Ausgabe 
16.3.1926
 
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isii> 'Bügel, die sich zärtlich zu ihr bräitgten, mich schwebte wieder empor zu den schroffen Felsgipfekn des in blauer Kerne schim­mernden Tschatyr Dagh.

Neues vom Gehörsinn.

Von Äniv.«Professor Dr. O. Sternm.

Als einst der König von Preußen den Astronomen Befiel fragte, was es neues am Sternenhimmel gäbe, antwortete dieser zwar:Kennen Majestät denn schon das Alte?" Trotz- dem mag es gerechtfertigt sein, in unserem Falle einmal nur von dem Neuen zu sprechen. Denn es handelt sich um eine über­raschende .Entdeckung, die der experimentell psychologischen For­schung der letzten Jahre geglückt ist: Das menschliche Gehör­organ ist nämlich mit einer geradezu märchenhaften Empfind­lichkeit für die kleinsten Zeitunterschiede in der Erregung der beiden Ohren ausgerüstet. Wenn von einem äußeren Schall­reiz, z. CB. einem Pfiff, Schallwellen ausgehen, so pflanzen sich diese in der Luft nach allen Richtungen hin mit gleicher Ge­schwindigkeit fort. Sie erreichen also das linke und das rechts Ohr nur dann in demselben Augenblick, wenn der Weg von der Schallwelle zu den beiden Ohren gleich lang ist, wenn also in unserem Beispiel der Pfiff etwa gerade von vorn foirnnt. Kommt aber der Pfiff ein wenig von rechts, so ist der Weg zum rechten Ohre hin kürzer, als zum linken, und die Schall­wellen langen in dem rechten Ohre eher an, als in dem linken. Bis hierher ist alles ganz einfach. Jetzt aber kommt die lieber« raschung, ja geradezu das Wunder: zuverläffige Messungen, die an verschiedenen Forschungsstätten bestätigt worden sind, haben gezeigt, daß das Gehörorgan unter den geschilderten Umständen noch auf Zeitunterschiede anspricht, die auf den Betrag von Vsoooo Sekunde herabgesunken sind, also 30 OOOmat so klein sind, als das flüchtige Dorübergleiten einer einzigen Sekunde!

Dieser Wert ist erstaunlich viel kleiner, als die kleinsten Zeiten, die sonst in der Psychologie eine Rolle spielen. Wir wissen es längst, daß unsere Gedanken nicht mit der Blitzes­schnelle einander folgen, von der die Dichter sprachen, auch der rascheste Äebergang von einer Vorstellung zur anderen, eine sogen. Assoziation, nimmt eine Zeit von einigen Zehnteln Sekunden in Anspruch. Richt viel schneller sind auch die leicht­füßigsten Entschlüsse, die durch unser Bewußtsein zu huschen vermögen. Erst bei den Reflexzeiten kommen wir auf merklich kleinere Größen; die ruckweisen Bewegungen unserer Augen, deren wir etwa 5 bis 7 beim Äeberfliegen einer gewöhnlichen Druckzeile ausführen, erfolgen als Reflexe, also als unwillkür­liche Bewegungen auf die einzelnen Gesichtsausdrücke hin, so schnell, daß die Dauer jeder einzelnen von ihnen meist unter Vio Sek. bleibt. Aber um wieviel kleiner als alle diese Zeiten! sind doch die vorhin genannten Zeitunterschiede in der Erregung beider Ohren, auf die unser Gehörorgan noch anspricht! Frei­lich kommen sie nicht als solche zum Bewußtsein, sondern sie setzen sich in räumliche Unterschiede um, nämlich in Richtungs­unterschiede. Wird das rechte Ohr von demselben Schallreiz um einen solchen außerordentlich kleinen Betrag von Viooo bis Vsoooo Sek. eher betroffen als das linke, dann verlegen wir den Schall in unserem Beispiel von vorhin also den Pfiff, nach der Seite des rechten Ohres hinüber, d. h. wir erkennen die Dichtung, aus der ein Schall kommt, auf Grund der Zeitunter­schiede, im Anlangen der Schallwellen im linken und rechten Ohr. Hier kann man in Wahrheit das Wert aus demParsival umkehren, und davon sprechen, daß sich die Zeit zum Raume verwandelt.

