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Me Landschaft, fein Herz zu beruhigen. Mit Frau von Hardenberg verzagte er sich so gründlich, daß beide sich kaum und nur tn steifster Form begrüßten, wenn eine Begegnung unvermeidlich Dar.
„ilmfete Bagatelle naht ihrem Schluß," meinte die Markgräfin, als ihr Gatte eines Abends sich von ihr verabschiedete, „tote unser Emser Aufenthalt. Wir wollen die Sache als Farce zur allgemeinen Belustigung beenden."
Er lächelte fein, etwas doppelsinnig, als er antwortete: „Liebe Wilhelmine, ganz nach Ihrem Geschmack. Sie sind Herrin in Arkadien."
Sobald sie allein war, schrieb Wilhelmine mit verstellter Schrift zwei Briefchen, klingelte ihrer vertrauten Kammerfrau und gab ihr den Auftrag, beide im Geheimen noch am Abend bestellen zu lassen. Die Vertraute machte etirfrt devoten Kni?, beschnüffelte vor der Türe die Briefe auf das genaueste und zeigte sie erst dem Herrn von Pöllnitz, ehe sie den Befehl ihrer Herrin vollzog.
Am anderen Morgen war bei der Brunnenkur die vornehme Gesellschaft in höchster Erwartung, der Klatsch schlug gewaltige Wogen, eine Dame wollte sogar gehört haben, der Markgraf sei bereit, Frau von Hardenberg zu entführen und die Markgräfin habe den englischen Oberst zu ihrem Hof- marschall ernannt ,.. das liehe zum mindesten tief blicken.
Der Oberst hielt aber ein Drieflein in Händen, das in zierlicher Rokokoschrift den Satz enthielt: „Die Dame, die Sie liebt, erwartet Sie ...“ und es war eine Zeit angegeben und eine Laube in dem verschwiegenen Garten des Schlößchens, der vornehmen Kurgästen offen stand.
Und Frau von Hardenberg konnte sich auch kaum vor Ungeduld halten, ohne Aufsehen in den kleinen Park zu gelangen, um dort, von den hohen Hecken verborgen, der Laube zuzu-- streben, denn der Markgraf — es konnte ja nur der Markgraf sein — „wollte" mit dem Schäferstab der arkadischen Nymphe seine Huldigung darbringen." Ihre Kammerfrau flüsterte ihr bei der Toilette zu, man habe Seine Durchlaucht bereits in der Richtung des Schlößchens durch die Straßen gehen sehen.
Angetan mit der Tracht der Bürgerntädchen, kleidsam und zierlich, huschte die Markgräfin in den Garten und kam gerade recht, von einem Versteck aus hinter dem. Sandstein-Amor neben der Laube zu sehen, wie zu ihrem unsäglich komischen Erstaunen der Oberst mit Frau von Hardenberg zusammentraf und keines der beiden im ersten Schrecken ein.Wort der Erklärung fand.
Hätte der Markgraf, der hinter einem kleinen Weingott auf der anderen Seite der Laube verborgen war, seine Kon- tenance gehalten und wäre nicht losgeplatzt in lautem Lachen, dürften die beiden Gefoppten wortlos auseinandergelaufen sein. So trat in ihrer unüberwindlichen Anmut Die Markgräfin vor, schwang einen bebänderten Stab, den einige Rosen schmückten, und sagte ein BerÄein, das sie am Abend vorher gedichtet, um der Sache die verletzende Spitze abzubrechen:
Was euch getrennt und neu zusammenführt,
Die große Welt nennt's eine Bagatelle;
Diel Platz jedoch im Herzen ihr gebühret,
Denn Liebe jagt man nicht von seiner Schwelle.
So endete der Scherz in Ems mit einem kleinen Souper nach Pariser Art; aber die Bagatelle zog, dick geschwollen Den giftigem Klatsch, in die Politik, verschnupfte in London wie in Berlin und veranlaßte ein Schreiben des gestrengen Königs an seine Tochter, „sie möge sich bessern, denn sie habe sich in Ems fürchterlich aufgeführt".
