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Der wahre Brief ist seiner Natur nach poetisch.

Der Deutsche ist lange das Hänschen gewesen. Es dürfte aber wohl bald der Hmis aller Hanfe werden. Es geht ihm, wie es vielen dummen Kindern gehn soll: er will leben und klug sein, wenn seine srühklugen Geschwister längst vermodert sind und er nun allein Herr im Hause ist.

Unsere alte Nationalität war, wie mich dünkt, echt römisch. Natürlich weil wir auf eben dem Wege wie die Römer entstanden; und so wäre der Name römisches Reich wahrlich ein artiger, sinn­reicher Zufall. Deutschland' ist Rom, als Land. Ein Land ist ein großer Ort mit seinen Gärten. Das Kapitol ließe sich vielleicht nach dem Günsegeschrei vor den Galliern bestimmen. Die instinktartige Universalpolitik und Tendenz der Römer liegt auch im deutschen Volk. Das Beste, was die Franzosen in der Revolution gewonnen haben, ist eine Portion Deutschheit.

Der edle Kausmannsgeist, der echte Großhandel, hat nur im Mittelalter und besonders zur Zeit der deutschen Hanse geblüht. Die Medicis, die Fugger waren Kaufleute, wie sie sein sollten. Unsere Kaufleute im ganzen, die größten nicht ausgenommen, sind nichts als Krämer.

Dichter und Priester waren im Anfang eins, und nur spätere Zeiten haben sie getrennt. Der echte Dichter ist aber immer Priester, so wie der echte Priester immer Dichter geblieben. Und sollte nicht die Zukunft den alten Zustand der Dinge wieder herbeiführen.

Man versteht das Künstliche gewöhnlich besser, als das Natür­liche. Es gehört mehr Geist zum Einfachen, als zum Komplizierten, aber weniger Talent.

Wo Kinder sind, da ist ein goldenes Zeitalter.

Wie wünschenswert ist es nicht, Zeitgenosse eines wahrhaft ' großen Mannes zu fein! Die jetzige Majorität der kultivierten Deutschen ist dieser Meinung nicht. Sie ist sein genug, um alles Große wegzuleugnen, und befolgt das Planierungssystem. Wenn das Kopernikanische System nur nicht so fest stände, so würde es ihnen sehr bequem sein, Sonne und Gestirn wieder zu Irrwischen und die Erde zum Universum zu machen. Daher wird Goethe, der jetzt der wahre Statthalter des poetischen Geistes aus Erden ist, so gemein als möglich behandelt und schnöde angesehn, wenn er die Erwartungen des gewöhnlichen Zeitvertreibs nicht befriedigt, und sie einen Augenblick in Verlegenheit gegen sich selbst setzt. Ein interessantes Symptom dieser direkten Schwäche der Seele ist die Aufnahme, welche Herrmann und Dorothea im allgemeinen ge­funden hat. *

Die Geognosten glauben, daß der physische Schwerpunkt unter Fez und Marokko liege. Goethe als Anthropognost meint im Meister, der intellektuelle Schwerpunkt liege unter der Deutschen Nation.

Rezensenten sind literarische Polizeibeamte. Aerzte gehören zu den Polizeibeamten. Daher sollte es kritische Journale geben, die die Autoren kunstmäßig medizinisch und chirurgisch behandeln, und nicht bloß die Krankheit nufspürten und mit Schadenfreude bekannt machten. Die bisherigen Kurmethoden waren größtenteils barbarisch. ....

Echte Polizei ist nicht bloß defensiv und polemisch gegen das vorhandene liebel, sondern sie sucht die kränkliche Anlage zu ver­bessern. *

Die Kunst, Bücher zu schreiben, ist noch nicht erfunden. Sie ist aber auf dem Punkt erfunden zu werden. Fragmente dieser Art sind literarische Sämereien. Cs mag freilich manches taube Körnchen darunter sein: indesien, wenn nur einiges aufgeht!

Die blaue Blume.

An romantisches Kapitel.

Die folgenden Abschnitte find dem ersten Teil von Novalis' unvollendetem RomanHeinrich von Ofter­dingen" entnommen.

