Gießener Kmilienblatter
Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger
Jahrgangs Dienstag, den lb. Zebruar Kummer H
Masken.
Bon Richard Dshrnel.
Du bist es nicht, du stolzer Tempelritter Sm Panzerkleid, auf das die Kerzenstrahlen Des bunten Saals mit täuschendem Gezitter Geheimnisvolle Charaktere malen;
Dein Blick ist schwarz, laß das Visier nur zu! Du bist es nicht, — doch Ich bin Du.
Du bist es nicht, Zigeuner mit der Geige, Der tvild sein Lied läßt in die Zukunft bluten; Dein roter Bart ist kraus wie älrwaldgwsige, tim die rauchprasselnde Frühfeuer gluten; Dein Blick ist grau, laß nur die Mask« zu! Du bist es nicht, — doch Sch bin Du.
Du bist es nicht, Traumkönigin; ©eerofen Trügst du im wolkenschweren Haargeflecht« tlnd bleichen Asphodelos und Skabiosen, Die Janfter sind als purpurdunkle Rächte; Dein Blick ist braun, last deinen Schleier zu! Du bist es nicht, — doch Sch bin Du.
Du bist es nicht, mein blonder Puck; dein Röckchen Sst viel zu kurz für deine Mädchenbein«, Man sieht es doch datz dein hefl Klingelstöckchen Ein Totenköpschen krönt, du freche Kleine; Dein Blick ist stahlblau, latz dein Lärvchen zu! Du bist es nicht, — doch Sch bin Du.
And du, bist du's, du Domino im Spiegel, Sn dessen Blick die Farben meerhaft schwanken. Du maskenlos Gesicht? Zeig her das Siegel, »Das mir ausdrückt den Grund deiner Gedanken! Bin ich das selbst? Ausdruck, du nickst mir zu; Grundsiegel — Maske - Din Sch Du?
Äichtrvende.
Bon Dr. Karl Reurath.
Johann Gottfried Herders Wahlspruch, der auf seinem Grabmal in der Stadtkirche zu Weimar eingemeitzelt ist, umfaßt in drei Worten alles, was unterem Dasein Sinn verleiht und Inhalt: Licht, Liebe, Leben! E-s ist der sinnfälligste und knappste Ausdruck für den innersten Gehalt allen wahren Menschentums. Erne Dreiheit und doch eine Einheit, nicht anders als die Dreieinigkeit, die wir vom Christentum her kennen, die aber auch alle anderen großen Religionsshsteme haben, auch die. die älter sind als der christliche Kult. Wem: wir uns in dies« alten, vielfach mit Märchen und Sagen verschlungenen Äeberlieferungeni versenken, wenn wir den Spuren nachgehen, di« das religiös« Empfinden der Menschheit zu allen Zeiten und in allen Zonen in seinen Sagen, Märchen imb Gebräuchen, vornehmlich auch in feinen religiösen Hebungen, und schließlich in seinem Schrifttum hinterlassen hat, dann sinden wir, daß der tlrgrund aller in Herders Wahlspruch enthalten ist, in den Worten Licht, Liebe, Leben. Was wir heute als Weihnachtsfest, Ostern oder Pfingsten kennen, sind schon in den fernsten Zeiten immer und überall, wo höher entwickelte Menschen beieinander lebten, di« großen Freudenfeste gewesen, bei den alten Asshrern unter Sonnenbrand und Wüstenglut, genau so wie bei den alten germanischen Stämmen, hoch oben in Skandinavien; bei den Persern, deren Gilga- meschepos die Menschwerdung eines Gottessohnes Jahrtausende früher erzählt als das neue Testament und erstaunlich oft mit denselben Worten, wie bei den Babyloniern und denAeghptern. Wir sinden sie dann bei den Griechen, den Römern, ja bei allen Kulturvölkern, die wir kennen. Immer und überall ist die Sehnsucht des Menschen, ist di« Religion eines Volkes aufs innigste verbunden- mit den astronomischen Erscheinungen, ist sie im letzten Grunde eine Symbolisierung des Lichtes in seiner wechselnden Gestalt. Bei den Naturvölkern und den fogenannten Heiden leuchtet das ohne weiteres ein, bei dem Christentum will's uns fraglich scheinen, aber noch ganz kürzlich hat ein so namhafter Gelehrter, wie Artur Drews, den Nachweis versucht, das Evangelium des Lukas als die märchenhaft« Ausgestaltung der damaligen astronomischen Ansichten zu erllären. Viele werden sich Dagegen wehren, obwohl der sittliche Wert des Christentums dadurch nicht berührt wird, aber daß die ganze Darstellung des Lebens und Leidens Christi ungemein viel Züge mit den Jahr
