Ausgabe 
16.3.1926
 
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Gießener Kmnlienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Eichener Anzeiger

Jahrgang (926 Dienstag, -en (6. März Nummer 22

Vorfrühling.

Von KarlRöttger.

Rebel füllt den Abend schon Dämmerung ist mild und leis«.

Blanke Tropfen, silberweiße, Fallen langsam, Don an Ton.

Von den Zweigen... an di« Erde. Einer Drossel sel'ges Flöten Lieber nackten Gartenbeeten Kündet, daß nun Frühling werde.

Grau im Blauen wie ein Traum Stchn die Dinge... Durch den Garten Geht bas Schweigen Boller Warten Auf das Licht stehn Strauch und Baum:

Voller Warten auf das Licht

Heller Tage, bah sie ihre Sehnsucht wie durch offne Türe Grünend dränge an das Licht...

Die Rofeninfel.

Ein alttürkisches Märchen, nacherzählt von unserem E. S.-Korre- spondenten, Konstantinopel.

Als in grauer Vorzeit die Vorfahren der Türken aus den Steppen und Wüsten Jnnerasiens, in gewaltiger Kraft alles vor sich zermalmend, nach Westen zogen, kamen sie zuerst an ein großes Gewässer, das sich unermeßlich weit zu erstrecken schien. Steppen, Sandwüsten und fast undurchdringliche Schilf­dickichte umsäumten die Gestade dieses Meeres.

Ein Teil des wandernden Volkes lieh sich hier nieder, wah­rend die anderen weiter nach Westen strebten. Durch das wogende Gras der unermehlichen Ebene zogen die kriegerischen Aeiterscharen auf ihren flinken, ausdauernden Vossen, bis sie wieder an ein Meer gelangten. Das war ein gewaltig großes Meer von herrlich grünblauer Farbe, das unter den Strahlen der südlichen Sonne gleich Saphiren und Smaragden schimmerte.

Hier, auf den üppigen Grasfluren am blauen Meere lieh sich ein Teil des Türkenvolkes dauernd nieder. Gegenüber ihrem Wohnsitze, nur durch einen schmalen Meeresarm getrennt, der später ganz versiegte, lag eine grohe Insel, die nicht von Men­schen bewohnt zu sein schien. Herrliche Wiesen und Steppen gab es dort, umrahmt von hoch zum Himmel ragenden Bergen und schattigen Mildern. And über die tvunderbare Fusel herrschte der Sage nach eine mächtige Fee, die auf dem höchsten Berg­gipfel, dem Tschathr Dagh, Hausen sollte. Sie herrschte über die Tiere, die Bäume und Blumen der Wälder und Steppen, in einem friedlichen Paradiese, das keines Menschen Fuh betrat.

Die Türken aber am Gestade des Meeres wurden mit der Zeit immer reicher, nicht allein durch ihre groben Heroen, sondern auch durch die Raubzüge, die sie nach Borden, in das Land der räuberischen Kosaken unternahmen. And arabische Händler kamen ins Land, brachten ihnen kostbare Gewänder, goldenes Geschmeide und Juwelen. So wurde das Leben der einfachen Hirten immer üppiger. And die Töchter der reichsten Leute verbrachten ihre Zeit nur noch damit, sich zu putzen und zu schmücken. And viele dieser törichten Mädchen dachtem nicht mehr daran, zu heiraten, sondern glaubten in ihrer Torheit, sie könnten ihre Zeit ewig mit so müßigem Getändel verbringen.

Da sprach an einem Frühlingsmorgen eines dieser Uliaochen zu seinen Gespielinnen:Laßt uns Kähne nehmen und nach der Insel fahren! Dort soll es schöne Wiesen geben, auf denen die herrlichsten, farbenprächtigsten Blumen blühen,, um welche bunte Schmetterlinge gaukeln. Dort wollen wir die Zeit mit Spiel, Gesang und Tanz vertreiben, unbeobachtet von jedem männlichen Auge!"

And sie fuhren nach der Insel, und ergötzten sich den ganzen Tag in fröhlichem Spiel. Die Hirsche, Rehe und Anti­lopen, die auf den Wiesen grasten, betrachteten erstaunt aus ihren großen braunen Augen die fremdartigen Wesen, hatten aber keine Scheu vor ihnen. ,

Als die Mädchen aber am Abend an die Heimfahrt dachten, horten sie plötzlich in den Lüften ein Rauschen und Brausen, und ein riesengroßer Adler flog vom Gebirge zu ihnen nieder. And auf dem Rücken des Riesenvogels sah em herrliches Weib in goldglitzerndem Gewände, mit einem langen Stabs aus Ebenholz in der weißen Hand. And ihre aufgelösten Haare

flatterten beim schnellen Fluge des Adlers hinter ihr her, wie eine schwarze Fahne.

