Gießener Zamilienblätler
Unterhaltungsbeilage Zum Siebener Anzeiger
Samstag, den <7. April
Jahrgang 1926
Hummer 3(
Spruch der Erde.
Don Johannes Heinrich Braach. Der Bauer drückt den Pflug ins Land und zügelt seine Pferde, und während er die Scholle sticht, und während er die Bahnen bricht, spricht er den Spruche der Erde: „Allmutter Erde sei uns gut und gut dem Werl der Hände, die Mühe, die das Feld bebaut, die Hoffnung, die dem Feld vertraut, Mr' du zu rechtem Ende.
Wirf Gnade in die weite Flur, wirf Segen in den Samen, das Land ist arm, dem Voll fehlt Brot, brich du di« Bitterkeit der Rot — sei uns barmherzig — Amen."
Adaldert Stifter.
Von Felix Braun.
In der Reihe der 4-Mark-Dücher des Insel- Berlages (16) erschien ein schmuck ausgestattet«:, schmaler Band der schönsten Erzählungen des Dich- te'-s Felix Braun schickt ihnen eine feinsinnige Einführung voraus, der wir mit Erlaubnis des Verlages folgenden Abschnitt entnehmen:
Was wohl ist es, das uns in Stifters Welt so schön dünkt? Warum sind wir schon beglückt, wenn wir nur den Anbeginn einer dieser Erzählungen lesen, sei es, daß eine Waidlandschaft oder das Innere eines Hauses uns aufmmmt, s« es, daß uns ein edles Menschenangesicht grüßt? Es ist die Mmofphared^ Reinheit, die uns aus jeden, Wort hier anhauaft. Zu Stifters Zeit maq sie vielleicht aus die Menschen nich, so erhebend gewirkt haben, denn sie war selbstverständlicher, alltäglicher Besitz. Der bürgerlichen Kultur des vormarzlichen Wien, drsien Gesellschaft noch eine in Klassen und Schichten str«rg geschiedene war, die Vermischung nur dort zulieh, wo der Geist oder das Verdienst sie gestattete, wohnte, wenn mcht das Weien, so doch das Prinzip der Reinheit ein, das durch Aostuftmg, Abgrenzung. Erschwerung des Eintritts in reden nächsthöheren Lebenskreis nichts ohne ein GeMl der Achtung geschehen lieh, üern voneinander gehalten, bedeuteten die Geschlechter mehr fure naiider als heute. Eine erste Begegnung war schicksalhaft schichal gründend der Gedanke an die Dauer bis zum SoDe, ja über den Tod hinaus, verlieh dem Entschluß der Liebenden eine religiöse Feierlichkeit, die dem Weg der Verlobung, dem Lag der Hochzeit eine höchste Bedeutung zumaß. Bindung war mcht nur PfMt, sie ging unweigerlich aus dem Erlebnis hervor. Wer Bindung versäumte, entfremdete sich dem Leben, verlor das Leben, wie es Grillparzer, Raimund Lenau «nSußea mußten Stifter band — oder richtiger: bändigte — sich im letzten Augenblick: aber zu einer anderen .Zeit wäre er in seinem Kampf um Reinheit schwerlich so siegreich geblieben, wie er e3 wn das Opfer seines tiefsten Lebens, seines im Grunde leidenschaft- llchen, ja. gewaltsamen Herzens — tourDc.
Die „dreifache Ehrfurcht" der Wander; ah re K1*® die Zöglinge einer erdichteten „pädagogischen Prownz gevitoer. zu ihn«, muß auch Adalbert Stifter gerechnet ^en Religiom Aatur, Liebe sind die Beweger seiner PoLsw Wo di^e Geruea nicht von Zweifel angetastet wer^n, ist Reinheiü Ueberall^>rt wo Absolutes geglaubt wird, ist Reinheit: wo das Vokative durchsickert, Trübsinn. Da jedoch aS"?
gilt: wie denn vermag Reinheit auf uns zu wirken? Ohne Frage ergreift uns solche Lauterkeit mit einem romantischen Gefuhll und das ist's, was die lesende Einkehr m ihr Bereich s° köstlich macht. Als eine für immer verloren« ide-^e Welt b-zaubeiä uns die des „Rachsommers", als «in Charakter, der unter w.s nie möglich wäre, entzückt uns der Witikos Die S-Hnsucht emmn Mädchen wie dem mit dem Krmize ^r Rosen auch einmal zu begegnen, ein holdes Antlitz tote das Angelas oterliwä btt ■ Mädchens im .Waldsteig" wirklich vor imS $u erblicken, L-reue. Ernst, Würde, Hochsinn an Menschen zu erfahren, tote sie Brigitta, Abdias, der Arzt in der „Mappe .der im..Kalk-
stem" vorstellen: das ist's, was den Genuß dreier Scheckwn wie einen nie versieglichen des Märchens, fort vnd fort G.mk spenden läßt. Denn di« Idealwelt, die uns vom Dichter mit be
wußt lehrhafter Absicht dargetan wird, ist gleichwohl die unseres Lebens, unserer Gegenwart. Es'ist hier durchaus etwas von dem im allgemeinen und dauerhaft Schönen erreicht, das in den Bildwerken der Griechen und des gotischen Mittelalters, in der deut- scken Musik und in der Dichtung Goethes — alle diese Schöpfungen und Schöpfer sind die Vorbilder Sttsters gewesen — unver- welklich durch die Völker und Zeiten fortwährt.
