Ausgabe 
16.1.1926
 
Einzelbild herunterladen

Gietzener Zamilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Giehener Anzeiger

Jahrgang (926 Samstag, den (6. Januar Nummer s

Auf eine Lampe.

Bon Eduard Mörike.

Noch unverrückt, o schöne Lamps, schmückest du. An leichten Ketten zierlich aufgehangen hier, Die Decke des nun fast vergessnen Lustgemachs. Auf deiner weihen Marmorschale, deren 2temo Der Efeukranz von goldengrünem Erz umflicht, Schlingt fröhlich eine Kinderschar den Ringelveih'n. Wie reizend alles! lachend, und «in sanfter Deist Des Ernstes doch ergossen um die ganze Form Ein Kunstgebild' der echten Art. Wer achtet sein? Was aber schön ist, selig scheint «S in ihm selbst.

Richard Knies.

Bon Professor Dr. jur. et Phil. Karl Esselborn.

Wie überall, so wirkt sich die ruhelose Hast der Gegenwart auch in den Mitteilungen von Zeitschriften und Zeitungen über noch lebende Menschen aus, di« sich in Wissenschaft, Kunst oder sonstwie öffentlich hervorgetan haben. Früher war es üblich eingedenk der dein Menschenleben von dem Psalmisten gesetzten Grenze ihrer bei ihrem siebzigsten Geburtslage zu gedenken. Später mochte die Erkenntnis, dah nur ein verhältnismäßig kleiner Bruchteil diese Grenze erreicht, bewirkt haben, dah schon zum sechzigsten Geburtstage solche Aufsätze erschienen, wurde doch mit dieser Altersgrenze die Schwelle des Greisenalters überschritten. Aber auch dieser Termin war noch weiter nach unten verschiebbar: fünfzig Jahve bilden ein halbes Jahrhundert, und vierzig Jahre gar find das Schwabenalter, oder wenn man sich klassisch ausdrücken will, die Atme, der Höhepunkt des Lebens. Man könnte die Grenze noch weiter heruntersetzen: ein Dreihig» jähriger hat das erste Menschenalter vollendet, ein Fünfund» zwanzigjähriger das erste Dierteljahrhundert und ein Zwanzig­jähriger, wenn er auch noch ein Jahr auf seine Volljährigkeit warten muß, doch so viel staatsbürgerliche Einsicht erlangt, um sich an den politischen Wahlen beteiligen zu können. Man kann also, wenn es sein mutz, alles begründen. Dah man über einen Menschen, der noch gar nicht geboren ist, schon etwas schreiben Sann, das hat Sterne in seinem Tristran Shandy glänzend be­wiesen, und wenn sich eurer heutzutage auf diese keineswegs dornenlose und überaus unsichere Bahn des Lebens bemüht, so könnte das schon genügen, um sein öffentlich zu gedenken. Erwägt man, welche Aufgaben ein Neugeborener lösen und was er alles dereinst auf bekannten und noch nicht bekannten Gebieten leisten könnte, so wiirde es noch nicht einmal schwer fallen, genügend Stoff zufinden für einen solchen Nekrolog, Venn nach der Anschauung vieler Heiligen der Frühzeit des Christentums ist die Geburt der Beginn des Todes.

Diese Ausführungen sollen aber keineswegs die Gedächtnis- aussätze zu allen möglichen uird unmöglichen an den Haaren herbeigezvgenen Gelegenheiten rechtfertigen, und wenn hier ein» mal aus Sm rheinhessischen Dichter Richard KnieS hinge» wiesen wird, so geschieht das mcht, weil er zufällig am 12. Januar fein vierzigstes Lebensjahr vollendet hat, sondern weil er und feine hierzulande gar nicht genügend bekannten Werke eines Hin» weises verdienen, ein solcher Hinweis aber mehr Aussicht daraus hat, von einer Zeitung ausgenommen zu weiden, wenn er an ein bestimmtes aktuelles Ereignis anknüpft, als wenn er durch die Laune des Schreibers aus der Luft gegriffen zu sein scheint.

Knies ist nicht nur ein Heimatschriststeller. sondern ein Heimatdichter, einer der besten, die wir haben. Wie jede echte Dichtung erlebt ist, so fühlt man bei den feinen deutlich den zwi» scheu ihnen und seinem eigenen Leben obwaltenden Zusammen­hang heraus. Darum ist auch die Kenntnis seines Lebensgangs der Schlüssel zum tieferen Verständnis seiner Dichtungen.

In dem rheinhessischen Dörfchen Offstein bei Worms stand seine Wiege. Sein aus Herrnsheim stammender Vater Adam ÄnieS (1856 bis 1923) war von Beruf Lehrer, seine Mutter, Maria Anna geb. Rack (gest. 1916) stammte aus Rieder-Mörlen. Die Mischung des lebenslusttgen, fröhlichen, zu Scherz und Satire geneigten rheinhessisch-pfälzischen Wesens und des schwer­blütigen wetterauischen kommt tn ihm und in seinen Werken auf das glücklichste zum Ausdruck.

