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Unter schwerer Bürde keuchend, treibt die Treckschute langsam auf den braungrünen Fluten eines kanalartigen Weichselarmes dahin, «charf siechen die Umrisse des mächtigen, schwer stapfenden Zughengstes, der seine Soimtagsnachmiitagsruhe den vergnügungslustigen Danzigern opfern muß, vom weißen Horizont ab. Weit hinten recken noch die zahlreichen Türme des nordischen Venedig die Halse, da blinken schon im Norden die weißen Bastionen des Wsichselmunder Forts. Drüben auf dem Holm ducken sich die breitgelagerten Bauernhäuser ins satte Grün der Insel, als wollten sie sich hinter den zieaelroten Besestigungsmauern verbergen, über denen stolz der Preußenaar flattert und die eine überaus reizvolle Folie für die blauen Uniformen der patrouillierenden Posten abgeben.
Aus der ruhigen Wasferfläche, auf der sich nur wenige Schaluppen schaukeln, fehlt heute das schmutzige Gewühl der halbnackten polnischen Schimkys, die, auf ihren primtiven Flöhen kauernd, sonst die Lust mit schrillem Gekeife füllen. Dafür ist das Treiben an^Bord des Bergnügungsfahrzeuges um so mannigfaltiger. Rücken an Rücken fitzt man in' der Kajüte auf ben Tischen. Chodowiecki hat noch einen Platz neben dem Mast erobert und könnte hier vergnügt in freier Luft fein Skizzenbuch mit wunderlichen Gestalten bereichern, hielte sich nicht eine junge Bürgersfrau aus Furcht, ins Wasser zu fallen, krampfhaft an seinem Arm fest. Doch er, der gewohnt ist, selbst im Reiten zu zeichnen, läßt sich auch in dieser Zwangslage der Mühe nicht verdrießen.
Denn allzu drollig stelzt dort der französische Kantor in feierlichem Schwarz auf und ab, der am Morgen für den kranken Pastor Boquet mit affektierter Betonung die Predigt vorgelesen hat und sich nun noch in seinem Erfolg zu sonnen scheint. Schnarrend wettert dort ,in schnauzbärtiger Pole in seinem malerischen Nationalkostüm ob Ser Zerfleischung seines armen Vaterlandes gegen zwei griesgrämig verbissene Ordensgeistliche ein und sucht durch sein Säbelklirren die Aufmerksamkeit zu erregen, während da der reiche Danziger Kaufmann mit seiner amazonenhaft hübschen Tochter um die Wette dein russischen Geschäftsfreund zu gefallen sucht.
Ein Windstoß blüht das Segel. Die gemütlichen Windmühlen- iiüget in der Niederung haben sich in fleißig surrende Rädchen verwandelt. Die Damen auf dem Deck binden ihre Hauben fester und ziehen die Mantille dichter um. Die Nähe der Weichsel und des unruhigen Meeres macht sich durch stärkeren Wellenschlag bemerkbar. Der Ausblick weitet sich auf den stachligen Mastenwald fern in der See und den dicken Leuchtturm von Weichselmünde. um den sich grausige Wolkenklumpen ballen. Das läßt sich jedoch vorerst niemand iümmern, denn schon winkt das Ziel des Aussluges und kitzelt die Saunten mit der leckeren Aussicht auf süßen Kuchen und Zuckerbier ,..
Lieder aus dem iibyscheu Zandmeer.
Von Ewald Falls, Gießen.
Die überschäumende Jugendkraft der Beduinenpoesie, der Vorläuferin aller arabischen Dichtkunst, im Verein mit ihrer naiven Ursprünglichkeit, weit ab von allem, was wir Kultur nennen, sichert ihr von vornherein ein starkes Interesse. Von fremdartiger Kühnheit und heftiger Leidenschaft führt sie zurück zu den primitiven Verhältnissen eines naturwüchsigen Nomaden- und Kriegerlebens, das sich unberührt und unverfälscht bis auf den heutigen Tag in der Wüste erhalten hat.
