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Philipp wurde nach der Mutier frühem Tode noch stiller. Ein (Sinnierer.
An Anna dachte er so oft. And sie dachte an ihn. Wenn er sein« Finken lehrte, sahen seine Augen wohl die verhängten Vogelbauer. Er pfiff, weil sich die Lippen in gewohnter Weif« zum Pfeifen spitzten und die Zunge ihm wie von selbst dabei half — aber A ma und immer wieder Anna stand vor seinen Augen. And dem Mädchen erging es ebenso. Wohin sie auch ging, und was sie mich tun mochte: Philipp stand vor ihr und — hielt ihre Hand.
Dieser hatte ihr seinen besten Schwarzkopf zugedacht, wie er bisher keinen zweiten gelehrt hatte. And eines Morgens, als Anna, wie er beobachtet hatte, mit ihrem Vater zum Heuholen in den Wiesgrund an der Mühle gefahren war, brachte er sein GesHeük ins Bürgermeisterhaus.
Die stämmige Bürgermeisterin stand ebener Erde in der Küche und knetete in einer grünglasierten Schüssel den Teig für den Sonntagskuchen. Sie hatte Eile, denn der Kuchen mußte ins Backhaus gebracht werden. Sie dachte an den Spruch, der in der Schüssel in blauen Buchstaben eingebrannt zu lesen war: Liebe mich allein, oder laß das Lieben gar sein. 1817. Das war die Zahl des Jahres, in dem sie ihren Mann geheiratet hatte.
So sah sie den Philipp, der ein gar stattlicher Bursche war,' wie heimlich ins Haus treten.
„Ao, Philipp, bas (was) haste?"
„Vielleicht könnt Jhr's Ouch (Euch) gedenke, Frau Bürgermeistern. Ich ho' abbes fier - di Anna — Frau Bürgermeister. Rescht for u'god."
Er hob den Vogelkäfig, der sorgfältig in ein Tuch gehüllt war, empor und sagte, als ob sich die Bürgermeisterin schon denken könne, was er in's Haus bringe: „Am schönst wär s, Ihr stellt ihn der Anna heimlich in ihre Stu', äwer, daß sie ihn net glich seh' koan. Dann könnt de Eiei’ Aeberrasching gewetz gelinge."
„Philipp, du wist (bist) einer en ordentlicher Kerl; ich sei gleich fertig, dann brenge niet de Vöhl (Vogel) zesamme enoff."
Philipp freute sich darauf und wartete.
Aach einer Weile sprach die Frau: „Philipp, be (wie) hältst de dann nur so das Lawe (Leben) us?" - „Ach," entgegnete: er, „wenn mer das Esse und Trinke rechelt, dann ho' rch reichlich genungf zum Lawe. Ich verdien mer mit meine Vöhl e schö Stück Geld. Das dürft Ihr glei' (glauben). Ann der eine Bohl is immer wieder annerst wie der annere. Da gibts fei’ Langweil net. Die Vöhlsköpp sind grad so verschieden, wie di« Mensche- köpp; mer most se nur kenn'! Ann jedenfalls is mer so mancher Dlvtfink i' fein Käfig, auch bann (wann) e’ sich offbläst, lewer be (wie) so mancher, der an schwarze Felzhot off seim Kopp hat unn da Brunner neschnötzige Gedanke, mit dene er in der Freiheit 'erumleift. Das mine ich so, on darum sag ichs, wie rchs mein’. Ich ho noch an die fuffzig Vöhl im Durf hänge. Fier jeden motz der Hännler mindestens fünf Gelle (Gulden) ga’, sonst friegt e’ fern (keinen) davo’ net. Onn he' bezahlt se au’ (sie auch). Da 'krieg ich meh' got Geld off di« Kaß, als mancher Dauer, der im Johr zwa Render (Rinder) verkäst. Der Frankfurter Hännler kann’s bezohl’."
Das leuchtete der Bürgermeisterin schon ein. Sie dachte nach und bekam doch «inen gewissen Respekt vor Philipp und seiner einfachen und doch so einträglichen Kunst.
Dieser stand bescheiden neben ihr und wartete, bis sie mit dem Kuchenkneten fertig war. Dann gingen sie zusammen die Trepve hinauf nach Annas Stube.
