Gießener Zainilienblätter
Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger
Jahrgang 1926 Samstag, den 16. Oktober Nummer 85
Gemeinsame Fahrt.
Von Gnstav Falke.
Treugesellt in einem Nachen, nach dem unbekannten Ziel, trau'n dem Glück wir und der schwachen Planken leichtgefügtem Kiel.
Einmal Hauch erfrischter Wiesen, einmal eines Kornfelds Gold, lächelnd wie aus Paradiesen grüßt uns eine Rose hold.
Trauerweiden, überhängend, spiegeln still ihr Nachtgeäst.
Ufer, auseinanderdrängend, dämmern wie ein Nebelrest.
Blasse Sterne, dunkle Weiten, Meeresgruß und Mövenschrei, eingelegte Ruder gleiten einem letzten Licht vorbei.
Thodorvie^is Reise Nach Danzig.
Zum 200. Geburkskage des Künstlers*).
Von Wilhelm B o e ck, Gießen.
11. Juni 1773. Früh 8 Uhr.
Der wachhabende Offizier am Olivaschen Tor zu Danzig geht bedächtig hin und wieder, bedient sich seiner Tabatiere und hebt und senkt sich auf den Fußspitzen, daß das Leder sachte knarrt. Dann tritt er vor das Tor. Die Sonne ist schon recht hoch geklettert und bespiegelt sich wohlgefällig im schwarzen Glanze der Stiefel des Gestrengen.
Große Schattenkleckse warfen die jungen Linden aus das breite, leuchtend weihe, gerade ausgespannte Band der Allee, die sich im zarten Duft der Ferne verliert. Von dort her schwebt leise zitternd das Tönen von Olivas Klosterglocken heran, ungern sich dem harten Widerhall vermischend, den das Sandalenklappern eines kapuzenbewaffneten Paters weckt.
Ein Reiter nähert sich. Felleisen, Wettermantel und Wachstuchdreispitz verraten eine weite Reise. Doch ohne ein Zeichen von Ermüdung sitzt der große, schlanke Herr, der den Lenz seines Lebens schon weit hinter sich gelassen hat, im Sattel.
„Pardon!" — Der Wachhabende salutiert höflich und eröffnet sein kleines Examen. Die geistvollen Augen des Fremden lächeln ireuherzig den Pflichteifrigen an. Bereitwilligst steht er Rede und Antwort: Daniel Nikolaus Chodowiecki, Miniaturmaler und Kupferstecher aus Berlin. Hat den beschwerlichen Weg durch die unwirtliche Kassubei zurückgelegt. Will die Frau Mutter, Marie Henriette Chodo- wiecka, besuchen. — „Ah, j’aime bien la peinture! Je vous rendroi visite. Monsieur können passieren."
Ein devotes Kompliment beiderseits. Stolpernd setzt sich der reisemüde Falbe, der in jüngeren Jahren ein sehr schönes Tier gewesen sein mag, in Bewegung und entführt seinen Herrn geruhsam um die nächste Straßenecke.
Vor dem alten Hause in der Heiligengeistgasse steht Chodowiecki. Ein schwacher Wind bewegt wenige Härchen seiner fein gestrichelten Perücke und läßt die Kastanien, die an der Freitreppe des Beischlags Wache halten, traumhaft rauschen. Ein wehmütiger Blick gleitet die schmale, dreisenstrige Fassade des Hauses hinauf und bleibt sinnend an dem barocken Giebel hoch oben, dem Firmament benachbart, hangen. ,
Langsam ersteigt der Künstler die Treppe und öffnet zaghaft die unverschlossene Tür. Gespenstisch drohen aus dem Dunkel der Diele die riesenhaften Renaissanceschränke und die eleganten Bögen der Galerie. Von hellem Licht umflossen erscheint eine Person. Ein Schrei der Freude und des Erstaunens: Daniel! Schwester Luise fliegt dem Langentbehrten an die Brust. Henriette folgt ihr auf dem Fuße.
Im weiten, kahlen Raume der Kinderschulstube ihrer Töchter ist Frau Chodowiecka beschäftigt, die kurzbeinigen Stühle für das jugendliche Auditorium zurechtzuschieben. Sie sieht noch recht stattlich aus in ihrem Karmoisinroten mit dem geblumten Busentuche. Mit hastiger Bewegung richtet sie sich hoch auf, rückt das Häubchen, das ihre energischen Züge umrahmt. Ihr Sohn! Ja. ihre Ahnung!
*) Dargestellt nach den Aufzeichnungen in Chodowieckis Reisetagebuch aus dem Jahre 1773.
Der Brief heute morgen war dem Burschen nicht von einem Berliner Kaufmann gegeben worden. Ihr Daniel hatte sie nicht zu heftig überraschen wollen. Das Mutterherz ahnt den Zusammenhang. Die Rührung lähmt ihre Schritte. Indem reiht sich Chodowiecki aus den Armen der Schwestern, schließt die Fassungslose ans Herz. „Mein Sohn, mein Stolz, wie lange hast du mich warten lassen!" Die überströmenden Gefühle ergießen sich in heißen Tränen.
