am 18. 3uli.

Von Carl Ferdinands.

An einem opalschimmernden warmen Oktobermittag zog aus dem altertümlichen Rheinstädtchen Unke! eine fidele Massoney aus, um dem deutschen Dichter Karl Simrock auf seinem Weingut Menzen­berg, das hinter dem Berge näher am Siebengebirge lag, bei der Weinlese zu helfen.

Ueberall in den Dörfern war diese schönste Ernte im Gange, überall knatterten dieSchürreskahren" (Schiebkarren) mit den vollen Traubenhutten über das holperige Kopfpflaster, überall ar­beiteten die Winzer, Männer, Frauen und Kinder im Wingert, um die süße Gabe in das Gärfaß zu bringen.

Durch Scheunen an dem Birkhäuserschen Gut mit den vier Türmchen vorbei, zog der lustige Schwarm auswärts auf die Heide, die Hochebene, hinter der nach Norden das Siebengebirge in breiter Melodie wie ein Heldenlied anstieg, während gegen Morgen die düsteren Kuppen des Westerwaldes hinüberdräuten. Voran Strolch, der Hund, immer zwei Schritt vor seinem Herrn, dem Dichter Fer­dinand Freiligrath, dann der Maler Schlickum, Wilhelm Ganzhorn und der gemütliche Enkel des feierlichen alten Herrn in Weimar, Wolfgang von Goethe, beides Bonner Studenten, Liwn Schükking mit den Gespensteraugen und dem roten Fez auf dem Kopf, Wolf­gang Müller mit dem schmachtenden Vollbart und noch ein paar Studenten, dazu drei reizende junge Frauen, die auf den benach­barten Gütern als Sommergäste hattsten und die Musen der aus- gelassenen Schar waren.

Man genoß von der Hochebene den wundervollen Blick auf die Eifel, sah die Hohe Acht und das einsame Raubschloß Olbrück aus der Ferne grüßen und ging, in Menzenberg angekommen, gar nicht erst ins Haus, sondern gleich in den Weinberg, zog die Taschen­messer und begann mit dem Dichter des Nibelungenliedes eifrig Spätburgunder zu schneiden. Aber nur ein paar Stunden kletterte man auf den steilen Schieferhalden herum und arbeitete, sang und lachte, Trauben und schaute auf den blinkenden Rhein, in dessen Biegung unten die beiden Inseln Nonnenwerth und Grafenwerth ruhten, beide durch die Nolandssage berühmt, die Freiligrath so machtvoll gefangen hatte. Dann winkte der nicht allzu gesprächige Herr von Menzenberg, Simrock, und zog die Gesellschaft seitlich den Waldhang hinauf.

Ach, er spricht nicht viel, er handelt!" bemertte Schilling.

Auf einem Vorsprung, von dem eine köstliche, umfassende Aus­sicht aufs Siebengebirge, den Rhein unb das Eifelhochland sich dar­bot, waren ein paar Holzbänke, Mosshügel und Schieferplatten aufgebaut, da hatte Simrocks Eheliebste, Gertrude Ostler, mit dem Geschick für Waldfeste, wie es einer Oberforstmeisterstochter zu­

kommt, ein köstliches Mittagsmahl angerichtet, da prangten aller­hand edle Wildgerichte, Hasenpasteten, Rebhühner und ein Reh- braien in Sahnentunke, von dem kein Mensch raten konnte, rote es möglich war, ihn so heiß vom Herrenhause zu schaffen. Dr. Karl Simrock ging glücklich von einem zum anderen, fein glattrasiertes Gesicht mit dem ausdrucksvollen, schön geschweiften Munde strahlte vor Lebensbehagen, er erzählte vom harmlosen Alltag, vom Zucker­gehalt des Traubenmostes, von den herrlichen Goldreinetten, die er dieses Jahr ernten werde, von der Schwierigkeit, ordentliche Ar­beiter für das Gut zu bekommen; aber nicht von feinemNibe­lungenlied", nicht vomWieland", feinen Gedichtendes von Vogelweid", feinen Shakefpearenovellen, feinen Rheinfagen, vor allem nicht von feinem LiedeAn den Rhein, an den Rhein, zieh nicht an den Rhein!" Die drei schönen Kölnerinnen, die mit feinen Seidenrobeu. und anderem Luxus besser . Bescheid wußten, als in der deutschen Literatur, wollten, obwohl sie der immer galante Ganzhorn flüsternd belehrte, gar nicht glauben, daß dies ein deut­scher Dichter sei, da sah Wolfgang Müllers schöner Mannesbart doch ganz anders glaubwürdig aus. Aber unermüdlich ging Simrock rund und füllte die Gläser mit edlem, mildem Menzenberger, der wie Rubin glühte und die rheinische Stimmung wachsen ließ.

