Ausgabe 
15.6.1926
 
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Nundedie noch einmal, fängst du schon wieder an, treibst du mich nicht ins Wirtshaus mit Giften? Dort bin ich sicher vor deinem Maul und dein säuern Gesicht."

And seine Faust schlug auf den Tisch, daß die Teller sprangen. Der Knecht, der eben die Stallschuhe ai» der Schwelle austrat, zuckte weislich zurück, als er das Wetter gewahrte, und das Nikele schoß an ihin vorbei ins Freie.

Komm, Franzsepp, komm, ich bring' dir hernach die Kost auf's Gartenbänkle, in der Küche sind sie am Hettensonnen," raunte das Mädchen dein Bursche», zu und griff ihn ain Kittel.

Der Franzsepp pfiff durch die Zähne.

Kommt's zum Klopfen, so halt' ich den Buckel nicht dazwischen," gab er Bescheid, und sie stahlen sich hinter das Laus. Dort fragte er:Und jetzt sag', ist's dir jetzt ums Nisten, Rikele?"

Da seufzte das Rikele, drückte sich an ihn und erwiderte:

Ja, wenn der Lerr Pfarrer meint, es tät mir besser, so wird die Mutter >vohl schweigen dazu."

Die »litt» schweigen, das erlebt das Elsaß nimmer," lachte der Knecht und faßte sie fester.

Der Lolunder umfing fie n>it seinem starken Duft »ind schwarzen Schatten, And darin berichtete die Tochter von der Anterredung des Vaters nut den, Pfarrer, was sie wußte.

Ein Knall schreckte die beiden auf. Der Bauer >var wie ein Wilder aus dem Laus gestürzt und schnrctterte das Loftor zu, daß die Liihncr in der Scheuer flatterten und schrien, als wäre der Marder unter sie gefahren.

In der Küche lärmte die Bäuerin in ohnmächtiger Wut.

Jetzt stieß sie die Tür auf und rief das Rikele bei Rainen, und dann zeterte sie in den stillen Abend hinaus:Ein Wunder, alle Leiligen bringen das Wiinder nicht zustand, und wem, sie ..."

Nichts für ungut, Forlebäuerin," unterbrach sie der Knecht, schob sich zwischen sie und ihre Rede und fuhr fort:Man soll nichts verreden, imd der Sankt Morand hat schon manchem das Schädel- weh gcnomnien."

Die Frau stutzte. Ihre Lästerung hatte sie schoi, gereut, noch ehe sie ihr die Zunge verbrannt hatte, und jetzt überlegte sie, daß der Franzsepp den heiligen Morand nicht zu Anrecht beschwöre. Ein Wunder hatte der Pfarrer ihnen angedroht. Nun wohl! So gingen sie ihn, entgegen, und zwangen'sie das Wunder, so ivar's verdientes Glück. Der Sankt Morand, der mit den, Rebmesser im Kalender stand und seine Gebeine in, Tal zu Sankt Morand in der neuen Wallfahrtskirche gebettet hatte, der war der Rechte. Der hatte den Wein ins Ta! gepflanzt, der war verpflichtet, ein übriges zu tun.

And sie besann sich, daß der imb jene mit Kerzen und Gelübden zu ihn, gegangen waren, und der eine hatte sein Schädelweh in der Kirche gelassen, und die andere den Fuß mit dem Gebrest in das Loch unter dem Grabstein des Leiligen gestreckt und nach hundert Vaterunser», heil wieder herausgezogen.

Lug um deine Säu', sie lüpfen ja schier den Laden ab," schnauzte sie nach einer Weile den Bursche», an, der verwundert vor ihr stehen- gcblieben >var.

A la bonne heure," murmelte der Franzsepp,ich hab' schoi, gemeint, sie hab' sich die Zunge abgebissei,", und ging seines Weges.

Die Mutter aber »var schweigsam. Eine ungewohnte, unheimliche Stille war in der Küche, so daß es dem Rikele angst und bang wurde neben der Sinnenden. Es begann laut mit dem Milchkessel zu klappern, um den Bann zu brechen.

Aber ehe es sich desse», versah, fuhr die Mutter auf es los und giftete:Was lärmst da toic der Gemeindediener mit seiner großen Trumme! Wenn du heirate», willst, so gibt's anderes zu tun.'Zähl' deine Lemden und lug, wann der Moranditag in, Kalender steht."

