Ausgabe 
15.5.1926
 
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Eichener jamilienblatter

Unterhaltungsbeilage zum Gießener Anzeiger

Jahrgang (926 Samstag, den (5. Mai Hummer 59

Erinnerung.

Von Ricarda Huch.

Einmal vor manchem Jahre war ich ein Baum am Bergesrand, und meine Birkenhaare

kämmte der Mond mit weißer Hand.

Hoch übern Abgrund hing ich windbewegt auf schroffem Stein, tanzende Wolken sing ich mir alS vergänglich Spielzeug ein.

Fühlte nichts im Gemüte weder von Wonne noch von Leid rauschte, verwelkte, blühte;

'm meinem Schatten schlief die Zeit.

Weltuntergang.

Bon Ricarda Huch.

Daß am 13. Juli 1599 die Welt ein plötzliches Ende nehmen, Nämlich untergeh-en würde, schien durch einen Komet oder Schweisstern, welcher in der Nacht genannten Tages auftreten und seiner unregelmäßigen Natur zufolge blindlings zwischen die friedliche Ordnung der übrigen Himmelskörper fahren sollte, allerdings klar bewiesen, so daß ich, der Mathematik und Astro­nomie Professor, bewandert und erprobt in diesbezüglichen Untersuchungen, wohl befugt war, meine und anderer Gelehrten Wahrnehmung dem Pastor Wolke, meinem Freunde, mitzuteilen, was ich um so unbedenklicher tat, als ich selber dem bevor­stehenden Ereignisse mit dem Gleichmut des guten Gewissens «ntgegensah. Ich hätte freilich wissen können, daß dieser heilige Mann, welchen der feurige Geist Gottes erfüllte und wie einen Irrwisch umtrieb, damit er den Menschen als Warnungszeichen diene und sie nicht im Moraste ihrer Sünden versinken und ver­faulen lasse, einen so wichtigen Vorfall nicht ungenützt würde Hinsehen lassen, wenn ich auch nicht voraussehen konnte, was für eine Lawine sich aus meinem Mrmdvoll vertraulicher Worte zusammenrollen sollte.

Gin herzlicher, unschuldiger und aufrichtiger Mann war Pastor Wolke, auch fröhlich, dem die leichtsinnige Jugend den Damen Jammerbold nur deswegen gegeben hatte, weil er in seinen Predigten die Keppigkeit und allgemeine Gottlosigkeit der Äkenfchen zu bejammern Pflegte, die er sich nicht aus miß­günstiger Bitterkeit oder sauertöpfischer Gesinnung, sondern aus richtiger Erkenntnis Gottes und Mitleid mit der verteufelten Welt zu Herzen nahm. Obgleich sich in der Regel diejenigen verhaßt machen, die den Epikureer aus seinem Sinnesrausche wecken, genoß doch Wolke unbegrenzt« Verehrung, und seine Kirche war nicht nur immer voll, sondern wurde auch von den reichsten und vornehmsten Familien besucht. Diese, unter denen Herr Mümmelle, der Pelzkönig, und der Färbereibefitzer Dchwämmle, genannt das Dukatenmännchen, weil er sich gern mit goldenen Ketten und Schaumünzen recht sichtbar behängte, die gewaltigsten waren, hielten sich Mar nicht an die Vorschrift der Wolleschen Predigten, bekundeten aber ihre christliche Tüch- ttgkeit durch fleißiges Anhören derselben. Gin viel weniger präch­tiges Publikum Hatte der Lustbold, der so recht im Gegensätze gt Pastor Wolle zu einem frohen Genüsse des Lebens auf» ierte, was er mit viel Scharfsinn aus Dibelstellen und Ans­en frommer Personen und Kirchenväter als durchaus christ» , ja gottgefällig hinzustellen wußte. Die Anhänger Wvlkes betrachteten dies Treiben mit Mißfallen, während es anderer- seits den Freunden des Lustbolds zum Aergernis diente, daß Wolkes Frau eine Wirtschaft führte, die mit seinen Grund­sätzen nicht im Einklang zu bringen war; denn sie, eine stattliche Dame aus angesehener Kaufmannsfamilie. trieb auf eigene Hand ein großes Prunken und Verschwenden, kleidete sich in Pelz und Sammet und Seide und würzte ihre Küche mit allen Selten­heiten, die flottenweise in den Hafen unserer Stadt eingeführt wurden. Der arme Mann war aber mit seinen Gedanken und der Sorge um die Gemeind« so vollauf beschäftigt, daß er keinen Einblick in feinen Haushalt hatte, wozu noch kam, daß seine Frau, klug unb sein, wie sie war, sein arglches Gemüt dadurch zu täuschen wußte, daß sie sich über das wÄtltehe Wesen b« wchermi häufig mit Entrüstung verbreitete und ihr« eigene Verachtung 6e8 törichten Krams mit vielen hochtrabenden Worten beto«Ä

