Ausgabe 
16.3.1926
 
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neu. Sie sah ihm deutlich an, daß er log und daß es fern einziges Vermögen und ganze Hoffnung war, welche er ihrem Glücke opferte; doch stellte sie sich-, als glaubte sie seinen Worten. Sie lieh ihren freudigen Empfindungen freien Lauf und tat grau» samerweise, als ob diese dem Glücke gälten, nun doch ihren Er­wählten retten und heiraten zu dürfen, und sie konnte nicht Worte finden, ihre Dankbarkeit auszudrücken. Doch plötzlich besann sie sich und erklärte, nur unter einer Bedingung die großmütige Tat annehmen zu können, da sonst alles Zureden unnütz wäre. Befragt, worin diese Dedingung bestehe, verlangte sie das heilige Versprechen, daß er an einem bestimmten Tage sich bei ihr ein­finden wolle, um ihrer Hochzeit beizuwohnen und der .beste Freund und Gönner^ ihres zukünftigen Ehegeinahls zu werden, sowie der treueste Freund, Schützer und Berater ihrer selbst. Errötend bat er sie, von diesem Begehren abzustehen; aber um­sonst wandte er alle Gründe an, um sie davon abzubringen, umsonst stellte er ihr vor, daß seine Angelegenheiten jetzt nicht erlaubten, nach der Schweiz zurückzureisen, und daß er von einem solchen Abstecher einen erheblichen Schaden erleiden würde. Sie beharrte entschieden auf ihrem Verlangen und schob ihm sogar sein Geld wieder zu, da er sich nicht dazu verstehen wollte. End­lich versprach er es, aber er muhte ihr die Hand darauf geben und es ihr bei seiner Ehre und Seligkeit beschwören. Sie bezeichnete ihm genau den Dag und die Stunde, wann er eintreffen solle, und alles dies muhte er bei feinem Christenglauben und bei seiner! Seligkeit beschwören. Erst dann nahm sie sein Opfer an und lieh den Schatz vergnügt in ihre Schlafkammer tragen, wo sie ihn eigenhändig in ihre Reifetruhe verschloß und den Schlüssel in den Busen steckte. Run hielt sie sich nicht länger in Mailand auf, sondern reiste ebenso fröhlich über den Sankt Gotthard zurück, als schwermütig sie hergekommen war. Auf der Teufels- brücke, wo sie hatte hinabspringen wollen, lachte sie wie eine An- kluge und warf mit Hellem Jauchzen ihrer wohlklingenden Stimme einen Granatblütenstrauh in die Reuß, welchen sie vor der Brust trug, kurz ihre Lust war nicht zu bändigen, und es war die fröhlichste Reise, die je getan wurde. Heimgekehrt, öffnete und lüftete sie ihr Haus von oben bis unten und schmückte es, als ob sie einen Prinzen erwartete. Aber zu Häupten ihres Bettes legte sie den Sack mit den zehntausend Goldgulden und legte des Aachts den Kops so glückselig auf den harten Klumpen und schlief darauf, wie wenn es das weichste Flaumkifsen gewesen. wäre. Kaum konnte sie den verabredeten Tag erwarten, wo sie ihn sicher kommen sah, da sie wußte, daß er nicht das einfachste Versprechen, geschweige denn einen Schwur brechen würde, und wenn es ihm um das Leben ginge. Aber der Tag brach an und der Geliebte erschien nicht und es vergingen viele Tage und Wochen, ohne daß er von sich hören lieh. Da fing sie an, an allen Gliedern zu zittern und verfiel in die größte Angst und Bangigkeit; sie schickte Briefe über Briese nach Mailand, aber niemand wußte ihr zu fugen,- wo er geblieben sei. Endlich aber stellte es sich durch- einen Zufall heraus, daß der junge Kaufherr aus einem blutroten Stück Seidendamast, welches er von feinem Handelsansang her im Haus liegen und bereits bezahlt hatte, sich ein Kriegskleid hatte anfertigen lassen und unter die Schwer­zer gegangen war, welche damals eben im Solde des Königs Franz von Frankreich den Mailändischen Krieg mitstritten. Rach der Schlacht bei Pavia, in welcher so viele Schweizer bas Leben verloren, wurde er auf einem Hausen erschlagener Spanio­len liegend gefunden, von vielen tödlichen Wunden zerrissen und fein rotes Seidengewand von unten bis oben zerschlitzt und zerfetzt. Eh' er den Geist aufgab, sagte er einem