Ein trüber Tag schaut durch die hohen Fenster der Danziger Residenz des Fürsten Primas, Erzbischofs von Gnesen. Die fraise- farbenen Gardinen des weiten Gemaches sind ganz zurückgezogen, um möglichst viel des fahlen Lichtes einzulassen. Denn selbstgefällig schmunzelnd ruht in einem Armsessel am Fenster Madame Oehmchen, die Intendantin und amie de coeur des hohen Herrn, die, von einigen Zügen verwitterter Schönheit abgesehen, in ihre weite Enveloppe eingewickelt, wie eine fette Bratwurst anmutet Ihr gegenüber hat Chodowiecki auf dem Marmor eines zierlichen Tischchens sein Malgeräte ausgebreitet. In der Tiefe des Saales flüstert der geschmeidige Chevalier du Bouloir der reich aufgeputzten und koiffierten Schwägerin des Fürsten, Gräfin Podoska, die neueste pikante Anekdote zu, dieweil der Herr Graf mit zwei Domestiken auf einer Versteigerung Schätze zu erwerben sucht.
„Wie ich vorhin zu erfahren das Glück hatte," wendet sich der Chirurg Wolff, der der Arbeit des Künstlers interessiert zusieht und nebenbei ein fanatischer Preußenhasser ist, an Chodowiecki, „hat Ihr netter König Friedrich, den erbarmungswürdige Schmeichler den Großen nennen, in der Tat Neufahrwasser besetzt. Katharina soll diese Frechheit billigen, O, ich möchte lieber ein Schwein sein als Untertan des Königs von Preußen!" Der Künstler, der sich anfangs mit Indignation abgewandt hat, vermag feine Zunge nicht mehr zu zügeln: „Herr Doktor, ich überlaste sehr gerne die Qualitäten eines Schweins denen, die nicht Courage genug haben, sein Untertan zu sein." Ein unterdrücktes Kichern wird hinter dem Vorhang von Madame Oehmchens Bett laut. Wütend schießt diese über den Spiegel des Parketts auf ihr Töchterchen los, das als entdeckte Lauscherin unter allgemeinem Gelächter hervorkriecht.
Doch Fortuna kommt der reizenden Sünderin zu Hilfe. Der Hausmeister meldet der Gräfin ihren Tailleur, der gekommen ist, Madame Maß zu nehmen. Auch er wird hereingebeten. Indes der Chevalier sachverständige Ratschläge zu der neuen himmelblauen Robe der chere comtesse erteilt, hat die kleine Demoiselle schon wieder Mut gefaßt und dem Spinett eine artige Weise entlockt, die ihr der Maitre gestern einstudiert hat. Der vielseitigen Gräfin kommt eine paffende Erinnerung: „A propos, Monsieur Chodowiecki, wir waren sehr betrübt, Sie gestern auf dem Wege zu einem Rendezvous zu überraschen. Ich hoffe, Sie haben Demoiselle Ledikowska auf dem Wall nicht allzu lange warten lassen. Uebrigens ist sie eine sehr aimable, graziöse Person." ■— „Die Berliner Kavaliere pflegten bislang nicht, ihre Damen zu Pferde zu besuchen." — „Gerade dieser Umstand schien dem Chevalier äußerst fatal. Er befürchtete eine Entführung. Doch habe ich sogleich reüssiert, ihn durch einen Hinwris auf die Magerkeit Ihres Tieres zu beruhigen." —
Noch will Madame Oehmchen einen geistreichen Diskurs anknüp- fen, da tritt Serenissimus höchstselbst in Erscheinung. Behaglich würdevoll, wie es einem geistlichen Fürsten wohl ansteht, aber leutselig und tolerant lächelnd, tänzelt der etwas korpulente Primas herein. Nachdem er den Fortschritt des Porträts gebührend bewundert und die Oehmchen wegen ihres Stillesitzens belobigt hat, läßt er sich vom Heiducken drei kleine Rahmen reichen. „Ich finde Ihre Miniaturen, die mir Monsieur Grischow gegeben hat, sehr gut getroffen. Besonders die Bilder des Prinzen Heinrich und der Königin von Schweden haben eine immense Aehnlichkeit. Der Prinzessin von Destau haben Sie etwas sehr geschmeichelt. Ich hoffe, Sie werden Madame Oehmchens Charme auch ins rechte Licht zu rücken wissen. Dann ist mir eingefallen (fährt er fort). Sie müssen ohne Gnade uns allen noch die Silhouette nehmen, ehe Sie abreisen. Das Zimmer des Grafen (Podoski, seines Bruders) läßt sich sehr leicht verdunkeln. Dort können Sie die Schattenrisse ganz kommode entwerfen."
Des Fürsten Kammerdiener meldet, daß einer der Domherren Seine Eminenz um Audienz ersuche. „Ich bin unglücklich, Ihnen jetzt nicht mehr den merkwürdigen Ursprung des Namens Silhouette erklären zu können. Aber ich wünschte, daß Sie beim Diner nicht fehlen." Madame Oehmchen vereinigt ihre Bitte mit dem Wunsche des Fürsten: „Sie können sich nicht exkusieren; übrigens hat unser Garkoch eine neue Truthahnpastete ausfindig gemacht." Fürst Primas reicht dem Künstler nach polnischer Sitte die Hand zum Kusse und geht. Mit der Arbeit am Elfenbein ist es nun vorbei. Chodowiecki empfiehlt sich gleichfalls.


