Ausgabe 
15.6.1926
 
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Siebener zamilienblätter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang 1926 Dienstag, den \5. Juni Nummer 48

An den Schlaf.

Bo« 3e& Sternberg, Schwebe vorüber, gütiger Schlaf! Wcht an beit vergeude die köstliche Schale, dem Wachen säst ist. Sondern bringe dem Trostlosen sie, der sich die Hölle des Daseins gräbt ins verbitterte Herz und schleire von Lager zu Lager, ob ein Angeliebter in einsame Kissen weint ihnen allen schenke den Trank des Vergessens! Ich siehe liege int Dunkel: ein nächtlicher See, darin sich die Sterne spiegeln: Doppelleuchben der Liebe.,.

Nicht zusallen last mir das Auge Ich versäumte mein Leben, versäumte ich nur eines Atemzugs Länge von dieser schlummerlofen Nacht,

Das Wunder.

Von Seemann Stegemann.*)

Sie staitden mitten auf dein Gottesacker vor der weißen Kirche. Die Abendsonne schlug durch die Gewitterwolken, die mit zerrissenen Flanken, ihrer Blitze und Donner ledig, über das Tal zogen. Ein greller gelber Schein brach aus dem Gewölk und badete das dampfende Gelände.

Da beendigte der Pfarrer das Gespräch, indem er die Soutane wie ein Weiberkleid aiffraffte und über Pfützen unb Gräber stelzend, zu dem Bauer sagte:Eh bien, wer kein Ohr hat, der muß den Buckel Hinhalten, das ist eine alte Regel. £lnb wenn Ihr das Saufen nicht laßt und Euer Weib nicht das Maul in acht nimmt, ja, dann habt Ihr halt die Sölle daheim, die feurige Sötte. And die hätt' doch noch im andern Leben für Euch Zeit genug, nest-ce pas?

Sprach's und sah wohlgefällig auf den feurigen Schein, der das Tal durchflammte und ihm den treffenden Vergleich eingegeben hatte.

Der Bauer stieg ihm breitspurig nach und schlenkerte ingrimmig den LehmgruNd von den schweren Schuhen.

An der Söll' fehlt bigoscht nicht viel, Serr Pfarr", gab er kleinlaut zu, und fuhr dann, da der Pfarrer schwieg, schlau fort: Da habt Ihr recht, aber der Wein ist nicht schuld daran. Ich trink' ja >mr, um das Gift totzutrinken, das sie mir zu kosten gibt."

Jetzt wird's mir nimmer besser!" schnaufte der Geistliche und blieb so plötzlich stehen, daß der Bauer, hinter ihm dreintrottend, ihn, die Sacken heruntertrat.

Excusez, Serr Pfarr", stotterte er.

Da ist nichts zu exkusieren, meine Strümps' verleiden noch einen Sahnentritt, aber den Lug von dem gottlosen Saufen den verzeiht Euch der Pfarr heut nimmer! And tenez, Sepple, daß Ihr nur wisset, wie's pfeift und geiget: Ihr und Euer Weib seid Futter für des Teufels Zinken, wenn nicht ein Wunder Euch zu Sils' kommt. Schad um Euer Maidle, das Ihr auch noch verderbt! Bringet's unter die Saube, damit es den Krambol daheim nicht länger vor Augen hat, das ist alles, was ich noch weiß. So ---

jetzt kennet Ihr dem Pfarr seine Meinung, und der Pfarr und seine Meinung, die sind beide nicht gestern. Bon soir, Sepple!"

And ehe der niedergeredete Bauer einen Schnaufer getan und Atem geschöpft hatte, stapfte der alte Serr bett Weg entlang, zum Pförtchen hinein, und verschwand in der Sakristei. Sein schwarzer Schatten, vom Sonnenbrand an die Mauer gelvorfen, war flugs hinter ihm drein.

Sepple starrte ihm nach und schnaufte wie einer, der lange unter Wasser gewesen ist.

Kreuzhagel und Rebholz, der hat mir wieder einmal Bohnen­stecken auf dein Schädel gespitzt! Aber Courage hat er, unb sell muß man gelten lassen."

So befreite er endlich Vas beschwerte, verstörte Gemüt, dann drückte er den Filz auf's Ohr und verließ den Gottesacker. Er ging ips Wirtshaus. Dort holte ihn seine Tochter ab, als er nicht heim zur Nachtkost kant.

Ich komm' schon, presstert's Euch mit den geschwellten Erd­äpfeln denn alleweil so?" murrte er und schob sich heimwärts.

Anterwegs machte er attf einmal Salt und blinzelte sein Kittd pfiffig an.

*) Die Novelle erschien in der SammlungSeintkehr" (Verlag der Deutschen Verlagsgesellschaft in Stuttgart) auch in Buchform.

Spät bist du ausgeschlüpft und ich könnt bein Großvater (ein. Aber zu jung heiraten, das ist nichts fiir ein Weibervolk, das nehm' ich an deiner Mutter ab."

Wer redet denn vom Seiraten, Vater?" stotterte das Mädchen, und die Sommersprossen, die auf feiner Nase saßen, ein schelmisches Völkchen, verschwanden in einer brennenden Röte.