Zur experimentellen Prüfung dieser Theorie bedarf es feinster Meßinstrumente, die uns die Zeiffpanne von einer Sekunde noch in 30 000 gleiche Teile einteilen, so daß wir künstlich einen solchen Zeitunterschied machen zwischen der Er­regung der beiden Ohren Herstellen können. Es ist nun aber höchst interessant, daß wir einige dieser Phänomene auch mit ganz einfachen Hilfsmitteln erzeugen können. Wir brauchen nämlich weiter irichts dazu, als zwei Taschenuhren. Unsere Taschenuhr ist im Grunde genommen ein Präzisionsinstrument, das uns fast zu vertraut geworden ist, als daß wir ernsthaft darüber nachdächten, was es eigentlich an Genauigkeit leistet. Bei den meisten Taschenuhren schwingt die Unruhe so, daß fünf Schläge innerhalb einer Sekunde entstehen, die in einem charakteristischen Rhythmus eingebettet sind. Wenn man nun zwei beliebige Ähren nimmt, so wird stets die eine gegen die andere etwas verschieden gehen. Angerwmmen, sie überholt sie am Tage um rund 2*/2 Minuten, so überholt sie sie also in je 10 Minuten um eine Sekunde. Die schneller gehende Ähr schiebt ihre einzelnen Schläge an die der langsameren heran: die Abstände zwischen je einem Schlage der langsameren und der schnelleren Ähr werden immer kleiner bis herab zu Rull, und dann entfernen sich ebenso allmählich die Schläge der schnelleren Ähr von den zurückbleibenden der langsameren. In unserem Beispiel vollzieht sich dieses Hindurchgehen durch die allerkleinsten Zeitunterschiede zwischen den Schlägen der beiden Ähren je einmal innerhalb von 10 Minuten.

Der Leser kann nun selbst den folgenden höchst merk­würdigen Versuch anstellen. Man halte eine Taschenuhr vor das linke und eine andere vor das rechte Ohr. Dann fallen im allgemeinen die Rhythmen der beiden Ähren deutlich aus-

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einander. Man kann sich mit der Aufmerksamkeit bald der einen, bald der anderen zuwenden, hört aber deutlich, daß eben zwei solcher Ähren vor den Ohren schlagen. Dun heißt es, sich mit Geduld wappnen, bis auf Ginmd des GangeSunterschiedes der beiden Ähren in der geschilderten Weise die Rhythmen einander näher kommen. Bevor sie wirklich gufammenfallen, stellen sich bei dem ganz allmählichen Zusammenrücken Zeitunterschiede her, die tatsächlich so klein sind, daß sie unter den früher genannten Wert von V1Ooo herabsinken. Änd nun tritt das merkwürdige Phänomen ein: Das Ohr hört jetzt nur noch eine Ähr schlagen, und der Schlag dieser einen Taschenuhr, die ich allein noch Are, wandert in geradezu geheimnisvoller Weise durch bas Jrniere des Kopfes hindurch, von einem Ohre zum anderen. Der Schall der beiden Ähren ist zu einem gemeinsamen Eindruck verschmolzen, und dieses Schallbild folgt den kleinen noch übrig gebliebenen Zeitunterschieden. Das Gehörorgan setzt genau so wie beim gewöhnlichen Hören diese allerkleinften Zeitunterschiede in Aich- tungsunterschiede um, und daher rührt das geheimnisvolle Wan­derin von einem Ohre zum anderem Dem mathematisch denkenden Leser fällt es rächt schwer, aus dem Gangunterschied der beiden Ähren zu berechnen, wie klein beim tatsächlich die Zeitunterschiede sind, während deren diese Wanderung des Schalles dauert. Wenn er gut beobachtet hat, wird er immer wieder in die Rähe der genannten sehr kleinen Werte hingeführt!

