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Ewig schwanken sie -wische« Gpikur und Sitxt, zwischen 2ln- läufen $ur Fühllosigkeit und dem Horazischen Carpe diem, dem verfeinerten Genutzteben. ..Unterhalte dich," mahnt Friedrich die Schwester; „wenn wir tot sind, dankt uns8 keiner für unsere Enthaltsamkeit." Aber was Hilst solche Betäubung der Sinne, toenn der Tod einen Freund dahinrafft, wenn zunehmende KränWchkeit sie quält und besonders Wilhelmines Dasein mehr und mehr zerrüttet; wenn die Bürde des Amtes Friedrich brückend wird? Da find rauschende Vergnügungen kein Trost; selbst die Geselligkeit mit dem Diamantfeuerwerk des Esprits licht das Herz kalt. Rur die Musik öffnet beiden noch eins Morte zu einer tröstlichen Lieberwelt. „Es ist etwas Göttliches tn der Musik," schreibt WWelmine dem Brüder, „das die Seele bewegt, indem es die Sinne rührt." Weinen mich sie, wenn sie schöne Musik oder sein Mtenspiel hört, find auch Friedrich findet in der Musik die Wollust der Tränen. „Wehe denen, die nie die Wonne der Tränen empfunden haben!" ruft et aus.
Wenigstens eine Ablenkung von nagendem Schmerz ist auch die Arbeit. „Indem man seine Gedanken auf einen anderen Gegenstand richtet," schreibt Wilhelmine, „lenkt man sie nach und nach von seinem Schmerz ab." Aber mit dieser Ablenkung wächst die Spannung zwischen Weltanschauung und Tat, zwischen Fühlen und Denken nur noch mehr, und als im Siebenjährigen Krieg Anglück über sie hereinbricht, werden sie zu verzweifelten Lebensmüden, die mit äußerster Anspannung von Geist und Willen um ihr Leben und ihre Selbstbehauptung kämpfen. Da wird diese Spannung so widersinnig und unerträglich. daß sie sich schließlich in dem Vorsatz freiwilligen Todes löst ...
Aber es blieb beiden noch eine letzte heilige Stätte, der Tempel der Freundschaft. 3e mehr andere Freunde dahin- starben oder untreu wurden, desto kostbarer wird ihnen die Freundschaft zwischen Bruder und Schwester. Sie bietet beiden nicht nur Ersatz für die Geschlechtsliebe, der Friedrich feit seiner Thronbesteigung ganz entsagt hat und auf die Wilhelmine, ewig kränkelnd, an der Seite eines flatterhaften Gatten hinwelkend, wohl auch nicht mehr rechnen konnte; sie wird beiden zum Lebenselement. Die Gegenwart kennt diese Freundschaft kaum noch, aber diese beiden Geschwister, die geistig im Altertum lebten, empfanden sie elementar. „Du bist das einzige Wesen, dem ich zwanglos mein Herz öffnen tonn“, beteuert Friedrich in einem der letzten Briefe vor Wilhelmines Tod. And sie lebt, so krank sie auch sein mag, unter seiner Freundschaft wieder auf „wie eine Fliege im Sonnenstrahl".
Freilich hat diese übersteigerte Freundschaft auch ihre ernsten Gefahren. Immerfort beteuert einer dem andern, fein eigenes Leben und Glück sei nichts wert, aber das des andern unendlich kostbar, und er könne daher den Tod des andern nicht überleben. Sie spielen so lange mit diesem Gedanken, leben sich derart in dies Gefühl ein, daß Friedrich im (Sieben* Mrigen Kriege, als der Zusammenbruch Preußens ihm unabwendbar erscheint und er in den Tod gehen will, es ganz natürlich findet, daß die Schwester ihrem Leben gleichzeitig ein Ende macht. And sie erklärt fest: „Dein Schicksal wird auch das meine fein. Ich werde dein Anglück und das meines Hauses nicht überleben." Aber sie behält wenigstens einen kühleren Kopf, richtet ihn durch ihren ernsten Zuspruch wieder auf: „Je größer das Anglück, desto nötiger bist du." And dank diesem Zuspruch und dank seinen Siegen kehrt sein Selbstvertrauen zurück — zu seinem und Preußens Glück. Wilhelmines zerrüttetes Dasein aber hat in diesen Monaten den Todesstoß empfangen; sie haben, wie sie selbst schreibt, ihr Leben „um viele Jahre gekürzt" ... Sie verflackert wie eine verlöschende Lampe, und an dem Anglücksiage von Hochkirch, an dem auch der Fekdmarschall Keith, Friedrichs bester Heerführer, fällt, stirbt sie wie ein Held — nicht des Krieges, aber des Leidens. Dies Zusammentreffen war vielleicht ein Glück, denn gerade nach dieser Katastrophe muhte Friedrich, wie er selbst sagt, „den Kopf oben behalten". So überwand er die neuen Selbstmorbanwandlungen, die ihm damals kamen.
