331

Preis dem Tag von Schob rum, dem Unglückstagk Auf Jahre hinaus berichten die Leute andern die Kunde, Langsam griffen sie an, bis sie zu Tode sich trafen, So daß die Flinten von oben bis zum Schaft barsten.

Kein schärferer Kontrast ist denkbar, als der zwischen dem Kriegs- «nd dem Üiebesleben dieser Helden. Der rauheste Recke weiß Saiten anzuschlagen, deren Klang an das Beste erinnert, was Dichter au schaffen vermochten. Wer vermag sich dem Eindruck folgender Apostrophe zu entziehen, die wahrhaft ein Stücklein vom Geist des Salomonischen Hohenliedes der Liebe atmet:

Sei gegrüßt, du Morgengabe, o milchweiße Gazelle, Hörner von Zöpfen krönen deine Stirn!

Deine Wangen leuchten 4»

Im Abenddunkel

Und glänzen wie ein neugebautes Schloß.

Wer kennt den braunen Sohn der Wüste wieder, dem Blutrache U#b Kampf heilige Gebräuche sind, wenn er sein Lieb besingt:

Ihre Augenwimpern bis zu den Wangen Wie Grannen der Magrabigerste Regengetränk!

Ihr Haarschmuck

Ragt unterm Burnus hervor Wie di« Stränge der Schöpfgirbe In tiefer Zistern«.

Ihre Augen Gleichen Oliven Oder Pistolen Silberbeschlagen; Ihr Mund Immer gezügelt, Weise und freundlich Mit dem Nachbar. Ihre Hüften Gleichen einer Handspanne, Gürtelumschnürt, Auf daß sie nicht zerbrechen. Ihre Fersen Gepriesen sei, der sie schuf. Die niemals Fäulnis berührt Roch Säge (die Säge des Arztes) Ihrer Liebe Geheimnis Gleich dem Weizsnkorn Auf dem tiefen Feld In keimenden Blumen. ,

Er sagt es ihr aufrichtig, daß er sie besingen will:Bleib bitte stehen und höre mir aufmerksam zu, ich will Verse auf dich machen!", seinGemüt ist besorgt, die Gedanken verdunkelt, das Gehirn ver­wirrt", kurz, all' seine Freuds, sein Kummer und Liebesleid offen­baren sich im Liede.

Köstlich klingt der fromme Wunsch, den der Beduinenjüngling an die allzu grausame Hüterin der Geliebten adressiert:

O diese Alte, die Christin, Die mich zankt! Warum weist sie mich vom Liebchen? O die alte Krakehlerin,

. Wenn nur ein Wolf sie fressen wollte, Ein toller-möge ihr begegnen!

Möge vor der Dämmerung die Totenbahre kommen: Eie laufen mit ihr zu den Gräbern Und schieben sie unter die Grabdecke Ein Abend des Glücks und der Freude!

Mit weher Klage beginnt ein anderes Lied:Mein Mädchen gleicht der sterbenden Sonne":

Wehe über mich, meine Seele ist todesmatt. Mein Atem röchelt

Vom Saugen ihrer Lippen Süße- Todkrank ist meine Seele.

Und weich' herrliche Gedanken und Bilder sammelt ein anderer Liebesgruß, der an die Gesamtheit der Schönen gerichtet ist: Meine Grüße den schlanken Schönen, Die gradlinig wie ihre Nefeial gestaltet sind, Die varüberziehen wie wandernde Zugvögel, Welche blindlings vom Schicksal ereilt werden;

Und vergehen gleich der Gerste, die der Händler aufkäuft Und in seinen Scheunen häuft, Und zerschlagen wie die hohen Strandwellen, Die übers Gestade stürzend zerfließen, Und sterben wie der Same der Erde, Grüße, ob Bote, die Liebsten!

Solche Dichtung spricht für sich selbst und für ihre Dichter und ' Tradenten. Ich brauche kaum anzufügen, daß meine Uebertragungen getreu, niemals frei sind, also keinesfalls beschönigen.

Der Beduine besingt das, was sein Herz am stärksten bewegt, Freund, Feind, Besitz, weniger aber, was wir als die Schönheiten der Wüste bezeichnen, ihre wilden Täler und Berge, ihren Luft­zauber, den Sandozean, wo Verderben lauert. Elegische Töne ge­hören geradezu zu den Seltenheiten. Hier ist an eine Karawane im Sandsturm zu denken, deren Menschen und Ladung dem Tode ge­weiht erscheinen:

Gnade, o Gott, Der Tod dräut hinter uns. Gnade, o Herr,

Keine Mutter, keine Schwester, Und unversehens naht der Tod. Verlassen! niemand beweint uns, Verzeihung, o Gott Es stand einmal ein hochgebautes Haus, Und die Welt zertrümmerte es Und zerbröckelte die Steinpfeiler. Gnade, lebendiger Gott, Am elenden Grabs Beim Racheengel

Und beim Druck der Steinmassen!

