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laut zu schreien itni> zu weine», bafj man es die Straße auf uni) nieder hörte und die Leute zusammenliefen. Sie schleppte wie wahnsinnig die zehntausend Goldgulden herbei, zerstreute sie auf dem Boden, warf sich der Länge nach darauf hin und küßte die glänzenden Goldstücke. Ganz von Sinnen, suchte sie den umhev- rottenden Schatz zusammenzuraffen und zu umarmen, als ob der verlorene Geliebte darin zugegen wäre. Sie lag Tag und Nacht auf dein Golde und wollte weder Speise noch Trank zu sich nehmen: unaufhörlich liebkoste und küßte sie das kalte Metall, bis sie mitten in einer Nacht plötzlich aufstand, den Schatz emsig hin und her eilend nach dem Garten trug und dort unter bitteren Tränen in den tiefen Brunnen warf und einen Fluch darüber aussprach, daß er niemals jemand andere,» angehören solle."
Als Spiegel soweit erzählt hatte, sagte Pineiß: „And liegt das schöne Geld noch in dem Brunnen?" „Sa, wo sollte es sonst liegen?" antwortete Spiegel, „denn nur ich kann es herausbringe» und habe es bis zur Stunde noch nicht getan!" — „Ei ja so, richtig!" sagte Pineiß, „ich habe es ganz vergessen über deiner Geschichte! Du kannst nicht übel erzählen, du Sapperlöter! und es ist mir ganz gelüstig worden nach einem Weibchen, die so für niich eingenommen wäre; aber sehr schön mühte sie sein! Doch erzähle jetzt schnell noch wie die Sache eigentlich zusammenhängt!" — „Es dauerte manche Sahre," sagte Spiegel, „bis das Fräulein aus bitteren Seelenleiden soweit zu sich kam, daß sie anfangen konnte, die stille alte Jungfer zu werden, als welche ich sie kennen lernte. Sch darf mich berühmen, daß ich ihr einziger Trost und ihr vertrautester Freund geworden bin in ihrem einsamen Leben bis an ihr stilles Ende. Als sie aber dieses herannahen sah, vergegenwärtigte sie sich noch einmal die Zeit ihrer fernen Sugend und Schönheit und erlitt noch einmal mit milderen ergebenen Gedanken erst die süßen Erregungen und dann die bitteren Leiden jener Zeit, und sie weinte still sieben Tage und Nächte hindurch über die Liebe des Säuglings, deren Genuß sie durch ihr Mißtrauen verloren hatte, so daß ihre alten Augen noch kurz vor dem Tode erblindeten. Dann bereute sie den Fluch, welchen sie über jenen Schatz ausgesprochen, und sagte zu mir, indem sie mich mit dieser wichtigen Sache beauftragte: „Sch bestimme nun anders, lieber Spiegel! und gebe dir die Bollmacht, daß du meine Verordnung vollziehest. Sieh dich um und suche, bis du eine bildschöne, aber unbemittelte Frauensperson findest, welcher es ihrer Armut wegen an Freiern gebricht! Wenn sich dann ein verständiger, rechtlicher und hübscher Mann finde» sollte, der sein gutes Auskommen hat, und die Sungfvau ungeachtet ihrer Armut, nur allein von ihrer Schönheit bewegt, zur Frau begehrt, so soll dieser Mann mit den stärksten Eiden sich verpflichten, derselben so treu, aufopfernd und unabänderlich ergeben zu sein, wie es mein unglücklicher Liebster gewesen ist, und dieser Frau fein Leben lang in allen Dingen zu willfahren. Dann gib der Braut die zehntausend Goldgulden, welche im Brunnen liegen, zur Mitgift, daß sie ihren Bräutigam am Hochzeitmorgen damit überrasche!" So sprach die Selige und ich habe meiner widrigen Geschicke wegen versäumt, dieser Sache nachzugehen, und muh nun befürchten, daß die Arme deswegen im Grabe noch beunruhigt sei, was für mich eben auch nicht die angenehmsten Folgen haben kann!"
Pineiß sah den Spiegel mißtrauisch an und sagte: „Wärst du wohl imstande, Bürschchen! mir den Schatz ein wenig nachzuweisen und augenscheinlich zu machen?"