Zehn Jahre später erbaute er ihrem Andenken den noch stehenden FreunbsHa.ftstempel in Sanssouci, (das Pendant zu dem Mausoleum einer anderen Heldin des Leidens, der Kaiferm August« Diktoria), in dem ihre Marmorfigur sitzt, während Bilder berühmter Freundschaftspaare die Schäfte der Säulen schmücken.
Diese Freundschaft ist nicht nur als menschliches Dokument ergreifend, sie ist auch von höherer Warte tief aufschlußreich, denn Friedrich und Wilhelmine waren nicht nur Kinder, frm* beim auch Spitzen ihrer Zeit, nicht weil sw aus dem Throne saßen, sondern weil sich in ihnen bereits eine Geistesverfassung verkündet, Sie bald allgemein wurde und zu einer tiefen seelischen Umwälzung führte. Es brauchte nur ein Genie wie Rousseau zu kommen, das an den gleichen inneren Wirrnissen litt, um den Ausweg aus diesem Bankrott der „Aufklärung" zu finden. Abwendung von der AebeÄultur, von der Suprematie des Verstandes, Hingabe an das Gefühl bis zur Empfindsamkeit, Hinwendung zur Sahir, zum Volke, zum Schlichten und Natürlichen, ein neues religiöses Empfinden waren Me notwendige Reaktion gegen den Geist der Aufklärung, teils bis zum gegen* teiligen Extrem umschlagend. Die Ansätze und Voraussetzungen zu dreier Entwicklung waren, tote wir sahen, sowohl bei Friedrich als auch bei feiner Schwester vorhanden, aber Wilhelmine er
lebte Rousseaus Wirken nicht mehr, und Friedrich, obwohl et Rousseau hochherzig ein Asyl bot, ist von ihm nicht mehr berührt worden, zumal dieser ihn durch persönliche Wunderlichkeiten gegen ihn einnahm. Als Friedrich aus dem Siebenjährigen Kriege heimkehrie, war er seelisch erschöpft und zu alt, um noch umzulernen. Er blieb im Banne Voltaires, der feinen Geist gebildet hatte. Am so stärker und nachhaltiger aber wurde das junge Geschlecht von Rousseau beeinflußt, allen voran der Dichter des „Werther".
D:s BagÄtsLe.
Ein Rokokogeschichtchen
von Alexander von Gleichen-Rutzwurm.
Am die Mitte des 18. Jahrhunderts war in Bad Ems eine heiter gestimmte Gesellschaft vereint, die sich um jeden Preis zu unterhalten gedachte. v
Herr von Pöllnitz, der an allen Höfen weidlich! bekannte preußische Kammerherr, schlenderte mit Frau von Hardenberg auf der sogenannten Promenade, einem Aferweg an der Lahn, den die Kurgäste mit den ortseingesessenen Schweine- und Gänseherden teilten. Die Rokokoeleganz hatte leicht einen Stich ins Ländliche.
„Der Markgraf hat mich ausgezeichnet, Pöllnitz", sagte die Dame, die zum Hof König Georgs in London gehörte, und, obwohl sie eine Hannoveranerin war, geflissentlich die englische Mode zur Schau stellte. „Gestern wieder so stark ausgezeichnet, baß ...“, sie senkte den Kopf, die Schminke gestattete ihr Nicht, zu erröten.
... „daß Sie eine Bagatelle im Anzug glauben", vollendete Pöllnitz. Bagatelle nannte man damals jenes Liebesspiel, daS sich zwischen Flirt und Leidenschaft bewegte.
