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schiedene Wege zum Ding, den des Verstandes wie den der Sinnes- wahrnehmung, und sollten dessen froh sein und jeden an seiner Stelle
Das Ding, der Gegenstand unserer Wahrnehmung existiert. In seiner vollen Wirklichkeit ist es uns nie erfaßbar, die Fülle ist zu groß, als daß wir sie eindeutig zu fassen vermöchten. Immer nur können wir einiges von dem Ding erfahren, nie das Ding selbst, es sei denn durch eine besondere Begnadung. Darum kann es sich affo hier nicht handeln, wenn wir fragen ob das Auge seinen Gegenstand denn auch wirklich erfasse. _ ,
Auch darum geht es nicht, daß die einzelnen Organe des Sehens richtig funktionieren, also nicht um physiologische Tatbestände. Wenn ich schlechte Augen habe, wenn also gewisse Funktionen des Sehens gestört oder geschwächt sind, kann ich natürlich nicht wirklich sehen, sondern ein Schleier zieht vor allem hin. Wenn ich beim Sehen nicht alles auf diesen Akt konzentriere, anderes noch dabei tue imi> so die Aufmerksamkeit störe, kann ich nicht wirklich sehen, vieles wird mir entgehen, anderes wird nur ungenau wahrgenommen werden. Aber das ist nicht mit der Frage gemeint.
Vielmehr dieses: Die Umwelt trägt ganz bestimmte Qualitäten in sich: Farben und Linien. Sie sind ein Stück Wesen jeden Dinges. Vermag nun das Auge, diese Qualitäten, die Farben und Linien eines Dinges, so zu erfassen, wie sie wirklich sind, d. h. in genau denselben Abstufungen und inneren Beziehungen, wie sie in Gegenstand des Sehens vorhanden sind?
Dies scheint nicht leicht zu sein. Schon der physiologische Befund lehrt, daß int menschlichen Auge ein Sehzentrum vorhanden ist und ein Amkreis, in dem nicht mehr scharf gesehen werden kann. Es roird also beim wirklichen Sehen wesentlich darauf ankommen, daß das Sehzentrum, die scharfe Einstellung des Auges, den Punkt in der Außenwelt trifft, der beit Schlüssel zu den ihn umgebenden darstellt, mit anderen Worten, unser Auge muß, um scharf zu sehen, seine Scharfeinstellung auf den wesentlichen Punkt des Gegenstandes gerichtet haben. , ~
Aber wohin den Blick richten? Die Amwelt tst ohne Grenzen, ohne klar und eindeutig greifbare Gliederung. An tausend Punkten kann unser Auge ansetzeit. Welcher ist der rechte?
Die bedrückende Erfahrung der Hilflosigkeit hat wohl jeder schon an sich selber gemacht. Er braucht sich nur rückerinnern zu wollen, wie eine durchschrittene Straße aussieht, um zu spüren, wie verschwommen der Eindruck war. Das Auge hat nirgends einen Kalt gefunden, von dem aus es den Amkreis mit begreifen konnte. Es war ziellos umhergeschweift, ohne irgendwie eine Scharfeinstellung zu haben, oder aber es hatte einen falschenPunkt fixiert — „er sah unter sich", oder „er guckte in die Luft", sagt man dann wohl. _
Versucht man aber z. B. bei Besichtigung einer Stadt genau und scharf zu sehen, um den Gegenstand wirklich zu erfassen, so er- ntüdet das Auge bald. Die Anstrengung, immer neue Punkte der Amwelt zu fixieren, ist zu groß. Man findet eben nicht den rechten Punkt, auf dem das Auge ruhen und von dem aus es die Amwelt fassen kann. .. .
Dieser Zustand des „Nicht-sehen-könnens" hat feme Arsache m der Angeübtheit des Auges. Sowohl das stumpfe auf einen Punkt starren wie das ruhelose Amherirren der Augen ist nur eine große Hilflosigkeit, man kann seine eigensten Organe nicht mehr gebrauchen, ist ihnen ausgeliefert statt sie dienen zu lassen.