Während der so ersolgreichen Ausgrabung der großen Heiligtümer der Menasstadt in der Mareoiiswüste, sowie als Gast des letzten Khediven auf dessen bedeutsamer Expedition nach der Oase Siwah, dem ersten Herrscherbesuch seit Alexanders des Großen Tagen am iveltabgelegenen libyschen Jnpiter-Orakel, und noch auf anderen Reifen hätte ich Gelegenheit, viel unveröffentlichtes Material aus diesen Poesien zu sammeln. Die Mensche», die ich auf jenen Inseln ober in den stillen Tälern des wilden libyschen Sand- ozeans traf, pflegen keine Künste, besuchen keine Schulen. Wie den wenigsten ihr Lebensalter, d. h. ihr Geburtsdatum, bekannt ist, fo messen sie Zeiten und Wege nur am Himmelslicht. Ihre Kinder lachen nicht, und die Alten haben kaum ein anderes Bedürfnis, als das.nach Freiheit. Scheu und ungern sehen sie den Fremdling ihr heiliges Gebiet durchqueren. Macht die ^Kultur" ihnen sogar die Kräuter der Hattje, das Steingeröll des Serir ober bie Riesenwogen der Sandzone streitig? . Naht aber ein Freunb, wie tauen bie Herzen auf, die weder Tabak noch Pulver, auch nicht die vielbegehrten Heilmittel des Medizinmannes zu öffnen verstehen. Beim flackernden Scheine des Zeltfeuers, umschmeichelt vom milden Abendwind. tritt bann auch wohl in biefen Kreis bie freundliche Muse.
Mir schien, als leuchtete in der so schlicht und einfach zum Trante bargebotenen Schale der feuerflüssige Goldstrom der Poesie nicht minder, als wenn er in einem der glänzend erleuchteten Salons von Faubourg St. Honorä kredenzt worden wäre!
Alt und jung kennt und liebt die Lieder und Texte. Kein größeres Fest, als wenn gar der Dichter ober Tradent selbst in ihrer Mitte erscheint unb neue Lieder und Märchen vorträgt. Was ich so aufgriff und niederschrieb, ist ausgewählt aus einem reichen Schatz von Kinderweisen, Karawanengesängen unb namentlich Liebesliedern.
Während eigentliche Dichter — abgesehen von Stegreifdichtern — sich nur selten feststellen lassen, gibt es eine ganze Reihe vorzüglicher Tradenten, welche in einzelnen Fällen ihrem Gedächtnis durch geschriebene Sammlungen aufhelfen. Man muß sie in der Wüste selbst auffudjen. Anderwärts, namentlich im Niltal, vermischt sich nämticb di- Meob->-.!N->-li- stark mit Fellochen-Liedern und verliert
schnell den eigenartigen Reiz des Unbefangenen, der Wüste. Noch eins mag hervorgehoben werden, bevor ich dem Leser einige Textproben dieser Dichtungen mitteüe.
Ein Zweig der edelsten libyschen Beduinenstämme führt feine Abstammung auf ein deutsches Christenkind, namens Singer, zurück, das allein aus einem Schiffbruch in der Nähe von Demo (Barka) gerettet wurde und dem Stamme der Senagra, einer Unterabteilung der Auladali, den Namen gab. Diese Ueberlieferung ist jedem Mariütbeduinen geläufig. Letztere zählen durchweg selbst zu den Auladali, von denen Rohlfs in seinem Werk über die libysche Wüste sagt, baß sie die einzigen noch echten, nomadischen Araber des ägyptischen Reiches repräsentieren. „Nur sie", sagt der berühmte Afrikaforscher, „haben alle Merkmale und Eigenschaften, nur sie sind, als ob sie eben erst aus ihrer Halbinsel herübergekommen wären; stolz in Haltung, sind ihre Körper zwar sehnig, aber doch von untadelhaster Form. Das kühne blitzende Auge, die nicht zu stark gebogene, aber große Nase, ein ziemlich spitzes Kinn, etwas schwellende Lippen, das ist der Durchfchnittstyp dieser Araber." In ihren eignen Gesängen aber heißt es von ihnen:
Sie essen keine Rüben, Roch trinken sie Kaffee, Stolz kommen sie auf Rossen In Gruppen und die Trommel tönt! Und die Kinder Arifs
Auf denen, die dem Winde gleichen, Hartherzig sind sie und weise;
Alis Kinder, heißblütig unb leicht zu erregen, Sie ziehen in Scharen zum Kampf, Auf den Mähngezierten sprengen sie, Kopf und Schweif hocherhoben.