Der zwiespältige Befehl machte das Rikele ganz wirr. Es begriff nicht, was der Sankt Morand mit seinen Lemden zu tun hatte, und zugleich schoß ihm ein heißer Strom über das Lerz. Die Mutter hatte so gut wie Ja und Qi men gesagt.

Nun begannen beide, Mutter und Tochter, auf den Bauern zu wirken, daß er mit ihnen zur Stadt fahre, dem Sankt Morand zuliebe. Der Alte wehrte sich, als sich aber die Frau hinter den Pfarrer steckte und dieser, den guten Willen der Bäuerin nützend, ihm bei allen Löllenstrafen die Fahrt anriet, als gar derKnecht meinte, der Sankt Morand tonne ihm von, Schädel- und Gliederweh Helsen, und listig beifügte, das mache den Wein nicht giftig, sondern süffig, da gab sich der Sepp, und eine Zeitlang war eitel Zufriedenheit und gespannte Erwartung im Forlenhof.

Das Korn stand noch de,»So»,»»tag über auf dem Lalm; die Fahrt ward beschlossen. In der Nacht vor der Bittfahrt und dem Wunder, das sie erwarteten, fuhr das Rikele ängstlich und aufgeregt im Lose un,her, bis es für eine Weile beim Franzsepp untern, Lolderbaum Ruhe fand. Dan», kroch es in seine Kammer.

Die Bäuerin lag fiebernd unter dem Federbett. Als sie den Sepp schnarchen hörte, begam, sie sich für sein Leben, sein Leil zu plagen, und rief ihn an. Er stellte sich taub, und da er in, Anverstand ?u schnarchen aufgehört hatte und keinen Schnaufer mehr tat, erschrak die Frau und winselte:Wenn's nur schon Tag wär', mir grauset's! Le, Sepple, sag' auch ein Wort, bist du auch im Reinen mit deinem Lerrgott?"

Der Sepple hatte einen Liter Alten im Leib und stand mit der Welt und dem Limmel just recht gut. And als die Frau in ihrem Kissenhaufen Plötzlich zu schluchzen anfing und endlich gar zu ihn, herüberlangte, da kam eine friedliche Stimmung über die beiden, die sonst wie Katz und Lund lebten, und sie besannen fich auf die alte Zeit.

In aller Lerrgottsfrühe, als die Tagesglut noch säumte und der

Linunel in rosiger Lauterkeit schimmerte, führe», sie der Stadt zu, alle zusammen, dem, der Franzsepp hatte einen Kamerade», gedungen für ven Tag als Knecht und saß mit auf dem Wagen, dieweil er, wie er gesagt hatte, in der Stadt auf der Kreisdtrektio», wegen seiner Reserveübung ettvas zu besorge», habe. Der Bauer hatte ein schiefes Gesicht gezogen, als der Knecht aber die Kreisdirektion auftrumpfte, da hatte er ihn gewähre», lassen.

Wem, sie dich gar acht Wochen zum Militär holen, hernach stell' ich einen andern ein. Oder meinst, das Rikele und ich, wir mögeu's allein machen ohne dich?" brummte er noch vor der Abfahrt.

Da flog ein Blick zu dem Mädchen hinüber, und dann sagte der Bursch:Sell weiß ich, daß Ihr's nicht mache», könnt. And das sag' ich justament dem Kreisdirektor."

Bist du mit ihm in die Kinderlehr' gegangen?" spottete die Bäuerin.

Der Bursch antwortete nicht, sondern knallte mit der Geißel, und sie fuhren gerüttelt und geschüttelt das Tal entlang.

Dick lag der Staub, und als sie eine Stunde gefahren waren, kramte der Bauer nach etwas Trinkbarem und suchte und fand nichts.

Nein, das gibt's nimmer so geschwind, Sepple", suchte ihn die Frau zu beruhigen.

Er grollte einen Fluch ins Vorhemd, saß bann aber gebulbig unb stieß nur zuweilen ben Knecht in bei, Rücken, bannt er den Gaul nicht einschlafen lasse.