Wer? Der Serr Pfarr, und wenn ich dich anschau und seh, wie deine Backen zünden, so scheint mir das Ding nicht weit vom Wege zu sein. Safi du aufs mal schon einen Fuchs im Eisen? Red'!"

Aber, Vater, was denket Ihr auch!" wehrte sich das Mädchen und schupfte in blinder Verlegenheit den dicken rotblonden Zopf, der auf seinem Kopf ein krauses Nest bildet, so hin und her, daß die Strähne sich löste und ihm auf den starken Nacken fiel.

Je nun, der Doppelzentner Erdäpfel driickt dich nicht zu Boden, Wege« dem könntst du das Seiraten schon verleiden," gab der Alte plötzlich wieder gutgelaunt zurück und seufzte dann wehleidig mit lustig zlvinkernden Augen und einem schmerzlich verzogenen Mund: Wenn deine Mutter so fest wär' wie du, Maidle, ich hält' keine ganze Rippe mehr unten« Semd."

Das Mädche« antwortete nichts, es starrte in den weinroten Nachthimmel und schrak zusammen, als sie über den Sof gingen und bie scharfe Stimme der Mutter aus der Küche zu ihnen herüber- schallte.

Aus dem Wirtshaus! Sab' ich's doch gewußt!" rief sie ihnen entgegen.

Der Vater aber hatte just soviel Wein im Leib, als zu einer rosigen Laune vonnöten, und erwiderte der Schmälenden:Aber was der Serr Pfarr gesagt hat von uns, das errätst du nicht."

Was wird er gesagt haben," gab sie scharf zurück,daß bu ein Lump bist, ein Vaurien, ein malproprer Fink!"

So ergoß sich die Lauge über sein Saupt. Aber er merkte, daß die Neugier stärker ivar als der Zorn, und entgegnete:Das wär' justament nichts Neues. Nein, nein, ganz was anderes und dann noch was ganz Besonderes!"

Er lvar in die rußige Küche getreten, und das Mädche« fuhr aufgeregt um den Tisch und warf zwei Sände voll Salz in die Salatschüssel.

Die Mutter nahm sich noch die Zeit, ihm für die doppelte Ladung einen Puff geben, dann herrschte sie den Mann an:Red', was hat der Serr Pfarrer gesagt?"

Da schlug er der kleinen Frau, bie das scharflinige Gesicht nicht von ihm wandte, bie Sände auf die Schultern und sprach:Er hat mir ein Wunder versprochen, und dann käm' alles zum Gute«. Mich tat der Wein nicht mehr regieren, und dich bie Bosheit und das Gift nicht mehr."

Einen Augenblick starrte ihn die Bäuerin verblüfft an, dann schüttelte sie seine Sände ab und blies ihn an:Bringst du das aus demKreuz" heim? Schämst du dich denn vor deinem Serrgott nicht, den Pfarrer und das Sakrament zu schimpfieren?"

Was fährt dir denn jetzt schon wieder über die Leber, Mutter? Wenn ich dir doch sag', daß das dem Pfarrer sei« Wort ist. Sin Wunder, ein veritables Wunder hat er gemeint."

Jetzt wurde die Mutter nachdenklich. Sie schwieg eine Weile, und der Bauer setzte sich und langte in den Salat.

Da trat sie dicht zu ihm und flüsterte scheu:Ein Wunder! Jesus Maria, das kann erschrecklich werden. Mit den Seitigen ist das so eine Sach'. Mir grauset's halber. Jetzt siehst du, Sepple, soweit bist du abgekommen vom Christenweg mit deinem Satffen." And sie tat einen schweren Seufzer.

Dem Bauer überliefen die Augen von dein versalzenen Salat und er schluckte schweigend, lachte in sich hinein und machte einen krummen Rücken, damit der Schein der Küchenlampe ihn nicht verrate.

Auf einmal hob die Mutter den Kopf und fragte:Sat er nicht noch mehr gesagt? Es ist mir so, wie wenn du noch mehr im Sack hättest."

Nichts Apartes mehr, nur daß das Rikele heirate« soll", erwiderte er gleichmütig u«d fischte den Speck aus dem Salat.

Die Mutter aber ließ Brot und Gabel fallen.

Das hat er gesagt! Das Kind aus dem Saus! Wege« mir am End gar! Ab, der kommt mir geschlichen, das wär' mir noch schöner! Kannst dir's einbilden, Maidle!" keifte sie und fuhr dann auf das Mädchen los, das sich duckte wie ein Suh« vor dem Sabicht.

Ja, da kannst bu jetzt giften, was bu vermagst. Wenn der Pfarrer sagt, bei uns im Forlenhofsei bie leibhaftige Söll' im Brand, dann hat's geschellt. Dann nur unter bie Saube mit dem Rikele."

Der Bauer sah schon wieder gewitterhaft drei«, als er so sprach, und nun schrie ihm die Frau gereizt, mit zomblaffen Lippen entgegen; Die Söll', du Lotter, die Söll' bei uns! Der Wein und der Schnaps sind's, die dich verbrennen, das ist unsere Söll'!"