Richard war der älteste von fünf Geschwistern. Von fernem Go- burtsorl besitzt er nur noch den durch die drollige Erzählung feiner Mutter vermittelten Eindruck eines Falles tn den immer* während fliehenden Röhrbrunnen bei dem Schulhaufe Bald

darauf wurde sein Vater die Eisbach abwärts nach Horchheim versetzt. Dort wurde das alte, halb baufällige Schulhaus, »ein prächtiges, geheimnisvolles Schloß feiner Kindheit". Don hier aus versah fein Vater an den beiden schulfreien Nachmittagen die Geschäfte eines BürgermeistereisekvetävS in dem eine knappe Stunde nördlich gelegenen Herrnsheim. Mit seiner Reinerem Schwester und in Obhut der Mutter durfte er den Vater manchmal bis auf die Höhen der Hügel hinter dem Dorfe begleiten. Nach eini­gen Jähren erhielt der Vater die HerrnSheimer Schulstelle. Mit dem Verlassen des alten wackeligen Horchheimer Schulhauses fand das Romanttsche von Kniefens frühester Kindheit fein Ende. Die Horchheimer Kindheitseindrücke, auch die Fahrt in der geschlosse­nen Droschke auf der regennalfen Straße von Worms nach Herrnsheim sowie bie ersten Eindrücke in Herrnsheim, wo er drei Jahre die Vollsschule besuchte und längere Zeit an Ängst­zuständen und Nervenschwäche litt, hat er nachmals poettsch tn der ErzählungDie Gitarre" verwertet.

Nach dreijährigem Besuche der Volksschule besuchte er sechs Jahre lang das Wormser Gymnasium. Da damals noch keine Eisenbahnverbindung zwischen Herrnsheim und WormS bestand, mußte der Weg, der entweder durch Neuhausen oder Hochheim und häuftg zuKrach" mit dem dortigen Schuljungen führte, zu Fuß zurückgelegt werden. Im Herbst bot dasAepfelstrenzen" eine willkommene Abwechselung. Wenn er allein wandert«, träumte sich der Gymnasiast auch schon fabelhafte Abenteuer zu» sammen. Bon seinen Lehrern auf dem Gymnasium vermittelte ihm nur der etwas sonderliche Musillehrer Dr. August Scheuermann dauernde Eindrücke fürs Leben durch die Ehrfurcht und Liebe, womit er Namen wie Palestrina, Mozart und Richard Wagner ausfprach

Mil dem Einjährigenzeugnis verließ Knies das Gymnasium, um in das Bensheimer Lehrerseminar einzutreten. Viel sprach­liche Zucht und überhaupt Gefühl filr N' deutsche Muttersbrache v^da-kte er dein an dem Seminar wirkstrden Poesor Wkl» Helm Siegler, der jetzt in Der.m wirkende Professor Heinrich Werner regte ihn einmal zu einer metrischen Aeberfetzung von Börangers GedichtDie Schwalben" an und der Mathematillehrer. der spätere Kreisschulinspektor Georg Eck, hatte dem für Mathemattk wenig Deanlagten gegenüber stets außerordentliche Geduld und auch sonst viel Feinfühligkeit.

Da Knies nach seinem eigenen Geständnisein sehr ringe- berdiger Geselle" war und das Dichten ihm so langsam im Ge­müt zu wühlen begann, so wurde aus der geplanten Schul­meisterei nichts. Er ergriff schließlich den Beruf eines Geo­meters. Das war mit einer älebersiedlung nach Mainz ver­bunden. das feit 1906 der Schauplatz seines Lebens ist. Gr arbeitete sich wider Erwarten in den praktischen Gebrauch der Mathemattk ein und brachte eS später alS Photogrammeter und Stereophotogrammeter zur Lösung schier unglaublicher Aufgaben.

Eine Anzahl seiner ersten Gedichte sandte er dem Prinzen Emil von Schönaich-Carolath (1852 bis 1908), dessen Werke er als Jüngling schwärmerisch verehrte und liebte. Auf dessen ermunternde Antwort wandte er sich an den ihm räum­lich näheren Landsmann, KarlErnst Knodt (1856 bis 1917). den in Bensheim lebendenWaldpfarrer". Auch bei ihm fand er liebevolle Aufnahme. Wurde er auch von ihm literarisch wenig oder gar nicht beeinflußt, so wurdeder unsagbar liebe und gütige Mann" einegroße wärmespendende Leuchte in seinem Leben". Das Große und Bedeutende in seinem Verhältnis zu ihm lag im Menschlich-Persönlichen und Seelischen. Nach bei seinem letzten Besuche bei Knodt, vierzehn Tag« vor dessen plötzlichem Tode, suchte er bei ihm wie bei einem Vater Schutz vor gewissen dämonischen Mächten, die er damals nicht allein bewältigen konnte. Knodts Schaffen war die literarische Eharakterskizze Karl Ernst Knodt" gewidmet, die als seine erste selb­ständige Veröffentlichrmg im Jahre 1909 (Leipzig, Fritz Eckart Verlag, 2. Äufl., München, Müller u. Fröhlich 1916) erschien. Deine ersten literarischen Arbeiten fanden Knterkunft in Zeit­schriften, wieWestermanns Monatsheften",Daheim",Die Grenzboten",Das heilige Feuer", sowie tn einer ganzen Reihe von Tageszeitungen.

©eine erste tn Buchform erschienene Erzählung ,rH ö r r, ihr Herrn, und laßt euch sagen...", die 1911 bei Kon­rad W. Mecklenburg in Berlin herauskam und 1919 als Nr. 54/55 von »Hausens Bücherei" unter dem TitelH ährafsa und Diebenguldennas" eine zweite Auflage erlebte, spiegelt seine humorvolle und dabei tief innerliche Eigenart vortrefflich wieder. Der Nachtwächter Peter Hinnescheid in einem Dörfchen