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Mein Junge!

Hundert reiten dir voraus und hundert gehorchen dir.

Hundert pflegen deinen Burnus,

Hundert spielen in deinen Zeltweichen,

Hundert springen um deinen Hengst,

Hundert befreien dich, wenn du gefangen,

Hundert rufen: steig' auf, o Fürst! .

Die Gazelle trägt weiße Hosen und kommt trinken zu dir, o Honigborn,

Die Gazelle ist verbannt in die Sandberge und kommt trinken zu dir. o Honigborn.

Die ProbeschrvesLer.

Novelle von Alfred Bock. (Fortsetzung statt Schluß.)

Was sie getan, war nicht zu entschuldigen. Und Dietrich Wecker­ling? Der kannte keine Bedenklichkeiten. Und doch, man mochte ihn einschützen, wie man wollte, an seiner Verschwiegenheit war nicht zu zweifeln. Sie einer Verlegenheit auszusetzen, sie bloßzu­stellen, dazu würde er nicht fähig sein. War's denn bittre Not­wendigkeit, das Schwesternhaus aufzugeben, in dem sie eine zweite Heimat gesunden? Daheim ihre Tage vergeuden, der Mutter von neuem zur Last fallen, hieß, sie der Verzweiflung überliefern. Nein, es mußte einen anderen Ausweg geben, begangene Schillb zu sühnen und sich wieder achten zu lernen. Sie legte das Diakonissen­kleid nicht ab; sie folgte dem Gebot der Pflicht, gelobte sich, in doppelter Treue und Hingebung ihres Schwefternberufes zu walten. W-r nur recht wollte, dem wuchs auch die Kraft.

Der Gutsherr hatte nach Mitternacht noch kein Auge ge­schloffen. Gedanken flogen bei ihm ein und aus und ließen ihn nicht zur Ruhe kommen. Sonst pflegte er den Silvesterabend damit zu verbringen, die Briefe zu sichten und abzulegen, die er im Laufe des Jahres von Verwandten und Freunden empfangen. Heut hatte er die Arbeit für die Tage, die er wieder allein fein würde, zurück­gelegt. Er hatte gute Freunde, Freunde, von denen er überzeugt war daß sie ihre Gesinnung nicht nur mit Worten, sondern, wenn es sein muhte, mit der Tat bewiesen. Der beste Freund aber war ihm sein Bruder. Bei aller Ungleichheit ihrer Naturen waren sie sich nie fremd geworden, standen sie sich in vollem Vertrauen gegen­über. Ihre geschwisterliche Liebe hatte sich ein Menschenalter hin­durch und darüber hinaus bewährt, es gab keine Klippe, an der sie zerbrechen konnte. So ruhig und harmonisch das Leben in der Familie Weckerling hingeflossen war, hatten sich doch zuweilen er­regte Szenen abgespielt. Der Vater fühlte sich durch Dietrichs burschikoses Leben oft verletzt. Die Mutter legte sich ins Mittel, und es gelang ihr, schnell wieder Frieden zu stiften. Das war lange her. Dietrich hatte auf seiner Lebensfahrt die Kanten und Ecken abge- schlifsen. Hans wünschte sich des Bruders gewandte Umgangs­formen und feine Gabe, das Leben sich und den anderen leicht zu machen. Dem Gutsherrn eignete des Vaters schwerblütige Art, die sich mehr als nötig mit Sorgen umspann. Ein Hang zum Grübeln wohnte ihm inne, gegen den er immer ankämpfen mußte. Darüber führte der Segen der Arbeit hinweg. Zu den Menschen, deren Denken und Tun der Erwerb beherrschte, würde er nie gehören. Seine Wünsche sanden bei leidlichem Ertrag des Guts auf still umfriedeter Scholle Erfüllung. Seit er die Krankheit überstanden, klang eine Stimme in ihm und in den letzten Tagen lauter denn je:Du brauchst ein Wesen, das neben dir wirkt, das dich versteht, mit dem du deine Gedanken tauschst, das dir in zartem, vertraulichem Band die Freude am Leben erhöht." Wenn er zurückschaute; all seine kleinen Liebeleien waren spurlos an ihm vorübergegangen. Nun war er von einem Gefühl durchdrungen, so stark wie nie zuvor, er liebte Schwester Luise, seine treue Pflegerin. Aber Verzagtheit fiel ihn an. Dies Mädchen in seiner Klarheit und Festigkeit hatte sich seinen Beruf erwählt. Wenn er vor sie hintrat und um sie warb, würde sie dem Wirkungskreis entsagen, der sich ihr eben eröffnet hatte, würde sie ihr Schicksal in seine Hände legen? All die Stunden, die er mit ihr verlebt, jede Einzelheit rief er sich ins Gedächtnis zurück. Sie hatte ihm mit keinem Blick, mit keiner Miene gezeigt, daß sie ihm mehr fein wollte als feine Pflegerin. Und doch, es konnte kein Wahnbild fein, es lebte eine Zuversicht in ihm, die er wie ein Zeichen des kommenden Frühlings empfand: er hatte ihre Neigung gewonnen, sie wies ihn nicht ob! Morgen am Tag, ehe sie ging, würde er feinen Antrag machen.