Schlacht und Sieg, Weiber, feurige Roffe und Kamele, ein schönes Zelt unb Herdenreichtum, das find bie Ideale ber Auladali. Dabei eigene, Jahrhunderte hindurch vererbte Gesetze und Gebräuche! Unb alles nicht ohne tiefes religiöses Empfinben, mag auch fein Ausruck bem Fremden gegenüber verborgen oder verflacht erscheinen. Selbst im Liede tritt es deutlich hervor. So beginnt ber Schlachtgesang vom Wadi Ater mit einer Mahnung zum Gebete:
Zu dir, Prophet, ber Feuerlohe gleich,
Die bis zum Sternenmeere flammt in finstrer Nacht, Dem Sturm, ber Regen guillen läßt.
„Nach bem Gebete zum Propheten will ich erzählen, da ihr fragt", heißt es weiter in chiesem typischen Kampflied. Unter bem ermutigenden Getriller ber Frauen tritt ber Helb bes Tages auf: Da erschien auf tanzendem Zelter Mabruk,
Der Wildtaube gleich, bie ihrem Schwarm aus bem Brunnen voransliegt;
Und es. erschien Bll Mirjam auf rotbrauner Stute, Scheck unb Krieger unb Richter,
Und es ritt auf springendem Roß Bu Suliman In Prachtgewänber» wie ein Blütenteppich, Unb er erbeutete ein feinbliches Roß, Ein schwarzes mit seuervergolbeten Bügeln.
„Das Herz würbe hart vom Hinschlachten ber Lebenbigen", heißt es an einer anderen Stelle des Liedes, — unb sie „zerstückelten gleich einer arbeitenben Säge".
Viele erhielten Todeswunden
Unb fielen taumelnd von den Pferden,
Die Ehrfurcht zollen den Alten (b. h. die Jungens, Hatten Gesichter wie Flammen, Unb bie Feigen entfärbten sich
Wie ein neuer Topf auf bem Feuer.
Die Hyänen im Ater aber fraßen im Uederfluß Unb füllten sieden große Speicher voll. Aber sie fraßen nur bie Türken, Denn diese fanden sie am fettesten;
Und sprachen: Grüße deine Jungen, Vorher litten wir Not.--
Auf „schlanken, körperlichen Rossen" zieht sie daher, die todesmutige Reiterschar, Rossen, alle ohne Fohlen, erlesenen Tieren von der Farbe der weißen Gazelle." Und sie werden „getrieben vom Tücherschwenken unb Geschrei ihrer Frauen."
Weiter kamen sie.
Um ihre ermordeten Sklaven zu rächen;
Es funkelten ihre Bügel feuerstrahlend im Sonnenlicht, Bor jedem Zelte häuften sie Berge von Leichen, Es waren Helden.
Und freiwillig gaben sie Kunde den Spähern. Zweihundert und mehr zogen sie in Gruppen Wie bie Windsbraut, unb wir sahen Einen schweren Tag Heraufziehen.
O wieviele starben den Heldentod,
Nachbem sie mit eigener Hand hoppelt fo viele getötet!
Selten mischt sich in den Sampfeslärm, „wo bas Pulver knattert, wie wenn man Getreide röstet," ein Ton ber Trauer über bas Unheil, über „bie vielen herrlichen Jünglinge, bie stumm bort liegen unb keine Antwort geben," ober über „bange Brüste, bie sich vor bem Feuer bargen." Der Schlachttag ist, wie es in dem Poem vom Kampf bei Schobrum heißt, ein Tag der Einsicht, ein glanz- unb siegvoller Tag, ein Tag des Glückes!
Preis dem Tag von Schobrum! Gleich Sturzbächen In Loken sprang das Feuer zwischen sie.