Das „Nicht-sehen-können" ist ein Charakteristtkum unsrer Kulturlage und als solckes zu beheben. Es ist kein angeborener, sondern nur ein saktischer Mangel. Das beweist die Tatsache, daß auch heute es Menschen gibt, die sehen können. Am deutlichsten erkennbar bei den Malern. Das Gemälde ist ja das Ergebnis eines Sehens, einer Augenwahrnehmung. Wer eine Landschaft malt, der muß die Landschaft zuerst wirklich gesehen haben, d. h. er muß ihre Färb- und Linienqualitäten wahrgenommen haben. Diese Wahrnehmung formt der Maler dann in seinem Bild, er „spricht sie aus" mit den Mitteln seiner Kunst. Wie man erst dann von einem Ding sagen kann, es sei blau, wenn man es recht gesehen hat, so kann auch der Künstler erst dann sein Bild von dem Ding schaffen, wenn eres recht gesehen hat. And er muß das in einer viel intensiveren Weise getan haben, als der nur Benennende, weil er ja die Individualität deS Gegenstandes, nicht nur seine Allgemeinbestimmtheit ersaßt. Die Existenz von Gemälden also beweist, daß man ein Ding wirklich sehen kann, denn die Färb- und Linienqualitäten des Dinges in ihrer inneren Beziehung und Abstufung sind im Gemälde klar und eindeutig geformt.
Das Gemälde trägt nun alle die Eigenschaften, deren Mangel wir beim Sehen-wollen der Amwelt als hemmend empfanden. Das Bild ist klar begrenzt; das eben ist ja die Funktion des Rahmens, eine deutliche Grenze zwischen dem zuBeschauenden und dem anderen Ringsum zu sehen. Das Auge findet im Rahmen einen festen Anhaltspunkt, der ihm die äußere Grenze des Sehseldes angibt. Von stlbst wird es durch den nach allen Seiten hin Schranken ziehenden Rahmen zur Bildmitte gelenkt. Der ganze Aufbau des Gemäldes — seine Komposition — ist nun häufig so, daß in dieser Mitte der Schlüsselpunkt des Bildes liegt. So stößt das Auge gleich hierauf den „rechten" Punkt, auf den sein Schauen konzentriert sein muß. Zum mindesten sind aber von der Bildmitte aus die Kaupt- punkte zu finden, sei es, daß sie symmetrisch zu ihr angeordnet sind, sei es daß sie auf irgend welchen Linien sich befinden oder auch nur irgendwie zugeordnet sind. Am diese Kauptpunkte, ob sie nun rational auszuweisen. sind oder nicht — gruppieren sich die übrigen Inhalte des Gemäldes und es entsteht ein ausgewogenes Ganzes, das durch seinen Inhalt auch Sinn bekommt. Das Gemälde stellt ja etwas
dar — und sei es auch im abstraktesten Sinn. Cs ist immer mehr, als ein Kaufen Farbkleckse und Linien.
Wenn ivir also unser Auge auf ein Gemälde richten, so stehen wir nicht hilflos vor einer unendlichen Mannigfaltigkeit ohne Grenzen und Ordnung, int Gegenstand unseres Schauens liegt eine klare Begrenztheit und Ordnung, die unserent Auge Kilfe ist.
Man sollte denken, daß vor einem Gemälde viel mehrMenschen „wirklich" sehen kömtten. Aber dem ist nicht so. Man braucht nur in Galerien Amschau zu halten.
Da hängt z. B. eine Madonna von Raffael. Man liest zunächst das Schild unter dem Bild. „Raffael." Das Wort wirkt Wunder, man spürt ordentlich den inneren Ruck, der „Bewunderung" einschaltet. Ah-Laute werden leise unterdrückt, dann Worte des Staunens: „Wie wundervoll gemalt", dann Arteile: „Ja, der hat malen können", „Ja, diese Zeit, die hat noch etwas gekonnt". And dann ganz zufällig entdeckt man einen Baum im Kintergrund oder eine Blume, oder sieht sich an, was das Kind in der Kand hält. Vor anderen, weniger berühmten Meistern ist man schnell dabei, ihnen Fehler nachzurechnen, der Arm sei zu dünn und das Bein nicht richtig.
Ob man sich einmal die Anwürdigkeit solchen Treibens klar gemacht hat? Irgendwo hat man erfahren, Raffael sei der berühmteste Maler. Also muß man Raffael anstaunen. Daß das ganz öde Nachbeterei fremder Arteile ist, daß man zu feige oder zu wurstig, nachlässig oder bequem ist, ein eigenes Arten sich zu bilden, daran wird man selten erinnert. Oder aber, daß man ganz leichtsinnig, ohne sich die Mühe des Begreifens zu machen, eines Menschen Werk abtut. In Galerien spürt man — oft allzu bitter — die ganze Altkultur unserer Tage.
Ehrfurcht und Wille, ein Werk wirklich zu schauen, sind selten. Diese beiden aber sind die unbedingten Voraussetzungen, soll die Kraft unseres Auges überhaupt wirksam werden. Man kann keinen Menschen zwingen, zu sehen und sich dem nur dem Auge Wahrnehmbaren zu öffnen. Die innere Bereitschaft des ganzen Menjchen ist die erste Bedingung für das, was int folgenden über das Vermögen des Auges gesagt ist. Wem der Wille zu sehen fehlt, mit dem ist es simtlos, über solche Dinge zu reden.