Philipp blieb vor der Tür« stehen; die Dürgermeisterin stellte den neuen Hausgenossen auf einen alten geschnitzten Stuhl, darin ein Herz ausgeschnitten war, dessen Breite Lehne aber doch den Käfig verdeckte. Annas Bett war kunstvoll verziert. Man sah auf der breiten Leiste des Detthauptes Eichhörnchen, die einander nachliefen. Daneben stand ein breiter, dvppeltüriger Eichenholz- schrark. Dieser gehörte einst ihrer Großmutter, di« in das Haus eingeheiratet und ihn kurz vor ihrem Sterben der Enkelln vermacht hatte. Er stand, wie für die Ewigkeit gebaut, auf mächtigen, runden Füßen, und Barg des Mädchens Kleider. Der Meister — Friedrich Wasser hieß er — und die Gesellen, die ihn einst ver- fertigten, ruhten schon hundert Jahre und mehr irgendwo längst unter der Erde. And wilde Tulpen, wie sie in di« Türen des Schrankes «ingeschnitzt waren, Blühten im Rasen auf ihren Gräbern. Die Türfüllungen und Seitenwände des Erbstückes aus Arväterhausrat, waren noch mit Rankwerk und Traubendolden verziert, in denen di« Vögel ihr Mahl hielten. Der mächtige, reichverzierte Schrank und fein Inhalt, die köstliche Tracht und die starke Dauernleinwand, die der Verarbeitung für den Ehestand harrte, war der Stolz des Mädchens.
Auf Philipps Vogelbauer saß auch ein kunstvoll aus Holz geschnitzter Fink, der eine Blume im Schnabel trug.
„Jetzt mach’, daß du wieder fortkömmst." sprach die Bürgermeisterin zu Philipp, der mit hellen staunenden Augen in Annas Stube hinein sah, „daß dich niemand mehr sieht, sonst is der Spatz glich verrot«," legt« ihm aber freundlich die Hand auf den Arm und ging mit ihm wieder die Treppe hinab.
„Frau Bürgermeister," sagte er noch rasch, „die Anna wird ihren Spatz ho’; basse (passen) Se doch «nmal off, bas se dadezu sprecht."
Gr zog noch «in weitzlernenes Säckchen aus der Tasche, das prall mit Rübsen und Svnnenblumenkernen gefüllt war, und legte es in die Küche. „Onn die Anna soll jo es Wasser net vergaß!"
Mit heißen Wangen kam diese aus dem Wiesgrunöe zurück. Sie trug eine Heugabel über der Schulter. Ihre grünbunte, gestrickte Jacke tag ihr wie angegossen um Brust und Rücken. Sie ging, als wiegte sie sich in den Hüften, und doch war nichts Geziertes an ihr.
Zwei alt« Bauersleute, mit der weiße» Zipfelmütze auf dem Kopfe und der kurzen Pfeife im Munde, die sich über das Weit: - und die Ernteaussichten unterhielten, schwiegen etnen Augenblick still, blickten ihr nach, verzogen bedeutsam den Mund, nickten wohlgefällig mit den bärtigen, verhutzelten Köpfen und bedauerten wortlos, daß für sie des Lebens Mai — vorüber war.
„Hiet (heute) hast de noch en Spaß," sagt« daheim die Mutter zur Tochter.
„Womit?"
„Ro, es wird sich scho’ wies (weisen)", sagte jene.
„Ao, sprech' mer's doch! Modder."
„Wart's ab, wer warte kann, kriegt auch en Mann, unn wann er «' schwarz Hetche (Hütchen) off hat", lachte die Mutter.
Anna verstand den Sinn ihrer Wort« nicht. So kam eine Anruhe in ihr auf. Sie erschrak bei dem Gedanken, daß ihr ein Freier angeboten würde, etwa einer aus dem nahen Lauterbach, wo die Mannskerle schwarze Hüte trugen.
Aber gleich darauf sand sie in ihrer Stube Phllipps Gabe. And der Schrecken wich schnell wieder von ihr.
Andern Tags winkte sie nur dem Schenker zu. Das war für ihn Freude und Dank genug.