Der Taschenuhrenversuch ist zugleich ein belehrendes Beispiel dafür, daß oft in dem scheinbar bekannten und selbstverständlichen die eigentlicheii Wunder versteckt sind. Der Leipziger Psychologe E. H. Weber schilderte 1846 als erster den verschiedenen Eindruck, den man von dem Rhythmus zweier Taschenuhren erhall, wenn man sie entweder beide vor dasselbe Ohr hält, oder sie auf beide Ohren verteilt. Wahrscheinlich hat er nicht lange genug die beiden Ähren angehört; das entscheidende an dem Phänomen die Wanderung des Schallbildes entging ihm. Sie entging ebenso den vielen, die nach ihm diesen Versuch wiederholten, und erst in diesem Jahre fand Der Kieler Psychologe Wittmann in dem Tafchenuhrenversuch das eigentliche Kernstück die Wanderung und die genaue Äebereinstimmung mit der aus anderen Messungen bereits bekannt gewordenen feinen Zeitempfindlichkeit des Ohres.

Wer als wissenschaftlicher, denkender Mensch gelernt hat, im kleinen das Große zu erkennen, der achtet auch in dieser Einzel­heit die wahren Wunder der Natur, denn wie es zügeht, daß im Gehörorgan jene kleinsten Zeitunterschiede zur Wirksamkeit ge­langen, das bleibt im Grunde genommen in Dunkel gehüllt.

Spiegel, das Kätzchen.

Ein Märchen von Gottfried Keller.

(Fortsetzung.)

Sie wurde heiter, und wenn sie dazwischen traurig war, ge­schah dies in dem Wechsel der Liebesfurcht und Hoffnung, welche immerhin ein edleres und angenehmeres Gefiihl war, als jene peinliche Verlegenheit in der Wahl, welche sie früher unter den vielen Freiern empfunden. Jetzt kannte sie nur eine Mühe und Besorgnis, diejenige nämlich, dem schönen und guten Jüngling zu gefallen, und je schöner sie selbst war, desto demütiger und unsicherer war sie jetzt, da sie zum ersten Wale eine wahre Nei­gung gefaßt hatte. Aber auch der junge Kaufmann hatte noch, nie eine solche Schönheit gesehen, oder war wenigstens noch keiner so nahe gewesen und von ihr so freundlich und artig behandelt worden. Da sie nun, wie gesagt, nicht nur schön, sondern auch gut von Herzen und fein von Sitten war, so ist es nicht zu verwun­dern, daß der offene und frische Jüngling, dessen Herz noch ganz frei und rmerfahren war, sich ebenfalls in sie verliebte und das mit aller Kraft und Rückhaltlosigkeit, die in seiner ganzen Natur lag. Aber vielleicht hätte das nie jemand erfahren, wenn er in seiner Einfalt nicht aufgemuntert worden wäre durch des Fräu­leins Zutulichkeit, welche er mit heimlichem Zittern und Zagen für eine Erwiderung seiner Liebe zu halten wagte, da er selber keine Verstellung kannte. Doch bezwang er sich einige Wochen und glaubte die Sache zu verheimlichen; aber jeder sah ihm von weitem an, daß er zum Sterben verliebt war, und wenn er irgend in die Nähe des Fräuleins geriet oder sie nur genannt wurde, so sah man auch gleich, in wen er verliebt war. Er war aber nicht lange verliebt, sondern begann wirklich zu lieben mit aller Heftig­keit seiner Jugend, so daß ihm das Fräulein das Höchste und Beste auf der Welt wurde, an welcher er ein für allemal das Heil und den ganzen Wert seiner eigenen Person setzte. Dies gefiel ihr über die Maßen wohl; denn es war in allem, was er sagte oder tat, eine andere Act, als sie bislang erfahren, und dies bestärkte und rührte sie so tief, daß sie nun gleichermaßen der stärksten Liebe anheimsiel und nun nicht mehr von einer Wahl für sie die Rede war. Jedermann sah diese Geschichte spielen und es wurde offen darüber gesprochen und vielfach gescherzt. Dem Fräulein war es höchlich wohl dabei, und indem ihr das Herz vor banger Erwartung zerspringen wollte, half sie den Roman von ihrer Seite doch ein wenig verwickeln und ou^innen, um recht auszukosten und zu genießen. Denn der junge Mann beging in feiner Verwirrung so köstliche und kindliche Dinge, dergleichen sie niemals erfahren, und für sie einmal schmeichelhafter und an­genehmer waren, als das andere. Er aber in seiner Gradhett und Ehrlichkeit konnte es nicht lange so aushallen; da jeder daraus anspielte und sich einen Scherz erlaubte, so schien es ihm eine