neben ihm liegenden Seldwhl-er, der minder Übel zugerichtet war, folgende Botschaft ins Gedächtnis und bat ihn, dieselbe, auszurichten, wenn er mit dem Leben davonkäme:Liebstes Fraulein! Obgleich ich Euch bei meiner Ehre, bei meinem Christenglauben und bei meiner Seligkeit -geschworen habe, auf Euerer Hochzeit zu erscheinen, so ist es mir dennoch nicht möglich gewesen, Euch nochmals zu sehen und einen andern des höchsten Glückes teilhaftig zu er­blicken, das es für mich geben könnte. Dieses habe ist erst m Eurer Abwesenheit verspürt und habe vorher nicht gewußt, weich eine strenge und unheimliche Sache es ist um solche Liebe, wie ich zu Euch habe, sonst würde ich mich zweifelsohne bess^ davor gehütet haben. Da es aber einmal so ist, so wollte ich lieber meiner weltlichen Ehre und meiner geistlichen Sehgteit. oerloren und in die ewige Verdammnis eingehen als ern Meineidiger, denn noch einmal in Eurer Rahe erschein nut einem Feuer in der Brust, welches stärker und unauslöschliche W, als d^ Höllenfeuer, und mich dieses kaum wird verspüren lassem Betet E etwa für mich, schönstes Fräulein, denn ich kann und toer&e nie' selig werben ohne Euch, sei es hier. oder dort und formt lebt glücklich und seid gegrüßt." So hatte in dieser Schlacht, nach welcher König Franziskus sagte:Alles verloren außer der Ehre!" der unglückliche Liebhaber alles verloren, die Hossnuim. die Ehre, das Leben und die ewige Seligkeit, nur die Liebe, nicht, die ihn verzehrte. Der Seldwhler kam glü-Kich davon, und chbald er sich in etwas erholt und außer Gefahr sah, toneS er dw Worte des .Umgekommenen getreu auf feine Schrrnbtcchel, um fte3> zu vergessen, reiste nach Hause, meldete sich bei dem, unglücklichen Fräulchn und las ihr die Botschaft so Mfunb kriegerisch .vor, tote er zu tun gewohnt war, wenn er fonft die kNamrschast fernes Fähnleins verlas; denn es war em Feldleutnant. trautem aber zerraufte sich die Haare, zerriß ihre Kleider und begann so

Komödie zu werden, als deren Gegenstand ihm seine Geliebte viel zu gut und heilig war, und was ihr ausnehmend behagte, bas machte ihn bekümmert, ungewiß und verlegen um sie selber. Auch glaubte er sie zu beleidigen und zu hlntevgehen, wenn ec da lange eine so heftige Leidenschaft zu ihr herumtrüge und unaufhörlich an sie denke, ohne daß sie eine Ahnung davon habe, Was doch gar nicht schicklich sei und ihm selber nicht recht! Daher sah man ihm eines Morgens von weitem an, daß er etwas vrwhatte, und er bekannte ihr seine Liebe in einigen Worten, um es einmal und nie zum zweitenmal zu sagen, wenn er nicht glück­lich fein solle. Denn er war nicht gewohnt zu denken, daß ein solches schönes und wohlbeschafsenes Fräulein etwa nicht ihre wahre Meinung sagen und nicht auch gleich zum erstenmal ihr unwiderrufliches Sa oder Rein erwidern sollte. Er toar. ebenso jart gesinnt als heftig verliebt, ebenso spröde als kindlich und ebenso stolz als unbefangen, und bei ihm galt es gleich auf Tod und Leben, auf Sa oder Rein, Schlag um Schlag. Sn demselben Augenblick aber, in welchem das Fräulein fein Geständnis an­hörte, das sie so sehnlich erwartet, überfiel sie ihr altes Mißtrauen, und es fiel ihr zur unglücklichen Stunde ein, daß ihr Liebhaber ein Kaufmann fei, welcher am Ende nur ihr Vermögen zu er­langen wünsche, um feine Unternehmungen zu erweitern. Wenn er daneben auch ein wenig in ihre Person verliebt sein.sollte, so wäre ja das bei ihrer Schönheit kein s ond erli ch es _ Der dienst und nur um so empörender, wenn sie eine bloße erwünschte Zugabe zu ihrem Golde vorstellen sollte. Anstatt ihm daher ihre Gegen- llebe zu gestehen und ihn wohl aufzunehmen, tote sie am liebsten getan hätte, ersann sie auf der Stelle eine neue List, um ferne! Hingebung zu prüfen, und nahm eine ernste, saft traurige Miene an, indem sie ihm vertraute, tote sie bereits mit einem jungen! Mann verlobt sei in ihrer