Als sich der Fink an seine Umgebung gewöhnt hatte, pfiff er eines Morgens in der Frühe, zuerst noch zögernd, dann aber ohne Zagen, die Weise:
Ich liebe dich herzinniglich, von Herzen bist du meint Du bist fürwahr mein liebes Kind, mein eigen sollst du fein!
Anna schlug das Herz rascher vor Freude. Sie wußte ja schon lange, wie es um Philipp stand. Als sie aber näher an den Käfig Hera »trat, flog der Liebesbote wie wild in ihm umher.
Da ahmte das Mädchen nichts Gutes.
Rach der Abendsuppe hieß der Vater die Magd hinausgehen. Sie nahm das zinnerne Eßgeschirr und trug es in die Küche.
„Anna," sprach der Bürgermeister, „hiet hat mich der Wiesemüller v'geredt. Er will fei’ Werk dem Hannes gah (geben) und Hot scho' off dem Ortsgericht die Qo^ettel bestallt. Du gehst heut Owend in die Spinnstub, der Wiesemüllers Hannes soll a«' hinkomme"
„Liewer Vadder, de weißt, wie unser Parr Widder die Spinn- stuwwe is. Letzthi' bei Völlers is es Widder so iwwel hergegange. Mer motz sich jo schäm', dotz mer von Angersbach is."
„Ro, wos wor do los?" räusperte sich der Bürgermeister.
„De weißt Vadder," antwortete die Tochter, „wos der Ortsdiener gesaht Hot onn gefrogt Hot, ob's an’S Kreisamt berecht' Wern sollt, deß die Dorsch dem naue Schreinergesell bet’S Hann» jörgs, der fo verricht off die Madercher is, nor's Hemd onn die Strümp o’gelosse unn en so besöffe gemächt ho (haben), dotz er off dem Heimweg nur so gedorzelt is. Das heiß’ ich fa Spinnstub net; ich geh net hi."
„Mer sinn all «mol jung gewest onn ho (haben) onfer Späß gemacht, aber so was kömmt net wider fier! Dadefier Wern ich scho' sorg«, so wahr ich der Dürgermeisder fei’.“
„Vadder, ich will net u’gezoge fei’. Awer in fei’ Spinnstub geh ich net."
„Ich will d'r emol ebbes sprech', Mädche, das sinn Asrede. Schlag mer nur den — den — Philipp us dem Kopp. So lang wie der noch e Lausbub wor, da könnt der hier bei ons tnn* und usgegeh. Alleweil Hot die Sach owwer e End. Gleibst (glaubst) de villicht, mer Hot dich als onfer anzig Dochter groß gezoge, damit so en Betteljong in onfer Werk kemmt, der nescht zu Asse onn nescht je bisse Hot als fei’ schlecht« Vöhl? Wann die de Pipps krieche, kriecht «’n ihr Herr nach unn gehd kabutt. Dann kann er Widder wie fei Vadder als Knecht zur Herrschaft gegeh'. He (hier) in Angersbach sitze mer in unferm Werk, solang Ängersbach steht onn mer Branche so fa’n Kerle net, däi im Freiahr im Wahld noch de Vöhlsnester 'erumstronze, unn im iwwerige tote verreckt nach de Drckebalke gucke, wo die Vöhlshiefer (Vogelhäuser) Hanke und's Mal spitze (Maul spitzen), onn bene schsech.de Dlotsinke wos vorpseiffe. Ann ollewill will ich dr's grob erussprech', dotz kei Irrtum da driwwer net ent« stett: Dann (wann) de net in di« Spinnstub Witt (willst), so könne mer’s auch annerst gemach’! Dann kimmt der Hannes direkt dement i’ on's Hrrs. Si (sein) künftig Werk unn mi’ Werk basse zesomme, wie mer sichs net besser denke könnt. Dazu liegt alles schee netoer« nanner. Da will ich «mol seh, ob's noch im ganze Kreis Lutterbach nachher noch «’ Frau gilt (gibt), wie dich unn die auch „was droff Bot", unn wanns die 'Baronin britotoe uff der Lutterbacher Burg selber wär."
(Fortsetzung folgt.)
Schristleitung: Dr. Friede. Wich. Lange, — Druck und Verlag der Vrühl'schen Aniv.-Buch» und Steindruckerei. R. Lange, Dießen.