Hoffnungsselig, von heiteren Bildern eingewiegt, fand er end­lich erquickenden Schlaf.

Anderntags zur festgesetzten Zeit brachte der Wagen Dietrich an die Eisenbahnstation. Wenige Stunden danach trat auch Schwester Luise reisefertig in des Gutsherrn Arbeitszimmer. Der hatte sie längst erwartest ging auf sie zu, ohne seine Erregtheit verbergen zu können.

Schwester Luise, jetzt, da Sie Abschied nehmen wollen, möcht' ich von Dankbarkeit zu Ihnen sprechen. Daß ich immer Ihr Schuld­ner bleibe, versteht sich von selbst. Der Landmann so lautet ein Spruch bei uns braucht fünf W, wenn feine Wirtschaft gedeihen soll: Weizenboden, Wiese, Weide, Wasser und Wald. Ich glaube, er braucht noch ein sechstes W: eine gute Wirtin. Die fehlt mir. Das klingt sehr nüchtern, nicht wahr? Und doch, wie ich hier vor Ihnen stehe, entspringt's meinem heiligsten Gefühl. Sie sind wie ein guter

Engel in mein Haus gekommen. Ich bin mit Ihnen zusammenge­wachsen. Ich kann Sie nicht mehr entbehren. Ich bin nicht mehr jung, bin auch nicht alt. An einem jungen Baurn muh man immer stutzen und schneiden, bis er in die Höhe wächst und Früchte trägt. An einem starken Baurn kann man sich halten. Das sag ich Ihnen ohne Selbstüberhebung. Wie meinen Augapfel will ich Sie hüten. Sie wissen, daß ich's ehrlich meine: werden Sie meine Frau!

Er hatte mit wachsender Wärme gesprochen. Seine Blicke waren auf sie gerichtet, als wollten sie ihr Innerstes durchdringen. Jeder Blutstropfen war aus ihrem Antlitz gewichen, sie hatte Mühe, sich aufrecht zu halten. Was sie nicht entfernt geahnt, machte diese Stunde wahr. Der Mann, den sie so hoch schätzte, begehrte sie zur Frau. Sie nahm ihren Berus sehr ernst, sie wußte, daß man kein Spiel damit trieb, aber sie hatte sich die Freiheit gewahrt. Einem Hans Weckerling Gefährtin zu fein, um diesen Preis wäre sie gestern bereit gewesen, von der Oberin ihre Entlassung zu fordern, heut wies ihr die innere Stimme den Weg. Des arglosen Guts­herrn Frau zu sein und seinem Bruder als Schwägerin zu be­gegnen, das Peinvolle ihrer Lage hätte sie in Staub gezogen, wäre ihr unerträglich gewesen.

Herr Weckerling," sprach sie mit zuckendem Herzen,ich danke Ihnen für Ihre guten Worte. Und, glauben Sie mir's, sie finden bei mir einen guten Ort. Meine Oberin hat mich hierher geschickt. Ich habe nur meine Pflicht getan. Sie haben mir so viel Siebes erwiesen, daß ich's nie vergessen werde. Aber Ihre Frau werden kann ich nicht. Ich bin Schwester und will es bleiben."

Eine Blutwelle stieg ihm in den Kops.