Bis plötzlich Ferdinand Freiligrath von seiner Bank aufsprang, sein Glas hob und also sprach:Damen, Kerle und du, getreuer Strolch, Wächter der Nacht, du Wunder von Unkel, hört, was ich sage! Der Doktor der Philosophie Karl Simrock, Burgherr auf Menzenberg, hat uns in seinen Weingarten gerufen, und wir alle, alle kamen. Wir pflückten seine blauen und goldenen Trauben, rotr aßen sie, wir schlürften ihr köstliches Naß. Nur heute etwa? Nein, schon Jahrelang sind wir täglich bei ihm zu Gast und schlürfen was feine Kelter bringt. Was bringt uns feine Kelter, Jungens, ihr wißt es! Das Nibelungenlied, Hartmann von Aues armen Heinrich, unseres Walther von der Vogelweide deutsche Lieder und Wieland den Schmied, des Heldenbuches Anfang, und f'o manch ein herrliches Gedicht, manche Ballade. Wer fang uns von Drufus Tod, wer dichtete denRekruten auf Philippsburg", den noch unsere Urenkel lernen werden? Und derSchmied von Solingen" und vor allem dieWarnung vor dem Rhein!" Der eine sitzt an seinem Holz­tisch und dichtet und skandiert, hier ist einer, der macht es anders, der denkt an das Schwert Mimir und bindet dabei seine Apsel- spaliere an, und erfindet eine Liederstrophe, während er seine arm« laufen Kurnkurnern begießt. Hei, Kerle, das ist der rechte Weg! Als am Geburtstage Goethes (hierbei nickte der Redner dem Enkel des Gewaltigen zu, der an feinem Menzenberger sog) am 28. Au­gust 1802 dem Musikverleger Nikolaus Simrock in Bonn ein Söhn­chen geboren wurde; da konnte sich die arte, von den Franzosen auf den Hund gewirtschaftete Stadl freuen, das war einer, der ihren Namen verkünden würde. Und freuen wir uns, daß dieser Karl Simrock anno 1830 ein Gedicht schrieb, das von der Pariser Revolution handelte, denn als das gedruckt war, ging es dem Gerichtsreferendar Karl Simrock, wie es dem Vater Ärndt, bett Göttinger Sieben unb all ben anberen gegangen war, man fanb, daß er nach Demagogie röche unb entließ ihn. Unb jo mußte er heran unb zwischen Gurkenzucht unb Erdbeerpflege unb Weinbau bas Helbenlied bichten. Unb barum, ehren wir bies Haus, wie es sich gebührt, ein Hoch ber trefflichen Hausfrau, der Bereiten» wür­ziger Pasteten, ein Hoch dem Herrn auf Menzenberg, ein Hoch feiner Dichtung unb zum Zeichen besten, Serie stimmt ein!"

Unb da fangen bie Dichter unb Studenten mit Glüserfchwitigen nach einer neuen WeiseAn den Rhein, an ben Rhein, zieh nicht an ben Rhein, mein Sohn ich rot bir gut!"

Karl Simrock aber streifte mit einem behaglichen Lächeln feine hübsche Hausfrau, tat nickenb Befcheib unb schaute bann versonnen in bie herbstlich prangenbe Rheinlandschaft hinunter, wo Sonnen­glanz unb Wolkenschatten Verstell miteinanber spielten.

Goethe in Bietzen.

Von Willi Beils.

Enbe 1771 hatte ber junge Goethe den Mann kennen gelernt, ber auf immer untrennbar mit ber Sturm- unb Drangzeit Goethes oerbunben bleibt: Johann Heinrich Merck, bet infolge einer un­günstigen Charakteristik in Dichtung und Wahrheit allgemein als Vorbild des Mephisto gilt. Ein näherer Verkehr zwischen beiden entwickelt sich erst, als Goethe in Begleitung seines späteren Schwa­gers Schlosser Merck Ende Februar 1772 in Darmstadt besuchte.

1772 ist für den jungen Goethe das erlebnisreichste Jahr. Im Mai begann feine Tätigkeit am Reichskammergericht zu Wetzlar, wo aus dem tiefen Erlebnis mit Lotte Buff durch ben dichterischen