Um so vertrauter werden die Tiere, namentlich das treueste und nützlichste unter ihnen behandelt. Der AusdruckSchiff der Wüste" für das Kamel stammt aus der Wüste selbst, ist keineswegs eine Erfindung der Kulturvölker. Da die Karawane aufbricht, seufzt der Kameltreiber im Gedenken an die Geliebte:Die Winde strichen, und die Schiffer lockerten; fern blieb die mit den geflochtenen Zöpfen"; sein Tier istein Christenschiff, das die Tiefe durch­schneidet, seine Seiten gleichen der Flanke der Feluke." Die Ka­mele sind:

Zum Schweigen erzogen und zum Nichtreden, Und ihre Hälse wie Palmzweige, langausgestreckt!

Und der Sohn der Einöde weih seinen Besitz zu schätzen:

Schlagt nicht die, die das trübe Wasser schlürft, Sie kommt von Siwah hinter dem Führer her!

Und ein anderes:

Du trägst die Schläuche und du trägst die Körbe Und du trägst die Familie, mit Seilen gepackt. Und du trägst die Hübscheste, deren Gesicht dem Adler gleicht!

Auch die Lust an flinken Rossen edler Abstammung kehrt in vielen Liedern wieder. Als Ideal gilt der Rennermit tänzelnden Füßen, der seinen Herrn beim Gewehrknattcrn im Augenblick meilenweit trägt, furchterweckend beim Trillern tätowierter Lippen vorüberflieht, der seinen Herrn im Rate stört, der wie die Hexe wiehert. Ein Verbrechen an solchen Tieren wird schwer gerächt, ja selbst die Tötung eines Hundes fordert das Leben des Feindes. Nicht selten sind ferner Anklänge an die Tierfabel, so z. B. in den rührenden Versen derBürgschaft", wo ein Christ eine Gazellen­mutter fängt. Diese bittet den Propheten, Bürge für sie zu sein, damit sie ihre Jungen stille. Das jüngste Gazellenkälbchen will lieber sterben, als den Propheten belästigen. Cs heißt da unter anderem:

Es ergriff einer die Gazelle

Und erhaschte sie. Die Gazelle ging und sprach

Zum Propheten: mein Helfer und Herr!

Und bat um Bürgschaft,

Um ihre hungernden Kinder zu säugen.

Es staunte der Prophet und sprach zum Ungläubigen:

Ich sage dir, ich bin ihr Bürge;

Laß sie die hungernden Jungen stillen!

Da sprang die Gazelle auf mit der Stärke der Schnelligkeit Und säugte ihre hungernden Jungen, Da erhob sich ihr Jüngstes und sprach:

Es war des Saugens noch nicht gewohnt Gehe, erlöse den Propheten; wenn wir sterben, So war unser Leben erfüllt.

Auch an humoristischen Tierliedern fehlt es nicht; ich gebe hier als Probe die Klage eine Katze, welche beim Abbruch des Zeltes zu- rückgelassen wurde.

Betrachte mein Gesicht und meinen Schnurrbart:

Die Familie Eschlabi hat mich sitzen gelassen, Mich ausgesetzt im Jnselland!

Er war eine Hyäne, sie ein Schwein, Alle waren schändlich und mitleidlos; Sie ließen mich hier am Platze zurück Und hielten keine Freundschaft mit dem Nachbar. O, was habe ich ihnen Mäuse gefangen

Und sie am Schwänze herbeigeschleppt und spielen lasten! Da sagte er: Steig' in die Feluke

Und laß' uns zum Scheck Mehareb reifen.

Denn dies Land ist untreu

Und kennt nicht Gesetz, noch Vergeltung:

Betrachte mein Gesicht und meinen Schnurrbart, Die Familie Eschlabi hat mich sitzen gelassen!

Auch in allgemeinen, zum Teil philosophischen Betrachtungen er­gehen sich einige Gesänge:

Tag und Weltall, ihre Begleitung ändern sich, Wenn der Südwind herrscht, Enthront ihn der Nordwind nicht?

Wo ist unsre Mutter Coa?

Wo unser Vater Adam?

Wo sind die Scheits,

Die Großen und Großmütigen, Die Sklaven und Diener hielten?

Freundschaft, Gefangenschaft, Gastrecht, die Kismije-Jdee (Vor­ausbestimmung), alle diese Dinge und viele andere, auch unsere Kulturwelt bewegende Fragen kommen poetisch und eigenartig zum Ausdruck. Ich muß es mir versagen, hier weitere Beispiele aus diesem reichen und neuen Material anzuführen, und schließe mit einem Kinderliedchen, in dem das Knäblein mit der Gazelle ver­glichen wird, die am Honigborn der Mutterbrust saugt: