Ausgabe 
15.6.1926
 
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Schatten Renrbvandt'scher Bilder noch enthalten, wenn inan einmal genau zusieht.

Aber aus dieser Freude tun Einzelnen, am Detail, muß sich das Auge zurückfiuden zum Ganzen. Es wird mut vergleichend hin- und hergehen, wird versuche», die Beziehungen innerhalb des Bildes Wahrzunehmen, die Zuordnung der Farben, das Gefüge der Linien, der Sinir der Einzelheiten. So rvird dem Auge das Bild von neuem zusammenwachsen, es wird es wieder als ganzes fassen, aber nun nicht um einen Ällgemeineindruek zu haben, sondern mir alles in diesem Bild zusammen zrr sehen. Irr diesen» Blick erst ist die »virk- liche Wahrnehmung des Gemäldes erreicht, das unmittelbare Erfassen all der Färb- urrd Ltnienqualltäten in ihren Beziehungen, durch das Auge.

Nun erst, werrrr dies erreicht ist, wenn das Auge seine Arbeit getarr hat, wenn wir das Gemälde wirklich augenmäßig rvahr- genommen habe», nun erst seht das Fragen ein, was ist dargestellt und wie ist es dargestellt. Diese Feststellungen sirrd nicht mehr allein mit denr Auge zu »rachen, sondern der Verstand muß dazu helfen. In den meisten Fällen kommen wir dabei für die Frage des Was mit Begrifferr arrs, die ganz allgemein eigen sind. Daß dies Käufer, Bäunre, Gebirge sirrd, daß dies eine männliche oder weibliche Gestalt darstellt, daß das die Madonna rmd das der Crucifixus ist, gilt unö als selbstverständlich. Allerdings hat gerade da die modernste Kunst manche Bresche in die Selbstverständlichkeit geschlagen, und die kam durch das Wie der Darstellung. Man sah nicht das gewohnte Bild rmd wurde strrtzig. Aber man sollte nicht gleich ablehnen. Das eindringliche Schauen »rächt da vorsichtig. !lnd bei der Frage nach demWie kann man viel Bereicherung er- fahren. Es ist klar, daß man z. B. die Madorma auf verschiedenste Weise darstellen karr». Der besonderen Weise nachzuspüren, die dieses Bild gibt, braucht es nicht als ein klares Denken und Sehen- körmen.

. Nach alledern, rrach denr emdriirglichen Schauen in all feinen Stufen, hinter denr Erspüren der besondereir Weise der Darsstellung an letzter Stelle kormnt erst die Frage nach dem Künstler, dem Stil rmd der Zeit. Gemeinhin fängt man damit an mrd versperrt sich durch den aufgehäuften Wiffenskram den Weg zum wirklichen Erfassen des Bildes. Dem» zu diesem lehterr gehört Wissen, das sei in aller Schärfe betont rmd gewarnt vor Schwähern, die es meist nrit demGeiste" des Künstlers, der Zeit und denr Stil zu tun haben, lieber den Künstler, den Stil eines Bildes, über die Zeit, in der es entstand und in welcher Weise sie aus dem Bilde spricht, das sind alles Dinge, über die mair sich von denen belehren lassen muß, die das ivissen. lind das zu ivissen, dazu bedarf es vielen Studiums, und um über ben Geist einerZeit oder eines Werkes sprechen zu können, viel zuchtvolten Denkens. Das ist schwer und nicht immer möglich.

Liber diese letzten Dinge sind gar nicht so rveseirtlich bei derBe- trachtung von Gemälden. Ein Bild kam» mich zutiesst anrübreir, auch wenn ich nichts über den Künstler und über den Stil und die Zeit weiß, und alles Wissen kam» es nicht bewirken, daß ich ein le­bendiges Verhältnis zum Bild bekomme, wenn nicht das Ver- mögen des Auges dazu hilft.

Kraft des Auges allen» können »vir ein Bild wirklich wahr­nehmen. Da aber das Gemälde die Formung eiltet Wirklichkeit in ihrer individuellen Gestalt durch die Mittel von Linie und Farbe ist, kann das Auge nicht viel weitet- dringen als zu dem Bild. Durch das Auge fassen wie über den Weg des Bildes Wirklichkeit. Wir fassen sie intensiver, als wie dies sonst vermöge», da in dem Wahr- genommene» die individuellen Züge des Dinges offenbar »»erben, die ben Allgemeinbegriffen in unserem Denken nicht greifbar sinb. Darüber hinaus aber stellt sich noch ein riesengroßes Problem: baß unser Auge die Kr-aft gewinnt, bie Amwelt selber zu meistern, baß bie Hilflosigkeit, mit ber Wir heute allen Einbrücken preis- gegebei» sinb, weiche einer stetige»» bezwingenben Kr-aft. Dann würbe die Großstabt nicht mehr mit ihren» tausenb einfältigen Gewirr an unseren Nerven reißen, wir wären des Taumels von Farbe»» und Linie Wieder Lerr, indem unser Auge die rechten Kartepunkte fände, nach denen sich all das einzelne zuordnet. Denn auch die Großstadt ist kein sinnloses Chaos, sondern trägt Ordnung in sich. Nur, daß wir sie noch nicht sehen. Die Kraft des Auges zu stärken, es zu üben, daß es dieser Aufgabe Kerr »»erben kann, soll an ihrer Stelle bie Bildbetrachtung helfen.

Tsr! Mcrrl« vorr Ws^srs Vszrshungsn' zu Hoffen.

Von Professor vr jur. et Phil. Karl Esselborn.

(Schluß.)

Che aber bieEuryanthe" zum erstenmal in Darmstadt auf- geführt wurde (27. November 1825), weilte Weber noch einmal daselbst. Eilten Besuch in Darmstadt hatte Weber schon zwei Jahre vorher geplant, denn am 13. Februar 1823 schrieb er an Gottfried meinem Kommen im Sommer ist dies Jahr nichts.

Men» Max »st noch zu klein, die Mutter zu ängstlich. Ein Jahr- spater hab rch mir es aber fest vorgenommen." Auf der Rückreise von Bad Ems, wo er von Mitte Juli bis zum 20. August 1824 öur Kur geweilt hatte, führte er den Plan aus, nachdem es ihm aus der Ämrofcnicht möglich war, nach Darmstadt zu kommen", *tnb er wohl am 12. Juli mit feinem Freunde in Frankfurt, wo er »m Weroenhof abstieg, zusammengetroffen war.

Em Brief vom 15. August aus Ems kündigte mit folgenden Worte» fern Eintreffen m Darmstadt an:Lerzlieber BruderI Sonnabend den 20ten August reise ich von hier ab, übernachte in ^i.^bar. Swintag Abend hoff ich in Mainz zu sein, und Montag Mittag bitt ich mich be» Dir zu Tisch in Darmstadt! In treuer Lwbe Dem Weber." Daß der geplante Besuch in Darmstadt wirklich ausgeführt wurde, beweist das Darmstädtische Frag- und Anzergeblatt (Nr. 35 vom 29. August 1825), das Weber unter ben in ber Woche vom 21. bis 29. August angekommenen, ab- und durchgereisten Fremden aufführt.

Zum letztenmal sahen sich die Freunde in Frankfurt a. M., als Weber auf dem Wege nach London durch biese Stadt kam. Am 17. Oktober 1825 hatte er ihm gefchrieben:Wie stehts um Dein Mttressen nach Paris? ich hoffe Du hälffl Wort. So einige Tage tm Wagen beifammen, kann sich vieles loswickeln." Ein Brief vom 23. Januar 1826 konnnt auf die Angelegenheit zurück:Nun ich ... ernfüiche Reifeanstalten mache, wird es immer leider wahrer, daß Du wohl schwerlich mit uns die Reise machen wirst. Vor der Äand nur die Notiz, daß ich den löten Februar abzureifen gedenke, und in vier Tagen Frankfurt zu erreichen hoffe, wo ich einen Tag wegen Geldgeschäfte» bleiben muß. Doch schreib ich Dir noch einmal vor meiner Abreise." Das tat er am 3. Februar, in dem letzten Brief an feinen Freund.Glaubs gerne," so heißt es darin,daß Du aus meinem letzten Brief nicht klug »vurdest, da ich selbst nichts klares darüber zu fchreiben wußte. Wie du aber vergessen hast, mir von der ersten Vorstellung der Curyanthe (27. November 1825) U fchreiben, so hast Du auch vergessen, daß von ber Londoner Reise bie Rede ist ... Ich für meinen Teil werde keine ftnbeguemlichkeit scheuen, um Dich mit uns zu haben, denn bie paar Tage, die ich in Paris fein werbe, werden wir uns kaum fehen, gefchiveige denn genießen können. Deir 16. hoffe ich von hier mit Extrapost, jede Nacht zu schlafen und formt ben 19. in Frankfurt einzutreffen, den 20. da zu bleiben, um Dich zu erwarten, und den 21. wieder abzufegeln". Am 20. Februar fchrieb er von Frankfurt aus an feine Frau:Weber und Loffmam, sind noch nicht hier, und aufrichtig gefagt, ich wollte, fie t«mm gar nicht, damit ich ganz in meiner Ruhe bleiben könnte" (Reife-Briefe an feine Gattin Carolina. Lsgg. von feinem Enkel, Leipzig 1886 S. 82ff.). Aber beide Freunde kamen, und er freute sich des Wiedersehens; denn am 26. Februar schrieb er von Paris aus an feine Frau über bie Zusammenkunft:In Frankfurt hatte ich kaum meinen Brief abgeschickt, als Gottfried Weber unb Loff- ntann ankamen, ba wurde geplaudert, sodaß ich vor Tisch gar nicht auskam." ,

Die Freunde sollten sich nicht Wiedersehen. Am 5. Juni 1826 starb Weber in London. Seine Beziehungen zu Darmstadt wirkten sich noch nach feinem Tode aus. Als ber unter bem Pseubonym Theodor Lell bekannte Schriftsteller Lofrat Karl Gottfrieb Winkler, Webers Freund unb Verfasser ber Texte seiner OpernDie bret Pmtos" undOberon" und nunmehr auch ber Vormund feiner Kinder, des Meistershinterlassene Schriften", bie im Jahre 1828 erschienen, zum Besten ber Witwe herausgab, ba stellte er ben Namen bes Großherzogs Ludewig I. mit einem Wibmungsgedicht von vier Stanzen an bie Spitze ber Ausgabe.Mir ist bekannt," so fchrieb Winkler an ben Darmstäbter Loftheaterintenbanten Freiherrn Ferbinaiib von Türckheirn,baß bieser eble Fürst ben verstorbenen Weber in feinen Werken achtete, unb ber reiche Ankauf der Partitur bes Oberon hat noch neulich einen Beweis davon ge­geben. Sr. König!. Lohei t wünfche ich das Werk widmend als e-ebutzgeist zu übergeben." Der Großherzog nahm die Widmung an, unb mit Schreiben vom 9. Februar 1829 überreichte ihm bet Kerausgebet ein Exemplar.

Derreiche" Ankauf ber Oberonpartitur, auf ben Winkler in feinem soeben angeführten Schreiben anspielt, fanb wahrscheinlich im Oktober 1826 statt, beim an» 20. verfügte ßubewig I. bie Zahlung von 50 Friebrichsbor an Kofrat Winkler in Dresben, und am 24. wurden diesem 501 Gulden 49 Kreuzet überwiesen.

3u Lebzeiten des Großherzogs Ludewig I. erschienen vier Werke Webers auf dem Darmstädter Lofcheater: Abu Lassan mit zwei, der Freischütz mit 34, Curyanthe mit 16 und Preziosa mit zwei Aufführungen. Im ganzen aber erlebten feine Werke daselbst folgende Aufführungen: Abu Lassan 8 (zuletzt 19. März 1926), Freischütz 259 (zuletzt 5. März 1926), Euryanthe 33 (zuletzt 24. Fe­bruar 1907), sowie dreimal in Laus Joachim Mosers Bearbeitung alsDie siebe»» Raben" (2., 5. und 8. Februar 1922), Preziosa 52 (zuerst 9. November 1828, zuletzt 25. April 1923), Oberon 28 (zuerst 8. März 1840, zuletzt 1. Januar 1893), Sivana, bearbeitet von Ernst Pasguö und Ferdinand Langer, 8 (zuerst 11. Oktober 1885, zuletzt 12. Oktober 1890) undDie drei Pintos", ergänzt von Gustav Mahler, eine (am 25. November 1912). Wie häufig dieIubel- ouvertüre" bei festlichen Gelegenheiten erklungen war, läßt sich kaum noch fefistellen.

Zum hundertsten Geburtstag Webers fand in dem Lofcheater vom 17. bis 19. und am 21. Dezember 1886 ein Weber-Zyklus statt, der am ersten AbendAbu Lassan" undPreziosa" und an den folgendenFreischütz",Euryanthe" undOberon" brachte. An dem eigentlichen Festtage, bem 18. Dezember, ging ber Freischütz- aufführung bie Iubelouvertüre unb ein von Direktor Theodor Wünzer gesprochener Prolog Ernst voi» Wildeizbruchs voraus. Em Denkmal besitzt Weber in Darmstadt insofern, als das am 15. Juni 1890 auf dem Mathildenplatz gegenüber von Voglers Wohn- und Sterbehaus enthüllte Abt Vogler-Denkmal sein Nelief- bild neben dem Meyerbeers austveift.

Schristleitung: Dr. Frisör. Wilh. Lange. Druck und Verlag der Brühl'schen Univ.-Brich. und Steinbruckerei, R. Lange, Gießen.