„Zu jeder Stunde!" versetzte Spiegel, „aber Shr müßt wissen, Herr Stadthexenmeister! daß Shr das Gold nicht etwa so ohne weiteres herausfrschen dürstet. Man würde Euch unfehlbar daS Genick umdrehen; denn es ist nicht ganz geheuer in dem Brunnen, ich habe darüber bestimmte Snzichten, welche ich aus Nücksichten nicht näher berühren darf!"
„Hei, wer spricht denn von Herausholen?" sagte Pineiß etwas furchtsam, „führe mich einmal hin und zeige mir den Schatz! Oder vielmehr will ich dich führen an einem guten Schnürlein, damit du mir nicht entwischest!"
„Wie Shr wollt!" sagte Spiegel, „aber nehmt auch eine andere lange Schnur mit und eine Blendlaterne, welche Shr daran in den Brunnen hinablassen könnt; denn der ist sehr tief und dunkel!" Pineiß befolgte diesen Rat und führte das muntere Kätzchen nach dem Garten jener Verstorbenen. Sie überstiege» miteinander die Mauer und Spiegel zeigte dem Hexer den Weg zu dem alten Brunnen, welcher unter verwildertem Gebüsche verborgen war. Dort ließ Pineiß sein Laternche» hinunter, begierig nachblickend, wahrend er den angebundenen Spiegel nicht von der Hand ließ. Aber richtig sah er in Der Tiefe das Gold funfein unter dem grünlichen Wasser und rief: „Wahrhaftig, ich seh's, es ist wahr! Spiegel, du bist ein Taufendskerl!" Dann guckte er wieder eifrig hinunter und sagte: „Mögen es auch zehntausend sein?" — „Sa, das ist nun nicht zu schwören!" sagte Spiegel, „ich bin nie da unten gewesen und hab's nicht gezählt! Sft auch möglich daß die Dame dazumal einige Stücke auf dem Wege verloren hat, als sie den Schatz hierher trug, da sie in einem sehr aufgeregten Zustande war." — „Nun, seien es auch ein Dutzend oder mehr weniger!" sagte Herr Pineiß, „es soll mir darauf nicht ankommen!" Er setzte sich auf den Rand des Brun
nens, Spiegel fetzte sich auch nieder und leckte sich das Pfötchen. „Da wäre nun der Schatz!" sagte Pineiß, indem er sich hinter den Ohren kratzte, „und hier wäre auch der Mann dazu; fehlt nur noch das bildschöne Weib!" — „Wie?" sagte Spiegel. „Sch meine, es fehlt nur noch diejenige, welche die Zehntausend als Mitgift bekomme» soll, um mich damit zu überrasche» am Hochzeitsmorgen, und welche alle jene angenehmen Tugenden hat, von denen du gesprochen!" — „Hm!" versetzte Spiegel, „die Sache verhält sich nicht ganz so, wie Shr sagt! Der Schatz ist da, wie Shr richtig einseht; das schöne Weib habe ich um es aufrichtig zu gestehen, allbereits auch schon ausgespürt; aber mit dem Mann, der sie unter diesen schwierigen Ämstünden heiraten möchte, da hapert es eben; denn heutzutage muß die Schönheit obenein vergoldet sein, wie die Weihnachtsnüsfe, und je hohler die Köpfe werden, desto mehr sind sie bestrebt, die Leere mit einigem Weibergut nachzufüllen, damit sie die Zeit besser zu verbringen vermögen; da wird dann mit wichtigem Gesicht ein Pferd besehen und ein Stück Sammet gekauft, mit Laufen und Rennen eine gute Armbrust bestellt, und der Düchsenschmied kommt nicht aus dem Hause; da heißt es, ich muh meinen Wein einheimsen und meine Fäsfer putzen, meine Bäume putzen lassen und mein Dach decken; ich muß meine Frau ins Bad schicken, sie kränkelt und kostet mich viel Geld, und mutz mein Holz fahren lassen und mein Ausstehendes eintreiben; ich habe ein Paar Windspiele gekauft und meine Bracken vertauscht, ich habe einen schönen eichenen Ausziehtisch eingehandelt und meine große Nußbaurnlade dran gegeben; ich