Heimat, welchen sie auf das allerherz­lichste liebe. Sie habe ihm das schon mehrmals mitteilen wollen, da sie ihn, den Kaufmann nämlich, als Freund sehr lieb habe, wie er wohl habe sehen können aus ihrem Beiiehmen, und sie vertraue ihm wie einem Bruder. Aber die ungeschickten Scherze, welche m der Gesellschaft aufgekommen seien, hätten ihr eine vertrauliche .Unterhaltung erschwert; da er nun aber selbst sie mit feinem braven und edlen Herzen überrascht und dasselbe vor ihr auf­getan, so könne sie ihm für seine Neigung nicht besser danken, als indem sie ihm ebenso offen sich anbertraue; 3a, fuhr sie i.ort, nur demjenigen könne sie angehören, welchen sie einmal erwählt habe und nie würde es ihr möglich fein, ihr Herz einem anderen Mannesbilde zuzuwenden, dies stehe mit goldenem peuer m ihrer Seele geschrieben und der liebe Wann wisse selbst nicht, tote lieb er ihr sei, fo wohl er sie auch kenne! Aber ein trüber Unstern hätte sie betroffen; ihr Bräutigam sei em Kaufmann, aber fo arm tote eine Maus; darum hätten sie den Plan gefaßt, daß er aus den Mitteln der Braut einen Handel begründen Jolle; der Anfang fei gemacht und alles auf das beste eingeleitet, tue Hochzeit sollte in diesen Tagen gefeiert werden, da wollte em unverhofftes Mißgeschick, daß ihr ganzes Vermögen plötzlich ihr angetaftet und abgeftritten wurde und vielleicht für immer ver­loren gehe, während der arme Bräutigam in nächster 3ett feine ersten Zahlungen zu leisten habe an die Mailänder und Dene- zianischen Kaufleute, worauf fein ganzer Kredit, fein Gedeihen und seine Ehre beruhe, nicht zu sprechen von ihrer Vereinigung und glücklichen Hochzeit! Sie fei in der Elle nach Mailand ge­kommen, wo sie begüterte Verwandte habe, um da Mittel um, Auswege zu finden; aber zu einer schlimmen Stunde sei sie ge­kommen; denn nichts wolle sich fügen und schicken, wahrend der Tag immer näher rücke, und wenn sie ihrem Geliebten nicht hoffen könne, so müsse sie sterben vor Traurigkeit. Denn es sei^der ffebste und beste Mensch, den man sich denken könne, und wurde sicherlich ein großer Kaufherr werden, wenn ihm geholfen wurde, und sie kenne kein anderes Glück mehr auf Erden, als dann dessen Ge­mahlin zu fein! Als sie diese Erzählung beendet, hatte sich der arme schöne Jüngling schon lange entfärbt und war bleich wie ein weißes Tuch. Aber er ließ keinen Laut der Klage »ernesm-er« und sprach nicht ein Sterbenswörtchen mehr von sich selbst und von seiner Liebe, sondern fragte bloß traurig, auf totemel fij> denn die eingegangenen Verpflichtungen des glücklich unglück­lichen Dräuttgarns beliefen? Auf zehntausend Goldgulden! ant­wortete sie noch viel trauriger. Der junge traurige Kaufherr stand auf, ermahnte das Fräulein, guten Mutes zu fein, da sich gewiß ein Ausweg zeigen werde, und entfernte sich von ihr, ohne daß er sie anzusehen wagte, so sehr fiihlte er sich betroffen und beschämt, daß er fein Auge auf eine Dante geworfen, die so treu und leidenschaftlich einen andern liebte. Denn der Arme glaubte jedes Wort von ihrer Erzählung tote ein Evangelium. Dann be­gab er sich ohne Säumnis zu seinen Handelsfreunden und brachte sie durch Bitten und Einbüßung einer gewissen Summe dahin, seine Bestellungen und Einkäufe wieder rückgängig zu machen, welche er selbst in diesen Sagen auch gerab mit seinen jebntaufen& Goldgulden bezahlen sollte und worauf er seine ganze Laufbahn bauete und ehe sechs Stunden verflossen waren, ersch-ien er wieder bei dem Fräulein mit feinem ganzen Besitztum und bat sie um Gottes tollten, diese Aushilfe von ihm annehmen zu wollen. Ihre Augen funkelten vor freudiger Aeberrafchung und ihre Brust pochte tote ein Hammerwerk; sie fragte ihn, wo er Benn dies Kapital her genommen, und er erwiderte, er pabc es (mf seinen guten Namen geliehen und würde es, ba feine Geschäfte sich glücklich wendeten, ohne Unbequemlichkeit zuruckerstatten kon­