Als sich der Adler niederließ, trat die Fee vor die erschreckten Aiädchen, die bebend vor Ehrfurcht auf die Knie sanken. Zürnend aber sprach die Fee zu ihnen:Ihr törichten Jungfrauen! Ihr verbringt eure Tage in müßigem Spiel und trotzt dem Gebot» Allahs, der euch zu Gattinnen und Müttern bestimmt hat. Zur Strafe behalte ich euch hier und nehme euch in mein Blumenreich auf. Dort sollt ihr keine anderen Früchte tragen, als solche, die die Vögel unter dem Himmel gemeßen!"

Dabei berührte die Fee die Mädchen mit ihrem Zauber­stab«, und sie verwandelten sich sämtlich in herrlich blühende Rosen büfche.

Daheim glaubte man, die Mädchen seien auf ihrer Fahrt ver­unglückt. Der betäubende Dust der Rosen war aber so stark, daß er bis nach dem Festlande zu spüren war.

Das war die Seele der verzauberten Jungstauen, aber die Qeute wußten das nicht!

Anter den Türken an der Kiiste gab es aber auch, viele Burschen, die längst keine Jünglinge mehr waren, aber trotzdem nicht daran dachten, zu heiraten. Warum, so sprachen sie, sollen wir ins Ehejoch? Ist der unbeweibte Krieger beim Angriff nicht der Tapferste? And stehen uns bei unseren Raubzügen in das Land der Kosaken nicht überall die schönsten Frauen zur Ver­fügung?

Eines Tages aber sprach einer von diesen Kriegern zu seinen Genossen:Laßt uns nach der Rvseninsel fahren und einige Kähne mit Rosen heimbringen!"

Kaum aber hatten sie die herrliche Rofenflur betreten, als der große Adler von den Bergen zu ihnen herabstieß, und die Beherrscherin der Insel vor ihnen stand.

Aeberirdisch schon sah sie aus, aber ihre großen schwarzen Augen blitzten so zornig, daß diese rauhen, tapferen Krieger vor ihr niederfielen und ihre erschreckten Gesichter in den Staub drückten.

And zürnend sprach die Göttliche zu ihnen:Diebe und Räuber seid ihr, Allah ein Greuel! Räuber, die nur die Gewalt und den rohen Genuß kennen, die nur nach den Frauen anderer die Hand ausstrecken. Hart soll darum eure Strafe fein! In häßliche Dornbüsche will ich euch verhandeln, die keine Frucht tragen, die jedes Getier ängstlich meidet!"

And sie berührte mit ihrem Zauberstabe die vor ihr im Staube Liegenden. Sofort verwandelten sich deren Glieder in stachlige Zweige mit großen Dornen und kleinen, häßlichen Blättern.

So standen jetzt die starren, unansehnlichen Dornsträucher zwischen den herrlich blühenden Rosen.

Wenn aber der Seewind über die Insel fuhr, dann neigten sich alle diese Büsche zueinander, tote von einer geheimen Sehn­sucht getrieben, als wollten sie sich vereinigen...

Seit auch die jungen Krieger nicht mehr zurückgekehrt waren, wagte niemand mehr, die Roseninsel §u betreten, das Reich der mächtigen Fee...

So verging ein halbes Jahrhundert, und di« verschollenen Krieger und jungen Mädchen waren bereits völlig vergessen.

Da schwebte eines Tages die Fee von, ihrem Felsenthrons zu ihrem Rosengarten nieder und berührte mit ihrem Zauberstabe der Reihe nach alle Sträucher. And diese verwandelten sich wieder in Menschen!

Aber siehe da! Es waren jetzt Greise und Greisinnen, sämtlich älter als siebzig Jahre, mit weißem Haar und verrun­zeltem Gesicht! Mit Tränen der Reue betrachteten sie einander, in stummer Trauer!

And die Fee sprach zu ihnen, nicht mehr zürnend, sondern in mitleidsvoller Weise:Ihr alle, die ihr die Gebote Allahs nicht besolgt habt, ihr habt das Göttliche im Menschen nicht erkannt, das Göttliche der Liebe! Ihr habt den Sinn des Lebens nicht- verstanden! Darum war euer Leben verfehlt und ver­dorben!... Ihr armen alten Jungfrauen! Gegen euch will ich Gnade walten lassen, und euch wieder in Rosen verwandeln. Sv könnt ihr dennoch alljährlich immer wieder in unvergänglicher Schönheit prangen!... Ihr alten llllänner aber, die ihr jetzt M nichts mehr nütze seid, weder zum Kampf noch zur Liebe, ihr seid die Schuldigeren! Begebt euch heim, wo man euch längst vergessen hat, und tragt die Bürde des Alters weiter, bis an das Ende eures verfehlten Lebens!..."

So sprach die mächtige Fee, die ewig junge Herrscherin im Reiche des ewig Schönen, streichelte liebkosend die Antilopen