Das Städtchen hing wie ein leeres Nest, so verlassen und still an der Lügelwand, von der der Kirchttirm mit bunten Ziegeln herabglänzte. Die Sommerglut zitterte über den Dächern und brütete in den Gassen. Im WirtshausZur goldener, Kanone" stellten sie den Gaul ein. Dann zog der Knecht davon, angeblich auf die Kreisdirektion. Der Bauer ging ein paar Wendgabeln einzuhandeln, die Bäuerin und das Rikele löffelte», ein paar Kacheln Kaffee, und dann stiege», sie zur Kirche hinauf, mit einem Bittgang den Anfang zu mache»,. Am Nachmittag aber sollte der Bauer mit seinem Weib nach der Sankt Morandi-Kirche gehen, die eine halbe Stunde das Flußtal aufwärts aus den Matten auftauchte, weiß und heilig, und im Geruch besonderer Gnaden stand, beim im Steinsarg, der mitten in dem Kirchlein auf vier stämmigen Steinpratzen ruhte, lagen unter verlötetem unb verputztem Deckel bie Gebeine des Leiligen. Der hatte bei, Christenglauben ins Tal gebracht, die ersten Reben gepflanzt unb half von Kopf- unb Gliederschmerzen, so man gläubig eine ber Messingkronen aufs Laupt hob, bie auf feinem Sarg lagen, unb betete unb büßte.

Die Sonne stach, unb weiße Wolken bauschten sich im Westen über den, blaue», Gebirge, ba schlich ber Franzsepp ben Felbweg entlang, ber zwischen Matten unb Rebgärten hinlief. Blank lag bie Moranbi-Kirche in, Sonnenschein, unb die Grillen zirpten betäubend. Als ber Knecht über ben Vorplatz schoß unb so schnell in bas Kirchlein flüchtete, als wäre ein Bienenschwarm hinter ihm drein, bewegte sich drüben auf der Landstraße, im Schatte», der Plantanen, bie Bäuerin einher. Neben ihr beinelte das Rikele. Der Bauer fehlte. Schluß folgt.

Bom Vermögen des Auges.

Von Dr. Ludwig Neundorfer.

Was vermag das menschliche Auge?

Wir nehmen durch das Auge das uns Amgebe»,de in der Weise des Bildes wahr.

Diese Wahrnehmung ist eine unmittelbare, d. h. der Vorgang des Sehens ist einfach, ist nicht zerlegbar oder aus verschiedenen Funktione»» unseres Körpers zusammensetzbar. Wohl kann man den physiologischen Vorgang dieses ^lktes beschreiben, kam, einzelne Teile besonders benennen, aber das Sehe», an sich, dieWahrnehmung mit dem Auge ist unmittelbar.

Das Sehen ist eine der Formen unmittelbarer Wahrnehmung. Andere sind Lören, Tasten, Riechen. Deshalb ist auch das Bild nicht bie einzige Weise, in ber ich bie Welt erfahren kann. In ähn- kicher Weise kann der Ton, der Körper, der Duft mit Wahrnehmungs­weise werden. Das Charakteristische der Augenerfahrung ist, daß sie sich in Farbe», unb Linien vollzieht. Wir sehen also unsere Amwelt durch das Auge als eine farbig und linear bestimmte.

Nehmen wir z. B. die Luft. Sie erscheint dem unmittelbaren Sehen als blauer Limmel, wir haben bestimmte Worte für solche schauende Erfassung der Amwelt, die nur dem Sehenden sinnvoll sind; man wird einem Blinden vergeblich klar zu machen versuchen, was rot, was blau ist. Er wird ganz andere Inhalte mit diesen Worte», verbinde», als ein Sehender. Dem mittelbare», Erfassen durch den Verstand erscheint dieselbe Luft als so und so chemisch zusammengesetzt oder als eine errechenbare Zahl von Aetherschwin- gungen.

Es fragt sich nun allerdings, ob diese unmittelbare Wahrnehmung durch das Auge den Gegenstand auch wirklich erfaßt. Die Wissen­schaft der letzten Jahrzehnte hat sich alle Mühe gegeben, uns die Täuschung durch unser Auge zu beweisen. Aber mit allen ihren vernunftmäßigen unb errechnete», Feststellungen über ben Gegenstand hat sie die Anmittelbarkeit der augenmäßigen Erfahrung nicht Hin­wegschaffen können. Den, Schauenben ist bie Lust immer noch ber blaue Limmel, wenn er auch bie Schwingungszahl ber Wellen unb die chemische Form der Zusammensetzung ans verschiedenen Elementen kennt.

Was das Auge sieht, ist keine Täuschung, so wenig wie bie errechneten ober benkmäßig gefundenen Feststellungen falsch zu sein brauchen. Die Wirklichkeit ist weit genug, um noch viel wider­sprechendere Ansichten in sich tragen zu können. Wir haben ver-