tausende alten Lichtmythen gemein hat, das wissen wir längst, tlnd wie sollte es auch anders sein? Märchen, Mythen, Sagen wandern durch die ganze Welt, befruchten und beeinflussen di« Anschauungen des Volles, gliedern sich mit anderen, früher ererbten zusammen un& bilden schließlich eine so innig verbundene Einheit, daß es selbst den geschulten Forschern nur noch selten möglich ist, di« wahren Quellen zu entdecken, die fremden Einflüsse nachzuweisen, Geschichte, Sage, Mythos nach ihren Wechselwirkungen zu ergründen. Wer von uns, der sich nicht wissenschaftlich mit diesen Fragen beschäftigt, denkt tiefer nach über die alten Märchen, di« von den Gelehrten als die ältesten aller Lleberlieferungen überhaupt angesehen werden? Wenige nur, die mit ihren Kindern in der Dämmerung sitzen und ihnen Märchen erzählen, werden wissen, dah die Geschichte von Rotkäppchen z. B. über Frankreich aus dem Orient zu uns gekommen ist, und wie wenige von diesen wiederum wissen, daß die gange Geschichte ein Lichtmythos ist, daß das Rotkäppchen di« von der Morgenröte ausgesandte Sonn« ist, in der Dämmerung des Waldes schon dem Dämon der Finsternis begegnet, der sie schließlich frißt, bis sie von dem neuen Tag, dem Säger, aus ihrem dunklen Gefängnis befreit wird. Auch viele andere, von uns gemeinhin als deutsch angesehene, aber bei fast allen Völkern nachweisbaren Märchen sind derartige Tages- oder Licht» mhthen, wie auch das aus Frankreich zu uns gekommene Dornröschen eine ist. And nicht anders ist es mit der Heldensage. Siegfried zum Beispiel ist wahrscheinlich im letzten Grund der alte Sonnengott, den die Rächt erschlügt, wie in der nordischen Göttergeschichte die Sonne von dem Fenriswolf verschlungen wird, oder gar wie Baldur, der urgermanische Gott des Lichtes, in mittelalterlichen Legenden noch manchmal mit Christus gleich- gesetzt, von Hodr, dem Gott der Finsternis, getötet wird.
Sm Lauf der Zeit haben natürlich märchenhaste Zutaten, geschichtliche Ausschmückungen und vieles andere, toaS bi Volle» Herz treibt und dichtet, di« ursprüngllchen Keime verdeckt, und erst bte vergleichende Forschung hat sie wieder ans Licht geholt.
Eng verbunden mit diesen Lichtmythen ist der Monat Februar. Sn diesen Tagen tritt die Sonne aus dem Zeichen deS Wassermannes in das höhere der Fische, und deshalb war der Februar bei allen Völkern des Westens von jeher der Monat des neuen, des aus steigenden Lichtes. 2luch in unserer germanischen Vorzeit und bis auf diesen Tag ist er im Volksglauben der eigentliche Lichtmonat, dessen mythische Bedeutung die katho- llsche Kirch-e in Mariä Lichtmeß, auch Mariä Reinigung, bewahrt hat. Es ist der Monat, in dem di« Griechen ihren Dsgs- tationsgott Dionysos in den eleusinischen 'Mysterien feierten, die Römer ihr« Luperkalien, die alten Germanen ihre Fastnacht, di« in allen wesentlichen Zügen miteinander übereinstimmen. Der Februar ist eben, wie sein Name besagt, der Monat der Reinigung, da man den Göttern sein Opfer bringt, damit das Licht siege, da man schon in fernsten Zeiten den Winterdämon höchst feierlich verbrannt«, wie das heut« noch in den Hochburgen des Karnevals geschieht, der gewiß nichts anderes ist als ein letzter Rest der alten heidnischen Frühjahrsfeste. Es ist besonders im Norden eine weitverbreitete Ansicht, daß der Karneval, also unsere Fastnacht (die aber nichts mit Fasten zu tun hat, sondern eine christliche Entstellung aus Faselnacht ist), eine katholische Einrichtung wäre. Das ist ganz falsch; und dies« Meinung konnte nur dadurch aufkommen, dah der Protestantismus ihr Vorschub leistet«, um das lustige Fest mit aller Strenge unterdrücken zu können. Es ist aber nur ein christianisierter Dolksbrauch, wie es Ostern und Pfingsten und Weihnachten ebenfalls ist. Der luftige Prinz Karneval ist der alte, sehr ernsthafte Gott des Frühlings, ist tnr fehren tief verborgenen Wurzeln sicherlich gle'lchbed-eutenL) mit Siegfried, mit Baldur, mit Dionysos, nur sieht ihm unter der bunten Schellenmütze heute niemand mehr an, daß er em legitimer Spross« des Himmels ist.
Als symbolisches Zeichen ihrer ehemaligen Bedeutung haben all« diese alten Lichtgötter, und das ist sehr wesentlich, Zweigs eines immergrünen Busches getragen, bte sich mit der Zeit, als man die Bedeutung nicht mehr erkannte, zu Riemenbunlseln. Britsclien usw. umwandelten. Erhalten geblieben aber ist der Volksglaube, daß die Berührung mit diesen Zweigen oder daraus entstandenen Attributen Fruchtbarkeit verleihe, ein Brauch Der sich in mancherlei Gestalt fast Überall wiedersindet. Dittpr^ssio- neu, FruHtbarkeitszauber hat auch die Kirche aus dem Volks- glauben übernommen und noch mehr. Wie der alle heidnische Glaube, der heute noch in allen Gebräuchen des Bolles und der Kirche nachzuweisen ist, diese Lichtmythen in Spiele ernsten und