Die Atem lagen schon und schliefen, die Wanduhr schlugihren einförmigen Tatt, vor den klappernden Fenstem sauste der Wind; abwechselnd wurde die Stube hell von dem Schimmer des Mondes. Der Jüngling lag unruhig auf seinem Lager, und gedachte des Frem­den und seiner Erzählungen. Nicht die Schätze find es, die ein so unaussprechliches Verlangen in mir geweckt haben, sagte er zu sich selbst; fern ab liegt mit alle Habsucht! aber die blaue Blume sehn ich mich zu erblicken. Sie liegt mir unaufhörttch im Sinn, und ich kann nichts anderes dichten und denken. So ist mir noch nie zumute gewesen: es ist, als«' ich vorhin geträumt, oder ich wäre in eine andere Welt hinübergeschlummert; denn in der Welt, in der ich sonst lebte, wer hätte da sich um Blumen bekümmert, und gar von einer so seltsamen Leidenschaft für eine Blume hab' ich damals nie gehört. Wo eigentlich nur der Fremde herkam? Keiner von uns hat je einen ähnlichen Menschen geseh'n; doch weiß ich nicht, warum nur ich von seinen Reden so ergriffen worden bin; die andem haben ia das nämliche gehört, und keinem ist so etwas begegnet. Daß rch auch nicht einmal von meinem wunderlichen Zustand reden kann! Es rst

mit oft so entzückend wohl, und nur daun, toenn ich die Blume nicht recht gegenwärtig habe, befällt mich so ein tiefes, inniges Treiben: das kann und wird keiner verstehn. Ich glaubte, ich wäre wahnsinnig, wenn ich nicht so klar und hell sähe und dächte, mir ist seitdem alles viel bekannter. Ich hörte einst von alten Zeiten reden; wie da die Tiere und Bäume und Felsen mit den Menschen gesprochen hätten. Mir ist gerade so, als wollten sie allaugenblicklich anfangen, und als könnte ich es ihnen ansehen, was sie mir sagen wollten. Es muß noch viel Worte geben, die ich nicht weiß: wüßte ich mehr, so könnte ich viel besser alles begreifen. Sonst tanzte ich gern; jetzt denke ich lieber nach der Musik.

Der Jüngling verlor sich allmählich in süßen Phantasien und ent­schlummerte. Da träumte ihm erst von unabsehlichen Fernen, und wilden, unbekannten Gegenden. Er wanderte über Meere mit unbegreiflicher Leichtigkeit; wunderliche Tiere sah er; er lebte mit mannigfaltigen Menschen, bald im Kriege, in wildem Getümmel, in stillen Hütten. Er geriet in Gefangenschaft und die schmählichste Not. Alle Empfindungen stiegen bis zu einer nie gekannten Höhe in ihm. Er durchlebte ein unendlich buntes Leben; starb und kam wieder, liebte bis zur höchsten Leidenschaft und war dann wieder auf ewig von seiner Geliebten getrennt. Endlich gegen Morgen, wie draußen die Dämmerung anbrach, wurde es stiller in seiner Seele, klarer und bleibender wurden die Bilder. Es kam ihm vor, als ginge er in einem dunklen Wald allein. Nur selten schimmerte der Tag durch das grüne Netz. Bald kam er vor eine Felsenschlucht, die bergan stieg. Er mußte über bemooste Steine klettern, die ein ehe­maliger Strom heruntergerissen hatte. Je höher er kam, desto lichter wurde der Wald. Endlich gelangte er zu einer kleinen Wiese, die am Hange des Berges lag. Hinter der Wiese erhob sich eine hohe Klippe, an deren Fuß er eine Oeffmmg erblickte, die der Anfang eines in den Felsen gehauenen Ganges zu fein schien. Der Gang führte ihn gemächlich eine Zeitlang eben fort, bis zu einer großen Weitung, aus der ihm schon von fern ein helles Licht entgegen- glänzte. Wie er hereintrat, ward er einen mächtigen Strahl gewahr, der wie aus einem Springquell bis an die Decke des Gewölbes stieg, und oben in unzählige Funken zerstäubte, die sich unten in einem großen Becken sammelten; der Strahl glänzte wie entzündetes Gold; nicht das mindeste Geräusch war zu hören, eine heilige Stille umgab das herrliche Schauspiel. Er näherte sich dem Becken, das mit unendlichen Farben wogte und zitterte. Wie Wände der Höhle waren mit dieser Flüssigkeit überzogen, die nicht heiß, sondern kühl war, und an den Wänden nur ein mattes, bläuliches Licht von sich warf. Er tauchte feine Hand in das Becken und benetzte seine Lippen. Es war, als durchdränge ihn ein geistiger Lauch, und er fühlte sich innigft gestärkt und erfrischt. Ein unwiderstehliches Verlangen ergriff ihn, sich zu baden, er entkleidete sich und stieg in das Becken. Es dünkte ihn, als umflöße ihn eine Wolke des Abend­rots; eine himmlische Empfindung überströmte sein Inneres.