So möchte jeder in feinen Sünden fröhlich weiter dahrn- gefahven sein, wenn nicht der Weltuntergang tote eine Kanonen­

kugel in die faule Brühe geschlagen wäre. Ja, jetzt merkte man erst, wie der Alte predigen konnte! Mit feiner tapferen Ras« hakte er die Leute fest, daß sie stillhalten und ihn anfehen mußten und leiden, daß feine kleinen flammenden Augen ge­schwind durch sie hindurchliefen und alles sahen und merkten bis in den hintersten Schlupfwinkel, daß er es herausholte und an« gesichte der ganzen Gemeinde wie alte Pluderhosen ausklopfte, daß der Staub flog und die Löcher llafften.Ihr kommt hierher, um zu Gott zu beton?" rief er.Das Geld ist euer Gott! Was habt ihr lieb, was ist euch wert, wofür kämpft ihr, wofür arbeitet ihr, was beschützt ihr? Wenn ich von euem Kindern absehe, die ihr wie der vernunftlose Affe auf Kosten der übrigen Mensch­heit vergöttert, bleibt nichts als das Geld, das Geld, das Geld. An Geld denkt ihr, von Geld träumt ihr, um Geld betet ihr. Gott hat euch! die Gedanken als Engel der Anbetung in euer Haupt gegeben, ihr habt sie zu Aasgeiern gemacht, die auf stinkendes Geld stoßen. Denkt euch," sagte er,ihr kenntet eine Insel, die jeden Herbst vom Meere verschlungen würde, und ihr sähet im Frühling Menschen kommen, die sie besiedelten. Sie rodeten Bäume, sägten Holz, schleppten Steine, bauten Häuser, zankten sich, wer mehr hätte und regieren sollte, schlügen und pufften sich, daß Blut flösse, spuckten sich ins Gesicht und stießen sich gegenseitig ins Wasser. Ihr würdet gewiß aus vollem Halse schreien: Seht die Narren! die Bösewichte! seid aber weder besser noch klüger als sie. Auch eure Insel wird unter« gehen, und ein Schiff wird euch nach dem jenseitigen Strande führen, aber von eurer Habe dürst ihr nichts mitnehmsn, damit es nicht zu sehr belastet wird. Dann könnt ihr eure Diamanten und Perlen auf die Straße werfen, nicht einmal der Kehricht­sammler wird sich danach bücken, lind eure Person, ist sie denn

wert, das Schiff auf seinem weiten, gefahrvollen Wege zu be­schweren? Wer seid ihr denn? was könnt ihr denn? Pasteten essen und Malvasier trinken, solche Künste florieren drüben nicht. Im Geisterlande gilt nichts als Lieben, Schauen, Schwingen und Schweben."

Der Zuhörerschaft, welche von den letztgenannten Fertig­keiten bisher wenig gehalten hatte und durchaus nicht darin bewandert war, tropfte ein kalter Schweiß von der Stirne; in­dessen als sie aus der Halbdunkeln, durchräucherten Kirche ins Freie traten und das Meer sähen, wie es sich unter dem hohen sonnigen Himmel glitzeimd hin und her wälzte, daß die stattlichen Segel taumelten, faßten sie noch einmal Mui und meinten, daß die Sache wohl nicht so dringlich wäre. Hingegen waren die armen Leute, Arbeiter. Bedienstete, Bettler und Vagabunden, ganz durchdrungen und entzündet von den Worten des Jammer» bolds, wallten singend durch die Straßen und wiesen jede Zu­mutung, sich nützlich zu beschäftigen, mit Verachtung zurück, so daß die Beständen sich außerordentlich behindert fühlten und den Pastor Wolle unter der Hand ersuchten, er möchte doch das Volk zur Arbeit ermuntern, da ja treue Pflichterfüllung in Gottes Augen nicht anders als wohlgefällig fein könnte. Damit hatten sie nun freilich nicht das Rechte getroffen.Glaubt ihr," sagte er,Gott hielte eS für eine wichtige Angelegenheit, daß euer Rindfleisch zur rechten Zeit gebraten auf den Tisch kommt? und daß eure Stuben am Samstag gescheuert werden und eure Haube nach der Ordnung gefüttert wird? Ihr solltet lieber den ganzen Trödel verbrennen, damit ihr der Sorge dafür ledig seid imd endlich an das denken könnt, was not tut Diese Predigt hielt der Jammerbold auf dem freien Platz vor der Kirche von einer steinernen Kanzel herunter, welche an der Außemnauer angebracht war; denn der Zulauf war so groß, daß die Menge in der Kirche nicht Platz gehabt hätte, und obwohl zuweilen ein Regenschauer den Leuten ins Gesicht schlug, da es ein warmer aber stürmischer Frühlingstag war, rührte sich nicht einer vom Flecke, so schön und entsetzlich wußte der Pfarrer zu reden.

Den Anstoß zu der großen Llmwälzung, welche nun statt- fand, gab Herr Hans Johannsen, ein Großhändler in Gewürzen, der von seinem Vater Mvaltige Reichtümer, aber nicht dessen unternehmenden Eharakter geerbt hatte. Vielmehr war daS zier­liche bloiibe Männchen verzagt und weicheren Herzens, wagte sein Geld nicht zu genießen, weil es ihm wie unrechtmäßiger Besitz vorkam, traute sich aber auch nicht, es an die Bedürftigen auszuteilen, einerseits well er nicht gewußt hätte, wie er ohne Vermögen sein Leben hätte fristen sollen, und ferner weil er glaubte, wenn er sich von dem armen Gesindel nicht vornehm zurückhielte, würde man ihn für ihresgleichen halten und in der ehrbaren Gesellschaft nicht mehr von ihm wissen wollen. So war er froh, daß er eine Gelegenheit fand, den gehässigen Reichtum auf gute Weise loSzuwerden, begab sich zum Pfarrer und fragte,