Es ist ganz charakteristisch für die Art, wie wir Bilder beschauen, daß wir sofort dabei reden müffen. Wenn wir gezwungen sind, vor einem Bild fünf Minuten still sein zu müffen, auch nichts zu hören, so wird es uns unbehaglich oder wir werden zerstreut. So wenig sind wir gewohnt, durch das Auge aufzunehmen. Beim wirklichen Sehen ist es ganz unmöglich. In so kurzer Zeit das Gesehene in Worte zu fassen. Selbst wenn, wie bei dem Gemälde int Gegenstand selbst, die Anhaltepunkte für die Abstuftmgen und Beziehungen vorhanden sind. Was so vorschnell von Bildern geredet wird, ist meistens ■—• mit Verlaub zu sagen — Quatsch —, es sei denn, es seien wissensmäßige Angaben über Künstler, Zeit, Stil usw., die aber erst in dritter Linie vor einem Bild gesagt werden müßen. Man erzählt von Carl Iusti, der den Lehrstuhl für Kunstwissenschaft in Bonn inne hatte, und schon durch seinen Beruf aufs inmgste mit Kunstwerken vertraut war, daß er oft stunden- und tagelang qesessen habe, das rechte Wort für eine Augen-Wahrnehmung zu finden, und wer Keinrich WölMn je vor Bilderit sprechen hörte, dem hat es sich tief eingeprägt, wie dieser Mann, so sehr mit seinem ganzen Sein der Kunstbetrachtung verwachsen, um das rechte Wort rang, seinen Augeneindruck den Körer mitspüren zu lassen. Man sollte zutiefst mißtrauisch sein gegen jeden, der vor einem Gemälde schnell mit dent Wort bei der Kand ist. Ein ernstes Kennzeichen, daß das Auge wirklich an der Arbeit ist, heißt Schweigen.
Wenn das Auge auf ein Gemälde stößt, so braucht es zunächst alle Aufmerksamkeit des Beschauenden. Cs muß sich zurechtfinden. Der Rahmen gibt zwar eindeutige Grenzen, aber er umhegt eme große Mannigfaltigkeit. Die gilt es zunächst einmal nnt einem Blick zu fassen. Daraus entsteht ein Allgemein-Eindruck des Gemäldes, wie ihn ähnlich die Anterschrift des Bildes gibt: Madonna mit Kind, Landschaft mit Sonnenuntergang, weibliches Blldnrs.
Nun haftet sich das Auge an den Kauptpunkten des Bildes fest, es konzentriert seine Scharfeinstellung ruhig und stetig auf diese Punkte. Ein äußeres Kriterium für dieses „wirkliche", Schauen wird ein ruhiges Verweilen vor dem Bild sein. Die tritt Kennerblick hin- und herlaufen, sind keine echten Kenner. Wan mag wohl erst den rechten Standpunkt finden müssen, wenn ein Bud schlecht gehängt ist oder eine Glasscheibe blendet, aber dann ist ruhiges Stehen. „ , .....
Bei solch konzentriertem Schauen, wenn alle Aufmerkiamkeck dem Auge zugewendet ist und das Auge scharf die wesentlichen Punkte seines Gegenstandes faßt, in solchen Augenblicken kann man m sich seltsame Dinge spüren. Es ist, als ob sich etivas in unserem Innen, weite, als ob wir leichter, beschwingter würden. Cs gehört em wenig Mut dazu, dem standzuhalten. Dann wird das Bild „lebendig". Wir spüren etwas zwischen dem Bild und uns wirksam. Das kann zutiefft beglücken oder auch erschüttern. Wir können es nicht weiter beschreiben. Es ist nicht immer und wohl auch nicht bei jedem Menschen. .
Sicher aber wird einem solchen ruhigen und emdrmgenden Schauen das Gefüge des ganzen Bildes offenbar, die Kaupffarben, Kauptlinien, denen das Einzelne zugeordnet ist.
Man mag nun das Auge auf Wanderschaft schicken,, daß es all die Feinheiten im Bild entdeckt, den besonderen Schmelz einer Farbe, eine kleine Schelmerei an unbeobachteter Stelle, die einzelnen Lmien eines Baumes, die Lichter eines Raumes, die Kostbarkeit einer Spitze im Gewand der Dargestellten. Jede Ecke des Bildes kann so das Auge absuchen und es wird oft noch vieles entdecken, wo es im Anfang nur ein einheitliches Dunkel sah. Was ist alles im tiefen