Arrs Weimars klassischer Zeit.
(Angedruckte Briefe der Herzogin Luise von Hessen.
In dem Machest der von Dr. R. Pechel herausgegebenen „Deutschen Rundschau", das in den nächsten Tagen erscheinen wird, wird Hermann Dräuning-Okiavio ungedruckte Briefe der Prinzessin Luise von Hessen mitteilen und ausführlich erläutern, die seit 1775 die Gemahlin des Herzogs Karl August von Weimar war. Diese Briefe, von denen wir mit Erlaubnis des Verlags der „Deutschen Rundschau" hier einige mitteilen, bilden nur die Auslese einer sehr umfangreichen Korrespondenz, die in der Hauptsache zwischen Luise und ihrer Schwester Amalie von Baden geführt wurde. Der Zeit entsprechend, war der Briefwechsel in französischer Sprache gehalten. Hermann Dräu- ning-Oktavio, dem 6ie Briefe auS demPrivatbefltz deS GroßherzogS von Hessen zugänglich gemacht wurden, hat in der Aebersetzung den Sinn der Originale so getreu wie möglich zu treffen versucht:
Weimar, am 21. Juli 1780.
Ich vergaß ganz, Dir zu sagen, während de« Gothaer Hof hier war, wurde ein neues Singspiel von Goethe aufgeführt. Ich glaube, man wird es zu Beginn des Winters noch einmal geben. Alles was von ihm kommt, ermüdet und bedrückt nicht, ja, scheint überhaupt nicht ermüden zu Wunen; denn man wiederholt seine Stücke immer wieder. In Ettersburg ist man eben auch dabei, ein Stück in Szene zu setzen: ich glaube, wir werden bald die erste Aufführung haben.
Weimar, am 5. März 1790.
Erinnerst Du Dich noch an ein Fräulein von Lengefeld aus Rudolstadt, die bei Frau von Stein wohnte? Es war ein hübsches junges Mädchen, die tanzen konnte, wie (unleserlich), so daß es Dir auffiel. Dieses Persönchen hat jetzt Schiller geheiratet, der gegenwärtig Professor in Jena ist. Es ist arg schade um das hübsche Kind ... Goethes Tasso! Mir scheint es ein aaußergewähnliches Werk zu fein, und das beste, was er ieben hat.
Weimar, am 28. Juni 1790.
Ich empfehle Dir ganz besonders, so schnell wie möglich, den Doktor Faust zu lesen. Wenn Du dann nicht ganz begeistert bist, nicht ganz außer Dir, nicht ganz aus allen Angeln, nicht ganz aus dem Häuschen, usw., usw., wenn du bann nicht ein* gestehst, daß es ein Meisterwerk einzig in seiner Art ist, daß, Werde ich vor Erstaunen starr fein, in mein Nichts zurückfinken und in Ohnmacht fallen.
Weimar, am 30. Oktober 1791.
Sage mir doch, ich bitte dich inständig, was man bei Euch von diesen Franzosen hält, besonders von dieser National-Der- sammlung. Hat man darüber eine hohe Meinung und findet man einzig, was sie tun? Der König spielt gewißlich die erbärmlichste Rolle, die man sich nur denken kann. Wäre jemand arideres an seiner Stelle König gewesen, so wäre es nicht so weit gekommen.