habe meine Bohnenstangen geschnitten, meinen Gärtner fortgejagt, mein Heu verkauft und meinen Salat gesäet, immer, mein und mein vom Morgen bis zu Abend. Manche sagen sogar: ich habe meine Wäsche die nächste Woche, ich mutz meine Betten sonnen, ich »ruß eine Magd dingen und einen neuen Metzger haben, denn den alten will ich abschaffen: ich habe dein allerliebstes Waffeleisen erstanden, durch Zufall, und habe mein fil« bevnes Zimmetbüch,scheu verkauft, es war mir so nichts nütze; alles das sind wohlverstanden die Sachen der grau, und so verbringt ein solcher Kerl die Zeit und stiehlt unferm Herrgott den Tag ab, indem er alle diese Verrichtungen aufzählt, ohne einen Streich zu tun. Wenn es hoch kommt und ein solcher Patron sich etwa ducken muh, so wird er vielleicht sagen: unsere Kühe und unsere Schweine, aber —" Pineiß ritz den Spiegel an der Schnur, daß er miau! schrie, und rief: „Genug, du Plappermaul! Sag' jetzt unverzüglich: wo ist sie, von der du cheitzt?" Denn die Aufzählung aller dieser Herrlichkeiten und Verrichtungen, die mit einem Weibergute verbunden sind, hatte dem dürren Hexenmeister den Mund nur noch wässeriger gemacht. Spiegel sagte erstaunt: „Wollt Shr beim wirklich das Ding unternehme», Herr Pineiß?"
„Versteht sich, will ich! Wer sonst als ich? Drum heraus damit: wo ist diejenige?"
„Damit Shr hingehen und sie freien könnt?"
„Ohne Zweifel!" — „So wisset, die Sache geht nur durch meine Hand! mit mir müßt Shr sprechen, wenn Shr Geld und Frau wollt!" sagte Spiegel kaltblütig und gleichgültig und fuhr sich mit den beiden Pfoten eifrig über die Ohren, nachdem er sie jedesmal ein bißchen nah gemacht. Pineiß besann sich sorgfältig, stöhnte ein bißchen und sagte: „Sch merke, du willst unser» Kontrakt .aufheben unb deinen Kops saldieren!"
„Schiene Euch das so uneben und unnatürlich?"
„Du betrügst mich am Ende und belügst mich, wie ein Schelm!"
„Dies ist auch möglich!" sagte Spiegel.
„Sch sage dir: Betrüge mich nicht!" rief Pineiß gebieterisch. „Gut, so betrüge ich Euch nicht!" sagte Spiegel.
„Wenn du's tust!"
„So tu’ ich's."
„Quäle mich nicht, Spiegelchen!" sprach Pineiß beinahe weinerlich, und Spiegel erwiderte jetzt ernsthaft: „Shr seid ein wunderbarer Mensch Herr Pineiß! Da 'Haltet Shr mich an einer Schnur gefangen und zerrt daran, daß mir der Atem vergeht! Shr lasset das Schwert des Todes über mir schweben feit länger als zwei Stunden, was sag' ich! seit einem halben Sahre! und nun sprecht Shr: Quäle mich nicht, Spiegelchen!
„Wenn Shr erlaubt, so sage ich Euch in Kürze: Es kann mir nur lieb sein, jene Liebespflicht gegen die Tote doch noch zu erfüllen und für das bewußte Frauenzimmer einen • tauglichen: Wann zu finden, und Shr scheint mir allerdings in aller Hinsicht zu genügen; es ist keine Leichtigkeit, ein Weibstück wohl unterzubringen, so sehr dies auch scheint, und ich sage noch einmal, ich bin froh, daß Shr Euch hierzu bereit finden lasset! Aber umsonst ist der Tod! Eh' ich ein Wort weiter spreche, einen Schritt tue, ja eh' ich nur den Mund noch einmal aufmache, will ich erst meine Freiheit wieder haben und mein Leben versichert! Daher nehmt diese Schnur weg und legt den Kontrakt hier auf bett Brunnen, hier auf diesen Stein, oder schneidet mir den Kppf ab, eins von beiden!"
(Schluß folgt.)
vchristleitung: Dr. Stiebt. Wilh. Lange. — Druck und Verlag bet Brähl'schen Hniv.-Vuch« und Steindtuckerei, R. Lange, Gießen.