„Mein Freund, der Oberst, hat mir bereits eine Szene gemacht, vor Eifersucht. Was soll ich tun? Die Diplomaten in Berlin haben bereits davon gesprochen."
Pöllnitz machte ein ganz verschmitztes Gesicht und sagte: „Markgraf Friedrich von Bayreuth ist ein Fürst, der zu leben versteht, und ein sehr schöner Mann."
„Aber der Zorn der Markgräfin, sie ist die Tochter deS Königs von Preußen." . .
Frau von Hardenberg gab sich gern diplomatische Bedeutung. „Es wäre doch schlimm, um einer Bagatelle wegen die politischen Fäden zu verwirren."
Das Sonnenschirmchen hochgehalten, sah man die Markgräfin Wilhelmine mit ihrem Gefolge kommen. Etwas gelangweilt ging der Markgraf neben ihr, sprang über ein vorgelagertes Schwein und lachte. „Anhöfliches Pack, so ein Tier weiß nicht einmal, was ein Markgraf ist."
Wilhelmine übersah und überhörte diesen Seitensprung geflissentlich. „Friedrich," meinte sie, „wir müssen eine Heine Unterhaltung erfinden. Diese steife Hardenberg ist zu komisch. Machen Sie die Dame ihrem Oberst abspenstig."
„Ich finde sie scheußlich."
„Am so besser. Der Scherz wird um so ausgiebiger. Sie alte Klatschbase Pöllnitz kann Memoiren darüber schreiben. And die Tugendhüter in Berlin ärgern sich schwarz."
„Wilhelmine, Sie haben recht. Eine gespielte Bagatelle, die nicht einmal Bagatelle ist, wird in Srns erweitern. En avant I“
Sie Gruppen begegneten sich, förmliche Verbeugungen inmitten der landschaftlichen Idylle, leichtes Gespräch mit begin- nenbem Geplänkel, der Markgraf trennt sich mit der aufgetakelten Same von den übrigen, Wilhelmine und Pöllnitz fangen den englischen Oberst ab, der verzweifelt seine Schöne sucht und kaum die nötige Haltung aufbringt zu gepflegter Rokoko-Konversation.
Doch Wilhelmines Liebenswürdigkeit gewinnt ihn. Ser Flügeladjutant ihres früheren Bewerbers — denn fast wäre sie, anstatt Markgräfin zu werden, Königin von England geworden — steht bald in Gefangenschaft der heißen Blicke, die auf ihm, dem tief leidenschaftlichen, wenn auch äußerlich kühlen Engländer, die schöne Frau lächelnd ruhen läßt. Er hofft hier und will sich dort an Frau von Hardenberg rächen; die Intrige beginnt. Herr von Pöllnitz setzt sich auf eine Gartenbank, die in der Vergessenheit der Promenade steht und scheint zu zeichnen. Die Markgräfin sagte ihm später nach, er habe Notizen gemacht.
Zur Anterhaltung sämtlicher Kurgäste, deren Hauptver- g,trügen im Beobachten des fürstlichen Paares und der Frau von Hardenberg bestand, denn diese galt für König Georgs Geliebte und wurde in der Londoner Gesellschaft „der Haifisch" genannt, ging der flotte Markgraf mit Feuereifer an die Eroberung der alternden Kokette. Man wunderte sich! ein wenig über seinen Geschmack (manches junge Frauchen hätte gerne angebandelt) und über die rührende Nachsicht der Warkgräsin. Oder sollte sie sich mH dem strammem englischen Oberst trösten? Manche hörten beide zusammen englisch sprechen und lachen. Pöllnitz gab mysteriöse Andeutungen, wenn ihn Bekannte aussorschten, man wußte, dah er einen dicken Brief nach Berlin an die Königin gesandt hatte, und alles in EmS war voller Wichtigkeit.
Der markgräfliche Scherz gelang von Szene zu Szene immer besser, Frau von Hardenberg wußte vor Einbildung über ihren vermeintlichen weiblichen Sieg gar nicht, was sie machen sollte, und der Oberst ging wie ein verliebter Jüngling weit hinaus in