Ich muß gestehen, daß die Franzosen mich nervös machen. Ich habe mir nie viel aus ihnen gemacht, und mache mir heute noch weniger aus ihnen. Ohne Zweifel handeln sie in ihrem besten Interesse, wenn sie sich die Privilegien, die sie früher besahen, wiederholen . Aber sie sollten sich damit begnügen und jetzt nicht die Freiheit mißbrauchen. Der dritte Stand wird an die Stelle des Adels rücken und dieser an seine. Denn Gleichheit wird es doch niemals geben: die Reichen werden immer wieder mit den Reichen gemeinsame Sache machen. Auch dieser abscheuliche dritte Stand wird ganz gewiß nicht in einen Topf geworfen werden wollen mit den Klassen unter ihm. Ansere Schöngeister sind nicht besonders erbaut über die Leuchten der Nationalversammlung. Nur Knebel hat immer noch Hoffnung; aber dazu ist er schließlich verpflichtet, denn er hat ja die französische Nation bei Ausbruch der Revolution unter feinen Schutz genommen und sie gegen alle Welt mit einer unglaublichen Wärme verteidigt. Wirklich, manchmal könnte man sich darüber totlachen. Aber seit einiger Zeit bekommt er es ihret- tosgen ein wenig mit der Angst zu tim. Ich habe ihm bereits ein „National"-Kamisol und einen „National"°Fächer zum Geschenk gemacht. Wenn Du irgend etwas Neumodisches unter diesem Namen findest, was für einen Mann patzt, und was nicht zu teuer ist, so schicke es mir bitte. Ich möchte es ihm dann geben und ihn damit wieder an seine Schützlinge erinnern.
Weimar, am 6. November 1793.
Mein Gott, wie mich diese arme Königin (Marie Antoinette, am 16. Oktober 1793 guillotiniert) dauert! In einem fort muß ich an sie denken! Was hat sie doch für ein gräßliches Schicksal erduldet! Vier Jahre in Kummer und Elend den abscheulichsten Demütigungen ausgesetzt sein. Endlich noch von der Hand dieser Henker und auf die schändlichste Art das Leben lassen zu müssen! Dazu noch die letzte Anklage, die einen vor Entsetzen schaudern läßt! Das Eine wenigstens ist gewiß, feit der Revolution hat sie eine selten zu findende Seelengrötze bewiesen. Daß sie diese Charakterstärke bis zum Augenblick des Todes bewahrt hat, ist wahrscheinlich ein Trost für alle, die ihr .Unglück und Schicksal beklagen ... Wie lange sollen denn noch all diese Abscheulichkeiten und Schandtaten dauern, die dieses entsetzliche. Volk begeht? Weißt Du nicht, welchen Eindruck diese Nachricht auf die französische Armee gemacht und ob sie ihre Entrüstung zum Ausdruck gebracht hat? Ist es wirklich wahr, was die Zeitungen schreiben, daß drei französische Regimenter zu den Oesterreichern übergegangen find?
Weimar, am 30. Dezember 1803.
... Herder ist am 18. gestorben . Ich kann Dir gar nicht sagen, tote sehr mich sein Tod betrübt und wieviel Kummer er mir verursacht! Es ist ein wirklicher Verlust! Es ist schwer, sich vorzustellen, daß jemals wieder ein solcher Mensch geboren wird, der soviel vorzügliche Eigenschaften in sich vereinigte mit solchem Talent und solchem Wissen. Gr wollte gern noch leben. Mer gerade zu Beginn seiner Krankheit tat er sehr wenig dafür, fern Leben zu erhalten, weil er es nicht in so großer Ge- sahr glaubte. Als er sich endlich davon überzeugte, war es schon zu spät. Seine Familie ist sehr zu bedauern.
... Frau von Dtaeil ist eine ganz außergewöhnliche Frau. Es ist mir sehr angenehm, ihre Bekanntschaft gemacht zu haben; denn ich habe niemals eine so merkwürdige Mischung in einem Menschen gesehen, wie bei ihr. Sie Hat einen äußerst durchdringenden Geist und sagt die geistvollsten, oft treffendsten Dinge. Oft fragt sie auch Sachen, die ein tiefes Gefühl verraten, Sie spricht übrigens über alles und versteht es, einen jeden mit ihren ziemlich gewöhnlichen Manieren imd ihren oft unverschämten, um nicht mehr zu sagen, Betragen auszusöhneu. MU einem Wort, ich habe niemals ete derartiges Nebeneinander in einem Menschen gefunden. Ditte, verrate mich ja nicht mit dem, was ich Dir über ihr Aeutzeres gesagt habe.
Vchristleitung: vr. Kriedr. Witz. Sang«. —"vruck «ch DeÄag der Brühllfchen Äniv.-Buch- und Steindruckerei, R. Suu-r,