Ein Zweites, dessen die Seele des Lesers durch Stifter froh wird, ist die Entrückung ins beseligende. Grün. Die Landschaft, sonst der romantische Hintergrund der Handlung, hier überwächst sie den ganzen Plan. Der Wald umrauscht das lesende Haupt, Kräuter, Blumen, Gräser sprießen aus der Erde, über die der im Geist Schauende wahrhaft zu wandeln wähnt: er spürt den Duft des Laubes, der Radeln, der Halme, des Harzes, des Taues, der Sonne, wie sie Pflanzen und Getter wärmend zum Leben bringt, und dieses ganz und gar erfüllte Raumbild bleibt mcht wie ein gemaltes im schönen Augenblick gebannt, sondern tote auf einer Wanderung vergeht es in Nächst Tieferes und immer so Tieferes und Innigeres — Gründe tauchen aus Gründen, werden durchgangen, versinken, neuen Bereichen unendlichen Waldgrüns sich öffnend, und so erlebt der mit dem Dichter hindann Schreitende nicht bloß Landschaft, das wäre immer noch ein zu sehr mit Kunst Verbundenes, vielmehr Land, nicht zu einem Rahmen ausgeschnitten, svnderii unbegrenzt« Aatur sell>st, Wald, in den man sich nur verlieren kann und darin doch das Kleinste das Herz anhält: denn ein Blick in einen Blumenkelch ist ein nicht minder unendlicher als ein Reisezug über die dämmer- blauen Waldrücken. Anschauung ist.viel, ist alles, was der Dichter geben kann: hier aber wird auf wunderbare, kaum ganz faßbare Weise Anschauung zum Ort selbst verwandelt, tritt eilt Versinken in Anschauung ein, das nicht mehr der Fiktion der E^ählung bedarf, sondern eine zweite Gegenwart ist gewönne^ in der keineswegs anders als in der „wirklichen" Baume und Wasser rauschen, Gräser flüstern, Lichter spielen, Blumen leuch- ten, ja, vielleicht tiefer noch umzaubrrt hier das Waldesgru« voll Vogelsangs und Dienentons, voll feuchten Hauchs und Holz- geruchs das Herz. Unsäglich ist diese Dichtung, auch sie, wenn man mag, eine senttmentalische in dem Sinn, den wir früher von der Reinheit gebraucht haben.
Wie zu Stifters Zeit das Leben der Menschen sich kaum von dem unterschied, das er in seinen Erzählungen zeigte: so auch ist sein Wald kein poetisierter, sondern «s ist der Dohm« Wald, wie ihn der Knabe, der Jüngling, der Mann, der Greis, wie ihn der Maler und der Wanderer, wie ihn der Kenner der Pflanzen und der Steine, wie ihn der Dichter erlebt.hat. Rur von uns Späteren aus gesehen, scheint solche Üinmittelbarkeit! romanttsch. Weil unsere Herzen träger zur Liebe für Die Ge- schöpfe Gottes geworden finit, darum find wir ferner der geduldigen Well der Pflanzen.
Glauben ist die große Kraft, die Stifters Dichtung erhebt; oft nur schwer erhebt, so daß fein Geist Muhe hat, die tiefe Anstrengung, den harten Dienst, das schmerzliche Opfer nicht merken zu lassen. Glauben an Gott, an Gottes Wort, an Gottes Schöpfung fordert, daß selbst die Satzungen des Menschen mit in das widerspruchslose Reich der dauernden Gulttgkeit ^- zogen werden. Dis weit in die irdische und in die zeitliche WM reicht das Absolute herein: durch Die Sakramente heiligt es unsere Entschlüsse und Taten Ja, eS ist b-glückend. an die feste Ordnung der Welt zu glauben. Was auch haben„wir mit dem Erkennen, Erwägen und Gestalten von „Problemen eizillt? Schwere, mutlose Herzen, trübe verzweifelnde Seelen. Aber nun scheint es wahrhaftig, daß über den älmweg eines ganzen Jahrhunderts der Geist wieder »»r Bekräftigung dMen gekommen ist was ehedem den Ahnen als unverwirkbares Gill der Seele immer schon seststand. Liebe zu: Gott zum Vaterland zur Geliebten, zu Den Kindern, zu der P sticht des Lebei^- Stifter lehrt sie glauben, und er lehrt sie üben, als ein unanfechtbar Seiendes und Wirkendes zeigt er fle und so einfach, Won «n» gut, daß auch der Klügste aus seinen Zweifeln die Kraft schwinden fühlt. Wie die Waldbäume in den Himmel ragen, wie Die Waldgräser in dem Windhauch wehen, wie Der Waldbach durch die Lehmerde rauscht: so strebt das Herz zu Gott, so träumt d^ Herz seine Liebe, so strömt das Herz in alles Leben htn^Ohne Angst vor Dem Zukünftigen lebt der fromm sich(Dindmde fortmr2W Die Svehnat, an das Haus, an Gott gebunden erhalt sich der M«isch Kinder sind Der höchste Lohn, Der ihm das Opfer der Bindu^ Betautet. Wo dieser Lohn ausbleibt. Dort, nur dort ist Leid. Dies Leid zwar erscheint reichlich in Stifters Dichtungen — war es doch das einzig unheilbar gebliebene seines irdischen Daseins . aber niemals verläßt seine Melancholie die strenge Grenze, die