Berauscht von Entzücken und doch jedes Eindrucks bewußt, schwamm er gemach dem leuchtenden Strome nach, der aus dem Becken in den Felsen hineinfloß. Eine Art von süßem Schlummer befiel ihn, in welchem er unbeschreibliche Begebenheiten träumte, und woraus ihn eine andere Erleuchtung weckte. Er fand sich auf einem weichen Rasen am Rande einer Quelle, die in die Lust hinaus­quoll und sich darin zu verzehren schien. Dunkelblaue Felsen mit bunten Adern erhoben sich in einiger Entfernung; das Tageslicht, das ihn umgab, war Heller und milder als das gewöhnliche, der Himmel war schwarzblau und völlig rein. Was ihn aber mit voller Macht anzog, war eine hohe lichtblaue Blume, die zunächst an der Quelle stand, und ihn mit ihren breiten Blättern berührte. Rund um sie her standen unzählige Blumen von allen Farben, und der köstlichste Geruch erfüllte die Lust. Er sah nichts als die blaue Blume, und betrachtete sie lange mit unnennbarer Zärtlichkeit. Endlich wollte er sich ihr nähern, als fie auf einmal sich zu bewegen und zu verändern anfing; die Blätter wurden glänzender und schmiegten sich an den wachsenden Stengel, die Blume neigte sich nach ihm zu, und die Blütenblätter zeigten einen blauen ausgebreiteten Kragen, in welchem ein zartes Gesicht schwebte. Sein süßes Staunen wuchs mit der sonderbaren Verwandlung, als ihn plötzlich die Stimme seiner Mutter weckte, und er sich in der elterlichen Stube befand, die schon die Morgensonne vergoldete. Er war zu entzückt, um un­willig über diese Störung zu sein; vielmehr bot er seiner Mutter freundlich guten Morgen und erwiderte ihre herzliche Umarmung.

Du Langschläfer, sagte der Vater, wie lange sitze ich schon hier und feile. Ich hab deinetwegen nicht hämmern dürfen: die Mutter wollte den lieben Sohn schlafen lassen. Aufs Frühstück habe rch auch warten müssen. Klüglich hast du den Lehrstand gewählt, für den wir wachen rnrd arbeiten. Indes, ein tüchtiger Gelehrter, tote tch mir habe sagen lassen, muß auch Nächte zu Lilfe nehmen, um die großen Werke der weisen Vorfahren zu studieren. Lieber Vater, antwortete Heinrich, werdet nicht unwillig über meinen langen Schlaf, den tyr sonst nicht an mir gewohnt seid. Ich schlief erst spät em, und habe viele unruhige Träume gehabt, bis zuletzt em anmutiger Traum nur erschien, den ich lange nicht vergessen werde, und von dem mich dünkt, als fei es mehr als bloßer Traum gewesen. Lieber Heinrich, sprach die Mutter, du hast dich gewiß auf den Rücken gelegt, oder beim Abendfegen fremde Gedanken gehabt. Du siehst noch ganz wunderlich aus. und trink, daß du munter wirst! . , . .

Die Mutter ging hinaus, der Vater arbeitete emyg fort und tagte. Träume sind Schäume, mögen auch die hochgelehrten Zerren davon denken, was sie wollen, und du tust wohl, wenn du dem Gemüt von dergleichen unnützen und schädlichen Betrachtungen abwendep Die Zeiten sind nicht mehr, wozu den Traumen göttliche Gesichte