Schwester Luise," stieß er heraus,mein Antrag hat Sie über­rascht. Daß so ein Schritt überlegt sein will, begreif ich wohl. Sie sollen nichts überstürzen. Sie werden Ihre Mutter, Ihren Bruder zu Rat ziehen wollen. Wenn ich auch mein Gefühl nicht zurück­drängen konnte, ich werde warten, bis Sie mir schreiben."

Sie schüttelte wehmütig den Kops.

Ich werde Ihnen nicht schreiben, Herr Weckerling. Ich bin Schwester und will es bleiben. Das ist mein unabänderlicher Ent­schluß!"

Stebts so," sagte er,dann darf ich freilich nicht in Sie bringen."

Er wandte sich ab. Ein gewaltiger Schmerz durchbebte den Mann.

In ihren Augen standen Tränen.

Sie raffte sich auf und schritt hinaus.

*

Der Winter ging dem Gutsherrn in rastloser Tätigkeit hin. Er hatte vor langer Hand Unterlagen für eine Schrift über die land­wirtschaftlichen Arbeiter gesammelt. Die brachte er nun zu Papier und füllte die Abende damit aus.

Die Zeit der Frühjahrssaat begann. Daß kein Tag verloren werde, galt es, jeden Nerv anzustrengen. Ein paar Monate weiter, und die Wiesen trugen wieder Blütenschmuck. Auf dem Freihof wurden die Böden gereinigt und mit Stroh belegt; Wagen, Sensen und Rechen wurden in Ordnung gebracht. Das Jahr, das sich zu­erst gut angelassen, brachte nun viele Niederschläge. So vortreff­lich bas Futter staub, fürchtete man für bas (Betreibe.

An einem regnerischen Juniabeub stellte sich unerwartet ein Gast auf dem Freihof ein: Dietrich. Seine Gesellschaft hatte ben seit lange gehegten Plan verwirklicht, hatte nahe bei Memel eine zweite Fabrik erbaut. Den Betrieb nach seinen Ideen auszugestalten, war ihm der weiteste Spielraum gelassen. Che er für mehrere Monate nach Ostpreußen ging, war es ihm Bedürfnis, den Bruder noch einmal zu sehen und zu sprechen.

Das Unternehmen ins Gleis zu bringen, hatte Dietrich in der letzten Zeit schier Uebermenschliches geleistet. Nun hatte er die Bahn freigemacht und zog mit fliegenden Fahnen im Osten ein. Er mar in gehobenster Stimmung. Sein Hoffnungswagen fuhr so schnell, baß ihm ber Bruber kaum folgen konnte.

Er hat gut fröhlich fein," bachie Hans,er wirb vom Glück auf ben Hänben getragen, unb was er ansaßt, bas gerät."

Frau Dick wartete eine bestäubte Flasche auf.

Niersteiner Glöck, Herr Dietrich", schmunzelte sie.

Hans füllte die Gläser unb stieß mit bem Bruber an.

Ein seltsam schriller Klang burchzitterte bie Luft.

Was du jetzt für feine Kelche hast," bemerkte Dietrich,bie mögen leicht zerbrechen."

Das Gespräch, nachdem es eine Weile abgeschweift war, langte wieder im Osten an.

Was ich dir sagen wollte, Hans, von ber neuen Fabrik bis zum Heimatstäbichen deiner Pflegerin, ber Schwester Luise, ist's nur ein paar Meilen. Ich hab' bich vorhinschon gefragt, bu hast s wohl überhört, wie geht's ihr benn?"

Ich weih es nicht", versetzte ber Gutsherr ein wenig befangen.

Dietrich leerte fein Glas unb sagt« mit ber Zunge schnalzend: Sie war allerliebst, schön zum Küssen!"

Ich bitte bich, sprich nicht in bem Ton von ihr."

Ach, Hans, mit beiner Harmlosigkeit! Wann wirst du endlich einmal vernünftig werden? Das beste Weib bleibt Weib. Ihr Dichten unb Trachten ist ber Mann!"

(Schluß folgt.)

Verantwortlich: Dr. Hans Thyriot. Druck ber Brühl'schen Universitäts-Buch- unb Steinbruckerei. R. Lange, Gießen.

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